Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 11 (07.10.1926)
- Date
- 1926-10-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere Tribüne Nf. Ii Atis der jüdischen Gemeinde. ' ' Die obligate Sommerpause kam diesmal noch den herrschenden Parteien zu nutze, indem es ihnen gelang*, die wirkliche Auseinandersetzung in der Wahlrechtsfrage hinauszuschieben und die Erledigung einiger anderer Forderungen für den Herbst anzusagen. So liegt ein Versprechen vor, das von unseren Mandataren geforderte Gemeindeblatt im September 1926 erscheinen zu lassen. Was ist es damit? Was mit derr arideren Forderungen, auf die die Herrschenden noch nicht einmal die Resultate ihrer zögernden Ueberlegung bekannt gegeben haben? Die „Union" hat sich auf das Frauenwahl recht einmal schon festgelegt. Wo bleibt die Durchführung? Oder glaubt man es bei dieser papierenen Erklärung bewenden zu lessen? Die herrschenden Parteien befinden sich in einem großen Irrtum. Die Bewegung um die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde ist nicht auf Wien beschränkt, überall ist sie entstanden und wirkt fort, bis ihre Kampfziele erreicht sind. Wien bildet da gar keine Ausnahme. Von der Kraft solcher allgemeiner gesellschaftlicher Strömungen im Judentum getrieben, werden wir weiterkämpfen bis zum vollen Erfolg. Für den kommenden Abschnitt der Gemeindeberatungen' kann es nur ein Programm geben: Nach 'den' bisherigen Vorbereitungen und Verhandlungen die Behandlung aller unserer Anträge vor der vollen .Oeffentlichkeit der Gemeinde. Die Auseinandersetzung mit unseren Gegnern muß die Stellungnahme der Juden Wiens in den kommenden Kämpfen bewerkstelligen und verfestigen. Die „Vereinigung", wird alles tun, um die Wiener Juden' über unsere Forderungen aufzuklären und in den Dienst unserer demokratischen Bewegung zu stellen. Unsere Gegner können nicht mehr damit rechnen, die Prinzipien der Gemeindeverwaltung durch einseitige Abmachungen der herrschenden Parteien zu regeirr. Die Auseinandersetzung mit der Oeffentlichkeit wird ihnen nicht erspart bleiben. Unter der Kritik der Oeffentlichkeit werden sich alle wichtigeren Schritte abspielen, die die herrschenden Parteien als Entgegnung auf unsere Forderungen unternehmen werden. Fürs erste scheint unser Antrag auf die Schaffung eines Gemeindeblattes endlich so weit zu sein, öffentlich verhandelt zu werden. Das Gemeindeblatt soll nach unserem Antrag das wichtige Instrument werden, das eine volkstümliche Gemeinde braucht, um ihren Aufgaben die Mitwirkung aller zu sichern. Es soll alle die Nachrichten geben, die über den Stand und die Benützung der Gemeindeinstitutionen Aufschluß geben, soll über die laufendem Verwaltungsergebnisse berichten und den Verhandlungen des Gemeindevorstandes die Kenntnis weiterer .Kreise sichern. Daneben muß die Möglichkeit geboten' sein, über wichtige Gemeindebragen zu diskutieren, müssen Anregungen, Wünsche und Beschwerden der Gemeindemitglieder Aufnahme finden. Vergleichsweise müssen auch Berichte aus' anderen Gemeinden über einzelne Verwaltungsmaterien herangezogen werden Das Gemeindeblatt muß weiters auch dem Leben der Gemeindemitglieder, soweit es außerhalb der Gemeinde organisiert ist, seine Beachtung schenken. Berichte über den Stand sämtlicher jüdischer Institutionen, wie Anregungen aus allen gesellschaftlichen Arbeitsgebieten müssen im Gemeindeblatt Platz haben, größere Aktionen der Wiener