Mannheim
Compact Memory

KC-Mitteilungen · 1925-11-20 · Heft 11 (20.11.1925) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Mitteilungen
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
Seite 85 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2822870-2822891-2822901--185-2823204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

85 sind die Worte, in denen beim K. C.-Tagskommers der Vertreter des Rektors der Nhenosilesia zu ihrem energischen Verhalten und den dadurch erzielten Erfolgen gratulierte. Wir sind die Letzten, die geneigt sind, die Bedeutung dieses Erfolges zu überschätzen und - zu glauben, daß nunmehr die gleichberechtigt^ Stellung der Nhenosilesia für alle Zeiten unerschütterlich gesichert sei. Aber daß die Bonner antisemitischen Korporationen öine schwere Schlappe und eine verdiente Blamage erlitten haben, wird ihnen selbst anu wenigsten zweifelhaft sein. Daß ihnen das unangenehm ist, kann man begreifen, und es brauchte uns daher eigentlich kauin Wunder zu nehmen, wenn der Verfuch gemacht wird, diese Schlappe zu bemänteln und in einen Erfolg umzudichten. So erschienen denn auch in zwei Zeitungen Darstellungen, in denen eine Bonner studentische Vereinigung in völliger Amkehrung des wahren Sachverhalts den Abstand, den die Nhenosilesia aus eigenem Antrieb zwischen sich und die andern antisemitischen Korporationen gelegt hatte, als eine von den andern Verbindungen vorgenommene Zurücksetzung der Nhenosilesia hinstellte, die die Nhenosilesia sich habe gefallen lasten müssen. Das Widersinnige einer derartigen Behauptung liegt auf der Land: Wenn in einem Festzuge eine Korporation hinter einer'andern einen Abstand hält, so kann der Entschluß dazu nicht gut von der voranschreitenden, sondern nur von der hinter dieser chargierenden Verbindung ausgehen. Aber über Logik läßt sich mit manchen Leuten bekanntlich nicht streiten, und es würde sich auch nicht lohnen, von der ganzen Angelegenheit Notiz zu nehmen, wenn es sich lediglich um eins der vielen Beispiele antisemitischer Verdrehungskunst handeln würde. Dem ist aber nicht so. Die antisemitischen Korporationen haben diesmal, einen Bundesgenossen gefunden, den sie felbst wahrscheinlich kaum erwartet haben. Denn diese Darstellungen stammen nicht ettva, wie man glauben könnte, aus dem antisemitischen Lager, sondern von jüdischer Seite; ihre Urheberin ist die zionistische Bonner Studentenvereinigung Kadimah! And es ist auch nicht ettva so, daß diese Entstellungen mit mangelnder Kenntnis des Sachverhalts entschuldigt werden könnten. Vielmehr waren, einige Tage nach der . Zahrtausendfeier Vertreter der Kadimah bei der Rhenosilesia erschienen, um ihr vorzuwerfen, daß sie sich den Abstand von den andern Korporationen habe gefallen lassen und so die Interessen der jüdischen Studentenschaft geschädigt habe. Wir wollen an dieser Stelle nicht die naheliegende Frage aufwerfen, woher die Kadimah das Recht nahm, sich gegenüber» der Nhenosilesia zur Vertreterin der Interessen der jüdischen Studentenschaft aufzuwerfen; festgestellt sei lediglich, daß den Verttetern der Kadimah von den Vertretern der Nhenosilesia der objekttve Sachverhalt dargelegt wurde, sodaß irgend ein Zweifel über die wahre Bedeutung des Abstandhaltens nicht bestehen konnte. Dessenungeachtet sandte die Kadimah an die Nhenosilesia ein Schreiben, in dem sie ausführte, das Verhalten der Nhenosilesia fei „unvereinbar mit der Würde eines jüdischen Studenten", es bedeute „eine Deklassierung .... der gesamten jüdischen Studentenschaft". Schließlich heißt es in dem Briefe: „Ihre Stellungnahme verdient es, der Kritik eines . breiteren jüdischen Forums unterzogen zu werden. Wir behalten uns in dieser Linsicht weitere Schritte vor". Mit Recht hielt die Nhenosilesia es für unter ihrer Würde, sich in eine Erörterung über einen derartigen "Drohbrief einzulassen; sie bestätigte lediglich den Empfang des Schreibens und lehnte es