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Unsere Tribüne · 1926-04-30 · 6 (30.04.1926) · p. Seite 2

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
3 (1926)
Issue
6 (30.04.1926)
Date
1926-04-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Unsere Tribüne AMHWM^^WMMMMMlMMMnHM Nf 6. wütendem Judenhaß haben auch im Leben des' jüdischen Volkes, insbesondere in Polen, eine große Zerstörung verursacht. Die rücksichtslose kapitalistische Regierungsrnethode und die Last der Rüstungen haben in Polen eine .Wirtschaftskrise zur Folge gehabt, die sich auf die Juden des Landes geradezu katastrophal auswirkt. Der Judenhaß und der Chauvinismus der herrschenden Reaktion erschweren wohl besonders den Juden das Ertragen der großen Not, aber die wirtschaftliche Position der Juden, macht sie geradezu zur besten Zielscheibe jeder Erschütterung im Lande. Die Mehrheit der Juden ist im Handel und im' Handwerk zusammengedrängt, die jüdischen Arbeiter sind fast ausschließlich in der kleinen und mittleren Industrie beschäftigt. Da diese Zweige die geringste Widerstandskraft besitzen, sind die Opfer unter den Juden am zahlreichsten und die Vernichtung' trostlos. Die jüdische Arbeitersthaft des Landes sah sich gezwungen, einen Kongreß zur Erörterung ihrer Lage und des Suchens nach Abhilfe einzuberufen, aber durch den entscheidenden Einfluß des „Bund" hat sich diese wichtige Beratung bloß zu einem ohnmächtigen Protest aufgerafft, aber an die eigentlichen Probleme der Wanderung und Umschichtung der jüdischen Massen hat man sich nicht einmal herangewagt. .Um so mehr muß es von allen begrüßt werden, daß in Rußland der große Versuch unternommen wurde, die zahlreichen entwurzelten jüdischen Existenzen der Landwirtschaft zuzuführen. Die geschlossenen jüdischen Siedlungen in der Krim und in anderen Teilen Sowjetrußlands bilden einen Lichtpunkt im Leben der Juden und berechtigen zu den schönsten; Hoffnungen. Die Umschichtung allein ist imstande, die Existenz und Entwicklungsmöglichkeiten der Juden im Osten zu sichern. Die gründliche Umschichtung, ja Umgestaltung der Juden geht natürlich in Palästina vor sich. In einem unaufhörlichen Kampfe erobert sich die herrliche jüdische Arbeiterschaft des Landes eine Position nach der anderen. Die selbständigen Institutionen der jüdischen Arbeiterschaft entwickeln sich zufriedenstellend, die älteren jüdischen Arbeitersiedlungen gehen daran, sich von den Geldzuschüssen zu befreien, die Arbeitervertreter liefern gerade jetzt den Beweis, daß sie zur Verwaltung der größten jüdischen Stadt reif sind. Tel-Aviv wird von der Arbeiterschaft verwaltet. Wohl überlebt auch dort die iüdische. Arbeiterschaft ^ine Wirtschaftskrise, aber nur vorübergehend. Die jüdischen Arbeiter Palästinas blicken mit Zuversicht auf die Entwicklung des Landes. Daß die Entwicklung Palästinas, die Umgestaltung der Juden Hand in Hand mit dem1 Schaffen sozialistischer Wirtschaftszellen und mit dem Erstarken des Klassenbewußtseins der jüdischen Arbeiter geht, erfüllt uns mit Stolz und eröffnet für uns neue lichte Horizonte. Die Gefallenen des 1. Mai in Jaffa. Als vor fünf Jahren die jüdische Arbeiterschaft in Jaffa am 1. Mai zum ersten Male in geschlossenen Reihen auf die Straßen zog, wurden sie von verhetzten Arabern überfallen. Auch in Palästina mußten die Pioniere des Sozialismus, die klassenbewußten jüdischen Arbeiter, ihre erste Maifeier mit teueren Opfern bezahlen. Aber die jüdische Arbeiterschaft des Landes schwör ihren Mördern