Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 13 (06.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seim 2 Unsere Tribüne -- ................ ■ Nr. 13 man es doch nicht auch bei den Ausbeutern, die anderen .Völkern angehören. Aber uns bandelt sich hier nicht um die gleiche Behandlung jüdischer und nichtjüdischer Kapitalisten, sondern um viel wichtigeres und zwar: Da die „A r b ei t cr - Z e i tu ng" . nicht den. A n t i s c m i t i s m us, sondern b l o s d je A h t i s em i t e n bekämpft, da sie dem „Vorwurfe" der „V e r j u du ng" ausweicht und in ihrem Kam p f e gegen Au sb eutu ng und Kapital das jjüdischc'Wcsen des Feindes u n t e r st r e i c h t, schafft sie, sicherlich gegen ihre eigenen Absichten, einen Nährboden für die antisemitische Demagogie in den eigenen Reihen. Die Ausrede auf die Notwendigkeit dieser Taktik im politischen Kampfe, kann nicht überzeugend wirken. Eine Taktik, die den Grundsätzen so entrückt ist, kann nicht die richtige sein. Das haben wir in den Kriegsjahren in unseren eigenen Reihen schaudernd erlebt. In dem von antisemitischer 'Demagogie geradezu verseuchten Oesterreich müßte man in diesem Punkte besonders vorsichtig sein. Unserer österreichischen Partei, deren Verständnis für die sogenannte Kleinarbeit sprichwörtlich geworden ist, brauchen wir sicherlich nicht erst nachzuweisen, welche große Bedeutung diese Kleinarbeit in der politischen Erziehung für das große Werk der sozialistischen Erziehung besitzt. Die antisemitischen Stimmungen und Neigungen in der nichtjüdischen Arbeiterschaft bilden ein Hemmnis für das freie, internationale, sozialistische Denken. Von der Partei der österreichischen Sozialdemokratie, deren Mut und Entschlossenheit wir täglich bewundern, dürfen wir jüdische Genossen verlangen, daß sie auch in dieser Frage nicht anders handelt. Unsere Wünsche sind im Einklänge mit dem internationalen Sozialismus und im seinem Interesse. Man rrfuß ihnen Gehör verleihen. M. Singer. Die Spaltung in der österreichischen zionistischen Partei und die Tätigkeit für den Palästinaaufbau. Es hat keinen Sinn, noch immer den Zusammenbruch der österreichischen zionistischen. Partei bemänteln m wollen. Die Führung der Herren Stricker und Plaschkes hat die Partei zugrunde gerichtet. Die Tatsache, daß zum letzten Kongresse die „Freie zionistische Vereinigung" bedeutend mehr Stimmen als die offizielle Liste erreicht hat, war ein deutliches Symptom des Zerfalles der Partei. Es mag ja sein, daß sich momentan um die „Freie Vereinigung" manche scharen, deren Gegnerschaft zur zionistischen Partei nicht grundsätzlicher Natur ist, unbestritten bleibt es dennoch, daß für die meisten der leitenden Männer die arbeiter- und volksfeindliche Landespolitik der zionistischen Partei ausschlaggebend war. Wir haben oft die Zionisten vor dieser Politik gewarnt. Die „Obergescheiten" haben unsere Warnung nicht beachtet. Die Folgen ihrer verhängnisvolllen Politik sind nicht ausgeblieben. Der außerordentliche Parteitag der österreichischen Zionisten, der am 17. und 18. Oktober in Wien getagt hat, konnte nicht einmal eine Parteileitung zu&tandebringen und hat sich, mit der Wahl ieines dreigliedrigen. Direktoriums begnügen müssen. Die Hilferufe an die Leitung der zionistischen Weltorganisation, daß sie die „Freie zionistische Vereinigung" in Acht und Bann lege, werden kaum von Erfolg sein, denn die Partei scheint wirklich niemand hinter sich zu haben und die Leitung wird gut tun, Zurückhaltung zu üben. Aber wir wollen hier weder triumphieren, noch (Klagelieder anstimmen. Mögen die Toten die Toten begraben. Für uns gilt es, zu verhüten, daß durch den Verfall der zionistischen Partei, die Tätigkeit für Palästina in Mitleidenschaft gezogen werde. Es ist für uns. äußerst wichtig, ob es i n O e s t e r r e i c h e i n e Organisation gibt, d i e d a s Vertrauen der breiten Massen der jüdischen Bevölkerung genießt, die den Apparat besitzt, um die Beteiligung der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs an der Palästinaaufbautätigkeit erfolgreich durchzuführen. Die bürgerlichen Zionisten sind gewöhnt, von Keren- Hajessod, Keren-Kajemeth und Palästina-Amt als Ressorts ihrer Partei zu sprechen. Auch in den Jahren des Aufstieges der Partei, hatte die Tätigkeit für den Palälästinaiaufbau zweifellos viel darunter zu leiden, daß man die palästinensischen Fonds und Institutionen mit der Partei