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KC-Mitteilungen · 1927-06-16 · Heft 6 (16.6.1927) · p. Seite 36

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Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1927
Issue
Heft 6 (16.6.1927)
Date
1927-06-16
Page
Seite 36 (sequence 6)
Language
German
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86 Kaplan Roedel, München-Pasing, Prof. Georg Schümer, Magdeburg. Mit der Tagung war ein Vortragsabend vor geladenen Gästen im Börsensaal verbunden. Die den Saal vollauf füllende Zahl der Erschienenen bewies lebhaftestes Interesse für die sachliche Aufklärung. Herr Reichsmini st er a. D. Dr. G o t h e i n erinnerte in seiner Begrüßungsansprache an den größten Sohn Frankfurts, Goethe, dessen Menschheits- und Toleranzprinzip Antisemitismus ausschließen, und der ganz zu Unrecht von den Antisemiten unter Verdrehung und Sinnesfälschung eines Zitats aus „Wilhelm Meister" für sich in Anspruch genommen wird. Eindringlich warnte Gothein vor der R a sse n t h e o r i e, da die wissenschaftliche Forschung, heute noch mit Hypothesen arbeitend, bis jetzt noch keine klare Definition und Gruppierung des Rassenbegrifss gefunden habe, keinesfalls aber eine Scheidung nach minder- und höherwertigen „Rassen" zulasse; dem stehe schon entgegen, daß sowohl die Deutschen wie die Juden Mischvölker seien. Maßgebend für uns muß sein, daß D e u t i ch e r ist, wer die deutsche Mutterp r a ch e spricht, wer der deutschen Kultur zugehört und an ihr mitarbcitet, und wer fürs Vaterland Gut und Blut cinzusetzen bereit ist. Anchrenhaft und roh ist die antisemitische Gehässigkeit gegen die Angehörigkeit einer Glaubensgemeinschaft, die im Weltkriege 12 000 Söhne dem deutschen Vaterland geopfert hat. Das Hauvtreferat hielt Herr Aniversitätsprofessor Geheimrat Dr. Malter G ö tz-Leipzig über „Der A n t i, e in l'tis m us im neuen Deutschen Reiche seit 1870". Nie hatte es vor dem 19. Jahrhundert einen Politischen Antisemitismus gegeben: was in früheren Jahrhunderten an Judenverfolgungen vorkam, waren bedauerliche Auswüchse religiösen Fanatismus (Kreuzzüge!) oder blinden Aberglaubens lJudenverfolgungen bei Pestepidemien). Der seit den Freiheitskriegen lebendige Liberalismus ließ keinen Antisemitismus zu. Auch das erste Programm der aus den sonalen Nöten der 80er Jahre erwachsenen christlich-sonalcn Arbeiterpartei des Hofpredigers Stöcker enthält noch kein einziges Wort gegen das Judentum. Zunächst gleich der Sozialdemokratie vom Sozialistengesetz bedrückt, stellte sich aber Stöcker um. wandte sich statt an die Arbeiter nunmehr an die damals schwerbedrückten Kreise des Handwerks und der kleinen Kaufleute und benannte diesen, die in ihm den Retter sahen, den Juden als schuldig an der sozialen Not. Die Jugend, die neue Ideale suchte, nachdem der Liberalismus mit der Reichsgründung seine nationale Aufgabe gelöst hatte, nahm begeistert den Gedankengang Stöckers auf. Aber mit der durch die sog. Kathedersvzialiften geförderten Erkenntnisse der wahren Zusammenhänge der sozialen Lage fielen viele Anhänger von Stöcker ab; gerade seine talentvollen jüngeren Mitarbeiter, deren bester Friedrich Naumann war, suchten neue Wege lur Lösung der sozialen Frage. Rapide sank die politische Bedeutung der Antisemiten; von 16 Abgcordncten im Jahre 189.1 auf 2 im Jahre 1909. Die eigenen politischen Vertreter (Ahlwart!) hatten die Bewegung kompromittiert; zerspalten und zcrflattert war sie als politischer Faktor