Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 3 (15.02.1924)
- Date
- 1925-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 » Unsere Tribüne ■Nr. 3 SeipeNRamek und Goethe-Grillparzer. Zur Charakteristik der „Wiener Morgenzeitung", Es ist geradezu bewunderungswürdig, wie sanft die „Wiener Morgenzeitung" (insbesondere der Herr Chefredakteur Julius Löwy) die frühere Seipel- und jetzige Ramek-Regierung behandelt. Jeder Senkende Mensch sieht ein, daß die Saniererei dieser Herren völligen Schiffbruch erlitten hat und daß ihre „Pläne" zum Verhängnis für diesen Staat werden, allein die „Wiener Morgenzeitung" mißt dem kenie große Bedeu- 11:1 qv,, i rm c'.'.c Sozialdemokraten zw /crlciHiden und sogar zu denunzieren, haben diese Herren mit dummen, gehässigen Leitartikeln über den Verkauf de" Hammerbrotwerke, über den „Scheinkampf" für den Mieterschutz nicht gespart. Aber für die Niederlage der christlichsozialen Regierung in Genf interessiert sich diese gewissenhafte Zeitung blutwenig. Das Wohlwollen, das' d*,Q. Herren Löwy und Stricker den reaktionären Machthabern entgegenbringen, ist geradezu rührend. Dagegen schäumt die „Wiener Morgenzeitung" voller Wut gegen den „Antisemitismus" Goethes und Grillparzers, welcher nichts als eine Verdrehung der wüstesten Hakenkreuzler ist. Wie die stolzen Makkabäer das Judentum gegen seine Feinde zu verteidigen wissen! Der jüdische Sozialismus und unsere Intellektuellen. Eine erschreckende politische Gleichgültigkeit beherrscht einen großen und nicht den schlechteren Teil der jüdischen Intelligenz in Wien. Es besteht die Gefahr, diese Menschen und den Beitrag, den sie am Aufbau unserer Zukunft zu leisten imstande sind, endgültig zu verlieren, wenn es nicht gelingt, sie aus ihrer Passivität aufzurütteln, die sie selbst ebenso gefährdet, in dem sie sie außerhalb jedes lebendigen und belebenden sozialen und nationalen Zusammenhanges stellt, also uns, indem sie uns ihrer Mitarbeit und der Kräfte, die sie uns zuzuführen haben, beraubt. Menschen, die von Jugend ihren Weg zu finden wußten und das Ziel im Auge behielten, haben sich von uns verloren. Andere, die sich im Auftrieb der geistig wie politisch stark bewegten" ersten Nachkriegsjahre zu uns gefunden haben, sind der Politik! „müde geworden", haben „den Glauben verloren". Nicht die Mitläufer der Revolution sind hier gemeint, die, wie sie sich damals aus Berechnung oder aus Schwachgeistigkeit anschlössen, auch später ihren Vorteil verstanden und rechtzeitig bei den bürgerlichen Zionisten unterschlüpften oder schnell in das Lager der sozialdemokratischen Partei leinschwenkten, sondern diejenigen, die von der Revolutionsbewegung des Jahres 1918 die Verwirklichung großer politischer und Menschheitsideale erhofften. Aber weil nicht „alle Blütenträume" der Uebergangszeit „reiften", sind sie von einer völligen Apathie ergriffen worden und haben sich einer tätlichen Passivität ergeben. War diese Passivität alsefntftm'mittelbare Reaktion^ auf die Ueberspannung der Hoffnungen verständlich, was rechtfertigt sie jetzt, da jähre seither vergangen, neue Wellen im politischen Leben gekommen und verschwunden sind? Wäre es irgend eine andere produktive Tätigkeit auf einem andern als dem politischen Gebiet, im 'Rechtsleben, in der Wirtschaft, künstlerisch