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Unsere Tribüne · 1925-11-26 · 14 (26.11.1925) · p. Seite 2

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
14 (26.11.1925)
Date
1925-11-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Unsere Tribüne Nr. 14 der Ausnützung aller Möglichkeiten des Landes teilnehmen können, sie faktisch doch in der Enge und Versklavung des Kleinhändlertums und des Vermittlers gehalten werden. Beamtenstellen sind ihnen verschlossen. Nicht einmal Tramwaykondukteur kann ein Jude werden Auch nicht Hausbesorger in irgend einem Haus. Den Juden in Polen würde es als das größte Wunder und als der stärkste Beweis von Gleichberechtigung erscheinen, wenn einmal auf der Tramway ein jüdischer Kondukteur erschiene. . . . Die Märkte in den kleinen Städten werden absichtlich auf den Sabbath, auf die jüdischen Feiertage und immer weit weg von der Stadt verlegt, um die Beteiligung der Juden zu verhindern, auch wenn (est den Markten Schaden bringt. Sogar die freien Berufe isind den, Juden nicht offen. Die jüdischen Handwerker will man von den polnischen Zünften abhängig machen. Ganz zu schweigen davon, daß jüdische Handwerker von jeder Regierungs- «der stadtischen Arbeit ausgeschlossen sind, und jetzt ein Versuch gemacht wird, jeden jüdischen Handwerker zur Ablegung einer Prüfung vor den polnischen Zünften zu zwingen, durch die erst der Befähigungsnachweis erbracht werden soll. Die jüdische Bevölkerung wird in dem engen Gebiet des . Kleinhandels und der Vermittlerei gehalten. Herr Grabski, aber, Polens Minister, bemängelt es, daß Polen einen zu großen Prozentsatz an Kleinhändlern hat. Gewiß, Herr Grabski, was aber haben Sie dazu getan, welche neuen Erwerbsquellen haben Sie eröffnet, um die Anzahl der Kleinhändler zu verringern? Das jüdische Volk liebt nicht den Kleinhandel. Es befindet sich aber in diesem Berufsstand, weil es hineingedrängt wurde. In der jüdischen Masse ist ein starker Drang zu produktiver Arbeit; eine starke Sehnsucht nach Land wahrzunehmen, und wo die geringste Aussicht vorhanden ist, wenden sich Menschen dieser Arbeit zu. Junge Chassidim aus Polen, die noch niemals einen iHammer in der Hand gehalten, stehen in dem vom gelben Fieber verseuchten Sümpfen Palästinas bei den Trockenlegungsarbeiten. Jüdische junge Männer in den Städten und kleinen Städten erlernen irgend ein Handwerk. Gruppen gehen aufs Land und erlernen die Landarbeit. Andere richten Werkstätten ein und erlernen Schlosserei, Tischlerei und andere Handwerke. Darunter sind Jugendliche aus den reichsten und frömmsten Häusern, chassidische 'Kinder, Jeschiwah-Jünger in langen Kaftanen und Peoth. Ihr werdet sagen, dies geschieht für Palästina. Aber nur einer von hundert wird hinübergehen. Gebt ihnen die 'Möglichkeit, so werden sie in Polen arbeiten. Auswandern? Wohin? Amerika hat seine Tore verschlossen Brasilien und Australien sind zu weit. Palästina ist zu klein und zu arm, les kann im besten Fall ein Zwanzigstel des natürlichen Zuwachses der Juden in Polen aufnehmen. Die Juden müssen in Polen verbleiben. Sie haben kein Land, in das sie gehen könnten und sie müssen auch nicht fortwandern. Tausende Jahre leben sie dort. Das Land ist ihr Heim. Aber man hat sie wie vergiftete Ratten zusammengetrieben und in das enge Loch des Kleinhandels und der ■Vermittlerei eingezwängt, in dem sie sich gegenseitig auffressen sollen. Vom lebenden Körper zapfen sie doppelt Blut ab. Die beiden Quellen des Ruins fließen aus dem hohen Zinsfuß für Leih^eld und aus den Steuern. In den kleinen Städtchen, wo die