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Unsere Tribüne · 1925-03-02 · 4 (02.02.1925) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
4 (02.02.1925)
Date
1925-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: viertel jähr.. 12.000 K hatbjähr. . . 24 000 „ Einzelne Nummer 2000 Kronen Nr. 4. Wim, 2. März 1925. 2. Jahrgang. Zionismus und Klassenkampf. Entgegnung an Herrn Oberbaurat Stricker. s J 1 Herr Oberbaurat Stricker ist mit Recht unzufrieden damit, daß „das Interesse für geistige Probleme -des Zionismus und für Fragen der zionistischen Organisation stark in den Hintergrund getreten ist" und er •selbst hat sich als erste Anregung das Thema: Zionismus und Klassenkampf gewählt. Wir behalten um> vor, auf die feindseligen Ausfälle und Entstellungen, die wir dem Stenogramm dieses Vortrages entnommen, zurückzukommen, jetzt wollen wir lediglich der stark frisierten Wiedergabe dieses Vortrages in der „Wiejier Morgenzeitung" folgen. Herr Stricker hat seine Ausführungen in v.wei Hauptteile gegliedert. Im ersten sollte der Beweis erbracht werden, „daß ein Zion ist nicht Klassenkampf er sein kan n," im zweiten Teile wollte <der Referent die Frage beantworten, wie sich „die Juden Wiens zum Problem des Klassenkampfes zu stellen haben". Wir werden uns bemühen, diese Einleitung auch in unserer! Entgegnung einzuhalten. Ad l. Warum kann nach der Meinung des Herrn Stricto ein Zionist kein Klassenkämpfer seiri? Erstens, meint Herr Stricker, haben wir „Palästina auf Grun'd unfserer historischen Rechte bekommen", „Der Marxismus negiert jedes historische Recht." Zweitens: „Wir können Palästina nicht nach einem theoretischen Programm aufbauen, welches einer bestimmten Klasse oder, Kaste genehm (ist." Hier hat der Referent offenbar an die Bemühungen der jüdischen Arbeiter, in Palästina genossenschaftliche Siedlungen zu schaffen, gedacht. Drittens: „Es ist ferner in Palästina für uns Juden nicht möglich, die Solidarität der Klassen über die Solidarität der Nation zu stellen." Diese Behauptung glaubt Herr Stricker damit bewiesen zu haben, daß, wenn wir :i.n ^Palästina eine proletarische Organisation von Juvlen und Arabern schaffen würden, bestünde sie aus 90 Prozent Arabern; und bloß 10 Prozent Juden und diese Organisation „wäre zum Schutze ihrer Mitglieder verpflichtet, die Einwanderung zu sperren, um die Lohndrücker (?) fernzuhalten". (Auf den Seitensprung bezüglich des Sever-Erlasses werden wir jim Laufe unserer Ausführungen noch zurückkommen.) Daran anknüpfend, meint auch Herr Stricker, daß wir bei den Verhandlungen über die Verfassung für -Palästina nur deshalb das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht gefordert haben, weil wir die ■Gewißheit hatten, daß es nicht angenommen werden wird, „weil sonst die Regierung sich zu 90 Prozent aus Arabern zusammensetzen würde und man von Arabern füglich nicht verlangen kann, daß sie. die Balfour-Deklaration vollziehen". Erstens wollen wir die Behauptung, daß wir Palästina auf Grund unserer historischen Rechte bekommen, in allen Teilen bestreiten. Wir haben Palästina nicht bekommen. Ueber Palästina entscheidet heute einzig und allein der Wille und das Interesse Britanniens. Selbst die Tatsache, daß einem Juden die höchste Macht in Palästina übertragen wurde, konnte diesen Zustand nicht wesentlich mildern. Die Einwanderung nach Palästina wird rücksichtslos gedrosselt, das Selbstverwaltungsrecht ■der in Palästina