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Unsere Tribüne · 1926-11-01 · 13-14 (November 1926) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Unsere Tribüne
Volume
3 (1926)
Issue
13-14 (November 1926)
Date
1926-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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*fr. ____ ttem* frtfcfoie 0en?ug jetzt daivon. Gibt es in1 der Geschichte des internationalen Sozialismus überhaupt noch ein zweites Beispiel, daß ein wichtiger Besvölkerungsteil laner Hauptstadt mit sozialdemokratischer Mehrheit Ifl gleicher Weise verhöhnt und -herausgefordert wird? .Wäre, im „Sozialdemokrat" eine Karikatur auf irgend eine volkstümliche Figur der Tschechen, mit denen der Wiener Humor gewiß nicht gespart hat, überhaupt noch möglich? Gewiß nicht. Die 250.000 Juden Wiens, 13 Prozent der Oesamtbevöikerung, haben zu 75 Prozent sozialdemokratisch gewählt und so trotz der nationalistischen Wahlmache der Jüdischnationalen, deren Hauptargument immer wieder nur der Antisemitismus innerhalb der Sozialdemokratie bildet, bewiesen, daß sie sich mit der arbeitenden Bevölkerung Wiens solidarisieren. Die Poäle-Zion hat in langjähriger Arbeit diesen Ideengang der jüdischen Bevölkerung Wiens vorbereitet. Wir warnen unsere Parteibehörden, durch die Fortsetzung der bisherigen Methoden die jüdische Bevölkerung zu beunruhigen. Als jüdische sozialistische Gruppe sind wir die ersten, die die Auswirkung dieser wiederholten Verfehlungen zu spüren bekommen und den unermeßlichen Schaden überbblicken, der der sozialdemokratischen Sache unter der jüdischen Bevölkerung Wiens angetan wird. Und nun, unsere nachdrücklichste Forderung für die nahe Zukunft, in der um die Machtentscheidungj in diesem Staate gerungen werden wird. Wir verwahren uns gegen jede Propagandaführung in den kWahlkämpfen, in der jüdische Dinge anders behandelt . werden als soziale oder kulturelle Tatsachen anderer Bevölkerungsteile. Lind wenn uns die Wahlpropagandisien schon heute ankündigen, daß der im „Sozialdemokrat" 221.000mal vervielfältigte Jesaias auch noch von den Wahlplakaten wird heruntersehen müssen, weil es ohne ihn einfach nicht geht, so haben wir dieses Schund- und Schanddokument antisemitischer Karikatur schon deswegen heute festgenagelt, um den Führern unserer Partei zu zeigen, daß auch eine, große Partei nicht zu den Instinkten der Masse •hinuntersteigen darf. Umgekehrt, wir vertrauen auf •die Entwicklung der sozialistischen Ueberzeugung in der österreichischen Bevölkerung, die uns ein für allemal von der Schande des Antisemitismus in einer < Arbeiterpartei befreien wird. Dr.. Rudolf Glanz. * Notitzen * Die Konferenz der „Achduth Haawodah". Die Konferenz unserer palästinensischen Bruderpartei „Achduth Haawodah", die vom 26. Oktober bis 3. November in Tel-Aviv getagt hat, war das Ereignis nicht nur der jüdischen Arbeiterschaft, sondern des Landes überhauptdie gesamte Presse des Landes — die bürgerliche natürlich zumeist mit einer gegnerischen Stellungnahme — berichtete ausführlich über die Beratungen und widmete ihnen spaltenlange Erörterungen. Der Eröffnung im Beth-Haain wohnten tausende Zuhörer bei. Begrüßungen langten u. a. von der Sozialistischen Arbeiterinlernutionale, von den französischen Genossen: Blum, Longuet und Beuaudelle eiu. Nach dem Berichte des Uen. Ben-Gurion