Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 5 (06.04.1925)
- Date
- 1925-04-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Unsere Tribüne Seite 3 Als letzter sprach dann der Nestor des wissenschaftlichen Sozialismus*in Deutschland, Genosse Eduard Bernstein. Er hob besc(piders den Wert der idealistischen Leistungen der Palästinapioniere hervor und forderte die Versammlung zur solidarischen Hilfe für den Aufbau des arbeitenden Palästina auf. Die Kundgebung hat auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck gemacht, die sozialistische Presse und auch manche bürgerliche Zeitungen haben über den Verlauf der Kundgebung ausführlich berichtet. Es ist wohl zu erwarten, daß diese Kundgebung das Resultat der P. A. F.-Sammlung, die unsere Genossen in Deutschland jetzt durchführen, günstig beeinflußen wird. Die Zionisten Deutschlands und der Palästina- Arbeiter-Fonds. Der Landesverband der zionistischen Vereinigung für Deutschland hat den Palästiaa-Arbeiterfonds nicht bloß in die Liste der. offiziell zulässigen Kammlungen aufgenommen, es wurde sogar den einzelnen Ortsgruppen vorgeschlagen, daß sie einen Sonntag im Jahre für eine Haussammlung für diesen Fonds reservieren sollen. . Würden die österreichischen Zionisten auch solches Verständnis dem proletarischen .Fonds entgegenbringen? Wie die „Wiener Morgenzeitung" den Antisemitismus bekämpft. Die „Wiener Morgenzeitung" beliebt es, sich als wichtigen Faktor im Kampfe gegen den Antisemitismus aufzuspieeln. Im Inlande kann sie damitt wenig Erfolg ernten, weil man sie hier überhaupt nicht ernst nimmt. Aber an die Juden im Auslande, besonders in Amerika, ist sie unter, diesem Vionvaude ioft herangetretein und hat Geldunterstützungen beansprucht und sie wird sie wohl auch erhalten haben. Nun wollen wir an der Hand einiger Tatsachen■ nachzuweisen versuchen, wie die „Wiener Morgenzeitung" dem Antisemitismus in Wirklichkeit entgegentritt. Die Juden in der Republik Polen leben in den letzten zwei Jahren unter furchtbaren Drangsalierungen. Der Vernichtungsfeldzug' der polnischen Reaktion wurde jetzt auf das wirtschaftliche Gebiet übertragen. Die Boykottpolitik des zaristischen Polen wird jetzt mit scheinbar humanen Mitteln, a*ber umso gründlicher, und verheerender gegen die Juden angewesodet. Die jüdische Presse in Polen selbst, die Korrespondenten der jüdischen Presse im Auslande, die Jüdische Teljegraphen-Agentur (J. T, A.) veröffentlichen fast täglich ausführliche Schilderungen vom Trümmerfelde des Wirtschaftslebens der Juden.. Die „Wiener Morgenzeitung" schweigt sich über die Verfolgungen gründlich aus. Sie fühlt sich nicht verpflichtet, ihren Lesern die jetzt .in Polen herrschend©; Juidenpoitik mitzuteillen, geschweige denn gegen dies© scheinbar unblutige Bogrompolitik Protest zu erheben. Neben Polen ist noch Rumänien das Land der mittelalteiiichen Judenverfolgungen. Vor nicht langer Zeit hat in Pocsani ein regelrechter Pogrom gewütet. Aber auch das reaktionäre judenfeindliche Rumänien' steht bei der „Wiener Morgenzeitung" in ganz besonderer Gunst. Auch über die Ausschreitungen gegen die Juden in Rumänien darf nicht berichtet" und dagegen kein Protest erhoben werden. Wir behaupten, daß es kein Zufall ist, wenn die „Wiener Moi*genzeitung" diesen beiden ausgesprochen judenfeindÜchen reaktionären Regierungen neutrales Wohlwollen entgegenbringt. Es müssen gewisse Abmachungen getroffen worden sein. Wahrscheinlich hat die „Wiener Morgenzeitung" wie es im Lager des jüdisch^nationalen Bürgertums überhaupt üblich ist, ihre freie Meinungsäußerung um ein Linsengericht' verkauft. ' Für jeden Fall dienen diese Tatsachen zur Charakterisierung, wie diese arbeiterfeindliche Zeitung den Antisemitismus bekämpft. Die„Selbständigkeits"-Tendenzen in der Arbeiterschaft Palästinas. (Zu den Fragen der