Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 4 (17.03.1926)
- Date
- 1926-03-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Unsere Tribüne Seite 3 Aus der jüdischen Gemeinde Veröffentlichungen der Vereinigung für soziale jüdische Tätigkeit Von der Leitung. Wir freuen uns, unseren Mitgliedern mitteilen zu können, daß wir nunmehr in der Lage sein Werden, durch unsere Veröffentlichungen in steteto Kontakt mit ihnen zu stellen. Für die Veröffentlichungen, die unter unserem Namen mitgeteilt werden, ist das von der Vereinigung für soziale jüdische Tätigkeit eingesetzte Pressekomitee verantwortlich. Der Kampf in der jüdischen Gemeinde. |. 1JNe u e r 1 i c h B u d ge t p r o v i s o r i u m bis 25. März 1926. Die stabile Regierungsunfähigkeit der jetzigen Koalition, die während des' letzten Monats' jede ernstere Budgetvorarbeit unmöglich gemacht hat, artete zum Schluß in ein sehr ergötzliches Streitschauspiel der „Mehrheit" mit den Zionfsten aus. Aber wer die Lage nur richtig beurteilte, mußte gich darüber klar sein, daß die streitenden Brüder letzten Endes doch nur versöhnt die Arena besteigen würden. ,Und alle Voranzeichen bestätigten diese Sachlage. So kam es zur Plenarsitzung vom 1. März, über die wir hier berichten. Die Gegner waren bereits wieder geeint, nur einander noch ein wenig nachgrollend, in einer Reihe von Nebenpunkten vielleicht noch nicht ganz befriedigt. Jedenfalls behüteten sie das Geheimnis ihrer neuerlichen Einigung ängstlich, um sich nicht zu früh dem; Spott ihrer eigenen Parteianhänger auszusetzen. Außerdem hatte sich die „Union" den Herrn Scharfstein als eine Art Ersatzbefriedigung angeschafft, über dessen Haltung wir eingehend berichten. Aber so billüg wollten sich die Zionisten diesmal) nicht ergeben. Irgenjd ein demokratischerschein mußte gewahrt werden und so stimmten diesmal die Zionisten gegen eine Verlängerung des: Bud^etpnovisoriums mit der eigenartigen Absicht, die durch ihre Streitigkeiten' mit der „Union" verabsäumte Gemeindegeschäfts-/ führung einzig und allein der „Union" anzulastein» Das äußere Bild der Sitzung unterschied sich in nichts von all1 der schleppenden Regierungskrise, die schon seit Monaten währt. Die Sitzung1 konnte wieder einmal nicht anfangen, weif zwischen den Regierungsparteien noch nicht alles' ausgehandelt war. Endlich mit zweistündiger Verspätung konnte das Schauspiel beginnen. Die „Union" brachte einen Dringlichkeits* antrag auf Verlängerung des Budgetprovisoriums, die Zionisten waren .-dagegen, unsere Genossen brachten 'die erwähnten "zwei Anträge über die Teilüngl der Debatte in General- und Spezialdebätte und über den Palästinaarbeiterfonds ein. Die Zionisten schlössen sich dem ersten Antrag an, gaben aber über den Palästinaarbeiterfonds keine Erklärung ab. Der Obmann des Finanzausschusses Dr. Oppenheim begründete den Antrag der Union. Dr. Friedmann legte die ablehnende Hajltung der Zionisten dar. Sodann ergriff Genosse Dr. Bader das .Wort, uni in' vernichtender Kritik die ganze Scheinheiligkeit dieses1 Regierungsmanövers, ohne ernste, sachliche Arbeit am Aufgabenkreis der jüdischen Gemeinde despotisch herrschen zu wollen, bloßzustellen. Er schilderte die Arbeitsunfähigkeit der regierenden Parteien im letzten' Monat, ihren absoluten Unwillen zu demokratischer Führung! un'd geißelte in den schärfsten Worten die Anmaßung der herrschenden, die von unseren Anträgen auch noch nicht einen einzigen 'geschäftsorjdnungsmäßig behandelt haben. Einer solchen Regierung dürfe nichts bewilligt werden. Genosse Dr. 