keine Blutrache, wie es im Orient sonst üblich ist,- sie setzte ihre Arbeit fort und ist sich dessen bewußt, daß ihre Tätigkeit auch den Interessen der arabischen Arbeiter dient. Vor fünf Jahren sind die jüdischen} Arbeiter von unaufgeklärten, verhetzten Arabern überfallen worden. Heuer werden in so mancher Stadt Palästinas arabische Arbeiter Schulter an Schulter mit ihren jüdischen Genossen marschieren. Das ist der Erfolg sozialistischen Schaffens, sozialistischer Aufklärungsarbeit, das die schönste Sühne für die Opfer des ersten Mai in Jaffa. Die Sitzung der Exekutive der S. A. I. Anträge der Poale-Zion. An der Sitzung der Exekutive der Sozialistischen Arbeiterinternationale, welche am 11. und 12. April im Züricher Volkshause getagt hat, nahm' Genosse Locker als Vertreter unseres Weltverbandes teil. Auf der Tagesordnung stand u. a. die Vorbereitung der Behandlung des Kolbnialproblems' für den kommenden Kongreß der Internationale. Locker wies darauf hin, daß zu den vorbereitenden Beratungen über diesen Punkt auch Vertreter der Arbeiterbewegungen in den Kolonien und Mandatsländern (Palästina) zugezogen werden müssen. Es wurde beschlossen, das gesamte Material über diese Frage einer .Kommission zu überweisen. — Während der Diskussion über die Vorbereitungen Zum Weltkongreß für Emigration, der durch die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale und die sozialistische Internationale für den 18. Mai nach London einberufen wird, kritisierte Gen. Locker die von der vorbereitenden Kommission vorgeschlagenen Resolutionen, in denen das Prinzip de*- Freizügigkeit nicht voll' gewahrt wird. Er kündigte an, daß der Weltverband Poale Zion eine Reihe von Zusatzanträgen stellen wird. Es wurde beschlossen, daß die Exekutive am 17. Mai unmittelbar vor Eröffnung des Kongresses in London eine spezielle Sitzung dieser Frage widmen soll. Fünf Jahre Keren-Hajessod. . Der Keren Ha/jessod, der PalästinJar(?rtm,dfond3' feiert seinen fünfjährigen Bestand. Fünf Jahre; sind gewiß eine kurze Frist, um weitgehende Schlüslse ausl den erreichten! •Resultaten und den gemachten Erfahnrngetn zu 'ziehetn. Der Aufbau Palästinas ist eine so gewaltige Aufgabe, daß es verfrüht wäre, sich mit den bisherigen Erfolgen zufrieden zu geben. Und dennoch soll man' aus diesem Anlasse die Ziffern sprechen lassen. Sie sind in vielen Beziehungen lehrreich und könnjen. uns die Perspektiven für die nächsten Jahre beleuchten. Nach Abzug der Spesen der einzelnen Landeskomitees, die mit rund 20 Prozent bemessen werden, hat der Keren Hajessod in den 5 Jahren 2,260.580 Pfund an Eingängen zu verzeichnen. Bis Ende Deizembef 1925 wurden für Palästina verausgabt 2,082.925 Pfund. Dieser Betrag wurde wie folgt aufgeteilt: Landwirtschaftliche Kolonisation 31.33 Prozent, Erziehung 18.25 Prozent, Einwanderung 11.97 Pro> zent, öffentliche Arbeiten 7.75 Prozent. Was mit diesem Geld© geleistet wurde, veranschaulicht am besten das Resultat der landwirtschaftlichen Kolonisation. Am Ende des Weltkrieges waren in Palästina 43 landwirtschaftlicho Siedlungen, die 12.000 Seelen zähltet und sich über eine Bodetrifläche von 409.000 Dunam erstreckt haben. Gegenwärtig gibt es 100 Siedlungen mit 23.000 Seelen und ca. 1,000.000 Dunam Boden. Was besagen diese Ziffern? Im Vergleiche mit dem großen Ziele des Zionismus: die Etablierung eines arbeitenden jüdischen Volkes in Palästina,, sind die erreichten Resultate sicherlich minimal, sie eröffnen un's aber lichte Horiaqnte für die nächste: Zeit. Schon