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Unsere Tribüne · 1925-08-03 · 10 (03.08.1925) · p. Seite 4

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
10 (03.08.1925)
Date
1925-08-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Unsere Tribüne Nr. 10 doch die aufwachsende Jugend fa-'t ausnahmslos nicht dazu erzogen, die lkschäfiigung des Vaters zu erben, sondern als Geschi'iltsleute, Aer/te, Advokaten usw. durchs Leben zu gehen. Das trifft schon für die großen Geschälte zu. Noch schärfer tritt diese I;rschcinung in der -Provinz hervor. Die indische Provinz oder Coimtrv, wie man sie liier nennt, ist für den Kuropäcr eine nicht minder überraschende Putdeckung. Wir sind gewöhnt, mit dem jüdischen Amerika die Vorstellung einer gewaltigen Konzentration zu verbinden. Das jüdische Amerika ist für uns Newvork, Chikago. Philadelphia, Boston, Cleveland und noch einige andere große Städte mit jüdischer Massenbevölkerung. Wir übersehen, cialV Hunderttausende von Juden |n Plünderten von Gemeinden mit zwauzigtausend, zehn-, fünftausend, lausind und hundert Seelen über die ganze Länge und Breite des amerikanischen .Kontinents zerstreut leben und daß in diesen Städten und Städtchen das jüdische' Leben ganz anders aussieht als in den bekannten Ma$senstädten. Vor allem das ökonomische Leben. Die jüdische Provinz braucht den geschilderten Verwandlungsprozeß gar nicht erst durchzumachen, denn sie lebt schon von vornherein im allgemeinen nicht von Schneiderei, überhaupt nicht von Lohnarbeit oder Handwerk, sondern hauptsächlich von Handel und zum Teil freien Berufen. Wenn in den großen Städtenheute jedenfalls eine große jüdische Arbeiterklasse* lebt, welche der jüdischen Arbeiterschaft in OsteiH ropa sowohl zahlenmäßig als auch durch die Koiw zentration in mittleren und großen Betrieben und durch die höhere Technik der Arbeit weit voraus ist, so gibt es in vielen Orten in; der Oountry fast gar keine jüdischen Arbeiter, nicht einmal den jüdischen Schneider, Schuster, Bäcker, Tischler, derauch im kleinsten osteuropäischen Nest vorhanden ist. 100 Prozent der Juden leben „vom Nichtjudcn" in erster Reihe als Verkäufer verschiedenster Waren des täglichen Gebrauches (wie Lebensmittel, Kleider, Galanteriewaren usw.) Gegenwärtig ist die ökonomische Lage der Juden in Amerika im allgemeinen keine schlechte. Ls ist jedoch klar, daß ihr ganzes wirtschaftliches Leb~en sich zurzeit in einem Prozeß der Verwandlung befindet, deren Ziel die völlige Rückkehr zur Vermittlerrolle — wenn auch auf höherer Stufenleiter — zu sein scheint. In diesem Sinne scheint eine Annäherung der Großstädte an die Provinz vor sich zu gehen. Und wenn die Jugend, ch'e gegenwärtig die Schulen besucht, ins wirtschaftliche Leben eintritt, wird eine ganz neue Situation entstehen, die ihrerseits neue Probleme verhorrufen ward, die den amerikanischen Juden vorläufig sind. Ls sind das jedoch Probleme, die gar nicht neu sind in der Geschichte des jüdischen Volkes. A. S. J uris (Tel Awiw): Kleinbauernsiedlung und Kooperative. Es'äst sehr leicht, sich theoretisch zum Sozialismus zu bekennen - sehr schwer hingegen, iLm im täglichen Leben zu vie'rwirkliclreu. Und erst recht schwer ist es, sich von den letzten Resten von Ligentumspsyehologie zu befreien, die in uns allen