siebenten Weltkonferenz.) Bei der palästinensischen Arbeiterschaft und besondere bei einem gewissen Teil unserer Genossen besteht schon seit Jahren der Wunsch, selbständig über die Aufbaufragen des Landes zu entscheiden. Ich selbst hatte Gelegenheit, mich noch vor 16 Jahren in Urea Israel an Diskussionen über diese Frage zu beteiligen und auf unseren Weltkonferenzetn vor dem Kriege nahm diese Frage ebenfalls einen wichtigen Platz ein. v Es war uns schon damals klar und heute versteht es sich schon gewiß, daß die Aufgaben, welche die jüdische Arbeiterschaft in Erez Israel zu erfüllen hat, grundverschieden sind von der Tätigkeit unserer Parteien in allen anderen Ländern. Der Aufbau des Landes und des arbeitenden Erez Israel, das fortwährende Anwachsen der jüdischen Arbeiterschaft durch die Einwanderung, die Eingliederung der verschiedenartigen einwandernden Elemente, das sind Aufgaben, welche die Arbeiterschaft Erez Israels und unsere Bruderpartei als ein wichtiger Bestandteil derselben |su lösen haben und die es' in keinem anderen Lande gibt. Aber/ist deshalb unsere Bruderpartei in Erez Israel berechtigt, einen Kreis um sich au ziehen und zu sagen: Dies hier sind unsere Angelegenheiten, die ihr nicht zu verstehen imstande seid, und in die ihr euch nicht einmischendürft. I V.'enn zum Beispiel unsere Bruderpartei in Amerika behaupten würde, daß gewisse ihrer Arbeiten (zum Beispiel die Schultätigkeit) so eigenartig sind, daß keine von den Landesparteien berechtigt sei, ihr in diesem Punkte eine entscheidende Meinung zu sagen, dann wäre diese Behauptung gerechtfertigt. Amerika ist nicht nur geographisch von uns weitentfernt, sondern auch bezüglich der Wirkung auf die Verwirklichung des jüdischen Sozialismus trennt uns ein Meer. Gewiß ist uns das Leben und die Entwicklung der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika nicht gleichgültig, aber mit dieser Entwickmng ist nicht der Umbau unseres Lebeins, ist keiner von den zentralen Gedanken unserer Idee* verbunden. Es ist tatsächlich leicht möglich, daß wir in wichtigen Problemen der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas nicht genug bewandert sind. Ein solcher Einwand gegen eine Einmischung seitens der amerikanischen oder irgendeiner anderen Partei in einem ähnlichen Falle wäre berechtigt. Das gilt aber nicht von Erez Israel. Sind auch die Probleme des arbeitenden Erez- Israel eigenartig© im Vergleich mit den Aufgaben aller anderen Landesparteien, so steht doch die Erez-Israelfmge so sehr im Zentrum des jüdischen Lebens und unserer Bewegung, daß die Notwendigkeiten und die Sorgen der jüdischen Arbeiterschaft in Erez Israel ein Teil unserer aller Nöte und unserer aller Sorge sind- Trotz seiner geographischen Ferne ist Erez Israel uns nahe und vertraut. Und an der Entwicklung der jüdischen Arbeitersiedlung in Erez Israel hängt ein wichtiger Teil der Bestrebungen von uns allen, des jüdischen Sozialismus, des Poale-Zionismus. Die Genossen in E. I. haben deshalb keinesfalls das Recht auf Grund der Eigenart der Probleme des arbeitenden Erez Israel, Selbständigkeit für die wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten der Arbeiterschaft des Landes zu fordern. Außerdem besitzen sie nicht .genügende Legitimierung dazu. Erez Israel und seine Arbeiterschaft sind im Grunde genommen noch nichts fest Bestehendes, sondern ein im Wachsen Begriffenes. Und das Wachsen von Erez Israel hängt nicht nur von den Arbeitern ab, die bereits im Land© sind, sondern zu einem sehr großen Teil auch von den Zehntausenden von jüdischen Arbeitern und jungen Juden, die sich zur Arbeit vorbereiten, die noch , nicht in Erez Israel sind, sondern sich unterwegs befinden. Wenn einige tausend jüdische Arbeiter heute den aktuellen jüdischen Arbeiter- Jischuw darstellen, so sind die Zehntausende von