Judenschaft auf dem Gebiet der Fürsorge (Sammeltage usw.) müssen mit Hilfe des Gemeindeblattes vorbereitet werden. Für alle jüdischen Angelegenheiten, die in jeder größeren jüdischen Gemeinde Bedeutung erlangen, wie jüdische Wissenschaft, Erziehungswesen, Volksbildung, muß das Gemeindeblatt zur Erörterung zur Verfügung stehen'. Eine politische Inanspruchnahme des Gemeindeblattes muß ausgeschlossen werden. Das! Gemeindeblatt erhält jedes: Gemeindemitglied kostenlos. Diese selbstverständlichen Forderungen stoßen auf den unsichtbaren Widerstand der bisherigen zwei Monopolblätter der bürgerlichen jüdischen Parteien, der „Wiener Morgenzeitung" und der „Wahrheit", ßeide Zeitungen glauben von der Existenz eines Gemeindeblattes befürchten zu müssen, daß das Interesse ihrer eigenen JLeser abflaut, wenn dieselben mit einem jüdischen Gemeindeblatt versorgt werden. Es muß sehr schlecht um die Höhe eines Tag- und Wochenblattes bestellt sein, wenn sie vor dem Erscheinen eines Monatsblattes Angst bekommen.!Es wird nun versucht, das Gemeindeblatt auf die Weise für die zwei genannten jüdischen Blätter unschädlich zu machen, daß eine Anregung ausgeht, das Gemeindeblatt dürfe nur Amtsblatt sein und habe außer den Verlautbarungen des Präsidiums und des Vorstandes nichts zu enthalten. Wir werden uns mit allen Kräften dagegen zur Wehr setzen, daß-aus dem ersten wirklich volkstümlichen geistigen Instrument der Gemeinde, das sein Vorbild in den meisten anderen progressiven Gemeinden hat, ein reines Amtsblatt werde, dem keinerlei belehrende, aufklärende und gesellschaftserzieherische Bedeutung zukommt. Die Wiener Juden brauchen ein Gemeindeblatt für alle Interessen des Gemeindelebens. Nur so kann das Interesse an der Gemeinde erweckt und wachgehalten werden. Die Exekutive und .dtie Mandatare i.der „Vereinigung für soziale Tätigkeit" werden in den nächsten Tagen zu den wichtigsten gegenwärtigen Fragen in der Gemeinde Stellung nehmen und sodann in den Bezirksorganisationen die Arbeit aufnehmenn. Es liegt an uns, im heurigen Jahr wichtige Forderungen der jüdischen Bevölkerung zu verwirklichen. Palästina-Rundschau. Lord Plumer konferiert mit Ben-Zwi. — Die Sozialistische Arbeteri-Internationale und Palästina — Der ,,Gdud" in Jerusalem. — Das Jubiläum Na- ' halals. — Das arabische Organ der Histadrutli. — jWedgwood kommt nach Palästina. — Mildere Strafe für die Arbeitslosen. — Die Arbeiten des Solel-Boneh. — Das Elektrizitätswerk gesichert. Der High Coinmissioner von Palästina, Lord Plumer, hat den palästinensischen Arbeiterführer Ben Zwi zu sich gebeten, um mit ihm schwebende Fragen der Arbeit und der , Arbeitsgesetzgebung zu besprechen und die Meinung der palästinensischen Arbeiterschaft zu hören. Diese Besprechung steht laixt I. T. A. in Zusammenhang mit der von der Mandatskommission des Völkerbundes gemachten Feststellung, in welcher die Notwendigkeit einer Arbeitsgesetzgebung betont wurde. Ferner hat das Ständige Komitee für Arbeitsgesetzgebung in seinem Bericht an die Palästina- Regierung die Durchführung eines Entschädigungsgesetzes bei Arbeiterunfällen und eiues Gesetzes, betreffend eine amtliche Kontrolle industrieller Betriebe, aowie Vorschriften, betreffend die Beschäftigung von Kindern unter 16 Jahren, das Verbot der Beschäftigung vou Frauen und Kindern in gewissen Industriezweigen uud das Verbot der Nachtarbeit in allen Industrien, angeregt. Lord Plumer