stecken. Darum Sind es viel mehr psychologische Momente als national-kolonisatorische, die die kte'e der Kleinbauern- Siedlungen erzeugt haben. Welche sind die hauptsächlichen Motive und der Aufbauplan der Kleinbauern si ed 111n^? Wir haben auf diesem Gebiet schon gewisse Erfahrungen. Wir besitzen heute bereits eine ganze Reihe von K'leinbauenisiedluiigeu. In erster Linie kommen in Betracht Nahalal, Ljn-'i'abuii, Beujamina, Balfu'ria —■■ welche nach einem bestimmten klaren Plan aufgebaut wurden. Die Hauptmotive, die dazu gedrängt haben, sind verschieden. In der Kwuzah, das heißt in der kommunistischen Wirtschaft kann sich die Individualität nicht ausleben. Ihre Ln~ ergien sind an eine bestimmte allgemeine Wirtschaftsordnung gebunden, sie kann sich nicht dem bestimmten Zweig, zu welchem sie Neigung hat, widmen. Der Drang zur landwirtschaftlichen Arbeit hat sie nach Palästina getrieben --■ der Drang, sieh mit der Mutler Erde zu verbinden, und eine solche Liebe hat nur dann Wert, wenn sie persönliche und individuelle Verbindung mit Haus, Familie, eigenem Stall, eigenem Stück Erde hat. Natürlich hat hier auch das Pamilienproblem mitgespielt, der Gegensatz von l'amilie und .Unverheirateten in der Kwuzah, die grolle Unbequemlichkeit für Familienmitglieder wegen des Maugels au eigenen Heimen und entsprechender Kiude-rer/.iehung. Naiürlich, wenn man mit einem be>tinnnteu Zustand unzufrieden ist und nach einem anderen sucht, entsteht dann sogleich eine ganze Theorie als moralische Rechtfertigung für den neuen Plan. Das System ist folgendes. Jede Familie erhält 100 Dtiuam Erde vertragsmäßig auf 40 Jahre. Der Boden gehört ständig dem Nationalfonds und darf nicht veräußert,, nicht verteilt und nicht vererbt werden. Der Kereu Hajessod gibt.auch Anleihen für Vieh, Geräte und Häuser. Der Kleinsiedler darf nur durch seine eigene und durch die Arbeit seiner Familie ,.ein Leben macheu". Fremde Arbeit, sei es arabische oder jüdische, ist unzulässig also das Prinzip von Selbstarbeit. Gewiß kommen Fälle vor, daß zwei oder drei Familien sich zur gemeinsamen Führung einer Wirtschaft verbinden, sei es durch einen "gemeinsamen Stall oder durch gemeinsame Arbeit, wie dies sich am deutlichsten in der holländischen und kalifornischen Kwuzah gezeigt hat. Ein bestimmtes Stück Boden wird für allgemeine Bedürfnisse wie Spital, Kindergarten, Schule und andere gemeinsame Einrichtungen zugewiesen. Import und Export vollziehen sieh kooperativ. Private Kaufläden sind nicht erlaubt, der Konsum wird durch eine Abteilung des „Hamasehbir" besorgt. Die Handwerker, die nötig sind und sich im Dorf ansiedeln, erhalten je '5 Dimam 'Land, die für Haus- und Gemüsegärten genügen. So zählt beispielsweise Nahalal 80 Familien mit 450 Seelen. Unter ihnen sind 250 Landarbeiter, 144 Arbeiter (sind mit der Vorbereitung von Boden beschäftigt, 12 'Mädchen lernen in der Agrikultursehufc. . DerV>anzc Hau stellt eineiig Kreis clar,( von welchem sich Sfrahlen nach allen Seiten hinziehen. Den Kreis bilden die Häuser, hinter ihnen liegen die Ställe und hinter den' Ställen ziehen sich die Felder hin. Im Notfall kann man Mensehen und Vieh 'schneit in den Kreis konzentrieren und sich von dort aus wie von einer Festung aus verteidigen. Nunmehr wollen wir auf die Bedeutung dieses neuen Experimentes