jüdischen Arbeitern und Jugendlichen der potentielle jüdische Arbeiter- Jischuw von Erez Israel und diejenigen, die schon das Glück hatten, sich im Land anzusiedeln, haben durchaus kein Recht, diejenigen, die sich für dort rüsten und deren ganzes Sinnen und Sehnen das Leben im arbeitenden Erez Israel ist, von so wichtigen Entscheidungen auszuschließen. Die englische Verwaltung schließt die Tore von Erez Israel für die Täusende von Juden, die dorthin streben, die jüdische Arbeiterschaft von Erez Israel darf nicht die Tore des arbeitenden Erez Israel vor dem Interesse und der Beteiligung der jüdischen Arbeiterschaft der ganzen Welt und unserer Weltbewegung schließen. Unter Interesse und Beteiligung verstehen wir aber nicht nur das Schicken von Geldmitteln und nicht einmal dasj bloße Schicken von Mitarbeitern — obwohl beides sehr wichtig ist — sondern auch das Mitentscheiden in allen wichtigen Fragen des wirtschaftlichen Aufbaues, der kulturellen Entwicklung und der politischen Orientierung. Keine der wichtigen Fragen, die den Aufbau und die Entwicklung de sarbeit enden Erez Israel betreffen, sinduns fremd.un d vo n ke i ne r Entscheidung überdie Fragen dar f man un s' ausschließen. Die Probleme der jüdischen Arbeiterschaft Erez Israels und unserer dortigen Landespartei, als eines Teiles derselben, sind unsere eigenen Probleme. Aber kein geringerer Fehler als der, wenn man die Funktion unserer Landespartei in Erez Israel mit den Aufgaben irgend einer anderen unserer Landesparteien vergleichen wollte, ist es, wenn die Genossen in E. I. die Eigenart von E. I, so darstellen wollen, als ob für sie überhaupt keine allgemeinen Regeln und Erfahrungen Geltung hätten. Die wirtschaftlichen Probleme und die politischen Fragen Erez Israels sind von den allgemeinen Grundgesetzen beherrscht, die auf der ganzen Welt und bei allen Völkern wirken. Diese Grundgesetz© können hier besonder© Formen annehmen, die der aLge im Land, den Verhältnissen im Volk angepaßt sind, aber im Grunde sind sie keine Ausnahmen. Die Antwort, die man so oft von Genossen aus E. I, zu hören bekommt: Ja, bei Euch, bei den Landesparteien des Galuth kann das schon sein, aber bei uns in E. I, ist das nicht möglich — ist sehr oft eine Uebertreibung, eine Oberflächlichkeit, die bloß die Verschiedenheit der Form sieht. In manchen Erscheinungen des Arbeiterlebens in .E. I« — besonders auf dem Gebiet des Genossenschaftswesens — von dem es im ersten Augenblick scheint, sie seien originell, könnte man bei eernster Untersuchung Gleichartiges in früheren Zeiten und anderen Ländern finden. Man hüte sich vor Uebertreibung. Und zum Schluß will ich noch kurz darauf hinweisen, daß diese übertriebenen Bestrebungen nach Selbständigkeit und das Uebertreiben der Eigenart einen großen Schaden, zu verursachen imstande sind. Sie könnten die Zehntausende jüdischer Arbeiter, die noch im Galuth sind, die Anwärter für den Erez-Israel-Aufbau abstoßen. Will man nicht die jüdische Arbeiterschaft im Galuth zu bloßen Geldsammlern für das arbeitende E. I, degradieren* dann darf man sich., nicht mit dem Zaun der Eigenart umgeben, dann darf man sich nicht starrsinnig auf Autonomie festlegen, auf Selbständigkeit der jüdischen Arbeiter, die bereits im Lande sind, sondern alle Angelegenheiton und Probleme- '•des arbeitenden Erez Israel und der Arbeiterschaft des Landes müssen in Gemeinschaft mit den jüdischen Arbeitern aller Länder untersucht werden. Das L.os des arbeitenden Erez Israel ist von der ganzen jüdischen sozialistischen (Arbeiterschaft abhängig, das Los unserer Partei in Erez£ Israel ist von unserer ganzen Weltbewegung abhängig und deshalb haben das1 volle Recht der Entscheidung in allen Fragen alle Vertreter unserer Landesparteien. Wenn die Vertreter auf der 7. Weltkonferenz, insbesandere die Delegierten von Erez