vorläufig erledigt, zugrunde gegangen an der Ansfichtslosigkeit, mit Antisemitismus die soziale Frage lösen zu können; an der Unvollkommenheit in sachlichen Dingen, ebenso auch an der Unvollkommenheit der Menschen, welche die Bewegung führten. — Zum zweiten Male entstand ein politischer Antisemitismus als nach dem Zusammenbruch 1918 viele Deutsche nach den Urhebern der schweren Notstände suchten, als ein reifbarer Schuldiger gefunden werden mußte für as unbegreifbar schwere Schicksal. Wir alle kennen diese Bewegung aus eigenem Erleben, kennen auch die Kleinheit, Uneinigkeit und Machtsucht ihrer Führer. Auch diese zweite Phase bricht nun an sich jelbst zusammen, schon wirkt sich ihre Gehässigkeit mehr am politischen Konkurrenten als am vermeintlichen Feinde aus. — Die Geschichte lehrt, daß mit Antisemitismus irgend eine Erneuerung im wirtschaftlichen, geistigen oder staatlichen Leben nicht herbeizuführen ist. Antisemitismus als politische Bewegung kann nur wachsen in dem psychologischen Moment, wo ein Sündenbock von denen verlangt wird, hie die eigentlichen Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermögen. Als zweiter Redner sprach Herr Pegierungsrat Dr. Steiger, Berlin, über „Antisemitismus im Lichte des Christentums". Das Judentum ist die Balis des Christcutums; Jesus selbst sagt, daß er das Alte Testament erfüllen, nicht auflösen wolle. 274 Stellen im Neuen Testament sind wörtliche Zitate aus dem Alten Testament und das höchste Gebot des Christentums, das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" ist schon im 2. Buch Moses ausgestellt. Gerade von diesem zur ersten. Marime erhobenen Gebot der Nächstenliebe aus ist Antisemitismus für einen Christen unmöglich. Andererseits führt mehr oder weniger zwangsläufig der völkische .Kampf gegen das Judentum letztlich zu einem Kampf gegen das Christentum. In hochinteressanten Einzeldarstellungen entrollte der Redner ein Bild der Anzahl von völkischen Bünden, die auf Wiedererweckung heidnischer Religion und heidnischer (dabei sittlich höchst bedenklicher!) Gebräuche hinaustaufen. — Nach einem Rückblick auf die Haltung der katholischen Kirche, die mehrmals in Konzilien und durch .hre Päpste sich für Schutz und Duldung der Juden eiusetzte, wies der Redner auf die Kampfstellung seiner Partei, des Zentrums, gegen^ den Antisemitismus bin. Weiteste intensive Aufklärung von Person zu Person müsse den Kampf der nichtantisemitischen Parteien unterstützen. Als letzter Redner entwickelte Herr Rabbiner Dr. Salzberger, Frankfurt a. M.. einen Abriß der Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. Packend schilderte er die vielen tiefen Leidenstäler und die wenigen Höhepunkte des Weges, den seit 800 Jahren die Judeuschast Frankfurts gehen mußte, bis sie dauernde politische Freiheit erreicht hatte. Durch Jahrhunderte daran gewöhnt. Leid zu tragen, werden die Inden auch durch die antisemitischen Angriffe nicht untergehen; aber dankbar und voll Hochachtung vor den andersgläubigen Mitbürgern begrüßen es die Juden, wenn Männer des Christentums aus ihrem sittlichen und religiösen Gewissen heraus an der Abwehr des Antisemitismus arbeiten. In seinen Schlußworten nannte der Vorsitzende die Judenverfolgungen früherer Zeiten schwärzeste Blätter in der deutschen Geschichte; heransreißen könne:', wir sie nicht, aber wir können dafür sorgen, das; nicht neue schwarze Blätter hinzukommen. VERBANDSBERICHTE einseitig

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