ab, auf seinen Inhalt einzugehen. Nunmehr führte Ne Kadimah die angekündigte Drohung aus; sie veröffentlichte den Briefwechsel in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" unter der Aeberschrift „Wie der K. C. die jüdische Ehre verteidigt". Sie ließ fernerin der „Wiener Morgenzeitung" unter der Aeberschrist „Würdelose Kriecherei" eine entstellte Darstellung des Sachverhaltes erscheinen, in der sie sich sogar zu der Behauptung verflieg, die Nhenosilesia habe den Abstand auf Verlangen der anderen Korporationen eingehalten. Daß die Kadimah den wahren Sachverhalt genau kannte, sagte sie in dem Artikel natürlich nicht. Wenn auf ihren Kneipen noch die Lieder des deutschen Kommersbuches gesungen werden, so kennt sie gewiß auch den Vers, in dem es heißt: „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, .. ..!" Wo in diesem Falle die „Würdelosigkeit" zu suchen ist, und wo „die jüdische Ehre verteidigt" wurde, das zu beurteilen können wir getrost der Meinung aller gerecht und billig Denkenden überlassen, denen der Parteikampf noch nicht den Sinn für Recht und Anstand geblendet hat. Nur das Eine sei den Lerren des „breiteren jüdischen Forums" gesagt: Wir lassen uns von Niemandem in der Wahrung der jüdischen Ehre Vorschriften machen, am allerwenigsten von den zionistischen Verbindungen, die bekanntlich seit Jahren aufgehört haben, sich an allgemeinen studentischen Veranstaltungen zu beteiligen. So sind sie allerdings vor Anrempeleien und Boykottbestrebungen wirksam geschützt. Es ist ja auch viel bequemer, zuzusehen, wie andere in der Kampffront gegen die antisemitischen Korporationen stehen, und ihnen dann mit der Miene des Sittenrichters vorzuwerfen, warum sie ihr Verhalten so und nicht anders eingerichtet hätten. Nachträglich hat der Vorsitzende des Altherrenverbandes Kadimah, Lerr Dr. Tiefenthal, in einem längeren Schreiben an den Altherrenverband Nhenosilesia das Verhalten feiner Bundesbrüder zu rechtferttgen und zu decken versucht. Er teilt mit, seine Bundesbrüder hätten ihm geschrieben, daß sie die Aeberschrift „Würdelose Kriecherei" nicht veranlaßt hätten. Wir wollen das nicht bezweifeln, aber die Kadimah wird es sich schon gefallen lassen müssen, für die Aeberschrist des von ihr Unterzeichneten Artikels solange verantwortlich gemacht zu werden, als sie nicht an derselben Stelle und in derselben Form davon abgerückt ist. Wir allerdings haben daran kein besonderes Interesse, denn es ist für die Beurteilung zionistischer Kampfmethoden letzten Endes gleichgülttg, ob die Kadimah oder der zionistische Redakteur der geistige Vater dieser Aeberschrift ist. Lerr Dr. Tiefenthal meint ferner in feinem Briefe, die Mottve, aus denen' die Nhenosilesia den Abstand hielt, „seien nicht wesentlich," jedenfalls hätte sie angesichts der Gefahr, daß der Abstand als ein erzwungener aufgefaßt wurde, es im jüdischen Interesse nickt wagen dürfen, ohne vorherige Aufklärung der Oeffentlichkeit in dieser Form zu chargieren. Wir wollen einmal diese Anschauung als richtig unterstellen, dann liegt doch die Frage nahe: Wenn es so auf die Aufklärung der Oeffentlichkeit ankam, was mußte dann der, der „die jüdische Ehre verteidigen" wollte, nach Kenntnis des wahren Sachverhalts tun? Erforderte etwa nunmehr die jüdische Ehre, den wahren Tatbestand durch gehässige und unwahre Darstellung zu verdunkeln und so einer das jüdische Interesse schädigenden Entstellung geflissentlich Vorschub zu leisten? Lervorgehoben zu werden verdient noch, daß die Kadimah in ihrem Briefe im unmittelbaren Anschluß an die Stelle, an der sie die Flucht in die Oeffentlichkeit androht, den Wunsch äußert, mit der Nhenosilesia „in würdiger Abwehr geschlossen" zusammenzugehen. Lier weiß offenbar die rechte Land nicht mehr was die linke tut. Während die Linke zur Ohrfeige erhoben wird, wird gleichzeitig die treue Rechte brav und bieder, ganz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.