Israel in diesem Sinne handeln werden, dann werden viele Hindernisse auf dem Weg zu einer vollen Verständigung zwischen allen Teilen unserer Weltbewegung weggeräumt werden. M. S. Bus Oer Wiener jiiiisdien 6emein0e. Budgetdebatte in der jüdischen Gemeinde. Am 15. März begann die Budgetberatung iin öffentlicher Sitzung, der die Erledigung des Rechnungsabschlusses vorausging. Dieser wichtigste Abschnitt parlamentarischen Wirkens war bisher in der 'jüdischen Gemeinde immer ohne jedwede' Kritik oder Auseinandersetzung mit den herrschenden Faktoren und ihren Venvältungsrnethoden verlaufen. Die Mandatare der Vereinigung für soziale Tätigkeit zwangen aber diesmal ihre' Gegner, Rede zu Stehen, und legten die Mängel' der Gemeindeverwaltung, den großen Abstand zwischen der Wiener — und anderen Judengemeinden bloß. Sie stellten vor der .Öffentlichkeit vor allem' das1 politische Verhalten den gegnerischen Parteien bloß, die lediglich aus politischer Kleinlichkeif, uim unserer Gruppe keinen Erfolg zuteil werden zu lassen, die wichtigsten Reformen in der Gemeinde verschleppen und verhindern. Schonungslos wurde die Reaktion auf dem Gebiete des Wahlrechtes angegriffen und die Erledigung unseres Antrages auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes ohne Unterschied der S'teuerleistung begehrt. Aus den gewundenen Gegenerklärungen der Herrschenden geht hervor, daß/sie unserem Antrag ein' Begräbnis erster Klasse bereiten wollten. Sie haben aber Angst vor der Öeffentlichfceit. Wir werden nicht müde werden, die .WahTrechtsforderung der jüdischen Massen immer wieder zu präzisieren, sehr zur Verlegenheit der Herrschteriden/die in der täglichen Politik sich als „Liberale", „Demokraten" bezeichnen, jn' ihrem Hause aber das' >. rückstänjdigiste. .Wahlrecht Europas bestehen lassen. 4 . jWir geben im nachstehenden den Verlauf 'der Sitzung:; Sonntag, den 15. März, halb! 11 Uhr eröffnete! Präsident Pick die Sitzung mit einer Ehrung desi Amtsleiters Freistadt anläßlich seines Dienstjubiläums. Er verliest sodann die Kundgebung desi Gemeindevör;- standes anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität. Aus diesem' Anlasse wurden! 20.000 'Schillinge für den Keren Hajessod votiert. Dr. Friedmann berichtet sodann über den Rechnungsabschluß, Dr. Gforiz gibt namensseiner Gruppe nachstehende Erklärung ab: In völlig rechtswidriger und den klaren Bestim- mungen der Paragraphen 16 und 22 des Statutes] widersprechender Weise1 verweigert uns das' Präsidium' bisher die Einsicht in die Protokolle1 der Vorstandst und Vertreterkollegiumsitzungen. Dieses Recht der Einsicht, das den Mitgliedern des Vorstandes durch' das Statut gewährleistet ist, bildet' die einzige Möglichkeit, den Rechnungsabschluß zü überprüfen, da die Gemeindegelder durch die Beschlüsse der genannten Körperschaften zum1 größten Teil' verausgabt werden. Der Raub dieses Rechtes mächt die Gemeindewirfechaft koritrollos, für den Vorstand unüberprüfbar. Wir protestieren daher auf das1 schärfste gegen die Behandlung des Rechnungsabischlusses; bevor uns nicht die durch das' Statut gewährleisteten JControlIrechte eingeräumt werden. Wir fordern den Vorstand auf, insbesondere die Mitglieder seiner demokratischen Parteien, diese dem Budgetrecht aller demokratischen Körperschaften hohnsprechenden Regelwidrigkeit abzustellen. Wir halent uns der jüdischen Bevölkerung iWiens gegenüber für verpflichtet,, nicht leichtfertig die Errungenschaften preiszugeben, die die Steuerzahler in allen vorgeschrittenen Ländern haben, nämlich die Verwendung seines Steuerfeldes durch seine gewählten Vertreter in der umfassendsten Weise zu fcoritrollieren. .',,'' Wir werden im' Falle .tfer weiteren Verweigerung unserer Einsichtsrechte'alle rechtlich zulässigen Wege betreten, um eine solche Vergewaltigung zu beseiti^€n- •.; . ', , v. ,