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Unsere Tribüne · 1925-11-06 · 13 (06.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
13 (06.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Unsere Tribüne Seite 3 .Und heute gilt es nicht minder wie vor hunderten Jahren. Wir kehren zur Eigenart der Ökonomiseher\ Struktur des jüdischen Volkes zurück. Nehmen wir ein typisches Land der jüdischen Massensiedlung, über das wir genügend informiert sind: Polen. Ein jung erstandener Staat, mit dem inneren Expansionsbedürfnis, alle gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutsamen Positionen in seinem jungen Staate durch die Söhne des eigenen Volkes zu besetzen, findet auf dem Wege zur Verwirklichung dieses Bedürfnisses — wenn ich hier von Bedürfnis spreche, so meine ich das notwendige Streben, nach neuen wirtschaftlichen Positionen, welches sich aus der, wie die Statistiken zeigen, schnell volilaiehend.cn, beruflichen Differenzierung des polnischen Bauern- und Kleinbürgertums ergibt — ein Hindernis: die Juden. {Er findet sie im Handel und in Iden freien Berufemj Mit allen Mitteln und der ganzen Macht eines staatlich organisierten Volkes geht man daran, die Juden aus ihren Existenzpositionen zu entfernen. Studieret die polnische Gesetzgebung, die Berichte der Sejmverhandlungen und die Presse der letzten Jahre und ihr werdet erfahren, daß Steuerdruck, Entziehung von Konzessionen, Verweigerung von Gewerbeberechtigungen, ausgezeichnete Mittel sind, um eine schwache konkurrierende Minorität zum Fall zu bringen. Wie viele unter Euch sind Opfer des numerus clausus I Ihr habet ins Ausland auswandern müssen, weil man verhindern muß, daß Ihr auf Grund der Diplome des Staates, 'dessen Bürger Ihr seid, berufstätig werdet. Nostrifizieren äst nicht so leicht und wenn man einen Juristenberuf 'ergreifen will, muß man die Bewilligung der Regierung haben. So schließt sich der Kreis, der die Vernichtung vollendet dieser beiden Berufe, in denen die Mehrheit des jüdischen Volkes konzentriert ist. Wendet nicht ein, daß doch gerade in Polen in der iün,gsten Zeit ein Ausgleich geschlossen wurde, ein Ausgleich zwischen der polnischen Regierung und der parlamentarischen, Vertretung der Juden. Dieser Ausgleich wird über kurz oder lang durch die Macht der ökonomischen Tatsachen gesprengt werden und wir verbleiben das, was wir waren: eine' Minorität, die auf verlorenen Positionen kämpft. Für Polen hat talso das Ausstoßungsgesetz recht behalten. Wie ist es mit Ungarn? Dieser Staat macht ja nicht denselben Entwicklungsprozeß wie Polen durch, »sondern er ist ganz im Gegenteil zu Polen ein besiegter Staat, der große Gebietsteile abtreten mußte. Das entscheidende bei unserer Betrachtungsweise muß stets die Struktur unseres Volkes bleiben und sie ist in Ungarn gerade so, wie in anderen Ländern aufgebaut. Ein hinzutretendes Moment, Avelches Verfolgungen erklären soll, kann in einem Falle eine'schnelle wirtschaftliche Eint Wicklung eines Staates oder auch wirtschaftlicher Niedergang sein. Das letztere trifft auf .Ungarn zu. Nach dem militärischen und politischen Zusammenbruch dieses Teiles der gewesenen Donaumonarchie sind aus dem an Rumänien, Tschechoslowakei, Oesterreich und Jugoslawien abgetretenen Teilen ungarische Staatsbeamte, welche einst in der Epoche der Magyarisierung der Minoritäten in JJngarn aus dem Mutterlande als Verwaltungsbeamte, als Lehrer, Richter nach Siebenbürgen, Karpathorußland, Slowakei, Westungarn, Kroatien entsendet worden waren, gezwungenermaßen in ihre eigentliche