ansässigen Juden wird von der englischen Verwaltung ignoriert, der brachliegende Regierungsboden wird, ungeachtet der Bestimmungen und Zusagen, den Juden zur Bestellung nicht übergeben, die Verwaltungsbehörden machen sich alteu oft judenfeindlicher Handlungen schuldig. Und das nennt Herr Stricker: wir haben Palästina bekommen? Um das zu behaupten, muß man mit einem ungeheuren Maß von tief beschämender Golus-Bescheidenheit oder üppiger orientalischer Phantasie gesegnet sein. Es liegt uns fern, zu leugnen, daß trotzdem die englische Mandatsverwaltung, im Vergleiche mit dem früheren türkischen Regime, gewisse Erleichterungen für die Ansiedlung von Juden gewährt. Wir sind zwar überzeugt, daß der britische Imperialismus diese Erleichterungen im ureigensten Interesse den Juden zugesteht,, aber es wäre eine politische Torheit, diese für unsere nationale und soziale Befreiung günstigere Situation in Palästina nicht ausnützen zu wollen. Wir müssen uns ja nicht deshalb dem britischen Imperialismus verschreiben. Daß wir diese Erleichterungen zur Ansiedlung in Palästina auf Grund unserer historischen' Rechte erlangt haben, ist eine politische Kurzsichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Wenn die Ansitdiung von Juden in Palästina nicht auch im' Interesse des englischen Imperiums gelegen wäre, würde es unser historisches Recht genau so wenig wie das Redht der Iren und Inder achten. Wenn irgendwelche Momente bei der Entscheidung über Palästina auf England und die Ententemächte von außen eingewirkt haben, so sind es folgende: die Tatsache der. Existenz der ersten jüdischen Siedlungen in 'Palästina und die Bereitschaft eines Großteiles der jüdischen Bevölkerung, Palästina durch seine Arbeit auf- . zubauen, wie auch der Umstand, daß die europäische Demokratie und der internationale Sozialismus von der Gerechtigkeit und Berechtigung unserer palästinensischen Bestrebungen überzeugt waren. Nicht der historischen Berechtigung, sondern der Berechtigung, die darauf fußt, daß das boden- und heimatlose Volk der Juden ein Recht hat, für sich (ein Territorium zu beanspruchen; und daß das' zum großen Teil brachliegende Land Palästina für das Ärbeits- und Heimstätte suchende Volk geeignet sei. Herr Stricker darf aber auch hierbei nicht vergessen, daß wir, die klassen kämpferischen Poale Zion, bei der Gewinnung des internationalen Sozialismus und der Weltdemokratie für unsere Bestrebungen in Palästina Unvergängliches geleistet haben. Das haben selbst die leitenden Männer der zionistischen Weltbewegung bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich zugestanden. Also, wir Sozialisten (Herr Stricker, wie manche seiner nichtjüdischen Klassengenossen, glauben wohl, durch die Bezeichnung „Marxisten" uns in Mißkredit zu bringen) stützen uns bei unseren Forderungen! bezüglich Palästinas wirklich nicht auf irgend ein historisches Recht, sondern auf das Recht einer Heimat für die jüdische Arbeit, die allein uns national1 und sozial befreien kann. Was bis jetzt erreicht wurde und was künftighin erreicht werden wird, hängt fast ausschließlich davon aj^, inwiefern es uns gelingen wird, die jüdische Arbeit (nicht das jüdische Privatkapital) mit dem Boden, mit der Urproduktion in Palästina zu verankern. Von jder Entwicklung der jüdischen Arbeit und Arbeiterschaft in Palästina hängt das Schicksal Palästinas als Lösung der Judenfrage in erster Reihe ab. (Weitere Aufsätze