'G'lanz stellte vor allem fest, daß der letzte Rest von Vertrauen in die gegnerische Bereitwilligkeit, auf die Bedürfnisse der jüdischen, Bevölkerung einzugehen, geschwunden sei. Deshalb dürfe einer solchen Regierung nicht ein Tag Verlängerung bewilligt wenden. Die Oeffentlichkeit messe, den Fortschritt in den jüdischen Gemeinde in deml Maße, als unsere Anträge der Verwirklichung zugeführt würden. Insbesondere sei ohne das allgemeine Wahlrecht eine demokratische jüdische Gemeinde nich't möglich. Statt sich nun, wie esi in anderen Ländern die bürgerlichen, Parteien getan haben, auf das allgemeine Wahlrecht uirizustellen und dadurch ejne demokratische Entwicklung der Gemeinde zu ermöglichen, suchen die „Union" und die Zionisten durch ihren gegenseitigen .Radau die Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung von den eigentlichen Kampffragen der Gemeinde, insbesondere der Wahlrechtsfrage, abzulenken. Dieses Ablenkungsmanöver, werde aber nicht gelingen. Schon heute sei die Empörung der jüdischen Wähler über die Wahlrechtsreaktion der Herrschenden grenzenlos. Es werde ihnen nicht gelingen, sich der kommenden Entwicklung entgegenzustellen. Auf diese beiden Redner antwortete) Dr. Oppenheim mit einer Erklärung der „Union" zur Wahlrechtsfrage, deren Tenor lautet: „Wir werden gegen das allgemeine Wahlrecht sein, weil wir die Tradition der Gemeinde hochhalten müssen." Doch werde im Punkt des Frauenwahlree'htes seine Parteii zu haben sein. Die Erklärung wurde von der „Union" lebhaft akklamiert und von unseren Genossen mit den Rufen „Bndlich ist es heraußen" aufgenommen. Sodann kam es' zur Abstimmung, bei der zum Erstaunen aller, Herr Scharfstein mit der „Union" ging. Freilich wollte er, durch die ironischen, Zurufe von allen Seiten 'der Lächerlich keilt 'seiner Haltung bewußt geworden, seine JHania1 wieder sinken lassen,, doch der neben ihm' sitzende Unionist Kauders er- 'innerte ihn an Moses; und hielt ihm; zur Heiterkeit aller den Arm in die Höhe! Mit dem unmöglichen Scharfsteta hatte der Unionantrag 17 Stimmen, nicht achtzehn, wie der Vorsitzende: unrichtig verkündete und wie noch im' Sitzungsprotokoll' wird berichtigt werden müssen. So hatte nur Scharfstein die Entscheidung gebracht, denn ohne ihn wäre die „;Union" in deif Minderheit geblieben! Die Unionisten aber dürften die Tatsache, daß Herr Scharfstein das Zünglein an der Wage bildete, mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben. Einem sofortigen Eingehen in die Budgetberatung widersetzte sich die Union, das Budget wird also doch vom Vertreterkollegium vorberaten werden, was dasselbe freilich schon längst hätte tun müssen, wenn es nach dem Gemeindestatut gegangen wäre. Unsere Anträge anläßlich der Budgetberatung. Nachstehende Anträge wurden von unseren Mandataren überreicht : I. Wir beantragen für die bevorstehende Budgetberatung eine grundsätzliche Teilung der Debatte in General- und Spezialdebätte. II. Wir beantragen, in das Budget für 1926 einein Betrag von 5000 S für den P. A. E. (Palästinaarbeiterfonds) einzustellen. Notizen. Ohne Mehrheit, aber mit — Scharfstein. Die „Union" hat sich als© für alle Fällle mit dem Herrn Scharfstein eingedeckt, aber ihre Mehrheit ist durch