Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 4 (02.02.1925)
- Date
- 1925-03-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere Tribfltie Nr. 4 hung des Kredits werden die jüdischen Kaufleute und Handwerker ihrer Existenzmöglichkeit beraubt usw. Und diese Verniehtungsarbeit wird konsequent im beschleunigten Tempo durchgeführt. Kein einziges Gebiet des jüdischen Lebens bleibt verschont. jEs wird gründliche und systematische Arbeit geleistet. Unter dem Vorwande, der „Anarchie" im Handwerke •ein Ende zu setzen, wird der Sejm' in seiner jetzigen Tagung über eine Gesetzvorlage, die angeblich bezwecken soll, in der Frage der Qualifikationszeugnisse, durch die Schaffung von Handwerker-Kammern eine Reform herbeizufühern beraten und sie sicher zum Beschlüsse erheben. In Wirklichkeit aber soll hier das Instrument geschaffen werden, daß tausenden jüdischer Handwerker die Konzessionen entziehen und zehntausenden jüdischer Arbeiter den Zutritt in den vorwiegend von ihnen beherrschten Arbeitszweigen künftighin noch mehr als bis jetzt verrammeln soll. Das sind die neuen Pläne des Sejms zur „Lösung" der Judenfrage und man darf nicht daran zweifeln, daß sie unverzüglich zur Durchführung gelangen werden. Was werden dagegen die Vertreter das jüdischen Klubs unternehmen? Werden sie ihren Streit 'über milde oder scharfe Opposition fortsetzen? Werden sie -auch weiterhin den Weg des Betteln, Kriechens und der Speichelleckerei gehen?;Auf die Juden in Polen wird ein Pogrom inszeniert, der seinesgleichen in der Geschichte nicht findet, hierbei werden sie zu ihrem Unglücke von untertänigen, feigen, unwürdigen und bequemen Vertretern repräsentiert, für die wir in der jüdischen Vergangenheit vergeblich ein Beispiel suchen würden. Dr. jfS. Zur Frage des jüdischen Schulwesens in Oesterreich. Die jüdische Bevölkerung unseres kleinen Lanr des .teilt zunächst das Geschick der Juden anderer westlicher Länder darin, daß sie von der Sprache der breiten jüdischen Massen, dem Jiddisch, losgelöst ist. Schulfragen für die jüdische Bevölkerung müssen n'aiirtgemäß mit dieser Tatsache rechnen. Nun ist aber die Kultur des jüdischen Volkes so .mannigfach, seine Lebensäußerungen fallen in so verschiedene ßprach kreise, daß das Auswirken jüdischer .Kultur, an Sprachkreisen keine Grenze findet. Auch .das Judentum westlicher Länder ist großer jü- . discher Kulturbindungen fähig, o'hne durch das Medium der jiddischen Volkssprache gegangen zu sein. Die Frage nach den jüdischen Erziehungswerten soll daher ganz unabhängig von der Umgangssprache des Volkes, die ja für die Schule gleichzeitig die Unterrichtssprache bildet, dargestellt werden. Erkennt das Judentum westlicher Länder jüdische Kulturwerte an, die eis lohnt, unter allen Opfern, dieein; Schulwesen aufbürdet, an die kommende Generation weiterzugeben? Diese Frage muß von uns mit aller Entschiedenheit bejaht werden. Wer von uns empfände nicht die zwei gewaltigen Faktoren jüdischer. Erneuerung, die hebräische und jiddische Sprache mit ihren unermeßlichen Schätzen an lebendigen jüdischen Volksgütern der Uebertragung auf Generationen für würdig? Wer.schätzt nicht die Geschichte unseres Volkes, so universell wie keine andere eines historischen Körpers, unsere Literaturen, unsere Volkskunde und alles Leben unserer Gegenwart. Die Frage ist nur, wie das gemacht werden soll, wie und wo das Schulkind neben seiner allgemein weltlichen Bildung den jüdischen Erziehungseinflüssen untersteilt s ein soll. Ich bin der Ansicht, daß auch für die Juden Oesterreichs der einzig gangbare Weg nur die eigene jüdische Schule ist. Ich bin mir bewußt, hier ein ganzes Museum von Gegenargumenten zusammentragen zu können, die, nebenbei gesagt, gänzlich haltlos sind, aber es soll rundweg erklärt werden, ohne die eigene jüdische Schule sind die Kulturfragen des westlichen Judentums unlösbar, ist eine Fortpflanzung jüdischer Erziehungswerte ganz undenkbar, wenn man darunter die Erziehung wenigstens breiter jüdischer Volkskreise versteht. Ein jiddisches oder hebräisches Buch, eine solche Zeitung, ein jiddisches Theater, alles das bleibt verurteilt, außerhalb der jüdischen Bevölkerung zu vegetieren, weil kein geistiger Nachwuchs hervorgebracht wird. Aber sogar wenn wir von den Kulturmitteln, Sprache, Buch, Zeitung, Theater, absehen, bleibt