Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 14 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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II. fe. b. AHU •^.«-i**00 , .uiot^' -' M toB*^11, Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blunvauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 . Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 14. Wien, 26, November 1925. 2. Jahrgang. Glossen. Der Parteitag. Der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie bedeutet einen Wendepunkt in der Entwicklung der Partei. Das österreichische Proletariat und seine Führer sind sich dessen bewußt, daß ihnen in absehbarer Zeit beschieden sein kann, eine Mehrheit im Nationalrate zu werden und die Verantwortung für das Geschick: der Republik allein tragen zu müssen. In einem solchen Zeitpunkte darf das Programm der Partei keine Lücke aufweisen und es müssen Vorkehrungen getroffen werden, daß die führenden Männer' des Proletariats durch den unvermeidlichen Kontakt mit den kapitalistischen Unternehmungen, den verlockenden Versuchungen nicht unterliegen. Das ist der Sinn des Agrarprogrammes, welches der Parteitag nach sorgfältiger Beratung in der agrarpolitischen Kommission beschlossen hat. Das der Zweck des Beschlusses über die wirtschaftliebe Betätigung von Parteiorganisationen und Parteimitgliedern. Gewiß hat der Parteitag auch an die täglichen,borgendes Proletariats nicht vergessen. Der Kampf für die Arbeitslosen, um den Mieterschutz, für die Alters- und Invalidenversicherung beansprucht viel , Aufmerksamkeit und Energie. Das Referat des Gen. Danneberg und die politische Debatte haben Zeugenschaft von der politischen Reife, der Partei abgelegt. Aber der .Höhepunkt des Parteitages war das Referat Otto Bauers über das Agrarprogramm und die darauffolgende) Debatte. Da wurde es allen klar, daß die Partei nunmehr die letzte große Lücke in ihrem Programm ausgefüllt und hiemit auch das Problem der Agrarwirtsehaft im sozialistischen Sinne zu lösen versucht. Freilich ist noch viel Arbeit zu leisten^ um diegroße Masse des Proletariats, um das Heer der Partei mitglieder für die großen sozialistischen Aufgaben reif zu machen. Die Aufklärung^- und Bildungsarbeit gewinnt, im Hinblicke auf die wichtigen politischen Entscheidungen der nächsten Jahre, an Bedeutung und Aktualität. Die Partei, die ununterbrochen in die Breite wächst, muß durch das allseitige Wissen ihrer Mitglieder an Inhalt und Ideen bereichert werden. Die österreichische Sozialdemokratie, die so vieler mannigfaltiger Schwierigkeiten Herr geworden, wird auch diese Aufgabe zu erfüllen vermögen. Das hohe politische Niveau des Parteitages berechtigt zweifeEos zu dieser Annahme. In der Tschechoslowakei und in Polen. Eine Lehre und die Unbelehrbaren. Die tschechische Sozialdemokratie hat bei den Wahlen in das tschechoslowakische Abgeordnetenhaus eine empfindliche Niederlage erlitten. Sie war früher die zweitstärkste Partei gewesen, diesmal hat sie für sich kaum 29 Mandate gerettet, während die kommunistische Partei 41 Mandate erobert hat. Wenn man noch bedenkt, daß die kommunistische Partei in der Tschechoslowakei in diesem Jahre durch (die Korruptionsaffären und den zahlreichen Austritten bedeutender [Führer an Schlagkraft erheblich eingebüßt hat, erscheint die Niederlage der . Sozialdemokraten umso gründlicher.; Diese Niederlage ist einzig und allein auf die falsche Politik, die die tschechische Sozialdemokratie seit der Gründung der tschechoslowakischen (Republik