Heimat zurückgekehrt. Der nach dem Trianoner Vertrage verbliebene Staat mußte Lebensmöglichkeit geben derselben Zahl von durch ihn beschäftigten Staatsbürgern, wie er sie vor dem Kriege hatte. In diesem Momente wurde die Entdeckung gemacht, daß die Juden bolschewistisch ^gesinnte, staatsgefährliche Elemente sind, die aus ihren Stellungen verdrängt werden müssen, um vaterlandstreuen Bürgern Platz zu machen. Das Uebrige kennt Ihr. Die hier anwesenden ungarischen Kollegen sind die leibhaftige Bestätigung für die Richtigkeit dessen, was ich sage. So ließe sich das Ausstoßungsgesetz, welches aus der Eigenart unseres wirtschaftlichen Aufbaues resultiert, auf jedes Land und auf jeden Konflikt zwischen den Juden und ihren Wirtsvölkern anwenden und aus dieser ^nserer Eigenart resultiert die Schicksalsgemeinschaft, die ich meine. Ihr Charakteristikum ist die jüdische Wanderbewegung. Wenn wir hier, zum Großteil Emigranten, versammelt sind, wir sind durch gemeinsames Schicksal mit denen verbunden, die zwar noch in der Heimat sind, aber die schon morgen zu uns kommen können. Wir haben aber auch die Verbindung hergestellt zu denen, deren Vorfahren wahrscheinlich, aus ähnlichen, Gründen hier eingewandert sind und die sich jetzt mit uns verbunden fühlen. Und so wie es hier mit uns Studenten ist, so ist es in allen anderen Ländern mit allen wandernden Juden, ob sie nun diesem oder einem anderen Berufe angehören. Es schlingt sich um sie als das gemeinsame Band des Leidens, dessen Ursache in dem krankhaft verzerrten Zustand unserer, wenn ich sie so nennen darf, Wirtschaft liegt. Sehen Sie, so begreifen wir unsere nicht künstlich hervorgerufene sondern aus unserem noch, immer krankem nationalen Leben kommende Verbundenheit der einzelnen Teile unseres Volkes- Und wir sind doch ein Teil davon. Nicht um Unterstützungen zu gewähren, nicht um gegen den numerus clausus zu kämpfen, nicht um dieser hoffentlich zeitlich beschränkten Ziele wegen haben wir eine so groß gedachte Organisation, wie der Weltverband es ist, geschaffen. Nicht eine paper-Organisation, wie es die Amerikaner vor anderthalb Jahren gesagt haben, sind wir, die Resolutionen faßt und Proteste sendet, sondern eine organisatorische Notwendigkeit, wie sie das Leben selbst schaffen müßte, wenn wir sie nicht geschaffen hätten. Ihr fraget mich nun, wie wir all diese Probleme, vor denen wir stehen, lösen wollen. Was für den Augenblick notwendig ist, hier wirtschaftliche Hilfe, dort Regelung der Wanderung, hier wiederum Schaffung der Voraussetzungen für die Einwanderung jüdischer Studenten. Der Kampf gegen den numerus clausus, die Gewinnung der Oeffentlichkeit für unsere Probleme und vieles andere, das wollen und müssen wir leisten; dabei aber vergessen wir unserer ganz großen Aufgabe, die vor uns steht, nicht: unsere) Hand an das eigentliche Problem zu legen, an das der Umschichtung der jüdischen IntellektuieilJien und ihre Ueberführung zu anderen als geistigen Berufen, die mehr der Erde nahe sind, und die den Menschen nicht hindern, sich zu bilden und nach Wissen zu streben. Wir träumen davon, ein kulturelles Zentrum zu werden und ein Sammelpunkt für alle geistigen Kräfte, die in unserem Volke tätig sind, um sie alle zu stellen in den Dienst der großen 'Sache: der Wiederaufrichtung eines ganzen Volkes. Notizen. Eine verkrachte „Verständigung", Viele sahen das Ende, welches nun eintrat, voraus, nur Dr. Leon Reich, der Vorsitzende des :„Jüdischen Kolo" und seine Konsorten, die kleinstädtischen Advokaten, die plötzlich in Deputaten sich verwandelten,) nur