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Unsere Tribüne · 1925-02-15 · 3 (15.02.1924) · p. Seite 3

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
3 (15.02.1924)
Date
1925-02-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Unsere Tribüne Seite 3 die erhoffte und mißglückte Revolution eingetretene Skeptizismus. Bei den andern ist der Grund, die beim Intellektuellen immer mehr als beim einfachen Menschen vorhandene Schwierigkeit aus dem weitere Gebiete umfassenden, aber dafür unorganischerem Umfang seines geistigen Lebens die richtigen Konsequenzen zu ziehen und seinen Weg zu finden. Dazu kommt noch die für das Wiener Milieu typische, unter dem Namen „fortwursteln" populäre Unentschiedenheit, welche die anpassungsfähigen jüdischen Intellektuellen stark ergriffen hat und auch ihrerseits dazu beiträgt, daß man so dahinlebt ohne seinen Platz im sozialen Körper zu erkennen und einzunehmen; eine Erscheinung, welche erklärt, warum nicht auch in Wien gerade die geistig stärkere Jugend ebenso wie in dem doch mindestens gleich stark assimilierten Deutschland die Konsequenzen aus seiner unnormalen Situation zu ziehen verstand. Und ein besonderes Kapitel über das noch zu reden sein wird, bilden die ostjüdischen Studenten, die aus den verschiedensten Gründen wirtschaftlicher wie geistiger Art nicht, oder nicht in dem Maße als sie sollten, ebenso an ihrer Fortentwicklung in der Erkenntnis jüdischer Problematik arbeiten als sie ihre wissenschaftlichen und Lebenskenntnisse erweitern und vermehren. Ich habe versucht, die derzeitige Situation in den Kreisen der jüdischen Intellektuellen hier in Wien andeutungsweise zu charakterisieren. Da wir aber nicht imstande sind und auch nicht die Absicht haben, auf die Mitarbeit so weiter- und wichtiger Schichten zu verzichten und wenn wir sie auch nicht sollten gewinnen - können, sie wenigstens aus ihrer Apathie aufzurütteln, nicht aufhören wollen, so will ich auch die Richtung: anmerken, in der sich eine Lösung dieses Problems zu bewegen haben wird. Die jüdische sozialistische Partei Poale-Zion ist dazu bestimmt, die jüdische Partei Wiens zu werden. Sie vereinigt in sich einerseits alle fruchtbaren Elemente jüdischer Weltanschauuung und Politik und steht andererseits in einer Reihe mit der heute einzigi zukunftsreichen politischen Bewegung, der proletarischen. Und so wie die sozialdemokratische Partei alle proletarischen Schichten um sich schart und! alle die Kinder des Bürgertums, die' vielleicht.nicht im eigentlichen Sinne Proletarier sind, die aber eingesehen haben,: daß ihr tiefstes Interesse mit dem des Proletariats untrennbar verkni|pft ist, so hat die Partei der Poale-Zion gerade in Wien, der Stadt mit der sozialdemokratischen Mehrheit, trotz des Mangels einer homogenen, im jüdischen Milieu lebenden Masse, große Aufgaben zu erfüllen. Sie hat die Aufgabe und sie wird sie früher oder später erfüllen, diejenigen jüdischen Elemente in der sozialdemokratischen Partei, die sich ihr angeschlossen haben, weil es keine starke jüdische Sozialdemokratie gab, die sich aber nicht ganz wohl fühlen 'und sich nicht reibungslos in sie einfügen können, weil es in ihnen) zu sehr nach der Er hört auf zu lesen und verspürt Hunger. Ueber die neuerliche Hungerempfindung freut er sich jetzt. Er berechnet, daß, wenn er sich schon verpfändet 'habe, es wenigstens für eine größere Summe sein solle... i Und wie die Kellnerin sich seinem Tisch nähert, wendet er sich an sie mit aufrichtigem Stolz: .„Bringen Sie mir, Fräulein, ein Glas Tee und einige Butterbrote..." Und Klinger erschrickt über seine eigenen Worte. Er findet, daß er jetzt wieder einen Fehler begangen habe, — wenn jetzt auch ein Bekannter kommen würde, würde er ihn denn auslösen wollen, wenn die Summe zu groß wäre. Nachdem er gegessen hat, sinkt sein Mut noch mehr und mit noch mehr Schrecken blickt er auf die Tür. ■ Es kommt aber niemand, außer fremden Gesichtern, die von Klinger aus nicht hätten geboren werden brauchen... wozu nützten sie ihm?... Schlimm! — brummt er die Geduld verlierend. — Ein verfluchter Tag, heute wird niemand kommen. Seine Seele fängt ihm an aufzubegehren, er kann nicht länger sitzen, es wird ihm eng. Er möchte sich selbst beißen, kneifen, schlagen... wozu ist er hergekommen? Er würde lieber hungern und frei sein' — und