oder wissenschaftlich, sie wären gerechffertfgt. Aber nein! Sie sitzen, jeder in seinem Winkel, schmollend, flügellahm, verbürgerlicht, der bei Weib und Kind hinterm Ofen, der bei faden Unterhaltungen im Cafe oder in der Tischgesellschaft oder sonstwie eingesperrt in einer nichtigen, unfruchtbaren Existenz. Ein unge-- heurer Skeptizismus ist in den'meisten Fällen die 1 Grundlage einer tiefen geistigen Trägheit geworden, die nicht mehr nach einem Ausweg! sllcht. Aber sehen, sie denn nicht, daßjhnen die Gefahr droht, am Wege liegen zu bleiben, weil die Zukunft im Anmarsch isi und sich um sie nicht kümmern wird, wenn sie selbst sich nicht täglich und stündlich kämpfend bemühen, mitzukommen und in der Reihe zu bleiben. Sehen sie denn nicht, daß alle Argumente, die sie für ihre Untätigkeit anführen, nur Erfindungen ihrer Trägheit sind. Daß das Argument, in Wien sei die Assimilationsgefahr groß und deshalb jede Arbeit auf jüdischem Gebiet verglich, gerade gegen sie spricht, und sie zwingt nicht weniger, sondern mehr als das gewöhnliche Maß politischer und geistiger Aktivität zu entfalten, da sie doch selbst sehr gut wissen, daß sie sich, auch wenn sie wollten, nicht wirklich assimilieren könnten. Und dann —t es ist nicht so, aber gesetzt den Fall, daß hier die Lage wirklich so trostlos wäre — ist ja Wien, nicht die Welt und es leben, und schaffen die jüdischen Massen in Polen und in Amerika, in Rumänien und in Litauen und man arbeitet mit zäher Energie und großer Begeisterung, an dem Aufbau von Erez-Israel. Wenn es nichts weiterwäre, als den Zusammenhang mit diesem lebendigen Schaffen aufrecht zu erhalten, um nicht selbst zu verdorren und als nutzloser Abfall auf den Müllhaufen zu kommen, so wäre das schon eine Aufgabe, die-, einer fortwährenden Aufmerksamkeit bedürfte. Ein anderes Argument, das man gebraucht: Man sehe: keinen anderen Ausewg', als daß schließlich auch das Judentum der anderen Länder seinen Untergang durch Assimilation finden würde, abgesehen davon^ daß es ebensolch imnützes Gedankenspiel darstellt,, als der Spenglersche „Untergang des Abendlandes", enthebt doch ebensowenig von der Verpflichtung zur Aktivität, als der doch zweifellos gewissere Zerfair unseres Körpers uns der Lust enthebt, ihn täglich von neuem zu stärken und aufzubauen. In Wirklichkeit aber sind alle diese Argumente Ausreden, dieman sich selbst im nachhinein erfindet. Die wahren Ursachen sind bei den einen der als Reaktion auf manche Lensche und August Müllers abgefallen. Aber liegt nicht auch hier eine Analogie? Wie lange durften diese Herren als geistige Trabanten des Großkapitals öffentlich journalisieren. und trotzdem der Partei zugehörig bleiben, anstatt daß diese sie sofort hinausschmiß? Die Partei hatte offenbar diese Entfremdung von ihren Prinzipien und ihren Sitten nicht zu tragisch genommen. Dasselbe hat sich nun wiederholt. Freilich in einer schlimmeren Art, denn es handelt sich um eigennützige Motive. Doch lag, auch hier dieselbe, oberwähnte Entfremdung vor und auch hier empfand die Partei nicht gleich das Bedürfnis, aus dieser Entfremdung die Konsequenzen zu ziehen. So erleben wir heute nicht nur den Schmerz, daß der eine oder der andere aus den Reihen ausgestoßen wird, sondern daß die Sozialdemokratie, weil sie