Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 11 (07.10.1926)
- Date
- 1926-10-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Unsere Tribüne Seite 3 JQdische sozialistische Arbeiter-Jugend. Der Generalversammlung des Jugendverbandes zum Geleite. Vor zwei Monaten' ist p.uf Initiative einiger Genossen der Verband der jüdischen sozialistischen Arbeiterjugend gegründet worden und er .geht bereits daran, seine erste Generalversammlung abzuhalten. Die rasche Entwicklung des Verbandes ist nicht nur auf die Werbetätigkeit der erprobten' .und energischen Exekutive allein, sondern auch auf die äußeren Umstände, unter welchen die Gründung erfolgte, zurückzuführen. Die jüdische Jugend, insoferne sie von Organisationen erfaßt war, gehörte entweder der S. A. J. oder den bürgerlichen Jugendverbänden an. Weder die S. A. J. noch 'die bürgerlichen Verbände konnten den jungen jüdischen Proletariern ganz entsprechen. Während sie bei der S. A. J. das jüdische Moment ganz vernachlässigen mußten, fehlte es in den bürgerlichen Verbänden an jeder sozialistischen Erziehungsarbeit. Diese Verbände konnten für die Dauer -die jüdische proletarische Jugend nicht festhalten. Sie versuchten durch soziale Einschläge in ihren Programmen die jungen Proletarier zu verwirren und ihren Zusammenbruch auf diese Weise hinauszuschieben. Erst als ein Teil der jüdischen. Jugend sich der Jabotinsky- Gruppe anschloß und ein anderer Teil sich eine linke Orientierung zu eigen gemacht hat, sind einige Genossen mit dieser linken Gruppe in Fühlung getreten und haben mit den Führern dieser Gruppe die Initiative ergriffen, einen Verband zu gründen, der sowohl das Nationale als das Sozialistische pflegen soll. Diese Synthese hat bei der Jugend Anklang gefunden. Die S. A. J. glaubte anfangs, in dem Verbände eine Konkurrenzorganisation zu sehen. Sie wollte ihn ais einen reaktionären Verband verschreien. Die Aufklärung und die zweimonatliche Tätigkeit hat sie schon eines Besseren belehrt. Die Gründungsresolution und die Aufrufe haben ihnen den Beweis geliefert, daß der Verband nicht gegen sie, sondern mit ihnen; gehen,'wenn er auch außerdem die Produktivierung des jüdischen Volkes und die Gründung einer nationalen Heimstätte in Palästina anstrebt. In das Programm wurden sozialistische Grundsätze aufgenommen1 und die bisherige Tätigkeit hat den Namen des Verbandes gerechtfertigt. Der Verband hat sich der Internationale der sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen und wird in landespolitischen Fragen zusammen mit der S. A. J. gehen und an allen Aktionen aktiven Anteil nehmen. iDie bürgerlichen Verbände sind in Auflösung begriffen. Unser Verband erfreut sich eines großen •Zuzuges aus diesen Kreisen. Es gilt diese jungen Proletarier nicht nur organisatorisch, sondern auch ideologisch zu gewinnen: Bei dieser Arbeit darf das nationale Moment zugunsten des sozialistischen nicht vernachlässigt werden. Die Solidarität mit den palästinensischen Arbeitern darf nicht nur erklärt, sondern .....durch aktive Tätigkeit bewiesen werden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl mit der pal. Arbeiterschaft muß bei jedem Mitglied tief verankert werden. Nur auf diese Weise kann die Gründung des Verbandes gerechtfertigt und das gesetzte Ziel erreicht werden. Die bisherige Arbeit vergewissert uns, daß der Verband den sich gesetzten Weg nicht verlassen wird. Wir wünschen der Generalversammlung ersprießliche Arbeit und den besten Erfolg. J. G. Klassenkampf und Zionismus. Diejenigen, die behaupten, daß es innerhalb des Judentums keinen Klassenkampf gebe, daß vielmehr ein traditioneller, in der Judenheit fest verankerter sozialer Gerechtigkeitssinn alle Klassengegensätze aufhebe, oder zumindest stark zurückdränge, mögen folgende wahre, aus der großen Fülle ähnlicher herausgegriffene Begebenheit, mit richtigem Verständnis zur Kenntnis nehmen: Vor den letzten Wahlen war es, als eine führende Persönlichkeit der zionistischen Bezirkssektion VI/VIII in einer Jugendversammlung es versuchte, junge jüdische Angestellte und Arbeiter für Agitationsarbeiten' für die von den Zionisten