Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 7 (15.05.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2822530-2822543-2822550--092-2822729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 7 Unsere Tribüne Seite 3 heitsaufgabe für das Linsengericht rechtlicher Gleichstellung. Die Emanzipation dürfte nur ein Mittel der nationalen Erhaltung sein: Sicherung des physischen Lebens, Bereicherung mit den KuHurschätzen der Völker, Erziehung zur Selbstwürde, um in der wiedergewonnenen und erstarkten inneern Freiheit, bezogen auf ein geistiges Zentrum, die sozial-ethische Mission des Bibelvolkes zu, erfüllen. Das jüdische Volk — gesundet auf seiner Heimatscholle — bedarf der sozialen Ethik der Propheten; die soziale Ethik der Propheten bedarf — wie; die nach Leben und' Lehre dualistische Geschichte des Abendlandes lehren könnte — des jüdischen Volkes. Als erster hat Heß, als die sensualistischen Epigonen Feuerbachs über die neuen Funde der Naturwissenschaft herfielen, die atomistische, dualistische, materialistische Weltbetrachtun'g bekämpft und aus seinem monistischen Grundzug heraus eine dynamische, einheitliche Weltanschauung gerettet. Gewiß: was Heß nur geahnt und zu sittlicher .'Höhe geadel't, das haben genialere Männer als er es war, analysiert, experimental gesichert, monumental aufgebaut und in einem1 leidenschaftlichen Tatwillen in den Besitzstand, in die Forderung der .Menschheit erhoben. Aber wieviele Menschen können sich des'sen rühmen, daß ihre Ahnung, für die sie — die Erfüllung weit vorwegnehmend! — gelebt, gekämpft und gelitten haben, das1 Land der Zukunft eroberte?! Wieviele? Es sind die propehtischen Naturen, die aus dem: Pathosi ihrer inneren Verbundenheit mit Welt und Menschheit die Gebundenheit rechter Wegesrichtung erfahren. Und darum: Heß war kein Genie und kein Großer. Er war mehr und .anderes; er war gesegnet. * Ferdinand Lassalle. (Aus „Franz von Sickingen".) Hutten: Ich kann nicht schweigen, kann durch Schweigen nicht Mir Obdach und des: Leibes Sicherheit erkaufen! Mich treibt der1 Geist! Ich' muß ihm Zeugnis legen, Kann nicht Verschließen, was so mächtig quillt. Je härter anwäehst die gemeine Not, Daß in Verzweiflung!, wie wenn Pest uns' schreckt, Ein jeder still ins eigne HaujS sich birgt,, f Lautlos am anderen; vorüberschleichend — Nur um so mehr treibt mich des Geist's Gewalt, Entgegen der Verheerung mich zü werfen, Je mehr sie droht, je mehr sie zu befehden!4 •O hätt' ich tausend Zungen — grade jetzt Mit allen tausenden wollt' ich zum' Lande reden! Viel lieber will ich', elenid wie ein Wild gehetzt, Von einem Dorfe mich zum andern tragen, Als an der Wahrheit schweigend zu verzagen! Wohl mag es der Gewalt, mich' zu verderben, glücken, Des Geistes Stim'me soll sie nie mir unterdrücken. "Lobt mich nicht drum, Franziskus! Viele leben, Die mich darum schon hart getadelt haben. — Und doch, wenn ich es: recht erwäge, glaub' ich, Nicht Tadel und nicht Lob drum: zu verdienen. ^Wenn eif? Gemüt mir mitgegeben ward, Dem der gemeine Schmerz weher als andern tut, Dem mehr als andern die gemeine Not Zu Herzen geht — ich kann's nicht ändern, Herr! "Es ward mir eingepflanzt! Hutten: Sieh, Franz, nur kleine Seelen bleiben hinter döm Vermögen, doch der große Mann erfüllt Das ganze Können in der großen Sache. Und wenn in ungewisser Wage schwankt Dem ernsten Prüfungsblick die eigne Kraft 'Gemessen mit der Seele großen Zwecken, — Dann schwingt er sich getrost zum' Halbgott auf, Läßt hinter sich dies Staubs Bedenklichkeiten, Verbnennt in heiliger Begeistrung Feuer Sein irdisch Teil und stürmt titanenhaft Selbst den Olymp! Das sind der Vorzeit Mären,, Das der Titanenkampf, der ewig wird geschlagen, Solang es Männer gibt und einen großen Zweck! „Es sind nur wenige Männer »unter der besitzenden Klasse, welche hochherzig genug isind, den ganzen Plunder, dem s'ie ihr .Glü'ck verdanken, von sich zu werfen und zur Idee (des Kommunismus sieh zu •erheben; und wiederum nur die (Wenigsten unter den Wenigen haben den Mut, vdie Feuerprobe den Praxis zu bestehen. Die meisten (Kommunisten aus der Klasse der Bourgeoisie 'bringen es höchstens zu Vermittlungsversuchen und allgemeinen Phrasen, welche um so hohler werden, \ je mehr es^sich um ein entschiedenes prinzipielles