die Anwerbung dieses unsicheren Kantonisten um' nichts sicherer geworden. Nach wie Vor ist es, reine Zufallssache, ob die „Union" ihre Leute, auf die Beine bringen und, sie während, einer Nachtsitzung aiuf den Beinen e* halten kann. Das Bestellein des Minjammanmes! Scharfstein ist ein Akt der Vorsicht, eine Beseitigung der Regierungsnöte der „Mehrheit" ist damit nicht erzielt. Ein jüdisches Scherzwort sagt unter Vertausfehung eines doppelsinnigen Begriffes auf Menschen: „Er hält nicht auf Minjen, er hält auf Mesumen", welches Wort neben der zum Tischgebet .nötigem Dreizahl auch Geld bedeutet. Der Minjanmanh der „Union" wird sich zweifellos schon irgendeinen Kuhhandel ausbedumgen haben, ehe er sich der „Mehrheit" verschrieb. Demokratie um 60 Groschen. Das Unverständnis der altliberalen Unionjuden der Kultusgemeinde für die Demokratie kam in der Erwidte1rung ihres Sprechers, Herrn Regierungsrates1 Oppenheim auf die Anklagereden unserer Vertreter in der letztem Plenarsitzung des Kultusvorstandes deutlich zum' Ausdrücke. Unsere Vertreter Da-. Bader und Dr. Glanz haben die Förderung nach, dem allgemeinen Wahlrecht erhoben, um von der jüdischen Gemeinde, die Schande, der Reaktion, von der jüdischen Bevölkerung dem Makel der Minderwertigkeit, der Unreifei abzuwälzen und uim die jüdische Repräsentanz zu einer Vertretung der gesamten jüdischen, Bevölkerung dieser Stadt umzugestalten. Herr Oppenheim aber meinte, wer das Wahlrecht besitzen will, muß ja bloß 60 Groschen Steuer einzahlen. Herr Regierungsrat Oppenheim' ist gewiß ein braver Bürger und führt dem' Staate genau und. pünktlich seine Steuer ab, aber wir sind sehr neugierig, ob er auch: nur einen Groschen freiwillig zahlen würde, wenn er nicht von Gesetzes wegen da.zu verhalten werden sollte. Warum verlangt er von der jüdischen Bevölkerung, daß sie ohne jede Aufforderung, aus freien Stücken, der Kultusgemeinde die Steuer abführt? Erfreut sich die Kultusgemeinde einer so großen Beliebtheit? Hat sie darauf Anspruch? Aber bezeichnend für Herr Bamkdirektor Oppenheimi und die Mehrheit der Kultusgeimeinde überhaupt ist es, daß sie auch das: allgemeine Wahlrecht, eine Errungenschaft aller politisch reifen Völker, nur uml Geld verkaufen will. Dem Kapitalisten isfo eben "nichts heilig gsnug, daß es nicht um: Geld käuflich sein solll. Demokratie um 60 Groschen! Dasl ist die Devise der kapitalistischen Mehrheit des Kultusvorstandes. Der Mischeberachjournalist der „Union". Wir haben dem Leibblatt der „Union" bisher keine Betrachtung gewidmet, weil es den Emst des jüdischen Lebens prostituieren hieße, wollte man sich mit diesem Gelmisch von jämmerlicher Apologetik, patriotischer Heuchelei und Unwissenheit in allen jüdischen Gegenwartsproblemen auseinandersetzen. Das intern© Judentum des Mischebeiracbjournalisten besteht in Sudoth, Bar-MizWoth,- Trainings- und Beerdigiingsnachrichtem. Hie und da bereichert er in seiner Begeisterung für daß Lobsimgen die deutsche Sprache mit bösartigen Neubildungen, z. B. hat er das Wort „Barmizwant" selig erfunden. Der Herr Misch©- berachjournalist ist eben gewohnt, aus seinem! Herzen eine Schmalzgrube zu machen, er erfindet Worte, Situationen1, Berichte, wenn es nur etwas trägt. Dieses1 Sudelgemisch von Sudoth, Baitmizwath, Trauungen, Beerdigungen, Winseleien um judenfrearndliche Worte und jämmerliche Unkenntnis des jüdischen Lebens nennt