verfolgt 1 hat, zurückzuführen. In der großen Koalition, die sogenannte „Troika", konnten <die tschechischen Sozialdemokraten fast niemals einen entscheidenden Einfluß im Interesse 'des Proletariats erreichen, sie haben vielmehr den bürgerlich-nationalistischen Parteien zur Verwirklichung ihrer politischen Ziele verholfen. Diese Politik konnte die Arbeitermasse auf die Dauer nicht mitmachen. Sie haben ihrer Partei — der Sozialdemokratie r— die Gefolgschaft Versagt und haben den Kommunisten zu einem "Wahlsiege verholfen.;Für Eingeweihte ist es klar, daß aus dieser Wahlentscheidung nicht zu schließen sei, daß sich das tschechische Proletariat zum Kommunismus bekehrt hat. Da die Führer der tschechischen ßozialf demokratie auf eine andere Weise nicht!zu [belehren jwaren, mußten 'sie sich diesen Schlag ins Gesicht gefallen; lassen. Wir geben "unserer Hoffnung und unserem Wunsche Ausdruck, daß die sozialdemokratischen Führer des tschechischen Proletariats die richtige Lehre aus dieser Niederlage ziehen werden und daß die Sozialdemokratie rasch ihre frühere Macht wiedererlangen wird. . * Als völlig unbegreiflich müssen wir es aber bezeichnen, 'daß fast unmittelbar nach diesem so lehrreichen Ereignis in. der Tschechoslowakei die Sozialisten des Nachbarlandes — Pole» — in eine Koalitionsregierung des reaktionären .Bauerntums und Bürgertums eingetreten sind. Die Reaktion, hat das Land |geiradezu| .zugrunde regiert; jetzt hat sie die Sozialisten herbeigerufen, |um für sie die Kastanien aus dem Feuer ku holen. Und die polnische 'Sozialdemokratie hat dieser Einladung) Folge geleistet. Das tschechoslowakische Beispiel, die Erfahrungen, die die deutschen Genossen in der Koalitionsr regierung während der Inflationskrise gemacht haben, haben also nichts gefruchtet? Oder hält vielleicht die polnische Sozialdemokratie ihr Bürgertum, ihr Großbauerntum für loyaler, demokratischer als ihre Klassengenossen in Deutschland und Tschechien? Die Politik der letzten Jahre berechtigt zu dieser Annahme keineswegs. Wir sind überzeugt, daß die polnische Sozialdemokratie durch ihren Eintritt in die Koalitionsregierung Skrzynski einen verhängnisvollen Fehler begangen hat. Die nachteiligen Folgen werden wahrscheinlich auch hier nicht ausbleiben. Es erscheint uns beinahe unfaßbar, daß, obwohl! fast die gesamte Sozialdemokratie in einer Internationale vereinigt Ist, die Parteien der Internationale aber trotzdem so selten und so wenig voneinander lernen. Oder gibt es noch immer Parteien, die unbelehrbar sind? L.,K. Herrn Dr. Leon Reich ins Stammbuch. Herr Dr. Leon Reich, der Vorsitzende des jüdischen „Kolo" im polnischem, Sejm, mild, der glorreiche Fabrikant den* „Polnisch-jüdischen Vereinbarung", ist in Amerika von der größten jüdisch-bürgorlichooi Tageszeitung „Tug" mit einem seine Politik iscluirf verurteilenden Artikel empfangen worden. Bei" Autor des Artikels, der bekannte Journalist Dr. A. Koralnik, nennt Herrn Dr. Weich u. a. einen Politikaster. Möge sich Herr Dr. Reich diesen ehrlich verdienten Titel in sein apolitisches Tagebuch an sichtbarer Stelle eintragen. J Wien, I., Schulerstraße 18, Tel. 73-2-41; l liefert gegen TEILZAHLUNG Schuhe, S ' Anzüge, Kleider, Mäntel, Damen-Modellhüte, « ■ Wäsche, sämtl. Weißwaren, ferner Stoffe, Seide usw. ■ Schalom Asch: Die Leiden der Juden in Polen. Unter der Üeberschrift „Höre jüdisches Volk das Wehgeschrei deiner Brüder in Polen", veröffentlicht Schalom. Asch im! New-Yorker „Vorwärts" einen Artikel, dem wir Nachsteheades