Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 13 (06.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b b. der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.04ZS; Bezugspreis: vierteljahrig. S*12.— halbjährig . . „ 24.- Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 13. Wien, 6. November 1925. 2. Jahrgang. Drei Neugründungen im jüdischen Wien. * Während es in der österreichischen zionistischen Partei in .allen Fugen kracht, sind in Wien drei neue jüdische Organisationen geschaffen worden, mit denen -wir uns zu befassen haben werden. Die „ V c rein i g ung f ü r soziale j ü d i s c h e Tätigkeit", die Gruppe, mit der wir gemeinsam vor rund einem Jahre den Wahlkampf in die G. K. siegreich durchgefochten haben, hat sich nunmehr konstituiert. Das erste Tätigkeitsjahr unserer Genossen aus der „Vereinigung" in der Kultusgemeinde hat zur Genüge bewiesen, daß diese Organisation einem dringenden Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt ihr Entstehen verdankt. Es gibt in Wien keine andere Gruppe, die berufen und geeignet wäre, den Kampf für die Demokratisierung der autonomen jüdischen Institutionen aufzunehmen. Keine andere Gruppe, als die ,.Vereinigung" wird die Initiative zu wahrhaft sozialer Tätigkeit unter den Juden Wiens ergreifen können. Und clic^c beiden. Aufgaben verdienen unsere größten Anstrengungen. Die Generalversammlung unserer Organisation hat allen Mitgliedern den Beitritt zur „Vereinigung" empfohlen.. Mögen unsere Genossen dieser Empfehlung Folge leisten. In alle Bezirksorganisationen sollen unsere Genossen in die bevorstehende Werbeaktion für die „Vereinigung" energisch eingreifen. Mit unseren Erfahrungen, mit unserem Wissen sollen wir dieser wichtigen Organisation dienen. Es gilt, den Kampf für die Demokratisierung des jüdischen Lebens in Wien aufzunehmen \md wir müssen, in die Schanze treten. Der nunmehr konstituierten „Vereinigung für sov.iale jüdische Tätigkeit" unseren frcunds< haftlichen Gruß und: viel Erfolg! * Das „Komitee für das arbeitende Palästina" in Wien hat einen „Verein der Freunde des arbeitenden Palästina" gegründet. Dieser Verein will alle diejenigen erfassen, die in der allgemeinen zionistischen Bewegung für diie Sache der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas eintreten, als auch jene, die außerhalb der zionisti fhen Bewegung stehen, sich aber zu den Freunden der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zählen. Dieser Verein soll e'u\ Mittelpunkt für alle, die sich mit der jüdischen Arbeit und Arbeiterschaft verbunden fühlen, werden. Unseren Genossen und Freunden müssen wir nicht erst die Bedeutung dieses Vereines nachweisen. Für uns ist es selbstverständlich, daß wir die größten Anstrengungen machen müssen, um diesen Verein zu einer Massenorganisation auszugestalten. Li- Generalversammlung unserer Organisation hat uns allen die Pflicht auferlegt, dem Vereine beizutreten. Wir zweifeln nicht daran, daß alle Genossen und Freunde ihre Pflicht erfüllen werden. * In der vergangenen Woche hat sich in Wien eine 'Sonderorganisation der Zionisten-RevisioniiSten konstituiert. Wladimir Jabotinski, der Führer dieser zionistischen Gruppe, war Taufpate bei dieser Neugründung. Die Zionisten-Revisionisten sind eine militante Vereinigung. Immer wieder kehren sie zu ihrem Lieblingsgedanken einer jüdischen Legion zurück. Auf eine eigene Armee gestützt, sollen wir die Araber von der Berechtigung unserer Ansprüche in Palästina „überzeugen". Dieser militaristische Wahnsinn würde eine Gefahr für unsere Sache bedeuten, wenn die Herren um Jabotinski nicht ziemlich vereinsamt werden. Uebrigens hat diejüdische Oeffentlichkeit viel zu rasch vergessen, daß derselbe Herr Jabotinski mit dem .