geführte „Jüdische Wahlgemeinschaft" zu gewinnen. Unter anderen Phrasen sagte :er: „Ihr, jüdische Jugend, seid Fleisch von unserem Fleische und Blut von unserem Blute". Und jüdische Angestellte und Arbeiter ließen sich betören und gingen von Haus zu Haus mit Flugzetteln, setzten sich den Gefahren einer wilden Zettelkleberei aus und opferten jede freie Minute für die) Mandate der Männer von ihrem Fleische und Blute. Durch Zufall kam nun einer dieser Jungen in die Lehre zu jenem führenden Zionisten und hatte dabei Gelegenheit, sein Fleisch und Blut etwas näher kennen zu lernen. Bitterer, ehrlicher Zorn hat sich seiner bemächtigt und ihm die Wahrheit zum Bewußtsein gebracht. Nach zweijähriger Lehrzeit der schrecklichsten Ausbeutung wurde der arme Junge auf die Straße gesetzt. Aber das ist noch das wenigste. Indes der Herr Chef nach allen Regeln der Kunst sein luxuriöses Leben weiterführte, ist er dem darbenden Jungen, der aus bitterer Not sein vielversprechendes Gymnasialstudium aufgeben mußte, schon seit mehreren Monaten den kargen, im Verhältnis zur Leistung fast lächerlichen,Lohn schuldig geblieben und weigerte sich konsequent, ihn zu bezahlen. Als der Junge nach öfterer Mahnung sich schon genierte, hinzugehen und durch seine jüngere Schwester mit einem Brief den. Betrag der ausständigen S 200.— nochmals forderte, gab ihr jener Zionist von gleichem Fleisch und Blut S 10.— mit der, milde gesagt niederträchtigen Bemerkung: „Dein Bruder hat wohl kein1 warmes Herz für dich, wenn er dich bei diesem schlechten Wetteri fortschickt!" Wohl weiß dieser junge Arbeiter schon, wo sein Platz ist und wo man ihm zu seinem Rechte verhelfen wird. Aber wie viele von der ausgebeutetem jüdischen Jugend lassen sich noch immer durch Phra-j sen, wie die vom gleichen Fleisch und Blut, irreführen? Der Verband der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend wird hier viel zu leisten haben. Möge! ihm diese wichtige Arbeit gelingen. J. R. Arbeitende jüdische Jugend! "Wir leben in einer Zeit des verschärften Klassenkampfes. In den meisten Staaten rüstet die Arbeiterschaft' zum letzten Kampfe. Auch im jüdischen Volke schreitet die Klassenscheidung vorwärts. Und die jüdische Jugend? In verschiedenste Gruppen zerstreut, versucht sie, alter bürgerlicher Tradition verschrieben, „unpolitisch" zu bleiben, vermeint, den ehernen Gang der Geschichte verkennend, ihr künftiges Leben nach eigenen, nur in der Phantasie möglichen Ideen gestalten zu können. Aber an dem rohen, harten Alltag zerschellen ihre. Illusionen und enttäuscht landet ein großer Teil der arbeitenden jüdischen Jugend, den sozialistischen Ideen fremd gegenüberstehend, im Lager der jüdischen Bourgeoisie, welche sie als Vorspann in ihrem Kampfe gegen die Arbeiterschaft gebraucht. Dies darf nicht weiter geduldet werden. Die jüdische Arbeiterjugend und all diejenigen, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung unvermeidlich zu ihnen stoßen werden, dürfen nicht länger von nationalistisch-faschistischen Schlagworten gefangen gehalten werden. Ihr muß der Weg zu ihren Klassengenossen, zu der klassenbewußten jüdischen Arbeiterjugend, gezeigt werden, damit sie in geeinigter Front aller xU-beiteuden, der Bourgeoisie erfolgreich entgegentreten kann. Zu diesem Kampfe, den wir gemeinsam mit der Arbeiterjugend der ganzen Welt führen, gesellt sich noch unser Kampf in Palästina. Solange die jüdische Bourgeoisie wirtschaftlich an Palästina nicht interessiert war, solange ihre materiellen Aufwendungen für Palästina einen philan tropischen Charakter trugen, solange konnte sie den Aufbau Palästinas durch die Arbeiter und uach den Ideen der Arbeiter noch hinnehmen. Als aber durch die Krise in Europa ein Teil des jüdischen Bürgertums nach Palästina auswanderte, begann auch sofort der Kampf um die Form des Aufbaues. In diesem Kampfe zwischen sozialistischer und kapitalistischer Aufbauarbeit dairf sich die palästinensische Arbeiterschaft nicht vereinsamt fühlen. Die jüdische Arbeiterschaft in den Galuthländern muß diesen Kampf als den ihrigen betrachten, muß auf jede ihr mögliche Weise der palästinensischen