Steuerbeamten auf die schrecklichste Weise wüten, wird Hausgerät, Bettgewand, Kramware aus den jüdischen Häusern genommen und für Steuern verkauft. Im Städtchen Kutna sah ich die ganze Wand des Magistrates mit den Quittungen der Steuerexekution beklebt. In den Warschauer jüdischen Gsasen verbreitet das „Fuhrwerk" des Finanzministeriums, das die Ware aus den Geschäften und die Einrichtung aus den Wohnungen für unbezahlte Steuern wegnimmt,, keinen geringeren Schrecken als der Leichenkarren. Und oft treffen beide Wag'cn bei einem zusammen ein. [Was Wunder, daß bei den kleinen Händlern und Kaufleuteiii eine Selbstmordepidemie entstanden ist? Nein, nicht das polnische Volk, wie sehr in ihm auch die schlechten Elemente Einfluß haben, trijgt die Verantwortung für das Zunichtewerden der „Verständigung'"' in Polen. Für alles Unglück, das auf die Juden fällt, ist nur die polnische Regierung, die, heutige polnische Regierung verantwortlich. Es hat lange gedauert, bis das polnische Volk aus dem Rausch der ersten Jahre nationaler Befreiung aufgewacht ist. Heute ist es bereits ernüchtert, es hat bereits seine nationale Freiheit und ein paar Streifen auf einer polnischen Montur rufen nicht mehr die Begeisterung der ersten Jahre hervor. Das polnische Volk ereknnt seine Pflicht, die sie sich und andern Völkern für die gewonnene Freiheit schuldet, die Rolle, die es in der menschlichen Befreiung zu spielen hat. Im Kampf für wirtschaftliche Forderungen gehen jüdische und polnische Arbeiter zusammen, so auch in den Kooperativen, Krankenkassen und anderen Einrichtungen der Arbeiterschaft. Es wird nicht lange dauern, und sie werden auch auf politischem Gebiete vereinigt sein, dann erst wird die richtige Verständigung kommen. Selbst in den ärgsten Zeiten, als Bärtcabschneiden und Hinauswerfen aus den Waggons in der Uebung war, hat Schreiber dieses an der polnischen Nation nicht verzweifelt. Wir haben die schwarzen Elemente verdammt, die die polnische Nation schänden. Wir haben die Regierung verurteilt, die allein an allen Geschehnissen Schuld trägt. Von dem Standpunkt ausgehend, daß ein Volk für die Handlungen einzelner nicht verantwortlich gemacht werden kann, daß man nicht verallgemeinern darf, haben wir ständig an das Gewissen des polnischen Volkes geglaubt. Und die, die die Lage und Stimmung in Polen kennen, die noch vor drei,-vier Jahren gegen die Juden herrschte und die Wendung zum Besseren konstatieren» die jetzt schon vorgekommen ist, müssen zugestehen, daß wir Recht behalten haben. Auch in Polen werden andere Zeiten kommen, sie sind nicht mehr fern. Unterdeß (müssen wir aber den Juden helfen, diese schreckliche Zeit zu überstehen. Die Lagie der Juden in Polen ist faktisch heute viel ärger als es früher gewesen, nur mit faktisch heute viel ärger als es früher gewesen, nur mir einem Unterschied, früher konnten sie weinen und wir konnten hier ein Geschrei erheben: „Hunger, Not, Kälte, kleine Kinder sterben" u. dgl. Heute kann man diese Anklagen nicht erheben. Aeußerlich leben sie ja ganz ruhig. Man macht keine Pogrome, Bärte werden nicht mehr abgeschnitten, man wirft auch nicht 'mehr aus den Eisenbahnwaggons. Aber in den Häusern sterben sie wie die Fliegen und sie stürzen sich aus den Fenstern auf die Brücken — und nur, weil es ihnen so gut geht. Dr. Eduard Bloch: Zur Frage der landwirtschaftlichen Kwuza. Große Unzufriedenheit hat sich innerhalb der Bewegung des zionistischen Bürgertums bemächtigt. Sie erstreckt sich nicht allein , auf die politische Gestiion der Exekutive; sie g^ilt auch der Kolonisationspolitik