uud den kurzen Begrüßungen ging .man gleich in die Tagesordnung ein. Als erster sprach Berl Kazeneisohn über: Die Lage im Lande. Die große Bede gipfelte in der Beweisführung, daß die gegenwärtige Stagnation. kein Mißerfolg der wirklichen Aulbautätigkeit, sondern ein Platzen der tjeifenblaseuphantiisien der "Makler und Spekulanten ist. Die auf produktiver Arbeit errichteten Betriebe haben zumeist eine gedeihliche Entwicklung aufzuweisen. . t Als im Laufe der Bede der eben aus Amerika heimgekehrte Uen. Harzfeld im Saale erschien, wurde er herzlich begrüßt. Die Tagesordnung enthielt noch folgende Punkte: Die .landwirtschaftliche Kolunisation (Beferent: Kollar): In unserer Bewegung und in der Zionistischen Organisation (Bubaschow); Die Bewegung in der Diaspora (Tabenzkin); Politische Fragen (Ben-Zwi); Die bevorstehende Konferenz der Jlistadruth (Ben-Gurion) und ürganisationsfragen. Im Mittelpunkt der Beratungen stand das .Referat Bernes: lieberden Plan einer neuen Ansiedlungspoiitik. Der Beferent meinte, eine innere Anleihe bei Beteiligungaller wirtschaftlichen und finanziellen Unternehmungen könnte ermöglichen, 40.000 Einwanderer jährlich im Lande anzusiedeln und einzuordnen. Mit Begeisterung und Glauben an den Erfolg muß das Werk in Angriff genommen werden. Im Anschluß an die Ausführungen Bernes' verlangte Buhaschow, daß im Falle der Zustimmung der Ziouist. Exekutive zum Plan Bernes* unser Verband in die Exekutive eintreten und die Verantwortung für ihre Tätigkeit teilen soll. Die "Vorschläge Reines' und Buhaschows wurden zum Beschluß erhoben. Die Beteiligung der Delegierten an den Debatten war außerordentlich rege. So haben z. B. an der Diskussion über das Beferat: „Die bevorstehende Konferenz der liistadruim" nicht weniger als 55 Delegierte teilgenommen. Seite 3 Aufsehen und Begeisterung rief das Erscheinen des Gen. Kaplanski, hielt Wedgewood eine stundenlange Rede, Party in der Konferenz. Nach den Begrüßungsworten des Col. Wedgewood, des bedeutenden Führers der Labor die wir auszugsweise an anderer Stelle wiedergeben. Die Konferenz war beschickt von 49 Organisationen, die 3(528 Mitglieder zählen. Die Zahl der Delegierten war 108. In die neue Exekutive wurden gewählt: Idelsohn, Ben-Gurion, Ben-Zwi, Golomb, Bernes, Choajkina, Berl Kazezelsohn und Schartok. Außerdem Wurde ein Parteirat, bestehend aus 22 Genossen (darunter 3 Genossinnen), gewählt. Die Konferenz des österreichischen Hechaluz. Die Konferenz des öskuTeichischen „Hechaluz" bot ein trauriges Bild. Ideologischer Wirrwar, organisatorisches Durcheinander, waren die Merkmale der Beratungen und des Zustandes der Organisation. Das ewige Pendeln zwischen den .bürgerlichen Zionist.cn und der jüdischen Arbeiterschaft, die .sinnlosen Arbeiter und Angestellte versichern ausschließlich bei der Gemeinde Wien ■ , Sil Feuer- und Einbruch* versicherungfürWohnungen — Unfall- und H aftpf Ii cht Versicherung - Glasbruchversicherung—Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 4000 Schilling oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, 1, Tuchlauben 8 Telephon 67-5-40 Serie 'J ■ Ben-Gurjon bespricht die wirtschaftliche Aufbautätigkeit und führt u. a. aus: „Entscheidend für die Verwirklichung werde immer das nationale Kapitel sein, womit aber die Rolle des privaten Kapitals ebenso wenig bestritten werden