Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 4 (17.03.1926)
- Date
- 1926-03-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere Tribüne Nr. 4 für die Hakenkreuzler sein würde, aber davon dürfen wir uns nicht leiten lassen. Wir haben bereits bei einer anderen Gelegenheit (siehe „Unsere Tribüne", Nr. 13, Jahrgang II) darauf hingewiesen, welche Gefahren diese taktischen Erwägungen in sich bergen. Das ist die Taktik, die das Prinzip untergräbt. Das Verhalten den Juden gegenüber läßt noch mehr zu wünschen übrig. Was ,wir über die tschechischen Schulen angeführt haben, gilt auch, von denen der Juden. Aber nicht das allein. Die österreichische Sozialdemokratie ist heutzutage fast die einzige große Partei, die zur Judenfrage weder offiziell noch inoffiziell Stellung genommen hat. Es muß ja geradezu befremden, daß, während nicht nur die sozialistischen Parteien Deutschlands, Englands, Amerikas und Frankreichs, sondern auch die Genossen von Schweden, Belgien u. a. ihre Meinung in der Judenfrage geäußert haben, sich die österreichischen Genossen hartnäckig in Stillschweigen hüllen. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir wollen es offen heraussagen: bei vielen Gelegenheiten gibt man den Juden in der Partei selbst zu fühlen, daß sie Juden sind. Wir zweifeln nicht darant daß! die Parteileitung eine solche Parole nie ausgegeben hat, aber es handelt sich1 dennoch nicht um Einzelfälle. Wo immer man mit Genossen zusammenkommt, die Juden sind, kann man ernste Beschwerden über die Behandlung seitens der nichtjüdischen Genossen zu hören bekommen. Leider sind auch führende Genossen nicht immer von der Mitschuld an solchen Vorkommnissen freizusprechen. Dieser Zustand ruft nicht bloß Erbitterung unter vielen wertvollen Genossen, die Juden sind, hervor, er untergräbt diü sozialistische Gesinnung überhaupt, er wirkt tötlich auf den Geist des Internationalismus. Und das darf eine sozial istische Partei nicht dulden. In unserer österreichischen Partei fertigt «man solche Bedenken mit dem1 Schlagwort: wir sind keine Jüdensehutztruppe, ab. Aber uns handelt sich ja garnicht um Schutz für die Juden. Die Partei selbst muß geschützt werden, daß ihr internationaler Charakter nicht verfälscht und verwässert werde. Unsere Genossen müssen von der Infektion des Hasses und der Mißachtung anderer Volksangehöriger geschützt werden. Es handelt sich um das wertvollste Instrument,, das das österreichische Proletariat besitzt — die sozialdemokratische Partei. Und deshalb muß man sich zu Maßnahmen entschließen, wenn sie auch unbequem' sind, wenn sie auch den Hakenkreuzlern eine Möglichkeit bieten werden, auf die Instinkte der unaufgev klärten Masse zu spekulieren. Wir werden gegen ihre Demagogie unsere sozialistische Aufklärungsarbeit aufbieten. Wir werden in die Lägje kommen, Erziehungsarbeit im Sinne des Internationalismus zu leisten, wie es! unsere Pflicht ist. Die sozialdemokratische Partei: Oesterreichs darf sich nicht länger um diese Frageri herumdrücken, sie muß sie vielmehr aufwerfen und beantworten, um den wahren Geist des Sozialismus zu schützen und um Gefahren vorzubeugen. M. Singer. Bernhard Brawer, Betriebsratsobmanin clor Verkehrsbank: Der Abbau?n den Banken und die jüdischen Abgebauten. Der Abbau — ein Begriff von Elend und Not — hat heute alle Schichten der Arbeiter und Angestellten erfaßt. Wahrend aber beim gelernten manuellen Arbeiter, beim erfahrenen Hilfsarbeiter oder branchekundigen Handelsangestellten die Gefahr eines gänzlichen Ausscheidens aus seinem Berufe nicht unvermeidlich