sich in seiner Bescheidenheit nicht mehr und nicht weniger als1 „Die Wahrheit" und ist das auserkorene Blatt der „Union". Wie informiert nun der Mischeberachjourhalist seine Leser über die Vorgänge in der jüdischen Gemeinde? Er unterschlägt ihnen einfach, daß der Sprecher der „Union" unter dem Beifall seines Klubs sich gegen das allgemeine Wahlrecht ausgesprochen hat, er unterschlägt auch die vom „Union"-Redner hiefür gegebene mexikwürdige Begründung. Er unterschlägt aber vor allem! den. Wortlaut, unserer Anträge, um seinen Lesern nicht doch eine Hirnritze offen zu lassen. Er lügt den Wortlaut der „Uniion"-Erkläruhg folgendermaßen um: Statt „Wir werden gegen das allgemeine Wahlrecht sein, weil wir die Tradition hochhalten müssen", wie die „Union" erklären ließ, berichtet er nur: „Wenn von dieser Seite behauptet wurde^ daß es1 nicht nur unsere Aufgabe sei, das Gut der "Väter weiterzuführen, wir arbeiten in dieser schönen Tradition' weitem und treiben in diesen Dingen keine Politik." So fälscht der Misoheberachjournalist die Wirklichkeit um!, legt Rednern Worte in den Mund, die hie gesagt wurden. Mit echter Begeiste^ rang nennt er unsere Mandatare „Rote Reaktion" und freui sich des errungenem Scharfsteihsieges. Unsere Leser wissen nun von' der „Wahrheit" genug und werden es verstehen, daß wir den Mischeberachv journalisten hier einmal angenagelt haben, um uns in Zukunft möglichst wenig mit ihm beschäftigen zu müssen, Ein Wortbruch. Herr Mesohulim Scharf stein vertritt im Gemeinde^ vorstand eine Gruppe, die das allgemeine Wahlrecht auf ihr Programm geschrieben hat. Deshalb wandten sich auch der Klub der Mandatare der Vea-einigung für soziale Tätigkeit an ihn mit der Aufforderung, einen Antrag auf Einberufung einer Sitzung mit der Tagesordnung: Einsetzung eines Wahlrechtsrefoi'mausschusses, zm unterzeichnen. Herr ■Scharlfstein versprach diejs, doteh als es dazu kommen sollte,, hielt er, der inzwischen durch verslohiedene dunkle Manöver für die „Union" ,,gewonmen" worden war, sein1 Versprechen nicht. Seine schändliche Haltung, bei der Abstimmung über das Budgetprovislorium, wia Scharfsteihsj Stimme die Entscheidung brachte, hat bei seinen eigeinen Parteigenossen helle Empörung hea-vbrgerufem, so daß Herr Scharfstein schon heute von seinen eigenem Parteigemiossein. als erledigt angesehen wird. Hier bleibt nur noch die Tatsache zu berichten, daß unsere Mandatare zu Herrn Scharfstein, wegen seines Wortbruchee1 jede persönliche Beziehung abgebrochen haben. Der Kuriosität halber sei hier nur noch erzählt, daß Scharfstein eijbfh. 'noch vor drei Wochen um Aufnahme in dem Klub unserer Mandatare bewarb, man dort aber, weil man wußte, daß er sich bereits bei den andern Parteiklubsi erfolglos angebotsin hatte, auf dieses Ansinnen nicht einging. Große Ortsgruppenversammlung im II. Bezirk. Am Donnerstag, den 4. d. hatte die Ortsgruppe des II. .Bezirkes ihre Mitarbeiter zusamtoenberufen, um ihnen Gelegenheit zu geben, aus dem- Munde des? Gemeinder Vorstehers Genloesem Moria eine; eaischöpfende Darstellung der Kämpfe in der jüdischen Gemeinde zu hören, Der Referent unterzog sich dieser Aufgabe mit meister'- hafter Bewährung. Die rührige Ortsgruppe wird in der nächsten Zeit eine zweite Versammlung einberufen, in der die planmäßige Aufklärungsarbeit im II. Bezirk und die, Tätigkeit der Ortsgruppe, besprochen werden wird, , .