die Tatsache allein, daß es) gelungen ist, nahejzu 12.000 Juden, unter äußerst schwierigen Verhältnissen, in der Landwirtschaft anzusiedeln, besitzt große werbend© Kraft und wird den Glauben, an den Palästinaaufbau stärken. Wenn man sich auch hüten soll, die bisherigen Leistungen der Juden für den Keren Hajessod zu überschätzen^ darf man doch behaupten, daß in den meisten Ländern der K. II. immer mehr und mehr in die breiten Schichten der jüdischen Volksmassen eindringt. In den meisten Ländern, aber leider nicht in Oesterireich. Hierzulande eji^cihtet man es nicht für wichtig; der jüdischen Arbeiterschaft die Mitarbeit beim K. II. zu ermöglichen. Die Leitung des K. H. in Oesterreich versündigt sich arg gegen die wichtige Aufgabe: die breite^ Schichten der jüdischen Volksmasse zur Besteuerung für den K. II, heranzuziehen. Die arbeitende jüdische Bevölkerung identifiziert hier leider den K. H. mit den arbeiterfeindlichen Führern der österreichischen Zioriisten. Die österreichischen Zionisten, die die Leitung des K. H. in der Hand haben, verzichten lieber auf die Heiranziehung der5 arbeitenden jüdischen Bevölkerung zur Besteuerung, als daß sie den Organisationen der jüdischen Arbeiterschaft eine Vertretung in der Leitung einräumein. Die Herren in Oesterreich glauben wahrscheinlich, daß es hauptsächlich darauf ankommt, einige kapitalskräftige *L Juden für den K. H. zu gewinnen, und eine Subvention von der Kultusgemeindo zu erwirken, das Gewinnen der jüdischen Massen halten sie scheinbar nicht für wichtig genug. Mögen die Herren die Resultate desi K. H. in allen Ländern genau prüfen und sie werden zur Ueberzeugung gelangen, daß nur dort, große Erfolge zu verzeichnen sind, wo es gelungen ist, die Idee des Palästinaaufbaues in die breiten Massen des jüdischen Volkes zu tragen. Auch die Reichen geben erst dann, wenn die Volksimassen von der Bewegung erfaßt werden. , Wenn die Leitung des K. H. in Oesterreich nicht rasch umlernen wird, lädt sie auf sich eine schwere Verantwortung. Die Arbeiterschaft voran. % > (Palästina-Rundschau.) Noch immer die [Frage der Grenzpolizei. ■— Eine wichtige Sitzung des „Waad L'umi" mit Weizmann. — Der Antrag des Arbeitervertreters wird angenommen. — Die Forderung nach Regierungsboden und die Palästina-Anleihe. — Eine bemerkenswerte Rede des Genossen Rubaschow. — Die Leistungen der Stadtverwaltung von Tel- Aviv. — Sabotage der Bourgeoisie. — Kundgebung für die Arbeitervertreter. Trotz der Arbeitslosigkeit, die noch, immer auf die Arbeiterschaft schwer lastet, legen die jüdischen Arbeiter ihr reges Interesse für alle wichtigen politischen! Fragen an den Tag. Das beweist wohl, wie politisch geschult die jüdische Arbeiterschaft ist, daß sie sich ihrer Verantwortung für das große Aufbauwerk bewußt ist. * Die wichtigste politische Frage, die alle Kreise Palästinas beschäftigt, ist die Organisierung densogenannten Grenzpolizei. Am 12. April fand in Jerusalem eine Sitzung des „Waad L'umi" (Nationale Vertretung der Juden Palästinas) unter Beteiligung des Dr. Weizmann statt, welche! hauptsächlich dieser Frage gewidmet war. , Alle Mitglieder des „Waad L'umi" sprachen sich gegen die Verordnung der Regierung in, diesel* Angelegenheit, die eine Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung ist, aus. Formell hat zwar die Regierung die ursprüngliche Verordnung dahin richtiggestellt, daß alle Bürger ohne jeden Unterschied in die Grenzpolizei aufgenommen werden, faktisch aber wieder an die Judbn solche