Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 7 (15.05.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jrirfct zusammen, um eine Persönlichkeit zu bilden: das Blut und all das Dunkle und Unbewußte, das jnit ihm sich forterbt durch die Jahrhunderte; Ueberfteferung, sei es der Familie, sei es des' Stammes; pindrücke des Elternhauses und der Jugendzeit. Nicht Veniger aber auch alles das, was nicht Stammesgeschiente, sondern Geschichte der Nation ist. Der fJation, in der viele Stämme, viele RaSsen zu einem neuen Ganzen zusammenfließen, das mehr ist, als fiur die Summe seiner Teile. Wasf dieser Gesamtnation gemeinsamer Besitz geworden ist an Aeußerem und Innerem, an Boden und Klima, an; Sage und Märchen, an Ueberlieferung und Geschichte, an Musik und Bildkunst, an ,aus gleicher Sprache erwachsene^ Dichtung und t Weltweisheit: auch das'alles'sind Elemente, die man von dem Komplex (der Persönlichkeit so wenig trennen kann, wie das' .Element der Rasse. Welches waren die Elemente, die,— soweit man in das geheimnisvolle Weben der Persönlichkeitsbildung überhaupt hineinsehen kann — den Komplex Lassalle gebildet haben? Zunächst sein Judentum. Es' war dies nicht das vor einem Jahrhundert schon hoch kultivierte Judentum des deutschen Westens, dem ein Börne, ein Heine, ein Marx entstammten, jenes1 Judentums: der" Rhein lande, dem Bonaparte als Testamentsvollstrecker der großen Revolution wenn nicht die ganze Freiheit gebracht,.; so doch die Fesseln der alten Unfreiheit entscheidend gelockert hatte. Dieses westliche Judentum, dem des deutschen Ostens an Kultur des Seins und der Sitten auch heute: noch weit voraus!, hatte schon damals vollen Anteil am geistigen Leben der Gesamtnation und war nicht nur, sondern fühlte sich auch gelöst aus der Enge des Gettos. Ganz anders das' Judentum des preußischen Ostens, zumal Oberschlesiens, aus1 dessen nicht zu erschöpfendem jüdischen Volksreichtum die Familie LassaTle (ursprünglich Wolfsohn, dann Loslauer, dann. Läs's'al) nach' Breslau gekommen ist. Hier standen die Juden 'noch unter Ausnahmerecht und Ausnahmebehan!dl!ung. Stärker als im deutschen Westen wirkte hier das Gefühl1 seelischen Verbündenseins, inniger Schicksalsgemeinschaft mit jenen Stammesbrüdern noch' weiter östlich, die gerade.in! Lasalles Jugendtagen das Opfer grauenvollster Verfolgungen waren. Das Tagebuch des Fünfzehnjährigen — LaSlsalle war am1 11. April 1825 in Breslau geboren — ist voll von' kindlichen Schwüren zukünftiger Rache, als1 deren Vollstrecker der Knabe selbst sich träumt Oer mißachtete getretene Jude, den zugleich1 keinen Augenblick das Bewußtsein verläßt, einem1 auserwählten Volke zuzugehören, der in diesem' Volke wiederum vor allen sich auserwählt fühlt/ und der lentschJossen ist, sich Wirkung und Anerkennung fcu. erzwingen — zu erzwingen um* jeden Preis1: das ist der junge Lassalle. Stärke im' Ertragen des Schwersten, zäheste Kraft des Willens, die nicht abläßt vom' einmal gesteckten Ziel, Fähigkeit der Seele,, gan'z sich zu opfern einer Sache, heiße Leidenschaftlichkeit; und schließlich, aber nicht zuletzt, das, was man bei kleineren Menschen Ehrgeiz nennen mag: so kann man die Eigenschaften umreißen, die Blut und erste KindheitSeindrücke?Lasisalle mitgegeben haben. „Vom Kopf bis zur Zehe bin ich nichts als Wille," sagt von sich