teilte Ben Zwi seinen Entschluß mit, eine Zusammenkunft vou Vertretern der Regierung mit Vertretern der palästinensischen Arbeiterorganisation (Histadruth) und der Zionistischen Exekutive zu arrangieren. Diese Konferenz soll über die Lage auf dem^ Arbeitsmarkt, die: Ai'beitslosigkeit usw. beraten und der Regierung Vorschläge zur Bekämpfung derselben unterbreiten. Mit Bezug auf die Frage der Arbeitsgesetzgebung in Palästina teilte Lord Plumer Ben Zwi mit, daß das im Oktober vorigen Jahres von der Regierung eingesetzte Ständige Komitee zur Ausarbeitung von Arbeitsgesetzen die Arbeitsbedingungen in Palästina untersucht und mit der Ausarbeitung einer Arbeitsgesetzgebung entsprechend den Bedürfnissen des Landes beschäftigt ist. * Auf der Sitzung der Exekutive der sozialistischen Arbeiter-Internationale, die in Zürich am 2S. und 29. August stattfand, nahm als Vertreter des Weit Verbandes Poale Zion Berl Locker teil. Bei der Behandlung der weiteren •Taktik der Arbeiterbewegung im Kampfe für die Ratifizierung der Washingtoner Convention über den achtstündigen Arbeitstag brachte Locker folgenden einstimmig angenommenen Zusatzantrag ein: „Die Exekutive erklärt es als Pflicht der sozialistischen Parteien in den Ländern, die Kolonien und Mondatsterritorien verwalten, für die Einführung des achtstündigen Arbeitstages und des Arbeitsschutzes im allgemeinen in diesen Gebieten zu sorgen." ' . Bei der Motiviex-ung seines Antrages wies Locker auf die Lage in Palästina hin, wo bis heute die türkischen Gesetze in Geltung stehen, die eine unbeschränkte Arbeitszeit zulassen und keinen Schutz der Frauen- und Kinderarbeit kennen. Die Organisation der jüdischen Arbeiter (Histadruth) hat in einer Reihe von Wirtschaftszweigen den achtstündigen Arbeitstag erkämpft, aber große Teile der Arbeiterschaft, ganz besonders arabische Männer uud Frauen, ja selbst Kinder, arbeiten noch bis 14 Stunden täglich. Selbst das Recht der Organisierung ist der Arbeiterschaft nicht garantiert. Auf große Schwierigkeiten stoßen ganz besonders die Arbeiter bei Regierungsunternehmungen. So wird die Eisenbahnerorganisation, in der die jüdischen und arabischen Arbeiter vereinigt sind, schikaniert. Selbst das Recht auf einen kurzen, bezahlten Urlaub hat die Regierung letztens, den Eisenbahnern genommen. Trotz der kollegialen Hilfe der englischen Arbeiterpartei im Parlament ist es bisher nicht gelungen, eine Aenderun^ in dieser Politik zu erzielen. Namens der englischen Delegation erklärte Robert Williams, daß die Labour Party stets alles, was in ihrer Macht steht, tun wird, um den jüdischen Arbeitern wie auch den Arbeitern in anderen Kolonien und Mandatsgebieten in ihrem gerechten Kampfe zu helfen. * Am 21. August d. J., dem 6. Jahrestage des Gdud Awodah, wurde auf dem „Elijahu-Hügel" bei Talpioth der Grundstein für die Siedlung der Jerusalemer1 Abteilung des Gdud Awodah gelegt. Auf den vom K. K. L. zur Verfügung gestellton 8 Dunam wird der Gdud vier Abteilungen für 120 Familien errichten, und zwar eine Abteilung für Wohnhäuser, eine für Kinderanstalten und Wirtschaft, eine für Facharbeiter und eine für landwirtschaftlichen Betrieb. Auf dem Boden, wo sich bisher die Abteilung des Gdud in dem Viertel Recl^awiah befand, soll der Neubau für die Bureaus der Zionistischen Exekutive errichtet werden. # Die Siedlung Nahalal im Emek feiert jetzt das Jubiläum ihres fünfjährigen Bestehens. Im Elul