identifiziert hat. Diei Identifizierung dieser Fonds und Institutionen mit dem Trümmerhaufen, den die zionistische Partei heute darstellt, könrtte sich katastrophal auswirken. Die tristen wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande bedeuten schon an sich eine Gefährdung der Aktionen für den Palästinaaufbau,, die Zersplitterung, innerhalb des bürgerlichen Zionismus kann die Gefahr bedeutend vergrößern. Was muß also geschehen? Die Leitungen des Keren Hajessod und des Keren, Kajemeth dürfen nicht auch weiterhin fast ausschließlich von Mitgliedern der zionistischen Partei zusammengesetzt sein. Alle Gruppierungen und Organisationen, die b e r e i t sind, mitzutun, sollen, zur Teilnahme an der Leitung der F o n d s herangezogen werden. Die österreichische zionistische Partei darf aus engem Parteiinteresse die Tätigkeit für den Palästinaaufbau auf keinen Fall gefährden, wenn sie nicht sich selbst des letzten Restchens zionistischen Verantwortungsgefühls entblößen will. Die Tätigkeit für den Aufbau Palästinas steht auf dem Spiele. Es gilt, rasch und entschlossen zu handeln. L. K. Das Pioniertum. S. Orchow. Es war in der heroischen Jugendepoche . unsere!" Bewegung. Damals müßte der Träumer und der ,,'K o nstrukteur" des auferstehenden Palästina drei Dinge in sein Bild des Landes aufnehmen, von denen, zwei er ohne Bedenken einstellte: das Land, von dem zwei Drittel unbebaut auf den jüdischen Pflug warteten und das Geld, von dem man sagte, es sei bei den Juden für Palästina zu haben. Aber woher den Arbeiterpionicr nehmen, der das Land aufbaut? Dies konnte keiner überzeugend, sagen, greifbar nachweisen. Nun haben wir eine wirkliche Arbeitercmigration, eine Wanderbewegung der jüdischen Arbeit, die hohe Ziffern erreicht. Aber erzeugen könnte der frei flutende Strom der Wanderer nur ein Whitecheapel oder jein Newyork, vermehren die Gewerkschaft der Schneider oder Kappcnmacher, darüber würde er nicht hinausgehen. Doch nieiht diesen e Menschen, der eine All-right- Existenz in der Fremde gründen will, brauchen |\vir. Denn sie sind Soldaten einer Armee, die ein fertiges Wirtschaftsgebilde okkupieren kann, um in und von ihm zu leben. Aber sie bilden nicht die Avantgarde, die Grundsteine zum großen Bau dieser Wirtschaft zu legen, imstande ist. Doch einen Juden, der neue Wege sucht, der die Kraft hat, hinabzusteigen in Produktionssphärein, die für uns unberührtes Neuland sind, der in seinem Geiste das ungewohnte Bild des Arbeiterlandes trägt und willens ist, sich ihm zuliebe innerlich (ganz;zu wandeln, diesen Typus suchte man vergebens weit und breit in den Ländern der jüdischen Galuthsiedlungen. Das "körperliche Auge sah diesen Menschen nicht. Solche Dinge, wenn man sie klar nicht kennt, intuitiv erfaßt man sie doch. Der Träumer und der „Konstrukteur" fühlten, daß die Kraft des dritten Faktors sicher im jüdischen Volke, wenn auch verborgen, doch vorhanden sei. Er wußte, daß diese Kraft hie und da zum Durchbruch kam, aber nachweisen, der staunenden Welt ihn klar zeigen, das ging über seine Möglichkeiten. Der eine sah die Gestalt des jüdischen Arbeiterpioniers, unklar, wie durch einen Nebel : der Gläubige schuf aus ihm eine wirkliche Gestalt: der Skeptiker ahnte ihn gar nicht. Die Zeit gab die klarste Antwort. Die zwei, so selbstverständlich in das Bild des neuen Palästina eingestellten Vraussetzungen: Laind und Gld entschwanden in »dem 'Maße, in welchem es mit. dem Aufbau Ernst wurde. Zwei Drittel des unbebauten Landes warten noch auf den jüdischen Ackerbauer, aber dieses Land kommt nur ausnahmsweise, erkauft für schweres Geld, unter die Schneide des jüdischen Pfluges. Geld, ja, es ist in Israel vorhanden, aber in den Händen einiger wenigen. Das Vermögen des Volkes ist ärmlich und vielleicht ärmlicher als bei anderen Völkern. Es ist klein und vermehrt sich nur in Groschen. Der Pionier, der lebendige Mensch war es, der alles andere in den Schatten gestellt hat: er kam mit Elan und die anderen mußten ihm folgen: er brach alle Brücken zu Europa ab, die alte Welt blieb hinter ihm und er wurde der Erwecker der Idee und der Massen, der spiritus movens der Bewegung. Man kann sich das Bild des heutigen Palästina ohne die „dritte Aliah" nicht denken. Was wäre heute der Zionismus, wenn seine Verwirklichung von den indifferenten, tatarmen Massen des satten Bürgertums' abgehangen wäre? Es ist eine Tatsache: Erez Israel