schon der Zwanzigjährige, und das gleiche meint der Mann, wenn er, viel später, einmal schreibt: „Es ist eine Art Notwendigkeit in meiner Persönlichkeit, nie etwas unvollendet zu lassen, was ich jemals angefangen habe." Wennsolche Worte Lassalles Willensstärke kennzeichnen, auf die das abgebrauchte Beiwort eisern mit Recht angewandt werden darf, so charakterisiert er. jene andere, mit dieser Willenskraft in innigster Wechselwirkung stehende Seite seines Wesens, die Fähigkeit zur vollen' Hingabe an eine Sache, selbst einmal sehr schön mit den Worten: „Nicht meine Schuld, sondern höchstens mein Verdienst, wenn auch zugleich meine Dornenkrone, ist es, daß ich empfänglich bin für die Idee und für das' in sich Gerechte, und den Mut und die Treue habe, diese Gesinnung zur Tat zu treiben." Und an anderer Stelle: „Ich bin anders wie andere Mensehen. Wenn ich mir was!zu Herzen nehme, frißt'S mir die Eingeweide entzwei." Ist in LaSsalles Jugendtagen, in jenen Tagen, da .man einen Ernst Moritz Arndt und einen Schleiermacher, einen Arnold Rüge und einen Hoffmann von Fallersleben als Staatsverbrecher in hochnotpeinliche Untersuchung zieht, mehr oder weniger die ganze studentische Jugend Deutschlands demokratisch und revolutionär', so sind doppelt demokratisch und revolutionär 6:2 jüdischen Studenten, in denen das Aufbäumen gegen die Jahrhunderte alte Unterdrükkung ihres Stammes den Kampf um die geistige und politische Freiheit der Gesamtnation zur Weißglut erhitzt. Und neben dieser Leidenschaftlichkeit ihres Wollens macht sie die Schärfe ihres Denkens, die auch vor den kühnsten Folgerungen nicht zurückschreckt, zu .den geborenen Führern im großen Freiheitskampf der Zeit, diese ätzende Säure ihres Verstandes, die keinerlei Tradition anerkennt und keine Autorität, die nicht ruht, bis sie auch das dem treuen Untertanen Heiligste aufgelöst hat in seine Bestandteile — in sein Nichts ... Es wäre sonderbar, fänden wir Lassalle nicht unter diesen Führern seiner akademischen Generationen. Lassalle über das Judentum. (Aus einem Briefe an die Mubter vom 30. Juli 1844.) Man kann — und mit allem: Recht — sagen, daß die iWelt des hebräis|chen Volkes das Bild, wenn man so will, der vollendetsten Häßlichkeit darbiete, der! äußersten Gedrücktheit des Menschen vor Gott, der innersten Zerrissenheit und Haltlosigkeit, kurz der vollkommensten Serbstentfremdung des Geistes. Die jüdische iWelt ist, wie sich Hegel darüber treffend ausdrückt, „die Welt der erbärmlichen Persönlichkeit." Hier hat der Geist allen Halt verloren'.und' windet und krümmt sich wie ein Wurm' im Staube vor der abstrakten Gottheit. Und wie in der ijüdischen Anschauung diese Wesen losfigkeit und Zerrissenheit sich durch , alles Menschliche unrd Natürliche durchzieht, so .in der jüdischen Geschichte das Unglück. Denn das Unglück ist das, was' jenem innen Gebrochensein seinem Begriffe nach entspricht. Unsd wie der Hebräer in seiner Anschauung und seinem' Bewußtsein das Unglück schon in sich trägt, e'jpen als jene Zerknicktheit und als das Bewußtsein seiner absoluten Wertlosigkeit, so muß sich auch' das Unglück äußerlich in der Geschichte des jüdischen; Volkes als sein Schicksal realisieren. Und es realisierte sich auch1 in den Exilen und seinem' späteren Geschick und Knechtschaft. Die jüdische Religion ist die