vom Standpunkte des Aufbaues von Volk und Land näher eingehen. Wir dürfen bei keiner Arbeitsposition -in" Palästina aus dem Auge verlieren, daß es Sich immer um beide Seiten unseres Aufbauplanes handelt: .Das Land muß so schnell als möglich gebaut werden -:- das Volk muß sich möglichst gut ansiedeln. Vom Anbeginn an springt es' in die Augen, daß die neue'Methode in erster Linie für Familien zugeschnitten 'ist. Ein einzelner Arbeiter kann weder das Haus noch den Gemüsegarten, noch die Wirtschaft allein versorgen. Wenn also die Familie die Grundlage der Kleinbauernsiedhmg 'ist, dann ist schon klar, daß diese Methode 'den Drang der breiten Masse nach Land, die gewiß zu 90 Prozent aus Unverheirateten besteht, nicht befriedigen kann. Weiters setzt dieses System nur solche Familien voraus, die die landwirtschaftlichen Arbeiten bereits kennen. Da sich aber im Land kaum etliche hundert solcher Familien befinden, kann der neue Plan nicht als Hauptplan zur Schaffung einer jüdischen Bauernschaft betrachtet werden, sondern nur als Teilplan zur Befriedigung von 200 -300 Familien, welche sich in eine kollektive Wirtschaft nicht einleben wollen oder 'können. Und nun wollen wir auf die Gefahren hinweisen, die auf eine solche Kleinsiedlung lauern. Wir sind weit entfernt davon, den tiefen Ernst und die Hingebung, sowohl zum l.afnd als auch zum Arbeitsgedanke'n der Ghawerim Klcinsiedler zu bezweifeln. Und 'gewiß wäre so ei'u Dorf ein Ideal in (dem „sozialistischen Rußla,iid" und mau würde sieh damit geziert Tiaben wie mit dem letzte'u Wort des Agrar- Sozialismus. Aber wir'in Palästina sind schon -ein bißchen 'reifer geworde'n und wir haben zu große Erfahruuge'ii hinter uns, um die Gefahren, die aus dem neuen Versuch entstehen können, nicht zu erkennen. Der Wille ist gewiß wichtig, aber er allein genügt .'nicht, d^emi das System muß zu einem Konflikt mit unseren Idealen eines arbeitenden Palästinas führen. Für mich wenigstens sind die Gefahren, die nicht zu vermeide'.!! sind, klar. Ist die Wirtschaft eine individuelle, dann muH es doch vorkommen, daß bei einem ei[n Vieh zugrunde geht, bei demanderen nicht, bei eiiiem der Stall abbrennt, beim zweiten nicht, eilner ist sparsamer, der zweite verschwenderischer, einer erhält vq'ii einem amerikanischen Verwandten eine Unterstützung, der zweite hat einen solchen Verwandten nicht, einer ist älter, der andere jünger, einer stärker, der andere schwächer, einer ist ständig gesund, der andere oft krank. Die Verschiedenartigkeiten haben in der Geschichte schon oft sogar primitive Gcrueinwirtschaften aufgelöst. Individuell frei, haben sie die J'endenz von Entwicklung und müssen früher oder später zu einer sozialen Differenzierung im Dorf, zu reich und arrn führen. Und da die Kleinsiedlung nur auf individuelle Arbeit zu geschnitten ist und nur soviel Land zugeteilt erhält, das genügt, um bei einem(soIchen System eine einzelne Familie zu ernähren - ist der überwiegende Teil der Jugend gezwungen, früher oder später das Dorf zu verlassen, sich frühzeitig von ihren Familien loszureißen. Und wenn man die Pacht auch auf die Kinder verteilen lassen wollte, würde erst recht die Zahl der Kinder, die Eigenschaft des Bodens, der % Reichtum an Vieh, die Ersparnisse der Eltern zum Ausdruck kommen. Was ist aber für