noch immer die Hauptfrage, soll die Schule eine Lernanstalt jüdischer Disziplin neben allgemein weltlichen oder soll sie nicht zugleich eine jüdische Erziehungsanstalt sein, das heißt, sollen ihre geistigen Einflüsse dem Judentum entströmen oder nicht? Auch diese Frage ist unbedingt zu bejahen. Natürlich ist nur die Schule, die aus dem Leben des Volkes entspringt. Jüdische Stoffe in Märchen, Erzählung, freie Gestaltung in der Schule verbinden das Schulkind mit dem geistigen Leben seines Volkes und mit dem ungezählter jüdischer Generationen, deren physische wie geistige Fortsetzung unser heutiges nationales Leben ist. Geschehnisse im Judentum der Gegenwart wie aller vergangener Zeiten müssen in jene zentrale Stellung einrücken, die sie für das lebende jüdische Volk und für die in der Vergangenheit lebenden Juden hatten. Gegen eine solche jüdische Schule, auf die natürlichen Tatsachen der jüdischen Existenz, physischer wie geistiger, gestellt, besitzt eine allgemeine Schule, wo jüdische Schülermassen mit nichtjüdischen vereinigt sind, für die jüdischen Kinder nur einen höchst zweifelhaften, fragmentarischen Wert. Eine solche Vereinigung von Schülern zerstört in den jüdischen Kindern das beste, weil natürlichste, ihre nationalen Anlagewerte. Die Schule darf und kann dort für die jüdischen Kinder keine Kulturgemeinschaft sein. Diese bleiben verurteilt, in einem solchen unnatürlichen Gebilde auch die Entwicklung der nichtjüdischen-Schülerschaft störend zu beeinflussen. Beispiele gibt es für jeden Sehenden genug, der Wiener Schulen kennt. Es ist klar, daß die eigene jüdische Schule als Institution der breiten, jüdischen Massen nur sehr langsam installiert werden kann. Einige Anfänge sind aber bereits da. Wo dies noch nicht möglich ist, müßte eine Art Ergänzungsschulen für die jüdischen Disziplinen, die vom heutigen jüdischen Religionsunterricht reinlich zu scheiden wären, platzgreifen. Das namentlich pädagogisch sehr schwierig zu behandelnde Gebiet einer jüdischen Ergänzungsschule soll in einer eigenen Darlegung behandelt werden. Dr. R.Glanz. igntsse in Afule. Von A. S. J u r i s. Erez Israel ist ein eigenartiges Land; seine Eigenart besteht darinr daß sich das Land im Zustande des Geborenwerdens, sozusagen im „status nascendi" befindet. Daher stammt die übertriebene Nervosität, mit der man jeden kleinen Zusammenstoß aufnimmt. Die künstlich geschaffene Spannung dauert nicht lange, aber eine Zeitlang sind die Exzesse oder Konflikte das Tagesgespräch und werden in den Zeitungen kommentiert. Anderswo würden sie in einem Eckchen der Tageschronik, die ihren naiven Leserkreis hat, aber von den ernsteren Lesern nicht beachtet wird, verschwinden. In unserem Fall sind das 'zu schwierige Lebensfragen der Kolonisation. Die neuen Absiedlungen sind schon daran gewöhnt; sie' sind nicht auf Rosen gebettet und jede neue Position mußdreimal mit Blut und Eisen, leider nicht nur Pflug- Eisen, befestigt werden. Hier im Land dauert die Ueberraschung einen Augenblick; äußerlich ist sie nicht zu merken. Es ist eine innere Aufregung, es. gibt aber: keine Zeit für Sentimentalitäten; man geht wieder an die Arbeit, gleich als ob nichts geschehen wäre. Auch wir würden leichten Herzens darüber zur Tagesordnung übergehen — wenn nicht der Umstand, daß es im Land einen gewissen Typ Journalisten gibt, der Sensationsnachrichten für das Ausland zu liefern hat und der solch ein gefundenes,1 Fressen nicht vorbeiläßt, es vielmehr noch würzt und aufbauscht —, ohne überhaupt mit den negativen Wirkungen auf die Golus-Schreckhaftigkeit zu rechnen. Das sind die Motive, die uns zwingen, uns mit dem Vorfall Genauer zll befassen und den tatsäeh- 1 """W5" iMUnrMimMUllDV»^ «miyj^r^^ta^iuninKaisM.Li'^riiV'vwticnM' Für Die Frage des jiddischen Theaters in Wien ist augenblicklich aktuell. Es hat sich einiges auf diesem Gebiete ereignet, das einer Erörterung bedarf. Erstens: Hat ein aus Intellektuellen und Finanziell teil zusammengesetztes Komitee beschlossen, in Wien ein jiddisches Theater zu gründen, das drei Monate im Jahr hier spielen und in der übrigen Zeit Gastspiele in Mittel- und Osteuropa absolvieren soll. Zur Durchführung dieses Planes soll sich der zur Zeit in Wien weilende bekannte Regisseur, der Wilnaer Dawid Hermann, mit dein in Rumänien