folgen.) M. Singer.' Wieviel Abonnenten haben Sie für »Unsere Tribüne« sriion geworben? Wie Polen die Judenfrage „löst". (Brief aus Polen ) Der „unblutige" wirtschaftliche P< grom. — Numerus clausu . — Der Ruin des jöd. Handwerkes und der jüd. Arbeiter. — Die feigen Vertreter des „Jüdischen Klubs". Wenn man auch vom Sejm auf dem Gebiete der allgemeinen Politik nichts Neues erwarten darf, gilt das aber nicht bezüglich der Judenfrage. Im Gegenteil. In dieser Frage kann man dem Sejm weder Faulheit noch Gedankenarmut vorwerfen. Und nicht der Sejm allein ist in dieser Frage so rührig, alle ohne Ausnahme, vom Reichskanzler bis' zum Premier, die iJVlinister, die Parteien, . die Verwaltungsorgaiie, politische und kulturelle Behörden, sogar die ganze polnische Presse und Gesellschaft sind fleißig jam .Werke. Sie haben sich' ein klares Ziel gesetzt: die ökonomische und moralische Vernichtung despotischen Judentums. In allen anderen politischen Fragen würde man vergeblich Reife und Einheitlichkeit .im polnischen Volke suchen, in der Judenfrage sind alle Teile des polnischen Bürgertums einer Meinung und mit staunenswertem politischen Scharfsinn, mit der größten Pünktlichkeit nehtnen.alle Faktoren an der Verwirklichung dieses Zieles teil. Im1 Laufe der wenigen Jahre hat Polen auf diesem' Gebiete eine geradezu unheim- Pliche politische Geschicklichkeit, die alle niederträchtigen antisemitischen Ausroitungspläne der Pharao, Haman, Chmielnizki, Pobiednoszew, Ludendorf und ihresgleichen übertrifft. Ihr Programm lautet: Vernichtung der jüdischen Bevölkerung — doch wozu die alten Methoden des ordinären physischen Pogroms, der böses Blut macht und doch' nichts endgiltiges herbeiführt, wenn man auf dem; Wege .unblutiger Operationen unvergleichlich größere Resultate erzielen kann? Wozu mit dem Messer, wie ein gewöhnlicher; Mörder, abschlachten, wenn man durch einen Kuß töten jund sich hierbei wie ein lächelnder Gentleman gebärden tkann? O nein, in Polen wird es nie mehr blutige /Pogrome geben. Wozu soll man es auch1 tun, »bloß um zwei-, drei- oder vierhundert Juden, zu töten? Ein einziges modernes Gesetz, wie z. B. das Regierungsmonopol, genügt, um tausende von jüdischen Existenzen zu vernichten und unter dem Deckmantel eines humanen Gesetzes zugunsten der armen Invaliden kann man ohne Messer zehntausend^ erwerbender Juden niederstrecken. iAber nicht 'blbßi Plögrome sind inJPolen: überflüssig geworden, auch zu plumpen judenfeindlichen Gesetzen, wie z. B. m' Ungarn, wird man in Polen nicht greifen. Wozu auch den unmodernen numerus clausus *in den Hochschulen, wenn man dasselbe durch eine Weisung an die Herren Professoren,, ohne jede gesetzliche Grundlage, erreichen kann? Wozu durch ein spezielles Gesetz die Juden des Bodens enteignen, wenn es die Verwaltungsorgane auf Grund einer bloßen gegenseitigen Vereinbarung durchführen können? .Auf diese Weise sind in Polen in aller Ruhe im Laufe weniger Jahre Hoffnungen unzähliger junger Juden, Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Beamte zu werden, zunichte gemacht worden; die jüdische Landbevölkerung wird jeder Existenzmöglichkeit beraubt; tausenden jüdischer Arbeiter wird die Aufnahme in Regierungsbetrieben verweigert und sie werden auch noch von ihren bisjetzigen Arbeitsstätten entfernt; 30.000 Juden, Inhaber von Konzessionen, werden zumi Bettelstab gezwungen; durch Steuerdruck und Entzie-^

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