Religion .der harten Knechtschaft vor dem' abstrakten Geiste, .Gott; und so ist auch sein Schicksal das der'.harten' Knechtschaft. Die Geschichte hat kein Volk aufzuweisen, das mit so namenlosem Leiden verfolgt worden wäre, als das jüdische, aus dem1 einiziigen Grunde aber, weil1 die geistige Stufe, die die Welt in .dem jüdischen Volk überwinden mußte, die Stufe der .Zerrisenheit, der Knechtschaft, des Unglücks ist. Die ganze jüdische Welt, religiöse, politische usw. wird ihrem' Geist und Bewußtsein wie ihrer äußerlichen Geschichte nach am besten zusammengefaßt als die Weit des Uniglücks. Das Unglück aber, nämlich, wie es hier auftritt, als die Zerknicktheit und Haltlosigkeit in sich selbst des menschlichen' Geistes ist: das ästhetisch Häßliche. Und doch welch spekulativer Kern' liegt für den Denker in dieser Häßlichkeit der Gestaltung! In dem jüdischen' Volke hat der Geist dies .tiefe Bewußtsein seiner selbst erreicht, daß er gebrochen hat mit seiner äußerlichen kreatürlichen Erscheinung, mit der ganzen Natur selbst". Er hat sich als das Höhere erfaßt gegen alle Natur und Kreatürlichkeit, der er in allen vorangehenden Religionen hingegeben war. Die Natürlichkeit und E'ndlidbkeit ist ih'm das Wesenlose, die absolute Wesenheit fällt ihm in den abstrakten Geilst. Er ist aber festgehalten in der Sphäre dieses Wesenlosen, er ist selbst dies Wesenlose als Kreatürliches und Körperliches gegen den abstrakten Geist, der der Herr ist des an 'und für sich wertlosen Weltalls. So ist er festgebannt in die Natur und hat sie selbst an sich, sie,' die er als das absolut Nichtige erkannt gegen die Abstraktion. Und darum der Bruch mit der Welt. Er ist sich selbst das absolut Nichtige und das ist der Quell seiner Zerrissenheit und seines Unglücks. Der innere Bruch des1 Menschen mit sich selbst ist der Grund dieser Entzweiung ohne Versöhnung. Und so sehr daher auch die Gebilde .der jüdischen Welt aller objektiven, plastischen Schönheit entsagen müssen — denn Schönheit beruht auf Harmonie, auf Einheit des Menschen mit sich selbst, hier aber ist diese innere .Einheit absolut gestört, der Mensch in sich selbst gebrochen, — so sehr also, wie gesagt, ihre Gestalten der Schönheit entbehren, so sehr man sogar diesen heillosen Riß und Zwiespalt eine Entfremdung des Geistes;, ja die härteste Selbstentäußerung, die er überhaupt in der Geschichte vollbrachte, nennen mag, so darf doch nicht die Tiefe dieser Härte übersehen werden, das, was das punctum saliens dieser Selbsten tau ßerung ausmacht, nämlich: daß der Geist sich erfaßt hat als seine absolute Realität und Wahrheit nicht in der Natürlichkeit als solcher habend, daß er sein Wesen als die Freiheit der Abstraktion gegen diese Natürlichkeit, die früher seine Substanz ausmachte, begreift. Indem so sich der Geist seines Höheren, der Abstraktion, bewußt wird, stellt sich dies vollendetere Bewußtsein zuerst als Riß dar des Menschen und Geistes. — So stellt sich für den Denker grade das1, was die Häßlichkeit des Judentums (bildet, als seine Schönheit, wenn man so will; -dar. Der Mensen verlor hier alle innere Einheit mit sich, aber er mußte sie verlieren einmal, um des Wesens seines Geistes bewußtf zu werden. Die Periode dieses Schmerzes ist das Judentum; die schöne Einheit des Menschen ist zugrunde gegangen, und ohne Ersatz dafür, denn der Gott, an den es sich weggeworfen, d. h. der Geist, wie es sein Wesen erfaßt hat, ist noch nicht die totale Fülle des Geistes, sondern nur erst die kalte Einseitigkeit der Abstraktion. Theodor Zlocisti:*) Moses Hess. 