Auftreten handelt; zu einem ernstliehen Bruch' mit dem bestehenden' bringt es nur das Proletariat. (iHess: Die Verhandlungen, des gesetzgebenden Körpers der Republik Waadt.) Moses Hess (1847): Die Folgen der Revolution des Proletariats. Was hemmt heutzutage jeden Augenblick die Produktion? Die Handelskrisen. — Wodurch entstehen die Handelskrisen! Aus Ueberproduktion. — Wird jetzt mehr produziert, als konsumiert werden kann? Haben etwa alle Mitglieder unserer Gesellschaft im Ueberflüsse, was sie bedürfen? Nein, die meisten haben nicht einma,! das! zum Leben Notwendigste, vie;l weniger alles das, was' der Mensch zur Entwicklung seiner sämtlichen Anlagen, Fähigkeiten und Kräfte bedarf; es müßte im Gegenteil1 noch viel mehr produziert werden als produziert wird, um alle Bedürfnisse und die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Warum also kann jetzt nicht einmal dasjenige konsumiert werden, wasproduziert wird? Woher die „Ueberproduktion", dieser scheinbare Ueberfluß mitten im Mangel? — Nun, wir haben es ja gesehen: Je mehr Fortschritte die Privatindustrie macht, desto mehr häufen sich die Kapitalien in einzelnen Privathänden,. desto mehr; Sind folglich die Nichtbesitzer genötigt, ihre persönlichen Arbeitst kräfte den Besitzern zu verkaufen, um' ihre notwendigsten Lebensrnittel zu erhalten. Der Arbeiter aber, der gezwungen ist, sich selbst, oder was dasselbe ist, seine Kräfte zu verkaufen', wird! eine Ware; sein Wert steht unter denselben ökonomischen Gesetzen', wie der jeder anderen' Ware — der Fortschritt der Industrie, die Teilun'g der Arbeit,, die vervollkommr neten Produktionsinstrumente, die Konkurrenz der Maschinen sowohl1 wie der Arbeiter unter sich, machen den Arbeiter, wie jede an'dere Ware, billiger und reduzieren seinen Wert im' Durchschnitt auf seine Produktionskosten1, auf das, was' seine nackte Existenz kostet. Der Arbeiter kahn also im' Durchschnitt nicht mehr konsumieren, als was1 er zur Fristung) seiner Existenz bedarf. Er darf nicht daran denken., alle seine Bedürfnisse Zu befriedigen, seine sämtlichen Anlagen, Fähigkeiten und Kräfte zu entwickeln. — Aber selbst dasi, was er zur Fristung iseines Daseins bedarf, kann er nicht jederzeit konsumieren.^ Das ökonomische Gesetz, wonach alle Warenpreise auf die Produktionskosten; reduziert werden, ist wie jedes andere ökonomische Gesetz nur im: allgemeinen oder im Durchschnitte richtig; es ist, mit anderen: Worten, eine Abstraktion des' Verstandes, der, indem' er alle besonderen' Fälle, die verschiedenen Schwankungen der Warenpreise in den guten' und schlechten Geschäftszeiten vergleicht, die allgemeine Reger herausfindet, daß diese Warenpreise im Durchschnitte sich nach den Kosten berechnen, die ihre Produktion erheischen. Die Privatindustrie wird aber keineswegs durch dieses Gesetz geregelt. Solange die Produktion sich in den Händen von Privatleuten befindet, solange der Austausch von Produkten' ebenfalls1 nur von Prir vatleuten betrieben1, wird, kann man nie wissen, wie viel oder wie wenig produziert werden muß, um die Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen, um nicht viel1 mehr oder nicht viel weniger Waren auf den Weltmarkt zu bringen als eben (verlangt, gekauft werden können. Dadurch aber entstehen die fortwährenden Schwankungen der Warenpreise. Die guten Geschäftszeiten wechseln ab mit schlechten, die günstigen Handelskonjunkturen mit sogenannten Handelskrisen. Diese letzteren folgen regelmäßig jenen ersteren. Weil die Privatindustrie und der Privathandel' die Bedürfnisse des Weltmarktes nicht berechnen können, richtet sich in unseren gegenwärtigen Verhältnissen die Produktion nach' Anzeichen, nach trügerischen Symptomen. Werden die Waren auf dem Weltmarkte gesucht, so sucht jeder einzelne die gute Geschäftszeit so viel wie möglich' zu benützen, so wird drauffosi produziert, auf Spe-: kulation gekauft, d. h. inj der Hoffnung, die Waren später mit Profit wieder verkaufen zu können, bis sich endlich zeigt, daß der Weltmarkt überfüllt ist. . Dann wird plötzlich alles „flau", wie man sich in der Geschäftswelt auszudrücken pflegt. Die Warenpreise sinken unter ihre Produktionskosten hera,b; /die Fabrikanten, welche nicht mit Schaden produzieren wollen, lassen weniger arbeiten. Infolgedessen sinkt