wird in Bälde Mnliria nur dem Namen nach feeinnen. Die jetzt entstehende Generation wird die Kunde von ihr, wie ein trauriges Märchen aus grauer Vorzeit anhören. Wir leugnen jg.l,nirht: Unser Mittelstand, der noch gestern ruhig und^sichöt seine Geschäfte trieb und Wechsel ausstelle, lugt nach einem Immigrationslande aus: aber Palästina — es inst noch lange nicht das Land, in dem Milch und Honig fließt. In den Jahren um 1925/26 ist es kein Eldorado für „Glücksritter". Die Epoche des Pioniertufns ist noch nicht vorbei. Auf die Dauer wird Palästina nicht das Land der „Konjunktur" und der Golus nicht das Land der Krisen sein. Wir sind in Palästina vor einer Krise nicht gefeilt. Sie kann bald heranbrechen, kann kurz oder lange dauern. Kein Land, kein Weltteil wlird in dieser Gesellschaftsordnung von ihr verschont. Der weitblickende Pionier harrt aus mit gutem Mut, er trägt mit Kraft und Mut die .Opfer des schöpferischen Aufbaues, er erstarkt in solchen Schicksalsprüfuingen. Wird der Einwanderer, der Amerika in Asien sucht, eben so standhalten? Nein! Er wird unter den ersten sein, die dem Lande den Rücken kehren. Niedergeschlagenheit und Panik wird seine Antwort auf den ersten Rückschlag der Wirtschaft sein. Seinen Blick wird er richten nach anderen Gestaden. Es sind doch dies die Enkel alter Wanderer und sie werden auch jn Palästina den ererbten Wanclerstab aus der Hand nicht geben. Gerade jetzt ist es eine der wichtigsten Aufgaben unserer Emigranteninstitutionen, ihr Augenmerk auf die Einwanderer zu lenken. Sie mögen beachten, daß dem jungen Körper der palästinensischen Wirtschaft vor allem Blut und nicht Wasser nottut. Wächst die Emigration, wachse auch unser Chaluz. Und die Arbeiterparteien müssen ihm mehr Aufmerksamkeit und mehr Kraft leihen. Denn es gilt, der Bewegung in ihrem schweren vWerke beizustehen, im Werke der Produktivierung der jüdischen Jugend und des Aufbaues des jüdischen Arbeiterheimes.. Weniger Chaos, mehr Pioniertum — und Palästina wird die letzte Etappe unserer Irrfahrt durch Jahrtausendö sein. Leo Steinig; Zur Frage der jüdischen Studentenschaft. (Aus einem Referate auf einer Tagung jüdischer Studenten in Paris.) Wenn wir die Statistiken, die unsere Forscher auf Grund der Ergebnisse amtlich vorgenommener Volkszählungen angelegt haben, durchblicekn, werden wir eine sehr interessante Feststellung machen. Die Ziffern dieser Statistiken klagen, daß in verschiedenen Ländern, sei es in Ost- oder Mittel- oder Westeuropa, 40—50 und mehr Prozent berufstätiger Juden ihre Existenz auf den Handel, auf die .Vermittlertätigkeit gründen, daß 20 bis 25 Prozent, (d-er Juden in geistigen Berufen tätig sind, daß vom Rest, der persönliche Dienste leistet oder ekinen Beruf hat, ein Bruchteil aus der .Lohnarbeit seinen Unterhalt bezieht und daß unsere Lohnarbeiter in den letzten Stadien der dem Konsum unmittelbar dienenden Produktionszweigen beschäftigt sind. Kein Bauernstand, keine Verbindung mit der Scholle,, keine nennenswerte Zahl von Juden in der Urproduktion,, keine Bodenbeständigkeit! Dieser wirtschaftliche Aufbau des jüdischen Volkes ist einerseits diie Ursache der ständigen. Konflikte der Juden mit ihren Wirtsvölkern, in deren Mitte sie in Massensiedlungen leben. Er begründet andererseits naturnotwendig unser Streben, diese Struktur umzubauen, und unser Volk umzuschichten. Hier eine kleine Digression: Der verdiente deutsche Nationalöbonom Wilhelm Roscher hat in seinem Werke r „Die Juden in der Wirtschaft des Mittelalters" ein, ich möchte sagen, Gesetz für Judenverfolgungen aufgestellt,, von dessen Gültigkeit der durch die Jahrhunderte wundgeschlagene Körper unseres Volkes beredtes Zeugnis ablegt. Er sagte ungefähr: Die Juden haben in der Mitte der Wirtsvölker stets wirtschaftliche Funktionen übernommen, die diese Völker noch nicht ausgeübt haben und sie haben'diese Funktionen auch zum Nutzen, dieser Völker erfüllt. In dem Momente' aber, in welchem diese Wirtsvölker reif wurden, die entsprechenden Funktionen selbst auszuüben, sind sie stets dazu übergegangen,, die 'Juden von ihren Positionen zu verdrängen. <Mit dem Reifwerden des Mündels wurde der Vormund lästig. Er mußte weichen. Wir kennen ja die Geschichte der Vertreibungen und der Ausstoßungen der jüdischen Gemeinschaften im ganzen Mittelalter. Untersuchet sie aller Ihr werdet sehen, daß in allen Fällen Roschers Gesetz seine Giltigkeit behält.