f>G8L haben die ersten Gründer dieses Moschaw Owdim sich auf dem vom K. K. L. zur Verfügung gestellten Boden! niedergelassen, vorerst allein, ohne Familien, und sich au die» Ausftrocknung der Sümpfe und Vorbereitung des Rodens gemacht. Die Gesamtfläche betrug S000 Dunam, je 100 für eine Familie. Im ersten Jahre gab es dort 150 Arbeitende. Im Laufe der Zeit wurde diese Zahl durch Facharbeiter uud Verwandte vergrößert, so daß es jetzt dort 200 Arbeitende gibt. Nahalal zählt 'jetzt 80 Ställe, alle gemauert, und 293 Stück Großvieh. Die Siedler selbst wohnen noch' in Holzbaracken. Besonders entwickelt ist die Geflügelzucht (8500 Stück). In den Schulen und Kindergärten in Nahalal, die bisher von der Siedlung allein, ohne Beiträge von auswärts, erhalten wurden, .werden 180 Kinder betreut. Die allgemeine jüdische Arbeiterorganisation in Palästina gibt seit einem Vierteljahre in arabischer Sprache eine Zweiwochenschrift ,,Itachat el Amal" heraus, das seit dem 1. August regelmäßig als Wochenblatt erscheint. Auch inhaltlich ist das Organ ausgebaut worden. Die Zeitschrift soll den arabischen Arbeitern ein genaues Bild über die Bedeutung und die wirklichen Leistungen der jüdischen Arbeiter in Palästina geben. * Nach bei der Zionistischen Palästina-Exekutive eingetroffenen Nachrichten soll Colonel Wedgwood in Begleitung seiner Gemahlin am 26. Oktober in Jerusalem eintreffen. * Wie die letzten Meldungen besagen, hat sich die Nachricht, wonach die 13 Arbeitslosen, die in den Bureaus der Zionistischen Palästina-Exekutive einen Tumult veranstaltet haben, zu je 10 Tagen Gefängnis verurteilt worden seien, als übertrieben herausgestellt. Das Urteil lautet auf einen Tag Gefängnis. Es verlautet ferner, daß die Verurteilten nicht des Landes verwiesen werden würden. * i Der Solei Boneh hat Arbeiten beim Ausheben des Fundameutes wie aiich bei Vorbereiten der Steine für die Nationalbibliothek in Jerusalem übernommen. Bei diesen Arbeiten, die gegen Le. 7000 kosten, wei'den im Laufe von vier Monaten gegen 180 Arbeiter beschäftigt sein. Es stellt dies erst den Anfang der Arbeiten an der Nationalbibliothek dar, die insgesamt gegen .Le. 30.000 betragen sollen. Außerdem hat die Arbeit beim Fertigstellen von Straßen in den Vorstädten Kirjath Möschen, (Montefiore) und Bajit w'gan begonnen, wo während zwei Monaten gegen 80 Arbeiter Beschäftigung haben. Der Vizedirektor der Barclay's Bank, der bis jetzt an Juden keine Arbeit vergeben hat, hat jetzt dem Solei Boneh den Bau seines zweistöckigen Privathauses übertragen. * Das Londoner Bureau der Palestine Electric Coi-poration Ltd. hat eine von Ing. Pinches Rutenberg unterzeichnete Mitteilung herausgegeben, wonach die Finanzierung der Hydro-Elektrizitätswerke in Palästina abgeschlossen ist. Hierzu erfährt die I. T. A., daß das zur Durchführung der hydro-elekti-ischen Werke an dem Gefälle des Jordan notwendige Kapital endgültig gesichert und ein großer Teil des Kapitals bereits in bar geleistet worden ist. Das Gesamtkapital, das für die Betriebe der Palestine Electric Corporation einschließlich der Werke in Jaffa, Haifa und! Tiberias gezeichnet wurde, beträgt Le. 950.000. In den nächsten Tagen begibt sich Ing. Rutenberg von London nach Palästina, wo alsbald die Vorarbeiten für den Bau der Jordan- AVerke beginnen werden. Anfang 1927 werden die Arbeiten schon in vollem Gange sein und etwa 1000 bis 1500 Arbeiter beschäftigen. * >