KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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83 Für den durch eine plötzliche Erkrankung am Erscheinen verhinderten Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas (Bad.-H., Fr.-Gh.) ergriff dann von der großen Versammlung begeistert mif» genommen Kbr. Dr. Ludwig Holländer das Wort. Er behandelte die Tragik, in welcher der jüdische Student unserer Tage lebt, wenn er für Glauben und Heimat, für Vaterland und Freiheit eintritt. Von einem Wort Spinozas ausgebend, daß man sich in dem Streben nach Klarheit und innerem Frieden um Erkenntnis bemühe, nicht nur in näheren Klagen ergehen dürfe, bemühte Holländer sich, die Unterschiede in der geistigen Fundierung des akademischen Judenhasses vor und nach dem Kriege klarzulegen. Vor dem Kriege sah man in den jüdischen Akademikern Parvenüs, die zu schnell emporgestiegen waren, man betrachtete sie als Fremdlinge in der studentischen Welt und bekämpfte sie deshalb. Obwohl der K.E. ungeheure Blutopfer dem Vaterlande dargebracht hat, erleben wir es heute, daß nach dem Kriege die deutchen Juden als .K'riegsverräter beschimpft, als minderwertig und landfremd hingestellt werden. Mag dieser Verleumdungsfeldzug herausgeboren sein aus der Tragik des deutschen Schicksals, so ist er doch ein gänzlich ungerechtfertigter Angriff auf unsere menschliche Würde. Die Folgen dieser Verhetzung sind erschreckend. Was soll man dazu sagen, wenn ernsthafte Männer Fragen diskutieren wie die, die neulich monatelang t>cu V.E. der Turnerschaften beschäftigten, wo es sich darum handelte, ob ein Bundesbruder, der, wie allgemein anerkannt wurde, einer der schneidigsten Fechter und tüchtigsten Sportleute im ganzen Verband ist, noch weiter das dreifarbige Band tragen kann, nachdem sich längst nach seiner Aufnahme herausgestellt hat, daß unter seinen Ahnen auch solche jüdischen Blutes sind. Mit flammenden Worten mahnte der Redner die jungen jüdischen Studenten, standhaft zu bleiben im Kampfe um die Selbstbehauptung, in der Ueberzengung, daß Glaube, Ehre und Vaterland dem K.E.er das Recht geben, die bunte Mütze als Gleichberechtigter zu tragen. Es muß ausgehalten werden, bis die Verhältnisie an den Universitäten sich bessern und der gesamten Akademikerschaft das Gefühl einer von Freiheit, Edre und Vaterland getragenen wahren Humanitas aufginge. Der Redner schloß mit dem Worte Jakob Loewenbergs: wir sind ein alter Stamm, wir können warten. Anschließend legte er dann das Bekenntnis ab, daß die deutschen Juden trotz allem auch weiter warten werden, die Liebe zum Vaterland wird ihnen die Kraft dazu geben. Den Höhepunkt des Abends bildeten die Ausführungen des Regierungspräsidenten Dr. Iae - nicke, der Worte fand, wie sie die deutschen Juden von offizieller und offiziöser Seite leider nicht allzuoft hören können. Er betonte mit Nachdruck, daß er sich jederzeit in die vorderen Reihen des Kamp, fes gegen bctt Antisemitismus stellen werde, den schon Kaiser Friedrich als die Schmach des Jahrhunderts bezeichnet hat. Den abscheulichen Luxus inneren Haders könne sich kein Volk weniger leisten als das deutsche. Er sei sich der schweren Verantwortung bewußt, die ihn in seiner Stellung verpflichte, keine Mühe zu scheuen, um alle Schichten der Bevölkerung miteinander auszusöhncn und einer Hetze entgegenzuwirken, die in ihrer ganzen Art und Weise an das finstere Mittelalter gemahnt. Gerade hier im Osten könne man der antisemitischen Agitation mit einem guten Argument den Boden abgraben, indem inan darauf Hinweise, daß die Deutschen jüdischen Glaubens in den uns entrissenen Gebieten, namentlich in Posen und Polnisch. Oberschlesien, zu den Hauptstützen der deutschen Minderheiten gehören und es daher absolut unrichtig sei, zu behaupten, daß das Judentum allgemein die Stellung des Deutschtums untergrabe. In seiner Praxis habe er die Erfahrung gemacht, daß sich im persönlichen Verkehr, im gegenseitigen Kennenlernen bei Versammlungen, Konferenzen, oft scharfe Gegensätze abschleifen, weil der Haß meist nur auf einer bodenlosen Unkenntnis beruhe. Er betrachte es daher als seine vornehmste Pflicht, Menschen aller Kreise und aller Schichten zusammcnzuführen, um ihnen Gelegenheit zu gegenseitigem Kennenlernen, zum Verständnis anders Denkender ju geben. Manch schöner Erfolg sei bereits auf diese Weise erreicht worden. Der Regierungspräsident richtete weiter eine besondere Bitte an die jüdischen Studenten, insbesondere an die K.E.er, indem er ihnen znries: Lassen Sie sich nicht irremachen 'ourd) die Wellen des Ihnen entgegenschlagenden 5)asses, in der Befolgung der Ideale, die den geistigen Inhalt Ihres Verbandes ansmachen, und stehen Sie treu zu ihm. Sondern Sie sich von Ihren Kvmmilitonen nicht ab, gehen Sie hinein in alle die Organisationen, die Sie mit christlichen Studenten zusammenfübren können und versuchen Sie, in aktiver Arbeit Ihren christlichen Kommilitonen nüherzntreten. Beteiligen Sie sich insbesondere an den Arbeiten der städtischen Selbstverwaltungskörper, wie dies in einem Artikel verlangt wird, den die letzte Rümmer der E.V.-Jeitnng unter der Ueberschrist „Hinein in die studentische Selbstverwaltung" bringt, und der mir aus der Seele gesprochen ist. Schreiten Sie stolz auf dem einmal eingeschlagenen Wege fort und halten Sie heut und immer an den Idealen Ihrer Studentenzeit fest." In einem Vivat (•!'<•,mt florefit des K.E. ließ der Redner seine Aussprache ausklingen. Begeisterter Beifall dankte ihm für die warmherzigen, von so autoritativer Seite besonders wertvollen Worte. Dann sprach der Rektor der Schles. Friedr.- Wilhelm-Universität, Geh. Rat Kornemann. betönte mit Nachdruck, daß er gewillt sei,