'Heß 'war kein Genie und kein Großer. Diese Maßstäbe versagen gegenüber einem' Mann, durch dessen Geäder Blut vom Blute jüdischer Propheten rieselte. Er war Stürmer, der mit vulkanischem Temperamente die Festungen einer morschen Gesellschaft niederrannte. Er war ein Türmer, der mit dem feuchten Auge der Sehnsucht weit hinaüsschaute in das Lan'd der Zukunft. Er1 war kein Bahner durch das Labyrinth der Welt. Er war ein Ahner, der in der Verworrenheit des Lebens die Linie wiederfand, die der Herr zur letzten Einheit in die Versöhnung gezogen. Stark im' Leiden, groß in der Liebe, gerecht noch gegen den Feind,, dankbar gegen die Leistung, konnte er nur in einer W|elt leben, in der sich ihm das eine Weltengesetz verwirklichte, konnte er nur in einem Gesetze denken, in dem seine Welt wirklich war. So wuchs in, ihm' 'die Treue. Sich nur als Teil des Ganzen fühlend,, blieb er sich treu und1 dem Ideal1. Zutiefst beglückt von der Harmonie seiner Seele, legt erpjseine Harrnonie in die Welt, und also stand hinter jedem1 Kampf der: Sieg, hinter allem( Vergehen das Werden, hinter aller Not die Gewißheit des Friedens. Solcher Selbstsicherer, vor denen der Zweifel scheu zurückweicht, braucht die Menschheit, daß sie Zweifel1 in. ihre eigene Zweifel setzt. Solche Träumer müssen sein, daß ihr Wort und ihre Gesichte noch das Ideal' der Wirklichkeit in die Wirklcihkeit des Ideals überhöhen. Sie sind nicht Gestalter. Sie sind Schöpfer. Aus den Begabungen Seines Volkes — aus Uranläge und Schicksal — bat Heß als erster |den deutschen Sozialismus und damit den internationalen gedacht: als die Ethik der nach den Kämpfen versöhnten Menschheit. Mehren sich nicht die Zeichen, daß: die „unmittelbare Wirkung des Sieges der marxistischen Doktrin: die Horizonte der literarischen Vertreter des Sozialismus über Gebühr zu verengen und zu vereinseitigen überwunden ist?", und bestätigen die' Erfahrungen der Stunde nicht, daß nur dann der soziale Ausgleich von Dauer und wahr ist, wenn die Arbeit erst als eine Lust, als Genuß empfunden wird und der .Sinn für soziale Gerechtigkeit erst geradezu zu einem Organ der individuellen Seele geworden ist?! Wie keiner vor ihm hat Heß innerhalb der Menschheitsorganisation die Nationalität — auch die der schwachen Völker! — losgelöst von allen Herrschafts- und Machtinhalten und sie erkannt als eine organisch-kulturelle, zweckmäßig sonderbegabte Entwicklungsstufe für die geeinte Völkerfamilie. Marx hat die nationalen Energien gegenüber dem' übernationalen ökonomischen Prozeß allzu gering geachtet. Lassalle hat nur den großen staatsschöpferischen Kulturnationen das Recht der Existenz vindiziert. Und nun gewinnt der Gedanke eines Völkerbundes schrittweise an Boden, unter dessen Schutz das kulturelle Leben auch der nationalen Minderheiten gesichert sein wird. Als ersten hat Heß den Sin'n der bürgerlichen Emanzipation der Juden erkannt. Sie dürfte nicht Verrat an einem zweitausendjährigen Martyrium sein; Preisgabe eines sittlichen Ideals, einer Mensch- •*) Aus dem großen Werke: „Moses Heß, ein Vorkämpfer des Sozialismus und Zionismus".