solle, wie die nicht planmäßiger 'Einwanderung, aber sie würden nur dann eine positive Holle spielen können, wenn die Ivraft der nationalen Bewegung und Huer Fonds genügend groß geworden sei. Bei der l'Vstlegung des Awfbauprograrnmes müßten folgende drei Grundfragen beantwortet werden: I. Welches sind die Möglichkeiten und Bedingungen der Kolonisation in-Palästina, im Dorf und in der Stadt, in der Landwirtschaft und in der Industrie? II. Wie mobilisieren wir das für dies© Kolonisation erforderliche Kapital? HL Wie bereiten wir da« Volk auf die Kolonisation und die Arbeit im Lande vor? Schon einmal, als die Delegation des „Poale Zion" in Palästina weilte, habe man ein Programm ausgearbeitet, das gewiß auf Grund der verschiedenen inzwischen gemachten 'Kr'fahrungeu mannigfacher Korrekturen bedürfe, aber doch im Prinzip noch heute richtig sei. Aber in einem wichtigen Punkte muß man zu einer neuen Erkenntnis kommen. Es handle sich nicht darum, wie mau damals geglaubt habe, schon heute ein sozialistisches Palästina zu erbauen uud es sei falsch" die heutigen Arbeit erwirtschaften im Lande als sozialistisch zu bezeichnen. Wohl sei das intern© Leben von Ein Charod sozialistisch, aber die Beziehung von Ein Oharod sogar zu anderen Arbeifcerwirfcschaften sei kapitalistisch. Die Aufgabe des Sozialismus bestehe heute in der Schaffung einer starken Arbeiterklasse in Palästina." In ähnlichen Gedankengängen bewegen sich die Ausführungen von Kubascliow. „Man habesich eine Wirtschäftsauffassung zurecht gemacht, wonach in Palästina abwechselnd Hochkonjunktur und Krise aufeinanderfolgen müßten und beruhige sich über die gegenwärtige Krise,' weil man glaube, es würde wieder eine gute Zeit darauf folgen. Deshalb müßte die Aufgabe sein, nicht nur aus der gegenwärtigen Krise herauszukommen, sondei-n solche Bedingungen zu schaffen, die eine ununterbrochene systematische Einwanderung und Kolonisation ermöglichten. Das hieße die Ausarbeitung eines Kolonisationsprogramnis. Und es ist.kein Zufall, daß diese Präge, die Frage eines Wirliachaftsprogramms zur Vorwiiiklichung des Zionismus, niemals aufgehört hat, die Bewegung zu beschäftigen, anfangend von den Plänen Jabneelis und Syrkins bis zum heutigen Plane von Bernes. . . . Die besten Zionisleu empfanden den Segen, der in Bernes' Aufruf lag und entsprachen ihm sofort, vielfach ehe sie aufgerufen wurden. Abor auch diese wenigen haben kein Vertrauen darauf, daß die Bewegung auf den Wegen eines so großzügigen Programms gehen will, auch sie fürchten sich vor der nüchternen realen Skepsis, die sieh überall verbreitet. Aufgabe der Konferenz uuserer Bewegung' ist es, dabei mitzuwirken, daß Möglichkeiten geschaffen werden, die die ganze Bewegung um einen planmäßigen Zionismus gruppieren sollen." * Im „Kuntres" vom 30. Tisohri beginnt Ben Zwi eine Artikel reihe, die sich als Vorbereitung auf die bevorstehende Konferenz mit den politischen Forderungen beschäftigt, die in Palästina zu erheben sind. Der Verfasser erinnert au die vierte Laudeskonferenz der Achduth Haawo da, die vor zweieinhalb Jahren in En Charod stattfand und konstatiert, daß die damals aufgestellten Forderungen an die Mandatsregierung: Gewährleistung' der nationalen Autonomie, Freiheit der Einwanderung, Gesetzgebung zum Schuf z der Arbeitenden, Aeuderungen im Steuerwesen und landwirtschaftlichen