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Unsere Tribüne · 1925-04-29 · 6 (29.04.1925) · p. Seite 2

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
6 (29.04.1925)
Date
1925-04-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Unsere Tribüne ^»Tt Nr. 6 lHil ■ lllii ■mifl Die Opfer des sozialistischen Freiheitskampfes in Palästina. _ ,' (Ueber die Ereignisse des ersten Mai in Jaffa.) Der erste Mai, der herrlichste Feiertag des Weltproletariats, hat sich in vielen Ländern unter blutigen Kämpfen durchgesetzt. Auch Palästina durfte, von diesen Kämpfen nicht verschont werden. Alis am ersten Mai 1921 die klassenbewußte jüdische Arbeiterschaft in Jaffa in geschlossenen Reihen auf die Straße zog, wurde sie von den verhetzten Arabern fiberfallen. Die jüdischen Arbeiter setzten sich zur Wehr. Jüdisches und arabisches Blut floß in Strömen. 'Als die jüdische Arbeiterschaft zum ersten Male im neu erstehenden Palästina das Recht der Arbeit proklamieren und ihre Solidarität mit dem Weltproletariate kundtun wollte, wurde sie von den Kugeln der verführten Araber begrüßt. Dem Uneingeweihten erschienen die traurigen Vorfälle des 1. Maiin Jaffa als nationaler Kampf zwischen Juden und Arabern. Dem ist aber nicht so. Der Ueberfall auf die klassenbewußten jüdischen Arbeiter reiht sich den blutigen Metzeleien, die diel Schergen des Kapitals und der Reaktion in aller Herren Länder in den Reihen der klassenbewußten Arbeiterschaft an diesem Tage angerichtet haben, lückenlos an. Der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsstufe des Landes entsprechend, sind hier die Ausführungsorgane von denen der anderen Länder etwas verschieden. ' Die arbeitenden Juden haben nach Palästina nicht bloß iprogressive Arbeitsmethoden, sondern, auch die höhere soziale Form der Arbeitsgemeinschaft igebracht. Sie haben nicht bloß neue Arbeitsmöglichkeiten auch für die arabischen Arbeiter erschlossen, sondern den Lebensstandard des Arbeiters überhaupt auf ein höheres Niveau gehoben. All das bedeutet einen Aufschwung und einen Segen auch für die arabischen Arbeiter des Landes. Was laber einen Vorteil für die gesamte Arbeiterschaft des Landes bedeutet, stellt eine ernste Gefahr für düe Grundbesitzer (Effendis genannt), der Repräsentant der besitzenden Klasse in diesem Agraiiande, dar. Der arabische Arbeitssklave ist durch den Anschauungsunterricht der jüdischen Arbeiter anspruchsvoller geworden. Er will sich mit Hungerlöhnen nicht mehr zufrieden geben und es droht Gefahr, daß die arabischen Arbeiter, ähnlich wie ihre jüdischen Klas- Duwid Bergelsohn: Aus einer kleinen Welt.*) Beile Henie entsinnt sich,- wie sie auf dem Bauernwagen sitzt: sie fährt weg, und hinter ihrem Rücken lachen die Mägde der reichen Schwiegertochter, lachen in einem fort. Und dann entsinnt sie sich: Das neue Städtchen ist ihr wildfremd. Es zieht sich den Hügelabhang entlang, am heimischen Flüßdien und hüllt sich in sommerlichem Vorabend. So sieht es damals aus, beim ersten Mal, wie sie hinkommt. Weiber, wildfremde, gehen der Herde entgegen und treiben ihr Vieh nach;Hause. Männer gehen ins Bethaus und sehen zu, wie sie, B.;H., mit dem Bauernwagen ankommt. Hier und dort bleibt man stehen und wartet ab, wo sie hinfahren würde. Und der Bauer, der sie fährt, kennt sich im Städtchen aus; er biegt in ein schmales Gäßchen, zwischen zwei höckerigen Häusern ein, und ruft zu den ihm bekannten Weibern, die sich hinstellen und gaffen: „Da hab ich ihm, dem David Leiser, sein Weib gebracht. . ." B. H. fühlt, daß dort in dem zusammengekauerten Städtchen, etwas vorgeht. Der alte David Leiser sitzt dort beim Tisch mit dem ganzen Haufen Kinder, die ihm Gilden und Vierziger an Lehrgeld einbringen; jetzt gegen Abend erklärt er ihnen die großen Buchstaben in den stark zerflickten offenen Gebetbüchern. Gerade läßt er die Kinder frei, wie sie das Haus betritt, wirft aber noch immer keinen Blick auf sie. In seinen gelblich-grauen Schnurrbart lächelnd, erhebt er sich von seinem Platz, steht mit dem Rücken zu ihr gewendet und saugt schlau an seiner kurzen, halb ausgegangenen Pfeife; vor Wohlbehagen macht er nur, wie zu sich: „Pche..." Und wie an anderen