er fängt an, auf Mittel zu denken, wie er sich retten könnte. Die Mittel sind absonderlich, und er wird sie niemals anwenden, aber sein Hirn arbeitet. Fruchtbarmachung der in ihnen liegenden starken jüdischen Keime verlangt, um sich zu gruppieren. Aber auch viele von den älteren Elementen in der sozialdemokratischen Partei die noch irgendwo mit ihrer Vergangenheit im jüdischen wurzeln und einer immer wachsenden Zahl von Mitgliedern der jungen, angeblich vollständig assimilierten, in Wirklichkeit nur oberflächlich von der Assimilition ergriffenen Generation wird es mit der Zeit ungemütlich werden und sie werden zu uns kommen. Weit'entfernt .jf' aber davon, die4*" sozialdemokratische Partei zu schwächen, wie man vielleicht glauben könnte, wird eine solche Rückkehrsbewegung der jüdischen Mitglieder aus dem Lager, in dem sie doch nie ganz heimisch werden konnten, in ihr eigenes die Zwiespältigkeit, die sich besonders in den akademischen sozialdemokratischen Gruppierungen aus dieser Situation ergibt, bereinigen und jene um so. viel eindeutiger und stärker machen, als es die Kraft der jüdischen Sozialdemokraten, sowohl der einzelnen wie der Gesamtheit, von mannigfachen Hemmungen befreien und gewaltig erhöhen wird. — Andererseits wird unsere Partei diejenigen Gruppen, namentlich von jüdischen Intellektuellen, erfassen, deren bewußt nationale Andersartigkeit ihnen den Eintritt in die Sozialdemokratie unmöglich machte, die aber ebensowenig an der kleinbürgerlichen und rückschrittlichen Politik der zionistischen Partei und namentlich ihrer „jüdischnationalen" Landespolitik teilnehmen konnten. Unsere Partei wird aus der vereinigten Kraft der eigenen Weltanschauung und dem Zustrom der neuen Kräfte auch hier in Wien die Funktion zu erfüllen beginnen, die sie überall ausübt, wo Juden wohnen: Sie wird sich ebenso in den Rahmen der großen internationalen proletarischen Bewegung einfügen, als sie alle Kräfte für den Aufbau und die '.Entwicklung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur sowohl in allen Ländern, wo Juden wohnen, als auch in Erez-Israel mit vervielfältigter Energie fruchtbar machen wird. J. G. Intern. Arbeiterbewegung. Der amerikanische „Arbeiterspion". .Amerikanischen Arbeiterblättern entnehhrnen wir nach' stellende interessante Angaben über eine traurige Spezialität des amerikanischen wirtschaftlichen und politischen Lebens: das berufsmäßige Spiteeltum. Im Jahre 1921 hat die New Yorker Zeitschrift „New Republic". ein© zuerst als Artikelserie erschienene Schrift ,.The Labor Spy" (Der Arbeiter-Spion) von Sidney Howard und Robert W. Dunn herausgegeben, (Lie eine Uebersicht über das ganze System der industriellen Spionage bot. Diese Arbeit wurde nun bis zur unmittelbaren Gregenwart weitergeführt und ist heute ein Buch von mehr als 200 Seiten geworden. Die Aufgabe der Arbeiterspione, die die Großindustriellen in ihren Betrieben beschäftigen, ist es, die Arbeiter zu ».überwachen" Gewerkschaftsführer zu korrumpieren, zur Und es fällt ihm ein, durch das offene Fenster zu springen, und wie er vor diesem Gedanken erschrickt, fällt er auf ein anderes Mittel: Er wird an irgend Jemand herantreten, ihm die ganze Geschichte erzählen und ihn bitten, ihm 20 Kopeken zu leihen. Aber das war auch nicht das Richtige, die hier saßen, waren alle schlechte Menschen, sie würden ihn böse ansehen und in den Bart brummen: Hab kein Geld! , Und wie die Kellnerin wieder vorbeigeht, fällt ihm gar ein, sich an sie zu wenden und ihr zu sagen: IHöre, wenn' du mir etwas Geld leihst, heirate ich dich — .du willst doch heiraten, du bist alt und. abgearbeitet, wer wird dich nehmen? — Und die Tür öffnet sich, öffnet sich und schließt sich und keiner von den Bekannten kommt____ Und der Tag-ist so hell, — wie schön ist es jetzt dort draußen____und wie eng ist es im Kaffeehaus, wo er sich für zwanzig Kopeken verpfändet hat. Gott im Himmel! — weint seine Seele — ein Tag „Leben" ist doch Millionen wert, Millionen! Räuber, laßt mich hinaus!... Und die Wirtin sitzt an der Kasse und gibt acht, wie ein strenger Gendarm... und Klinger begehrt auf und denkt auf Mittel sich zu befreien,.aus dem Gefängnis erlöst zu werden____ Erst um sieben Uhr kam ein Bekannter. Klinger wurde es schwindlig vor den Augen und in seiner Freude wurde er ganz verwirrt. Er stürzte auf