spielenden Teil der Wilnaer in Verbindung setzen und mit. ihnen für nächsten Herbst ein Repertoire vorbereiten. Der Plan, Wien zur Zentrale eines Mittel- und Osteuropa mit guter jiddischer Schauspielkunst versorgenden Theaters zu machen, ist ausgezeichnet. Gleich ausgezeichnet für das jüdische Wien wie für die Schauspieler und die zu bereisenden Länder. Was aber ist erforderlich, damit nicht dieser Plan, wie so viele andere ausgezeichnete Pläne, Theorie bleiben? In'erster Linie natürlich: Geld. Ohne Geld ist kein jiddischen Theater zu machen und wäre das Interesse dafür noch so groß. Ab'er es ist ein Irrtum, zu glauben, daß man nur mit Geld das Theater machen kann. Es ist nämlich ein grundlegender Unterschied, ob 'es sich um ein zufälliges Gastspiel eines jiddischen Th'eaters handelt -— wie das des New-Yorker Kunstth'eaters z. B. -—, das je nachdem es mehr oder weniger einschlägt, sich ein größeres oder kleineres Zufallspublikum erobert. Oder ob es um.ein jiddisches Theater geht, das als ständige Einrichtung gedacht ist, nachdem in der jüdischen Oeffentlichkeit 'ein starkes, fruchtbar zu machendes Kulturinteresse vorhanden ist, für das nur die geeignete-Organisationsform gefunden werden muß. Es müßten daher unbedingt neben dem Geld, ohne dem überhaupt nichts gemacht werden kann — wir wiederholen es, damit man nicht meint, wir unterschätzten diese erste Bedingung — und außer dem geeigneten künstlerischen Leiter, den, wir jetzt glücklicherweise in Dawid Hermann besitzen, auch die moralischen Kräfte und das beim jüdischen Publikum für das Theater vorhandene Interesse gehörig nutzbar gemacht werden. Nun gibt es in Wien den Verein',.Freie jüdische Volksbühne" und außerdem, wie wir letzthin erfahren haben, einen Verein „Jüdischer Theaterfreunde". Diese Vereine, die ihrem Namen nach beide keinen anderen Inhalt haben, als die Sicherung eines jiddischen Theaters, müßten miteinander übereinkommen und nicht wie die falsche Mutter bei Salomon, einwilligen, daß man das Kind,.das jiddische Theater, zersttkkle und jeder eine blähte gebe. Wenn ein starker jüdischer Theaterverein die einigen tausend Menschen, die in Wien ein genug starkes Interesse am jiddischen Theater haben, um Mitglieder des Vereines zu sein, umfassen wird, wenn es dann nicht nur auf die an Einzelieistungj geringere, aber in der Gesamtheit doch ins Gewicht fallende materielle Unterstützung dieser Menschen rechnen kann, sondern sich auch auf ein gut organisiertes verläßliches Publikum stützen darf, dann erst ist die Existenz eines ständigen jiddischen Theaters in Wien gesichert. Das in Wien gastierende sogenannte „jüdische" Revuetheater — ausgerechnet aus Budapest — fist glücklicherweise so schnell vorbeigegangen, daß wir mit unserer Kritik zu spät kämen. Wir begnügen uns;, also damit, zu konstatieren, daß es für beide Teile, für das Theater wie für uns, besser gewesen wäre,, sie wären in Budapest geblieben. In das dortige Kulturniveau dürften sie hineinpassen; * Das dritte Ereignis auf dem Gebiete jiddischen Theaters in Wien ist die „Gildene Pawe". Sie ist zwar nickt von heute noch von gestern, aber noch ■immer neu, das heißt, schwach besucht, „wie am ersten Tag". Wir haben, eine Kritik des ersten Programm es gebracht;, diesmal wollen wir nicht eine vom ästhetischen Standpunkt ausgehende Kritik des 'inzwischen zur Aufführung gelangten zweiten Programmes geben, sondern ein paar prinzipielle Bemerkungen daran knüpfen. Wir haben schon anläßlich des ersten Programme:? unserer Meinung Ausdruck gegeben,, daß 'die Leistungen der „Pawe" durch den Mangel an technischen Mitteln, aber nicht nur diesen allein, stark beeinträchtigt werden, daß es Anfangsleistungen sind, die aber eine wertvolle künstlerische Intention und einen schätzbaren Emst beinhalten und deshalb Hoffnung berechtigen. Wir haben auch damals die Apathie und Teilnahmslosigkeit: des jüdischen Publikums übel vermerkt, die natürlich zum größten Teil eine Folge des Mangels an Propaganda, das heißt, des Mangels an Geld ist. Worum aber handelt es sich uns, wenn wir für die „Gildene Pawe" eine Lanze brechen? -Was bedeutet uns die „Gildene Pawe?" Es handelt sich uns nicht um die jetzt gerade in der Riemergasse spielende Kleinkunstbühne, sondern um die Idee einer solchen Institution. Gesetzt den Fall, das von dem