•'Judenhenker Petljura. paktiert hat. Das sollte man doch nicht. Freunde der jüdischen Arbeiterschaft müssen diese „Revisionisten" als Feinde desj Aufbaues des arbeitenden Palästina betrachten und sie; danadh behandeln. Es ist kein Zufall, daß diese drei Neugründungen mit der schweren Krise in der österreichischen •zionistischen Partei zusammenfallen. Die schlechten Berater der bürgerlichen Zionisten haben ihre Partei zugrunde gerichtet. Der Schwerpunkt des jüdischen Lebens in dieser Stadt wird in andere Organisationen verlegt. Die Methode djer Bekämpfung des Antisemitismus durch die österreichische Sozialdemokratie. Kampf dem Antisemitismus oder den Antisemiten? „Bor Ainriscmifcitftmis ist also nichts anderes als eine Reaktion nii|telalterlicher, untergeböndor Gcsellselioftsschichten; gegen die ninde.ue G-esell- .sehruft, die wesentlichaus Kapitalisten und Loliuarhoiteriii bestellt, und,dient daher ■mir' ieaktionären Zwecken unter scheinbar (sozialistischem Deckinaiivtel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts1 zu schaffen haben. Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht'. Er kennt .nicht einmal die .Tilden, die er niederschreit. Sonst würde er ■wif-'sai. daß hier in England und in Amerika, dank ' ' . den 'osteuropäische»:- Antisemiten, und in der : Türkei, d'Tnk der spanischen ..Inquisition, es Taufende und aber Tausend© jüdischen, Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen. Arbeiter dio am schlimmsten ausgebeuteten nud die allerelöndesten. Wir haben, hioj in England in den letzten üwörf Monaten-"et rel \Str«Jii?&'-jüdischer Arbeiter gehabt, und da, sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital? Außerdem verdanken wir den Juden viel zu viel. Van 'Heine und Bönne zu sch.wergen, war Marx vö'n stockjüdischcin Blut; La,salle war Jude. Viele unserer besten Tente sind1 Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung für die Sache dos Proletariats im Gefängnis in Wien abbüßt, Eduard Bernstein, der Eedaktenr dr.s Londoner „Sraialdcumkrat", Paul Singer, einer unserer besten Peich.stogismän|ne;r — Leute, auf deren Freundschaft ich stolz bin, und aPes Juden! ' ' Bin ich doch selbst von der ,,Gartenlaube" zum! Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich wählen müßte, dann lieber Jude als .„Herr von"! Die zitierten Worte stammen von keinem geringeren als Friedrich Engels und sind zum ersten Male in der Wiener „A r b e i t e r - Z e i t u n g" am 9. Mai 1890 veröffentlicht worden. Diese klaren, mutigen Worte des großen sozialistischen Führers und Theoretikers sollten für jede sozialistische Partei als Richtschnur dienen. Sie haben durch' diie vielen Jahre, die verstrichen sind, an Richtigkeit nichts eingebüßt. Die „Arbeiiter-Zeitung" aber, die vor 35 Jahren diese Worte veröffentlicht hat, hat diese Methode des Kampfes gegen den Antisemitismus längst aufgegeben. Die Sozialdemokratie ist in Oesterreich der einzige Machtfaktor, der berufen und imstande ist, der Verhetzung und Verdummung der Massen durch den Antisemitismus entgegenzutreten. Die österreichische Sozialdemokratie ist eine Partei, die sich anschickt, eine Mehrheit im Lande zu werden und die politische M.ar-ht an sich zu reißen, sie muß deshalb besonders großes Ge-. wicht auf die politische Erziehung der Massen legen. Wie leistet sie nun diese Erziehungsarbeit im der Bekämpfung des Antisemitismus? Der Antisemitismus, wie jede andere Form des