Anforderungen gestellt, die ihren Eintritt illusarisch machen. Auch die Aufklärungen, die Weizmann in dieser Sitzung erteilt hat, haben die Anwesenden nicht befriedigt. Mit 15 gegen 8 Stimmen wurde ein Beschluß des Genossen Golumb angenommen, in welchem diese Unzufriedenheit zum Ausdrucke gebracht und die zionistische Exektive aufgefordert wird, den Kampf für das Recht der Juden fortzusetzen und nötigenfalls an alle maßgebenden Körperschaften gegen die Benachteiligung der Juden Einspruch zu erheben . * In dieser Sitzung wurde auch die Frage der Zuweisung von Regierungsboden an 'jüdisch© Siedler und die Frage "der Anleihe für den Palästinaaufbau angeschnitten. In der ersten Frage konnte Weizmann nicht einmal eine beruhigende Mitteilung machen, worauf Usischkin1 ihm bittere Vorwürfe gemacht hat. Bezüglich der Anleihe konnte Weizmann mitteilen, daß er sich jetzt mit der Sammlung des Materials beschäftigt und daß er eich demnächst nach Amerika begeben wird, um für die Anleihe zu wirken. * Großen Eindruck machten folgende Worte unsere^ Genossen Rubaschow: „Wir linbem hier Andeutungen neuer finanzieller Pläne und einer neuen Reise, nach Amerika gebort. Uns scheint, daß dos allerschliminste der Umstand ist, daß Palästina im allerwichtigsten Ort an Bedeutung verloren hat, im jüdischen Volke. In einer so furchtbaren Zeit in den Golusländern, da das jüdische Städtchen zerstört wird und die Juden eine Zufluchtstätte sogar in Cilli und Uruguay suchen, haben sie die Hoffnung auf Palästina aufgegeben. Dieser Gefahr müssen wir um jeden Preis; Herr werden. Wir bewegen uns in einem Zauberkreis von Keren- Hajessod, Budget, Sicherung des Besteheinden. Wir müssen uns mit neuen Losungen an die Oeffentlichkeit wenden. Das könnte die Losung der Urbarmachung brachliegenden Bodens sein." . * Eine bewundernswerte Leistung ist die Verwaltung der Stadt Tel-Aviv durch die Arbeitea*veiitreter. Die bürgerlichen Vertreter haben wohl geglaubt, daß ihre Abstinenz, die Verwaltung der Stadt lahmlegen wird, nun müssen sie es erleben, daß die Arbeiterschaft eine geradezu mustergültige Aufbau- und Erweiterungstätigkeat entfaltet. Trotz der Wirtschaftskrise, die ja fast ausschließlich auf Tel- Aviv beschränkt ist, sind die Finanzen der Stadt in Ordnung gebracht, ist der Aufbau des südlichen Stadtteiles gesichert worden. Die Bautätigkeit, die die Stadtverwaltung fördert, ist die einzig richtige produktive Arbeitslosenfürsorge und hatte bereite zur Folge, daß die Wuchermietzinso in Tel-Aviv bedeutend ermäßigt wurden. Die Stadtverwaltung bemüht sich die Steuer zu verein- Üeitlichen und progressiv zu staffeln, aber die bürgerlichen Vertreter rufen die Hilfe der Regierung an, um diese Reform zu vereiteln. So handelt das Bürgertum, das sonst in größtem Pathos über nationale Selbständigkeit spricht, wenn es um seinen Geldbeutel geht. Den jüdischen Arbeitern aber, wie den Arbeitern überhaupt, wirft man, Mangel an nationalem Patriotismus vor. In Tel-Aviv fand in den letzten Wochen unter freiem Himmel eine öffentliche Versammlung statt, in welcher die Arbeitervertreter der Stadtverwaltung über ihre Tätigkeit und über die Sabotage des Bürgertums1 Bericht erstattet haben. Tausende Arbeiter sprachen, der Stadtverwaltung ihre Anerkennung aus und versprachen ihnen ihre Unterstützung im Kampfe gegen die volksfeindlichen Elemente des Bürgertums. * Auf allen Gebieten des Lebens in Palästina marschiert die Arbeiterschaft voran.

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