ist, steht es heute fest, daß der abgebaute Bankbeamte in seinem entweder freigewählten 'oder infolge der Konjunktur erlangten Beruf nicht mehr zurückkehren kann. Das internationale Finanzkapital betätigte sich bis zum Ausbruch der Bankkrise fast ausschließlich an der Wiener Börse und trug zu einer hypertrophen Vermehrung der Banken bei. Nach dem Aufhören der Inflationskonjunktur und angesichts der Stabilisierung der Währung Oestarreichs und ganz Mitteleuropas waren die Banken genötigt, allmählich ihr Betätigungsgebiet einzuschränken. Die Berufsorganisationen der Bankangestellten konnten sich der Notwendigkeit eines Persionalabbaues1 nicht verschließen, erhoben jedoch die Forderung, daß dem Abbau von Existenzen der Abbau des hypertrophen Leitungsappa.ra.tes, der Autoparks, der Iniseiratengelder, oder bes3er gesagt Korruptionsgelder u. a.. iri. vorangehen sollte: .Es ist nicht ohne Interesse, daß die Herren im Bankenverband, bei keinem einzigen Abbau an eine Restriktion des Leitungsapparates dachten. Die Personalentlassungen, die nun seit 2 Jahren in den Bauken wüten, erstrecken sich fast ausschließlich auf die der Dienstpiuginätik unterliegenden Beamtenschaft und auf die Bankgehilfen. Den Bankbeamten ist es noch, in Erinnerung, daß die Vertreter des Ba.nkenverbandes zur Zeit der Hochkonjunktur an die „patriotischen" Gefühle der Angestelltenschaft appelliert und sie ermahnt haben, sich in jeder Beziehung Mäßigung aufzuerlegen, um die österreichische Wirtschaft aufrichten zu helfen. Wie sich aber die Bankgewalt igen die Erfüllung der ihnen obliegenden Pfllichten der Gesellschaft gegenüber vorstelllen, beweist die Tatsache, daß unter dem Vorwand, die Gelder müßten liquid sein, unserer Industrie keine nennenswerten Krediter zur Verfügung gestellt werden, dem' Handel jede Betätigungsmöglichkeit entzogen und dadurch die Arbeitslosigkeit ungeheuer vermehrt wird. Das solide Bankgeschäft wird gedrosselt und die Hauptbeschäftigung der Direktoren bestellt in der restlosen Durchführung der Maxime, daß „kein Geschäft das beste Geschäft" sei und im forcierten Personalabbau. Haben wir bisher über die Pflichterfüllung der Bankherren in geschäftlicher Beziehung gespirochen, so wollen wir nunmehr die Leistungen der Großbanken in sozialpolitischer Beziehung betrachten und geben zu diesem Zweck eine Darstellung des Abbaues mit Ende äe& Jahres 1925. Stand per Stand per Zahl der 1. Jänner 31. Dezem- Abgebauter* 1924 1925 'Anglobank 2151 1138 1016 .Bankverein 3141 2142 101T Bodencredit-Anstalt 759 513 246 'Credifc-Anstalt 23& 1910 . 412 Escompteges. . 669 510 129 Landerbank 1766 1050 716 Union-Bank . 1100 792 308 Verkehrsbank 1648 606 1042 Die Zahl der abgebauten Bankangestellten ist im Steigen begriffen und es ist nicht abzusehen, ob und wann1 der Abbau ein Ende nehmen wird. Die Not unter dieser Gruppe der Arbeitnehmer ist sehr groß, da die Umschichtungsmöglichkeiten ' angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der Wirtschaftsdepression begrenzt sind. Die von den Großbanken Abgebauten erhielten eine Abfertigung in der Höhe eines Jahresbezuges, welche in den sieltensten Fällen zur Errichtung einer Existenz ausreichte, während die Privatbanken, soweit solche noch bestehen, einen lächerlich, geringen Betrag als Abfindung ausbezahlen. Der Bezugder Arbeitslosenunterstützung, als auch die Zuschüsse des Keichsvereines der Bankbeamten und des Bundesi der Bankgehilfen beginnen erst nach Ablauf der Kündigungsbezw. Abfertisrungsfrist. Die Erlangung' einer Anstellung ist für einen Bankbeamten, abgesehen