Vorabenden, geht er daraufhin ins Bethaus zum Abendgebet. Aber beim Nachhausekommen findet er: Das Zimmer aufgeräumt und *) Kapitel aus einer Erzählung* sengenossen, sich in Genossenschaften zusammenschließen werden, um den nichtstuenden, nur Gewitin heischenden Privatbesitz abzuschütteln. Der heilige Privatbesitz ist bedroht. Der Angriff tnuß abgewehrt werden. * Die Effendis, getreu dem Vorbilde ihrer Klassengenossen in allen Ländern der Welt,v bemühen sich nun, den arabischen Massen eine Bedrohung ihrer Existenz seitens der einwandernden Juden vorzutäuschen, um eine Kluft zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern zu errichten und die soziale Gefahr vom bedrohten Grundbesitze abzuwenden. Zweifellos bilden die zum überwiegenden Teile analphabetischen, politisch unaufgeklärten arabisch«! Massen ein williges Element für die Effendis. In Europa sind es unaufgeklärte Soldaten oder Söldner, cÄe gegen ihre eigenen Interessen den Dienst des Besitzes versehen. In Palästina sind es die armen, arbeitenden, unaufgeklärten Fellachen. Das ist der eigentliche Sinn des jüdisch-arabischen Konfliktes in Palästina, das die Ursache des Ueberfalles in Jaffa am 1. Mai 1921. Der Weg zum sozialen Fortschritt, zur Machtentfaltung des Proletariats führt überall über die Opfer des klassenbewußten Proletariates. In Palästina sind die jüdischen Arbeiter die Träger des' Freiheitsbanners. Unsere Besten und Wertvollsten sind auserkoren, mit ihrem Leben den Kampf um die schönere, vernünftigere Welt zu bezahlen. Deshalb ist der Kampf der jüdischen Arbeiterschaft um das neue arbeitende Palästina ein Teil des Gesamtkampfes des internationalen Proletariates, die Opfer des 1. Mai sollen in das Heldenbuch der Freiheitskämpfer «der Weltarbeiterschaft aufgenommen werden. In treuer Solidarität soll mit uns das klassenbewußte Weitproletariat der Opfer des ersten Mai in Jaffa gedenken. M. S. Von der Administration. Der heutigen Nummer liegen Erlagscheine bei und ersuchen wir unsere Abonnenten um' Einsendung des Bezugspreises. Durch p ü n k 11 i c h e Z a h 1 u n g helfen Sie uns zur Ausgestal tung unseres Organ es. sauber, das Bett in Ordnung gebracht, unterm Tisch aufgekehrt und im brennenden Ofen siedet die alte schwarz verräucherte Teekanne. Trinkt den Tee beim brennenden Oellämpchen, das auf dem dunkel ibeleuchteten Tisch steht und lächelt noch immer sein früheres Schweigerlächeln. Es gefällt ihm. Möglich, daß er ihr jetzt irgend ein Wort gesagt hätte, aber er weiß nicht, wie sie heißt. Außerdem ist sie noch wie es scheint, schamhaft, sie sitzt die ganze Zeit allein in der Küche vor dem brennenden Ofen. Als er das Lämpchen verlöscht und sich zu Bett legt, sitzt sie noch immer in der (Küche. Sie hält Idie Hände über der Brust verschränkt und blickt in den halberloschenen Ofen. Seit damals schiebt David Leiser das Lehrgeld nicht mehr in seine fettige Westentasche, er legt es in die Küche auf das gekrümmte Fensterbrett, und Beile Henie geht mit diesem Geld auf den Marktplatz und kauft ein, was alle Weiber einkaufen. Jetzt wissen auch, schon alle Weiber, daß sie pockennarbig ist. Man weiß auch, daß sie einen ordentlichen Mann hat und man erkundigt sich bei ihr: „Wie glauben Sie, sind diese Fische frisch?" Sie antwortet mit knappen Worten, sie redet beinahe niemals. Aber das ist sicher: zu kochen versteht sie. Der al'te David Leiser wundert sich geradezu: „Scheinbar, dort, bei der reichen Schwiegertochter, hat sie es erlernt." Sie stecken beide ihren Löffel in dieselbe Schüssel und sehen einander nicht an, reden nicht miteinander. Aber einmal ereignet es sich: B. H. ersteht auf dem Marktplatz wohlfeil eine Melone, eine große, gelbe Melone, die sie kaum nach Hause schleppt, so schwer ist sie, sie kocht sie mit viel Butter, mit Hirse und mit allen den Zutaten,, wie man bei der reichen Schwiegertochter zu kochen pflegte. 