seinen Bekannten zu und rief aus: rechten Zeit für Gewalttaten zu sorgen, Streiks zu inszenieren oder zw brechen usw. Nunmehr haben sich die großen Detektivbureaus dieses edlen Berufs, der für sie ein sehr gutes Geschäft ist. angenommen. Sie haben es verstanden, den Unternehmern solche Angst einzujagen, daß diese unheimlich viel Geld geben, um von den Spionen „beschützt" zu werden. Die Arbeit dieser Kreaturen in der nmetika.nischen Arbeiterbewegung schildert Upton Sinclairs berühmtes Buch „Hundert Prozent". Von der Ausdehnung dieses Geschäftszweiges gibt folgende Schätzung eine Vorstellung: Die drei "größten amerikanischen Detektivbureaus Büros, Thiei und Pinkerton beschäftigen insgesamt nicht weniger als 135.000 Personen in rund 10.000 lokalen Filialen mit einem Jahreseinkommen von. G5 Millionen Dollar. Nach der Schätzung entfallen drei Viertel dieses Biesenapparates auf die „industrielle Tätigkeit". Propagandaarbeit in England. Dem Partei vorstand der Tndepcndcnt Labour Party (Unabhängigen Arbeiterpartei) in England Ing bei seiner jüngsten T;igurig eine Bcihe von Berichten vor, die sehr erfreuliche Fortschritte der Organisation und Propaganda verzeichnen. Die Partei zählt zu Beginn des heurigen Jahres mehr als 1000 Ortsgruppen gegenüber 717 vor einem Jahre. Im letzten Jahre hat sie sich auch eine Jugendorganisation angcggliedert, die jetzt dOOO Mitglieder hat. Seit kurzem, hat auch die Bildung besonderer Frauengruppen begonnen, deren es bisher 58 gibt. Das Organ der Partei, der „New Leader" hat. zweifellos die stärkste Auflage von allen sozialistischen Wochenblättern — mehr als G0.0Ö0 — \md nimmt immer noch an Verbreitung zu. Seine Auflage übertrifft die der sechs bekanntosten bürgerlichen politischen Wochenschriften in England zusammengenommen. Die I. L. P. verfügt über eine sehr gut arbeitend? Auskunftsstelle (Information Committee), die das ganze Material für die Agitations- und Propagandaarbeit der Partei beistellt. Diese Auskunftssteile gibt zum Beispiel wöchentliche Anleitungen, „Notizen" mit statistischen Behelfen für die Bedner und Agitatoren der Partei heraus', die in eine*. Auflago von über 2000 erscheinen. Gegenwärtig führt die Partei eine erfolgreiche sozialistische Werbeaktion auf dem flachen Lande durch. Zugleich.' hat sie in London mit Hilfe eines Theaterdirektors,, der. ihr sein Theater kostenlos zur Verfügung stellt, mit der Veranstaltung von „Sonntagabenden für das Volk" begonnen, die unter dem Motto j.Brot und Schönheit" künstlerische Darbietungen und politische Propaganda vereinigen. Die Idee ist außerordentlich geglückt, diese sozialistischen Werbeabende weisen eine ganz besonders starke Anziehungskraft, auf und allsonntäglich können hundert© keinen . Einlaß finden. Die Partei veranstaltet .jedes Jahr eine 'oder mehrere Sommer schulen. Die heurige Schule wird in Easton Lodge, den* Schloß der Gräfin Warwick, stattfinden, das die Besitzerin der. Partei zur Verfügung, gestellt hat. Der Parteitag der I. L. P. findet wie alljährlich zu Ostern und ''zwar/ diesmal in Gloucester statt. ~ «■t»tt»t*«M>»««W»«M>«(IMO»MWMM>«MiMMM<M> Gedenket an das Abonnement „Unserer Tribüne"! — Bruder! Du hast mich gerettet. Jener reichte ihm kalt die Hand und fragte ihn;. — Worüber freust du dich so? j — .Wieviel bin ich' wert? — (fragte Klinger statt einer Antwort. » — In meinen Augen nicht einen Pfennig... — O, peinlich! — mühte sich. Klinger fröhlich, zu scheinen. Dann werde ich schon hier bleiben müssen, ich bin hier für 20 Kopeken verpfändet"."..-. ■; — Du willst also, daß ich Dich auslöse? — fragte ihn der Bekannte, halb lächelnd, halb ernst... — Löse mich aus, Bruder, löse mich aus^ — ich; habe keine Kraft mehr zu sitzen,.. Solch ein schöner Tag!.....( Der Kamerad löste ihn aus. Klinger, befreit, eilte zur Kasse, bezahlte und war schnell fort, ohne sich Von seinem Erlöser zu verafrschieden. '. Draußen war es schon dunkel, der Himmel war' mit grauen Wolken bedeckt, ein dünner Regen tropfte herab und Klinger schmerzte der leuchtende Tag, den er im Kerker versäumt hatte und es schien ihm, als helfe ihm der Himmel, den verlorenen Tag beweinen. Der folgende Tag war kalt, naß und dunkel und KÜnger saß hungrig zu Hause und sehnte sich' nach dem gestrigen Tag.... i A. Reisen.

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