Beformen inzwischen zum liemeingut des gesammten Jischuw geworden sind und an Aktualität nichts eingebüßt haben. Höchstens kann man die bevorstehend* Ausschreibung der Wahlen zu den Stadträten als einen ersten Schritt zur inneren Autonomie ansehen, wobei man aber nicht verkennen soll, daß noch in keiner Weise feststeht, wie weit unsere Bechte dabei berücksichtigt werden. Noch in einem anderen Punkt glaubt Ben Zwi, daß ein Fortschritt in nächster Zeit zu verzeichnen sein werde, indem der Erlaß eines Gesetzes über Uniallentschädiguug bevorstehe und vielleicht noch vor der Konferenz eif rigen werde. Wenn also im allgemeinen die bisherigen politischen Forderungen auch weiterhin erhoben werden müßten, so genüge das doch keineswegs. „Man muß nur daran erinnern, daß es wichtige Fragen gibt, Prägen allererster Ordnung, bei denen sich der 3isoh;uw im allgemeinen und Achduth Haawodah im besonderen, .in der Bolle dessen, sich feelindet, von dem eine Antwort verlangt .wird und . der sie nicht erteilt. Das sind vor allen Dingen die Fragen unseres Verhältnisses zur arabischen Bevölkerung jm . Lande und unseres Verhältnisses zur Landesregierung.'' Von diesen beiden Fragen sei die erste die wichtigere, die deshalb zuerst zu behandeln sei. Ben Zwi gibt nun richtiges, nicht allgemein bekanntes Material über die Araber Palästinas. Er unterscheidet die .städtischen . Araber -(22- Städte mit 2(54.000 Einwohnern, von denen 139.00,0 Mo? hammedaner und 55.000 Christen sind), die ländlichen Ara»ber (1000 Dörfer und Einzelwirtschaften mit 370.000 Einwohnern, von denen 18.000 Christen, 7000 Drusen und :der tllest Mohammedaner sind) und die etwa 100.000 muselmanischen Beduinen. Klassenmäßig zerfällt die arabische Bevölkerung in die aus einigen hundert Familien bestehende Oberschicht, in deren Hand der größte Teil des Bodens-liegt: drei Millionen'Dunam gehören 120 -Familien. Demgegenüber steht die Masse der Fellachen, zum geringen Teil -kleine uodeubesitzer, zum größeren Teil Erb- oder bohrrpächter. in der Stadt sei die berufliche Differenzierung -etwas weiter fortgeschritten, doch fehle es noch immer an Industrie, außer primitiver Industrie nach dem Schwitesystem.. Auf der Grundlage dieser tatsächlichen 'Feststellungen präzisiert der Verfasser seine Absicht dahin, daß er nicht über das Verhältnis der beiden Völker, sondern über das Verhältnis der Arbeiterschaft der beiden Völker zueinander schreiben will. Dieses Problem wird aber eben dadurch kompliziert, daß, während sonst bei arbeitenden Klassen nationale Fragen nicht in Betracht kommen, sie hier die Frage aufs Sfcräkste berühren. „Wir müssen das Verhältnis der arbeitenden Klassen zweier Völker bestimmen, die in Zahl und Aufbau voneinander verschieden sind und deren wechselseitiges nationales Verhältnis noch keinen Ausdruck gefunden hat." , Dazu komme als weiteres Moment die Tatsache, daß die jüdische Arbeiterschaft auf demokratischer Grundlage organisiert sei, mit Verantwortlichkeit der gewählten Bevollmächtigten vor ihren Wählern, während die arabisobe Arbeiterschaft in patriarchalischen, feudalen Verhältnissen lebe und ihre Wortführer vor niemandem verantwortlich' seien. Endlich komme dazu der Unterschied im wirtsöhaftf liehen Standard of life und in der kulturellen "Höhe.""

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