unseren Gedanken das wichtigste: Erstens, Palästina ist ein kleines Land und wir müssen darauf achten, daß der kleinste Raum Bodens eine möglichst große Zahl Menschen ernähren und damit das Problem der Vergrößerung der Einwanderung lösen soll. Die Kleinsiedlung stellt einen bestimmten Raum für die Familie fest. Wenn dieser Raum doppelt so viel abwirft, wird er doch nicht die Bevölkerung, die auf diesem Raum lebt, verdoppeln, sondern nur den Profit des einzelnen und wird so den Prozeß der möglichst schnell zu schaffenden arbeitenden Mehrheit im Land verlangsamen. Zweitens, der Kleinsiedlungsgedanke löst nur das Problem etlicher hundert Arbeiterfamilien, welche er auf diese Weise aus den kooperativen» Wirtschaften herauszieht, damit gleichzeitig auch die zukünftigen Kooperativen ihrer besten qualifizierten Arbeitskräfte beraubend wie auch ihrer besten erzieherischen Kräfte. Damit macht die Kleinsiedlung die Erziehung zur Arbeit unmöglich oder schwächt sie mindestens ungeheuer. Die Mission der Kwuzah aber liegt in der Anpassung an die nichtqualifizierten Chaluzmassen. Es ist schwer vorauszusehen, welcher Erfolg der Kleinsiedlung beschieden sein wird. Nichtsdestoweniger freuen wir uns' mit jeder neuen Arbeitsform in Palästina und wünschen ihr den größten Erfolg. Jedenfalls befindet sie sich in Palästina derzeit noch im ersten Stadium des Experiments. | Jakob Reumann. | Mit dem ersten sozialistischen Bürgermeister der Stadt Wien verliert die österreichische Arbeiterschaft einen sehr interessanten Vertreter, der den Aufstieg des Proletariats verkörpert hat. Jakob Reumann ist als Drechslerarbeiter der Partei beigetreten und hat im Laufe eines halben Jahrhunderts'an verschiedenen Stätten für den Sozialismus gewirkt. 'Er ist als einer der ersten Sozialisten in den .Wiener Gemeinderat eingezogen, er ist 'dann der erste sozialistische Bürgermeister dieser Stadt geworden. Wenigen ist es in dem Maße, wie Genosse Reumann beschieden, den Erfolg ihres jahrelangen 'Wirkens zu erleben. Reumann durfte mit 'seinem Lebenswerk zufrieden sein. Der Drechsler Reumann 'war Zeit seines Lebens Proletarier geblieben. Nie 'hat ersieh als etwas mehr oder etwas anderes, als der Vertrauensmann der Arbeiterschaft betrachtet. Er 'ist der Arbeiterschaft und sich stets treu geblieben. Jakob Reumann, der 'disziplinierte, stets kampfbereite Genosse, der erste sozialistische Repräsentant der 'Stadt Wien, hat sich ein ewiges. Andenken bei der österreichischen und auch bei der internationalen Arbeiterschaft gesichert. * ' Das Verbandsbureau hat an die Witwß des Genossen 'Reumanu ein -Beileidsschreiben gerichtet; unsere Organisation und fdas V.B. haben dem Vorstand der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch- Österreichs ihr Beileid ausgesprochen. Ueberfa.ll auf dafti K 1 u b l<o k al <1 e< r Tiambovne r l'on le Zinn. Am \1<1, Juni aliond* drang ein Trupp Ifuki iikrou/.hT in dis Vereins lokal der P-oale '/Aon. Bio 1 fakenkreiizler demolierton die Einrieliiung^gY^enstände und .-ic11i11ü(11 auf die Anwesenden ein. Bin jüdischer Arbeiter erlitt eine schwere Kopfverletzung und lmil.tie sieh in ärztliche lich.'i.iuliung begeben. Xur ein Manu der Hakenkreuzgruppe konnte der Polizei übergeben werden.

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