sie sahen das falsche Spiel nicht voraus. Man fand, nämlich eine glänzende Gelegenheit, alle Diplomatenkünste — die man nicht hatte — spielen zu lassen. Minister Skrzynski konnte sich nun für die zugesagte zweistündige Handelsfreiheit an Sonntagen — es blieb freilich bei. der bloßen Zusage! — frohen Mutes nach Amerika einschiffen, wo er von den Juden sehr wohlwollend empfangen wurde und sich für seine finanziellen Pläne sehr geneigt zeigten. Hieß es doch, daß von nun an, mit den Tagen der Verständigung für die Juden in Polen „eine neue Aera" beginnen 'solle! Auch Dr. Reich fuhr nach Amerika um Lorbeeren einzuheimsen, er ließ sich ein großes Festbankett machen und hatte die Unverfrorenheit auf der „Internationalen Konferenz für nationale Minderheiten" in Otawa, zu er-, klären, daß die Hoffnungen, die Juden in Polen werden eine Art Autonomie wie die Ukrainer und Weißrussen erhalten — völlig unbegründet seien. Es sei vielmehr zu befürchten, daß nicht einmal die offiziellen Zusagen seitens der polnischen Regierung erfüllt werden sollen — und alles beim alten bleiben werde. Neulich konnte man die Geschicklichkeit dieser Herren abermals kennen lernen und eine Bestätigung ihrer politischen Unreife erhalten. Anläßlich eines Mißtrauensvotum gegen das Ministerium Grabski. war eine Gelegenheit, durch die Abgabe ihrer Stimmen zum Sturze der Regierung zu verhelfen. Die Herren (vom „Kolo" konnten aber die Wichtigkeit dieses Momentes nicht erfassen und sind im Seim sehr spärlich erschienen. Oder haben sich diese Herren nicht getraut, ibei dieser Entscheidung mitzuwirken? Die jüdische Masse in Polen wurde gana einfach geprellt. Die Masse gegen deren Muttersprache als Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen — dieselben Herren im Seim vollzählig stimmten, muß die Kosten tragen und ohnmächtig zusehen, wie idia „Erwählten" ihre Aufgaben und Pflichten außeracht lassen und wenig halten von dem, was sie anläßlich der Seim-Wahlen hoch und pathetisch versprochen haben! _ J. Tiger. Abonnenten für „Unsere Tribüne" werben, heißt Mitkämpfer für unsere Bewegung gewinnen. Der polnische Dreyfuß-Prozeß. Obwolil die Enthüllungen desf sozialistischen Abgeordneten Ba.rdt im Preußischen Landtag nahezu einwandfrei bewiesen haben, daß der Attentäter auf Wojcziechowski unter den militoristisch-revolutimmren. Organisationen der Ukraine zu suchen sei, setzt die polnische Justitz die Verhandlung gegen Steiger fest. Die ganze Armee der Polizeispitzel wird mobilisiert, Zeugenaussagen werden geradezu fabriziert, die Verteidiger Steigerg werden terrorisiert, um dio Schuld diesesjungen Juden „nachzuweisen". Die polnische reaktionäre Regierung befindet sich, dank ihrer Unfähigkeit und durch die ungeheuren militärischen Rüstungen, in großer Not. Da tut es gut, die Wut des Volke;? von sich abzulenken. Gibt es ein besseres Opferlamm' für diesen Zweck, als einen, armen jüdischen Studenten? Der Revolverjournalist entpuppt sich. Wir nahem in der vorigen Niunnieir auf den Charakter de« Revolverblättchens, das sich „Die Jüdische Gemeinde" iie'tmt, in Wirklichkeit aber der BefViedigumg der Eitelkeit einiger Herren dient, hingewiesen,. In der letzten Nummer dc-snlboi)) .Blattes finden wir unter niederen Albernheiten folgende N'otitx: Provokatorische Sabbathentweihung im heiligen Lande. Die allgemeine Arbeiterorganisation (organisierte durch öffentliche Auffordeaaiingen Gruppen 'zmr Jiereisiung des Landes am Roschhascbonio, J »m Kippur und dem dazwischen liegenden Sabbat. \ Dies© Heransfordenrug, die alle bisher "dagewesenen Revokationen, der links gerichteten Arbeiterkreise in den Schatten stellt, rief in gänz Erez Jisroel flammende Entrüstung hervor. / Warum es eine Provokation ist, wenn 'Nichtreligiöse an religiösen' Feiertagen Ausflüge veranstalten,, ist wohl nur durch die reaktionäre Intoleranz dieser Herren, die angeben, „für sozialen, politischen uiucl kulturellen Fortschritt im Judentum" icinzutreten, zu erklären. Sonst belieben, die Herren, sich sozialistisch zu gebärden, aber zur Toleriorung der persönlichen Freiheit Nichtreligiöser, können sie sich, nicht aufschwingen. Was wissen diese Schmöckchiea von sozialistischem Denken 1 Aber viel wichtiger ist, daß die Mitteilung völlig unwahr ist. Es hat sich um ein Mißverständnis gehandelt und die Veranstalter haben es rechtzeitig richtiggestellt. Das verschweigen die wahrheitsliebenden Herren. Sie wollen wohl einen Beweis liefern, wie sie für die Religion im „Heiligen Lande" eine Lain,-/ie zu brechen imstande sind. Das Anschwärzen der gesamten jüdischen Arbeiterschaft Palästinas scheint diesen Herren, sogar eine gewisse Irrende zu bereiten. Dio privaten Revolverj'our'nalisten entpuppen sich nunmelrr als schwarze Intolerante und Feinde der jüdischen Arbeiterschaft? Oder ist das bl'os Unwissenheit und Leichtfertigkeit? Aus item arbeitenden Palästina. Lehrerausbildung für die jüdische Arbeiterschaft in Palästina. In der Beratung über die kulturelle Tätigkeit der Arbeiterschaft, die in Ejn-Charod (Emek Israel) am 18. Ijar d. J. stattfand, wurde der Beschluß gefaßt, daß im Zusammenhang mit der Eröffnung der „Zentralen Schule im Emek" (für die erwachsenen Arbeiterkinder) auch ein Institut zur Ausbildung von Erziehern und in . der kulturellen Arbeit Tätigen ins Leben zu rufen. (Demnächst erscheint eine Broschüre, die einer genauen Darlegung der kulturellen Tätigkeit der Arbeiterschaft Palästinas gewidmet ist. Hier möchten wir uns nur auf wenige Bemerkungen beschränken. Wir wollen das Lehrer-Institut mit der „Zentralen Schule" organisch verbunden sehen, und zwar in dem Sinne, daß die Lehrer der Zentralen Schule teilweise; auch im Institut tätig sein sollen. Es wird geplant^ im ersten Jahre etwa 30 bis 50 Absolventen der palästinensischen oder ausländischen Mittelschulen, die dem Erziehungswesen und der allgemeinen kulturellen Tätigkeit der Arbeiter nahestehen, die Möglichkeit zu einer vielseitigen, wissenschaftlichen und pädagogischen Ausbildung zu geben. Großes Gewicht soll auf die Fort-} bildung in Naturkunde, Soziologie und das Studium der Arbeiterbewegung in Palästina gelegt werden. In 'den Abendschulen für Erwachsene und in den IKinderschulen der Arbeiterschaft sind bis hundert Lehrer beschäftigt und wir wünschen diese Lehrkräfte mit all dem Wissen auszustatten, das die Arbeits- und Lebensbedingungen des Arbeiters, in Palästina erleichtern kann. Der Lehrer soll in der Flora und Fauna des Landes bewandert sein. Der Lehrer muß das Kind oder den eingewanderten Arbeiter (der größte Teil der Arbeiter Palästinas) über die nächste Umgebung, über Tier und Pflanze, über Stein und Berg, belehren können. Anderer-, seits wäre die kulturelle Tätigkeit der Arbeiter lerfoLg-, reicher, wenn die Lehrer aufs innigste mit dem Leben, und Treiben der Arbeiterschaft verknüpft sein würden. Unermeßlich groß ist der Einfluß, eines Lehrers, jder den Gedankengang und das Gefühlsleben seines Schülers' kennt. Auch die Erlernung' der hebräischen Sprache kann nicht durch rein sprachliches Vorgehen erreicht

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