entnehmen. Wir sind keine Feinde des polnischen Staates oder des polnischen Volkes. Wir können uns einen solchen Luxus nicht erlauben. Ueber drei Millionen Juden leben in Polen und das Schicksal der Juden ist mit den Geschicken der polnischen Nation eng" verknüpft. Wir unterdrücken jede Erinnerung an erlittene Schmach und Beleidigung. Wir verzeihen von vorneherein jede Ungerechtigkeit und Taktlosigkeit, die gegen uns begangen wird. Wir sind ständig bereit, unsere Hand zum ■•Frieden dem entgegenzustrecken, der sie nehmen will. Ein schwaches und armes Volk darf nicht so empfindlich sein und in seinem Herzen zu lange einen Haß, ein Rachegefühl W^rlittenejSchmach! und Ungerechtigkeit auf bewähren. Und als wir von drüben, nur einen Hauch der Menschlichkeit spürten, waren wir bereit, alles Erlittene zu vergessen, vom Abschneiden jüdischer Bärte bis zum Hinauswerfen aus den Waggons, Was aber ist aus all den Heilsbotschaften geworden, die wir von dorten gehört haben? Das alte russische Regime hatte in seiner Einbildung" den Typus eines Juden vor sich, den es. in der Wirklichkeit haben wollte. 'Ein Mensch, sich selbst zur Plage, den andern zur Last. Mit der Macht der großen RegierungSr maschine, die es innehatte, bemühte es sich, diesen Typus im Leben zu verwirklichen. Abgeschnitten von jedem Mittel zu einer gerechten Existenz, von jedem Tätigkeitsfeld produktiver Aktivität verjagt, wurde der Jude in jene verzweifelte, schmachvolle Existenzliosigkeit des Vermittlers und Kiteinhändlers hineingestoßen, die Soholiem Alechem geschildert hat. Und wenn der Jude moralisch nicht zu dem geistigen Krüppel wurd, den seine Feinde in ihrer Phantasie vor sich sahen, so war dies' nicht ihre Machtlosigkeit, sondern der großen moralischen Kraft der Juden zu verdanken. Physisch aber erreichten sie in gewissen Hinsichten das Ziel, das sie sich gesteckt hatten. Die heutige .russische Regierung;, wie immer wir uns zu ihr stellen mögen, bemüht sich, dies ist anzuerkennen, mit allen Mitteln die Ungerechtigkeit gutzumachen, die an uns - begangen wurde. Im Ausmaße ihrer Kräfte bemüht sie sich, die Juden vom unfruchtbaren Kleinhändlertum zur produktiven Erdarbeit zu überführen. Als die polnische Regierung uns zusammen mit ihrem eigenen Land erwarb (wir sind keine Fremden in Polen, haben uns nicht auf ihren Nacken gesetzt, wir sind nach Pofcn nicht ersti eingewandert; vergessen wir nicht, daß wir ebenso lange im Lande sitzen wie sie und Polen uns so gehört wie den Polen), hat diese polnische Regierung bis zum heutigen Tage auch nicht mit der kleinsten Maßnahme versucht, die Juden aus der schrecklichen, unnormalen Lage, in die Rußland sie hineingestoßen hatte, zu befreien. Für ihre eigene Bevölkerung tat sie etwas — wir blieben Stiefkinder. Nicht eine einzige handwerkliche Schule hat sie für jüdische Kinder errichtet. In den polnischen Handwerkerschulen nimmt man jüdische Kinder nicht auf. Und wenn man sie auch aufgenommen hätte, könnten sie doch nicht hingehen. Denn die Stimmung ist dort derart, daß Juden davonlaufen müssen, wie dies in einer höheren agrikultureilen Schule geschah, wo die polnischen Studenten die zwei Juden (einen jungen Mann und ein Mädchen) einfach zum Verlassen der Schule gezwungen haben. jBelbst die Handwerkerschulen, die die Juden selbst für sich errichtet hatten, die Schulen des „Ort" waren bis zur „Verständigung" nur mit großer Mühe und Not geduldet worden. Es macht den Eindruck, daß, trotzdem die Juden in Polen auf dem Papier gleichberechtigt sind und lan