von der mangelhaftein Nachfrage, fast immöglich, da die Arbeitgeber sich einem ehemaligen Bankangestellten gegenüber in der Regel ablehnend verhalten, was mit dessen einseitiger Ausbildung motiviert wird. Soweit von einer autochthonen Bevölkerung gesprochen werden kann, und als solche bezeichnen wir die nichtjüdischen Massen, ist eine gänzliche Ausstoßung derselben aus dem normalen ökonomischen, Lebern schon deshalb eingeschränkt, weil für sie naturgemäß die wirtschafte liehen und gesellschaftlichen Umschicihtungsniögiichkeitein einer gegeben sind. Von der oben, angeführten Abbauziffer gehört beiläufig ein Drittel den Juden an. Das Problem ihrer Umschichtiingstendenz ist ein sehr kompliziertes und in absehbarer Zeit nur mit großen materiellen und ideellen Opfern zu lösen. Die bei ihnen bis jetzt zutage getretenem Bestrebungen hinsichtlich, einer Existqnzgründung gehen vorwiegend dahin, sich als Privatbeamte weiter zu betätigen; wenige haben es mit einer Beteiligung an einem Geschäftsunteirnelxmeln versucht, und eine nicht ins' Gewicht fallende Zahl hat im Handelsgewerbe die Selbständigkeit gefunden, hingegen ist kein Fall zu verzeichnen, wo. sich jemand dem Handwerk zugewendet hätte. Solange der abgebaute jüdisch© Beamte nicht die Möglichkeit, daher auch nicht das Strebein hat, als weirtfscih^ffender Faktor im Wirtschaftsleben aufzutreten, kann von einer Lösung dieses vom! Standpunkt des Sozialisten so wichtigen, ungeheuer schweren Problems, nicht die Eede sein. Es' wäre Aufga.be aller in dieser Richtung maßgebenden jüdischen Körperalschaften, der Frage der Umschulung Abgebauter jüdischer Bankangestellter mit erhöhtem Interesse näherzutreten. Die Tatsache, daß eine große Zahl von jüdischen Halb- oder Vollintelligenzlern aus ihrem; Berufe für immer ausgeschieden ist, gibt dieser Frage nicht nur das Gepräge der Aktualität, sondern atollt wieder das1 Problem der ökonomischen Bedingungen1, unter denen wir Juden leben, auf. Die Entspännung der Wirtschaftskrise. (Palästina-Rundschau.) Die Arbeitslosigkeit nimmt ab. — Große öffentliche Arbeiten. — Die Einwandeirung wächst. — Die Zahl der Einwanderer im Jahre 1925. •— Die Angelegenheit Delfiner. — Wiedereröffnung der Fabrik? — Die englischen Arbeiter unterstützen das arbeitende Palästina. — Der selbständige Kolionisationsfond der Arbeiterschaft. Die Anzeichen einer Entspannung der Wirtschafta- Qcrise in Palästina treten immer deutlicher hervor. Da sich, die Arbeitslosigkeit in Tel-Aviv am1 stärksten fühlbar macht, entfaltet die jetzige Verwaltung, die aus den Vertretern der Arbeiterschaft besteht, die größte Energie, um neue, Arbeitsgelegenheiten, au schaffen.. Die neue Voa> stadtsiedlung „Piamath Gan", die mittwegs zwischen Tel- Awiw und Petach-Tikwah liegt, wird jetzt erschlossen. Die Verbindungsstraßen werden ausgebaut. In den neuen Stadtvierteln im Norden, deren Bebauung bald1 begonnen werden soll, werden "Straßen geplant, die einen Betrag von 22.000 Pfund erfordern. Auch in den schon bestehenden Straßen sollen die Bürgersteige ausgebessert und geschmückt werden. .Diese Arbeiten werden gegen 500 Arbeitern BetgcliÄftigung geben. Dasi Budget für diese Arbeiten beläuft sich auf etwa, 40.000 Pfund, gegen 7000 Pfund steuert der Kereh Hajessod in Form eines 51/2pi,ozehtigen Kredites bei. In Haifa, Afuleh (das in Jesireel umbenannt wurde), in Akko werden auch öffentliche Arbeiten geringeren U.mfanges in Angriff genommen. Der- Versuch, jüdische Arbeiter in den alten Kolonien *zti beschäftigen, wird fortgesetzt. Es ist anzunehmen, daß die