der zionistischen Instanzen, nicht zuletzt der landwirtschaftlichen Kolonisationspolitik. Die landwirtschaftliche Palästinakolonisation blickt schon auf die Geschichte eines halben Jahrhunderts (Baron Rothschild, Ica), die zionistische Organisation tritt aber erst seit 1908 als aktiver Kolonisator auf: im Anfang mit kleineren Versuchen, später — seit 1921 — in größerem Maßstab. Heute leben in 44 Siedlungen der zionistischen Organisation auf 100.000 Dunam bearbeiteten Bodens 5000 Menschen, von denen 3000 landwirtschaftlich ' tätig sind.*) Dem Werden und Sein, wie auch den, Lebensproblemen dieses zionistischen Kolonisationswerkes widmet jetzt sein Mitschöpfer, Dr. Arthur Ruppin, ein eigenes Buch.**) Diese Schrift verdient von uns Poale-Zion besonders angemerkt zu werden. Hier bekennt sich ein bedeutender Fachmann, der parteipolitisch nicht zu i|is gehört, zu jenen Grundsätzen, welche die jüdische Arbeiterschaft in und außerhalb Palästinas als wesentlichen Teil ihres Kolonisationsprogramms verficht, und welche von den zionistischen Kolonisationsinstanzen, weil es die Dinge selbst in die Hand diktieren, bisher betätigt, ihnen die Gegnerschaft einer bürgerlichen Opposition miteingetragen haben. Als die zionistische Organisation daranging, sich auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation aktiv zu betätigen, mußte ihr ganzes Streben vorerst darauf gerichtet sein, die geeignete Kolonisationsmethode zu erschließen. Die Versuche ihrer Vorgänger haben, wenn ihnen auch in mancher Hinsicht eine positive Bedeutung nicht abgesprochsen werden kann, hauptsächlich gelehrt, wie nicht kolonisiert werden soll. Das bisherige System erforderte in der Pflahzungswirtschaft x große Kapitalien, brachte sie in Abhängigkeit vom Konjunkturwandel des Weltmarktes und basierte ebenso wie der in den jüdischen Kolonien gleichfalls, heimische extensive Getreidebau auf fremder arabischer Arbeit: die jüdischen Besitzer ließen ihre Felder von lohnarbei- *) Die ohne tätige Mithilfe der zionistischen Organisation bestehenden ländlichen Siedlungen und das ganze städtische Siedlungswerk kommen hier nicht in Betracht. **) „Die landwirtschaftliche Kolonisation der zionistischen Organisation in Palästina", Verlag „Aufbau", Berlin, 1925. tenden F'ellachen bestellen, wenn sie es nicht vorzogen,, ihren Bdoen an Araber direkt zu verpachten. Von Krisen heimgesucht und von Schulden bedrückt, verloren die Alten bald die Freude an ihrem .Besitz. Die Jugend floh aus den Siedlungen; neue Emwanderer fanden hier keine Arbeitsmöglichkeit, sie scheiterten an der billigen arabischen Konkurrenz. Jüdisch war in den Kolonien nur der Eigentumstitel, das. Ganze bot ein Bild des Verfalls und der Verzweiflung — meisterhaft und erschütternd zugleich geschildert im seinerzeitigen Bericht der Palästina-Kommission unseres Weltverbandes. Da mußte ein neuer Weg beschritten werden. Die Aufgabe war von selbst gegeben: möglichst billige Kolonisation mit möglichst weitgehender Autarkie (Selbstversorgung) und jüdischem Arbeitseigentum an Stelle' papierner Eigentumstitel. Es hatte nun aber den Menschen, mit welchen diese Aufgabe zu bewältigen war, an zweierlei gemangelt: an den notwendigen Geldmitteln — es waren halb- und ganzprolietarische Existenzen ■— die zur Verfügung standen; und an der notwendigen praktischen Erfahrung in der Landwirtschaft.. Da hatte sich die genossenschaftliche Form der Kolonisation, nach vielfachen Wandlungen in der Kwuza verkörpert, beinahe von selber ergeben. An die Begründung von bäuerlichen Einzelwirtschaften war mit