Chauvinismus, muß grundsätzlich bekämpft werden. Unabhängig davon, ob die Führer oder die Partei, die für den Antisemitismus eintritt, anständig, oder korrupt sind, muß ihre Anschauung an sich bekämpft werden. Es mag ja bequemer sein, die Antisemiten, als den Antisemitismus zu bekämpfen. Aber für Sozialisten ist das nebensächlich. Der Weg, der von der kapitalistischen zur sozialstischen Gesellschaft führt, ist viel mehr als unbequem und doch sind wir stolz darauf, daß .wir ihn gehen und sehnen uns nicht nach bequemen Stegen. Der vorübergehend bequeme Weg ist, von einer historischen Perspektive betrachtet, unbequem und irreführend. Wenn man täglich — wie es die „Arbeiter-Zeitung" tut — den Genossen lediglich nachzuweisen versucht, daß die Antisemiten eigentlich keine sind, daß di6 Christlichsozialen und die Hakenkreuzler „jüdisches" Geld .' für ihre Parteizwecke erhalten, welche Gedanken ruft s das in der deutschen Arbeiterschaft hervor? ' fr Der Arbeiter muß sich denken, der Antisemitismus mag ja an sich eine richtige Anschauung sein, aber die Antisemiten sind ein korruptes Gesindel, um das' „Judengeld" wilden verraten sie ihre eigenen Prinzipien. Man muß also nicht den antisemitischen Anschauungen und Losungen entgegentreten, sondern die korrupte«- Führer bekämpfen, damit würdigere und anständige zur Führung gelangen. Diese falsche politische Erziehungsmethode birgt in sich eine ernste Gefahr. Der Kampf wird ausschließlich gegen die Antisemiten gerichtet, mit dem Antisemitismus aber finden sich die Arbeiter ab. Wir aber müssen uns stets bewußt sein, daß „der Antisemitismus nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft ist." Die Taktik der „Arbeiter-Zeitung" wird um so gefährlicher, weil sie auch in der iAbweihroden demagogischen Angriffe der Antisemiten eine — unserer Meinung nach — unrichtige Methode anwendet. Die Christlic'hsoz.ialen und die Hakenkreuzler belieben es, auf ihre Rassenreinheit zu pochen und werfen der Sozialdemokratie! die jüdischen Führer und Mitglieder vor. Der Deutsche, der Internationalist Engels, zählt mit Stolz die Juden Marx, Lassalle, Bernstein, Paul Singer, Victor Adler usw. auf. Für ihn ist es selbstverständlich, daß Juden, genau wie die Angehörigen anderer Völker, einer internationalen sozialdemokratischen Partei angehören dürfen und es sei nicht notwendig, daraus ein Hehl zu machen. Nicht minder selbstverständlich ist es, daß Juden, die deutsche Erziehung genossen und deutsch fühlen, bereeihtigt sind, sich dem deutschen Volke, in unserem Falle, der deut-i sehen Arbeiterschaft, als zugehörig zu betrachten. Die „Arbeiter-Zeitung" aber tritt der Demagogie der Rassenreinheit nicht auf diese Weise entgegen. Sie bemüht sich, die Tatsache, daß zahlreiche Juden {Mitglieder der Partei sind, daß viele Führer der Partei, von Juden stammen, durch Schweigen zu umgehen. Es erweckt oft den Eindruck, daß man vor diesem „Vorwurfe" auskneifen will. Das widerspricht aber unserer Pflicht, Aufklärung im sozialistischen, im internationalen Sinne in die Arbeiterschaft zu tragen. In ihrem Bestreben, sich vom „Vorwurfe" der „Verjudung" reinzuwaschen, erlaubt sich sogar die „Arbeiter- Zeitung", auf Juden mit besonderer Wucht loszuhauen. Wir haben nicht das geringste Interesse, die besitzenden Juden in Schutz zu nehmen, aber es ist kein Grund vorhanden, warum gerade bei jüdischen Ausbeutern und Kapitalisten an ihre Abstammung erinnert 'werde. (In den meisten Fällen haben übrigens diese reichen Judenstämmlinge nicht mehr mit den Juden gemeinsam, jals mancher Genosse, der bloß von Geburt Jude ist.) Tut