Arbeiterschaft zu einem Siege über die Bourgeoisie verhelfen. Dieser großen Aufgabe zu dienen, ist besondere Pflicht der jüdischen Arbeiterjugend. In diesem historischen Augenblick darf sie nicht „neutral" beiseite stehen. Jetzt gibt es nur einen Kampf: Mit uns! Alles andere ist ein Kampf gegen uns. Wer also für den Sozialismus und gegen den Kapitalismus, wer für den Aufbau Palästinas nach sozialistischen Grundsätzen kämpfen will, der trete ein in die Reihen der klassenbewußten jüdischen Arbeiterjugend und kämpfe mit ihr für eine bessere Zukunft. Es lebe der internationale Sozialismus! Es lebe die Arbeiterschaft Palästinas! Eslebediesozialistischejugendinternationale! Es lebe die jüdische sozialistische Arbeiterjugend! Verband der jüdisch-sozialistischen Abeiterjugetid Oesterreichs Sekretariat: Wien, Ii., Blumauergasse 1 An die JÜDISCHE ARBEITERJUGEND! Kommet zu der am Sonntag, den 10, Oktober 1926 um halb 8 Uhr abends im Lokale IL, Blumauergasse 1 stattfindenden Werbeversammlung Redner: Mendel Singer. Erscheinet zahlreich! Mitteilungen des Sekretariats. Monatsprogramm für Oktober 1926. I. Vorträge und Geselligkeit. Samstag, den 2.: Heimabend. Donnerstag, den 7.: Sophie Schuler: .Nationalismus uradi Sozialismus. * Sonntag, den 10.: Blumauergasse 1: Werbeversammlung'. [Donnerstag, den 14.: Singer: Aufbaukrisen in Palästina. Samstag, den IC.: Generalversammlung'. Sonntag, den 17.: Fortsetzung.; Bonnerstag, den 21.: Dr. Bloch: Politische Tagesfragen. Samstag, den 23.: Heimabend. Donnerstag, den .28.: Engelberg: Utopischer Sozialismus. . ' •Beginn halb 8 Uhr abends. II. Ausflüge. f Sonntag, den 3.: Tagespartie: Anninger.' Treffpunkt ' 8.30 Uhr Mauer. Führer Löwi. Sonntag, den 10.: Tulbingerkogel. 9 Uhr" Neuwaldegg. Führer Schuler. Samstag, den 23.: Nacht Wanderung Greifenstein. Treffpunkt 10 Uhr BlUmauergasse. Sonntag, den 24.: Südlicher Wienerwald. 8 Uhr Neuwaldegg. Führer Günsberg. Sonntag, den 31.: Bisamberg-Kreuzenstein. 8.30 Uli* Langenzersdorf-Lindenfeld. Bei ausgesprochenem Regenwetter findet jeden Sonntag ab 3 Uhr in der Blumauergasse eim Heimnachmittag statt. Wir beabsichtigen im Oktober mit der Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften zu beginnen. Unter anderen:. A) Geschichte und Theorie des Sozialismus. B) Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik. Tag und Stunde wird noch vereinbart werden. Wir ersuchen die Genossen, die für einen dieser Kursa Interesse haben, sich unverzüglich im Sekretariat zu melden. Unsere Tätigkeit. (Ein kurzer Rechenschaftsbericht.) Ein neues Arbeitsjahr beginnt. Die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme der intensiven Tätigkeit den Organisation werden bereits getroffen. ',Wir wollen deshalb einen kurzen Rüdeblick auf unsere Tätigkeit im vergangenen Berichtsjahre werfen'.' jAuch im vergangenen Berichtsjahre sind jüdische Arbeiter infolge Arbeitslosigkeit gezwungen worden'; iWien zu verlassen. Eine Zuwanderung jüdischer Arbeiter fand fast nicht statt. Das hat natürlich unsere; Tätigkeit bedeutend beeinflußt und dennoch ist es uns gelungen, unsere 'Tätigkeit aufrecht zu erhalten. Das Erhalten! unseres "Organes ist zweifellos ein1 wichtiges Aktivum in unserer Tätigkeit. Es war und ist nicht leicht. Wir haben die Abendkurse mit Erfolgs aufrecht erhalten. 'Die Abendkurse bürgern sich' immer \mehr und mehr ein und sind heute bereits) eine unentbehrliche Institution für die-jüdischen Arbeiter. Auf unsere Initiative ist der Versuch mit dem' „Vereine der Freunde des arbeitenden Palästina" gemacht worden. Wenn er auch nicht völlig gelange ist aber die geleistete Arbeit nicht 'nutzlos gewesen'. Der Verband der jüdisch-sozialistischen Jugend, der auf unsere Anregung ins Leben gerufen wurde,) verspricht eine große Lücke im jüdisch-sozialistischen! Leben zu füllen. Wir haben schließlich unseren Organisationsapparat erhalten. Bei diesem Mangel an aktiven Genossen ist auch das eine Aktivpost. Es harren unser noch immer wichtige Aufgaben. Unsere neue Leitung wird, wenn sie über die entsprechenden Arbeitskräfte verfügen wird, große und dankbare Arbeitsmöglichkeiten' haben. 1