Arbeitslosigkeit in den allernächsten Wochen eine bedeutende AbnahJmfe zu verzeichnen, haben wird. Die Arbeitslosigkeit wäre ja nicht so rasch gestiegen — sie erreicht jetzt gegen 3700 — wenn nicht gleich'-' zeitig eine verstärkte Einwanderung vor sich gegangen wäre. In den letzten Monaten sind mehr Arbeiter als voriges Jahr in demselben Zeitabschnitte ins Land gekommen. Und die jüdische Arbeiterschaft des Landes' ist, trotz ihrer schwierigen Lage, gegen jede Drosselung der Einwanderung. Sie ist überzeugt, daß die Krise eine vorübergehende ist und die jüdisclien Arbeiter denken weniger an ihre Notlage als an das stete Wachsen der jüdischen Arbeiterarmee im Lande, . * Der „Dawar" nimmt zu den Gerüchten um die Schließung der Seidenfabrik des Herrn Delfiner in Tel-Awiw Stellung und führt u. a. aus: Die Fabrik des Herrn Delfiner hat 8V2 Monate existiert, der Besitzer selber hat ja zugegeben, daß das Unternehmen einige Zeit Gewinne abgeworfen hat, im übrigen ist die Zeit viel zu kurz, um' feststellen au können, ob die Erzeugung, die für den Export bestimmt war, rentabel ist. Herr Delfiner hat für die Schließung seiner Fabrik folgende Gründe angeführt: 1. Die Regierung hat der jungen Industrie durch den lSprozentigen Einfuhrzoll auf Rohprodukte Schwierigkeiten gemacht. 2. Die Stadtveawaltung von Tel-Awiw war engherzig bei der Steuerbemessung. 3. Die Arbeiter wollten unter keiner Bedingung im Akkord arbeitein und der feste Lohn hat sein Unternehmen unrentabel gemacht. Darauf erwidert der „Dawar": 1, Ohne die Regierung sonst in Schutz nehmen zu wollen, muß man. die Stichhaltigkeit dieses Grundes bestreiten. Drei Fabriksuntetrflehmen haben an die Regierung ein bis Januar befristetes Ultimatum der Bewilligung der zollfreien Einfuhr von Rohproduktein gestellt. Eines' dieser drei Unternehmen war die Seidenfabrik des Herrn Delfiner. lim Januar wurde ihnen die Bewilligung erteilt, Herr Delfiner aber hat seine Fabrik im Dezember geschlossen. 2. Die finanzielle Leitung der Stadtverwaltung von Tel-Awiw hat beireits mitgeteilt, welch weitgehende Erleichterungen Herrn Delfiner gemacht wurden: a) Es wurden ihm 10 Dunam Boden für den minimalem Pachtzins von 10 Pfund jährlich überlassen; b) für Wasserbelieferung, Straßenbau, Steuer etc. sollte Herr Delfiner für die Dauer von andertlialb Jahren insgesamt 700 Pfund zahlen. Er hat aber bloß 100 Pfund abgeführt und die Stadtverwaltung hat nicht einmal gemahnt, sie hat bisi zur Besserung der finanziellen Lage gewartet. Herr Delfiner hat nicht einmal den vierten Teil der Ausgaben, die die Stadtverwaltung von Tel-Awiw für ihn gemacht, zurückgezahlt und er klagt noch über Engherzigkeit. 3. Im Laufe der ganzen Zeit war , kein einziger Streitfall oder gar Zusammenstoß zwischen Herrn Delfiner und |len Arbeitern vorgekommen. Die Beziehungen zwischen Herrn Delfiner und den Arbeitern war die ganze Zeit hindurch die bestmöglichste. Der Arbeitslohn macht übrigen» kaum den vierten Teil der produzierten Ware aus und könnte überhaupt die Leistungsfähigkeit der Fabrik kaum ernstlich beeinflussen. „Es gibt" — schließt der Dawar" — „imi Lande und Auslande Leute, die Interesse haben, den Fall Delfiner breitzutreten. Sie bedürfen seiner als Waffe inihrem Kampfe. Der eine — gegen die Regierung; der zweite — im Kaimpfe gegen die Stadtverwaltung und die Arbeiter; ein dritter — sogar gegen den Zionismus. Da ist große Vorsicht geboten. Die Gründe der Schließung der Fabrik Delfiner sind nicht die angeführten, mian müßte' sie in einer andere» Richtung suchen." (Fortsetzung auf Seite 4.) '