'Der alte David Leiser kommt vom Beten nach Hause, riecht den angenehmen Dampf und wundert sich sogar: Josef Chajim Brenner. Eines Mannes unter deri Opfertt von Jaffa müssen wir besonders gedenken — Chajim Josef Brenner. Nicht bloß, weil er zu bedeutendsten Kunstlern zählte, die wir in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht haben, sondern weil er der Edelsten einer war. Brenner (hat wohl tief schürfende und'empfundene Romane verfaßt, aber sein hohes Lied war seine verhältnismäßig kurze Lebensdauer unter der Arbeiterschaft in Palästina. Brenner war nie ein Führer der Arbeiterschaft, er ist ihnen stets Bruder gewesen. Die Arbeit und die Arbeiter hat er mit einer unvergleichlichen Inbrunst geliebt. ( Seine Liebe zu den jüdischen Brüdern, die zur Arbeit und zum Heimatboden zurückgekehrt sind, hat seine Liebe zu dent Arabern niemals beeinträchtigt. Mit allen Fasern seiner edlen Seele hing er an den armen Fellachen. Es war sein sehnlichster Wunsch: die jüdischen und arabischen Arbeiter vereint :am Aufbaue des Landes wirken zu sehen. Und die Kugel1 eines verhetzten, unwissenden Arabers hat dieses'edle, liebevolle Herz durchbohrt. . Das ist die Tragik des Todes dieses großen Mannes. M e n a c h e m. Zionismus und Klassenkampf. (Entgegnung- Herrn Oborbaurat Stricker.) III. Und nun wollen wir uns dem realpolitischen Teile der Ausführungen des Herrn Oberbaurates Stricker, die sich auf die Politik der Juden in Oesterreich beziehen, zuwenden. Welche Aufgaben hätte eine jüdischnationak Politik in Oesterreich zu erfüllen? 1. Die Eechte der Juden als Nation zu schützen, d. h. die Anerkennung der Juden als Nation und die Anwendung des Minderheitsschutzes auf die Juden in der österreichischen Republik. 2. Die bürgerlichen Rechte der Juden im staatlichen Leben zu schützen. Ad I hjaben die Wiener Zionismen ihr Desinteressemimt offen und eindeutig bekundet. Sie haben anläßlich der letzten Natio,nalratswahlen erklärt. cLaX5 sie, wenn sie gewählt werden sollten, die Anerkennung der jüdischen Nation nicht beantragen und sollte ein diesbezüglicher Antrag von anderer Seite eingebracht werden, sie für ihn nicht stimmen werden. Eö ist uns nicht bekannt, daß der sich jetzt oppositionell gebärdende Herr Striekeljemals gegen diese Verpflichtung seiner Partei aufgetreten wäre. Vielmehr war er Spitzenkandidat, als sich seine Partei von der Forderung der Anerkennmg der jüdischen Nation losgesagt hat. Wenn heute Herr Stricker und Kollegen gegen einen sozialdemokratischen Politiker, der eine; jüdische Nation „Sieh mal, woher weiß sie, daß ich Melone gerne esse?". Die erste Schüssel, die sie ihm reicht, verschwindet gleichsam unter seinen Händen. Er ißt nicht, er schlingt das Essen, er beeilt sich, beeilt sich, er leckt seine glänzend nassen Finger ab und sucht flink mit den Augen; er will noch, noch. Sie reicht ihm die zweite Schüssel, die dritte, und er beeilt sich noch immer. Jetzt spricht er zum erstenmal ein Wort zu ihr: . „Ein herrliches Essen", sagt er, „eine vortreffliche Melone." Beile Henies pockennarbiges Gesicht errötet. Sie muß für einen Augenblick in die Küche gehen. Zum errstenmal in ihnem Leben empfindet sie Glück, und es wird ihr schwindlig im Kopf. Aber am Abend wird 'David Leiser früher als sonst schläfrig, und es ergreift ihn ein solcher Frostschauder, -daß sie ihn mit beiden Federbetten zudecken muß. Er bekommt Krämpfe im Magen. In der Nacht befallen ihn so starke Schmerzen, daß alle Nachbarn im Haus zusammenlaufen. Man legt ihm gewärmte Deckel an den Bauch und heiße Flaschen an die Seite. Man ruft den Feldscher, der ihm mit kalten Fingern den heißen Bauch abklopft und ihm ins Gesicht starrt; wie ein Ziegenbock. Mit Tagesgrauen, sagt man, wurde ihm besser; er schlummerte ein, aber wieder nach einer Stunde entsteht ein neuer Lärm. Man zündet um ihn herum Kerzen 'an und fromme Juden kommen mit nassen Peies aus der Mikweh und sprechen um ihn irgendetwas aus dicken.Gebetbüchern. David Leisers Schwägerin Keile Malke zerreißt die Ohren mit ihrem Geschrei. Wie man :ihn aus dem Haus trägt auf dem kurzen und schmalen Totenbett, versucht sie mit aller Kraft sich loszureißen 'und will mit allen Leuten dem Leichenzug folgen. Weiber halten sie kaum zurück und bleiben mit ihr im Haus, und reden alle auf einmal. Und B. H. bleibt noch immer allein in der Küche und ihre schuldigen Augen schämen sich, den Menschen insiGesicht zu blicken. Schluß folgt.

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