einem solchen Siedlermaterial. vorerdhand nicht zu denken. Es kam nur der Großbetrieb unter der Leitung von Agronomen und praktischen Landwirten in Betracht und hier zeigte sich bald der genos-; senschaftliche Betrieb — im Gegensatz zum .privatwirtschaftlichen mit den Mängeln der billigeren und gefügigeren arabischen Arbeit wie auch der allzu ^großen Abhängigkeit vom Markte nicht behaftet — als der geeignetere. Der Nationalfond und andere zionistische Institutionen stellten Grund und Boden, Gebäude und das Inventar bei, d. h. das materielle Substrat der Genos^ senschaft, welche nun nicht allein zur Arbeitsstätte, sondern auch zur Arbeitsschule ward für den kolonisatorischen Nachwuchs in Palästina. Die 'Kwuza ist der bisher glücklichste Versuch einer Lösung des an lind für sich komplizierten Problems der Ueberführung von Städetrn in die Landwirtschaft. Auf lange hinaus wird auf - diese ihre Funktion nicht verzichtet "werden können. Noch Jahre hindurch wird jener Teil der Einwanderung aus den Golusländern, welcher in der Landwirtschaft unterzubringen sein wird, einer praktischen landwirtschaftlichen Schulung in den genossenschaftlichen Betrieben nicht entbehren können. Jetzt bestehen in Palästina neben den kooperativen auch lebensfähige bäuerliche Einzelwirtschaften. Ihre Besitzer sind zum größten Teile aus der Schule der Kwuzot hervorgegangen. Aehnlich wie das Problem der landwirtschaftlichen Ausbildung einer Lösung, wird in der Kwuza auch das Prinzip der jüdischen Selbstarbe.it seiner Verwirklichung zugeführt. Die Kwuza ist nämlich eine Genossenschaft s e 1 b s t a r b e i t e :n d e r Landwirte und kennt überhaupt keine arabische Lohnarbeit. In dieser, wie in manch anderer Hinsicht unterscheidet sie sich wesentlich vom privatwirtschaftlichen Einzelbetrieb, der — soweit er auf auswärtige Arbeitshilfe angewiesen ist — nur allzuleic'ht dazu neigt, billigere arabische Arbeit der teueren jüdischen vorzuziehen. Ebenso ist die Kwuza der ökonomisch richtige Boden für die Anwendung des Selbstv.ersorgungs-, prinzips. Von En-Harod mit 330 und Tel-Joseph mit 292 landwirtschaftlich Tätigen abgesehen, haben auch die kleineren Kwuzot als Wirtschaftsgemeinschaften von durchschnittlich 40—45 Menschen einen relativ genügend grßen Beodarf an Produkten jeder einzelnen Art, um die zwecks Beschaffung desselben notwendige Arbeitsdifferenzierung ohne Verletzung der Gesetze der 'Wirtschaftlichkeit durchführen zu können. Die Vorzüge des Großbetriebes werden der palästinensischen Landwirtschaft nur in den Kwuzot nutzoar gemacht, ohne dabei die jüdische Arbeit der lohndrückenden arabischen Konkurrenz preiszugeben. Zu all den angeführten Momenten, welche für die Kwuza sprechen, kommt noch eines hinzu: Die Kosten der Installierung einer Sicdlerfamilie belaufen sich gegenwärtig (ohne Grund und Boden).auf 700 Pfund. Hievon entfallen auf Wohn- und Wirtschaftsgebäude 320 Pfund. Es ist nur selbstverständlich, daß der Bauaufwand für einen genossenschaftlichen Großbetrieb mit 20 Familien nicht das zwanzigfache des Bauaufwandes für ebensoviele Einzelwirtschaften beträgt. Dasselbe gilt vom Aufwand für Maschinen und Geräte. Im Vergleich mit der Einzelsiedlung ist die genossenschaftliche die billigere. Trotz einer reich gegliederten Geschichte, die mit der Gründung von Daganja 1909 einsetzt, steht die Kwuza noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung. vSie befindet sich auch jetzt noch im Stadium der Wandlung, von mannigfachen Schwierigkeiten umlauert, um zahl-

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