auch der Arbeiter unter seine Produktionskosten, wird auch der Arbeiter „flau". Er erhält alsdann für seine ' Arbeitskräfte nicht mehr soviel, als er bedarf, um nur existieren zu können. — Neue Ursache der Verminderung der Konsumtion! Die Handelskrisis steigt, die Handelsleute fallen, können sich nicht halten, machen Bankrott. Es wird immer weniger konsumiert, aber noch weniger produziert, weil' der Schrecken sich aller Fabrikanten und Spekulanten bemächtigt. Dadurch, daß schließlich weniger produziert als konsumiert wird, erreicht die Handelskrisis ihr Ende. Es zeigt sich endlich auf dem Weltmarkte eine Neigung zum Steigen der .Warenpreise; die wenigen Waren, die noch da sind, werden bald aufgekauft. Es lächelt den Kapitalisten wieder die Hoffnung auf Profit; man fängt daher wieder von neuem an zu produzieren. — Und welche Aussichten eröffnen sich dem Arbeiter, den man mit Unrecht einen „weißen Sklaven" genannt hat — er ist kein Sklave, er ist inuir eine Ware — welche Aussichten, fragen wir, eröffnen sich dieser .Ware? — Nun, auch ihr Preis wird sich -wieder erholen; die Arbeiter, welche die Krisis überstanden haben, welche nicht ganz gestorben und verdorben sind während derselben, auch sie steigen wieder im Preise. Die Folge davon ist wiederum, daß mehr' Arbeiter produziert werden, daß die Arbeiter sich vermehren — wobei nicht zu, vergessen, daß die Arbeiter sich in doppelter Weise vermehren, erstens, indem sie weniger sterben, sich mehr verheiraten,, mehr Kinder produzieren, zweitens, indem sich' mehr Menschen aus den Mittelklassen, die während der Krisen ruiniert worden sind, oder solche, die bisher ihre Arbeitskräfte der Agrikultur oder irgendeiner änderen Tätigkeit zugewendet haben, auf die industrielle oder Fabrikarbeit werfen. Diese Konkurrenz, verbunden mit der Konkurrenz der Maschinen, welche nun wieder tätlich vervollkommnet und vermehrt werden, verbunden endlich mit der jetzt wieder zunehmenden Teilung der Arbeit und fabrikmäßigen Betreibung der Handwerke — welche bis jetzt noch nicht alle un'd noch nicht ganz fabrikmäßig betrieben worden sind — alles! dieses, sagen wir, drückt rasch den Wert des Arbeiters' wieder herab. Dazu kommt, daß, die Arbeiter keineswegs so schnell im Preise steigen wie die arideren Waren, weil sie während der Krisis keineswegs alle konsumiert worden sind gleich diesen übrigen Waren, sondern größtenteils noch existieren1 — der Mensch hat ein zähes Leben. Der Arbeiter steigt daher nicht in demselben Verhältnisse, wie er gesunken ist. Er bringt es im günstigsten Falle selten weiter als zu seinen Produktionskosten. Die Konsumtion der Masse des Volkes beschränkt sich daher; fortwährend auf gewisse einfache Nahrungsmittel1, wie z. B. Brot, Kartoffeln und Brantwein und auf ebenso schlechte Klei- * dungsstoffe, Baumwollemzeug usw. — Nahrungsmittel urid Stoffe, auf .die sich1 bis jetzt auch die ganze Produktion im großen beschränkt. Wir haben somit gesehen, was heutzutage die Produktion hemmt. Es ist nicht der Mangel an Produktionskräften, es ist der Mangel1 an Kraft, zu konsumieren. Die MasSe des Volkes ist eine WareR deren Preis in den' meisten Zeiten „flau" ist, nie aber die Produktionskosten unt vieles übersteigt. Das ist die Ursache, weshalb jetzt nicht so viel konsumiert als produziert werden kann, weshalb die Produktion in ihrer Qualität sowohl wie in ihrer Quantität beschränkt ist. Die Produktion kann nur dann gehoben werden, wenn die Konsumtion gehoben wird. ,.Die Konsumtion kann aber nicht auf die Dauer vermehrt, noch weniger verbessert, sie kann weder quantitativ, noch qualitativ gehoben werden, solange der Arbeiter eine Ware ist, Solange sein Wert unter dem1 ökonomischen Gesetze der Warenpreise steht. Erst dann, wenn 'die Arbeiter nicht mehr „flau" werden,, wird auch die Produktion nicht mehr „flau" sein,, sondern alle Bedürfnisse des Menschen und Wie Bedürfnisse aller Menschen reichlich befriedigen können. Wie müssen es nun die Arbeiter anfangen, um nicht mehr flau zu werden? — Antwort: sie müssen aufhören, eine Ware zu sein, aufhören, sich den Herren Bourgeois zu verkaufen. — Wovon sollen sie aber leben, wenn sie ihre Arbeit nicht mehr den Herren Bourgeois für Geld verkaufen? — Sonderbare Frage! Wovon leben denn die Herren Bourgeois!