nicht selbst rechtzeitig eingegriffen hat, bei diesen Vorfällen in die Verteidigungsstellung gedrängt wird, in eine Linie mit dem Zentrum. Als ob darin ein Symbol läge für die lange politische Koalierung mit ihm und den noch weiter Rechtsstehenden. Der Geist dieser Gemeinschaft — untersuchen wir jetzt nicht, ob sie notwendig war — die systematische Pflege dieses Geistes sind nicht wenig schuld an der heutigen Situation. Hoffen wir, daß sie bald überwunden wird. S. S. Die Genferei und die Arbeitslosigkeit. Was die Vertr:;ei der Arbeiterschaft vorausgesagt haben, tritt nun mit unheimlicher Genauigkeit ein. Die Fesseln, die die Geldgewaltigen von Genf mit Zustimmung des Herrn Seipel unserer Republik aufgezwungen, werden nun für den Staat unerträglich. Die Retter von Genf, die sich ihre Wohltaten mit fetten Zinsen bezahlen lassen, würgen nun die Staatswirtschaft mit geradezu verbrecherischer Rücksichtslosigkeit. Die leichtfertige Politik der Regierung Seipel bietet ihnen einen guten Vorwand. Sie beharren auf die seinerzeit festgesetzte Ziffer des Budgetmaximums, als1 ob der reale Wert der Seipel-Kronen im Laufe "dieser Zeit nicht beträchtlich gesunken und die Teuerung nicht fortgeschritten wäre. 'Die Herren wagen es die Staatswirtschaft in einem .Zeitpunkte zu drosseln, als die Volkswirtschaft eine x furchtbare Krise durchmacht. 200.000 Arbeitslose belasten das Staatsbudget, viele Zweige der Industrie liegen brach, die Kaufmannschaft wird durch unlaufhörliche Zählungseinstellungen gelichtet. Der Staat steuert offenbar einer Katastrophe zu. Der Sanierungssegen der Prälatenregierung wirkt sich nun verhängnisvoll aus. Der österreichischen Arbeiterschaft harren bange Tage. Wieviel Abonnenten haben Sie für »Unsere Tribüne« schon geworben? Sich selbst verpfändet. (Schluß.) Aus Langeweile nimmt er eine Zeitung in die Hand. Er fängt bei den Telegrammen an und liest eine Meldung aus Saloniki, daß man die drei Bulgaren, die dem österreichischen Konsul -einen Drohbrief mit einer Attentatsankündigung geschickt hatten, festgenommen habe. „Die werden nun ihr Teil' erhalten" — denkt er und stellt sich drei hochgewachsene, schwarze Bulgaren vor, mit langen blanken Messern in der Hand. Bald aber beginnen die Buchstaben vor seinen Augen herumzutanzen, der Kopf schwindelte ihm, in seiner Brust brennt ein unangenehmes Feuer und es zieht ihn hinaus ins Freie. . Ihm' erscheint jetzt das Draußen in einem herrlichen Licht. Die Sonne scheint so angenehm, Menschen gehen und fahren. Jetzt wäre es fein spazieren zu gehen — wo er doch satt ist! Und er hat das Gefühl, als hielte er sich selbst gefangen; Gott weiß, wie lange er noch so im Kerker wird sitzen müssen! Der Schweiß tritt ihm aus den Poren, seine Augen treten beinahe aus ihren Höhlen. Er sieht mit angestrengten Blicken auf die Wirtin, die an der Kasse sitzt und auf die Gäste acht gibt, , „Der Teufel hole sie, wie sie da acht gibt!" — gerät er in Zorn und kann die Augen von ihr nicht abwenden. Seine Blicke begegnen den ihren. Und es scheint ihm, daß sie weiß, erhabe nicht womit zu bezahlen und erschreckt wendet er seine Augen wieder der Tür zu. Schon drei Uhr! Keiner von den Bekannten ist gekommen. Klmger blickt durch das Fenster in den Hof, er ist es1 schon überdrüssig nach der Tür zu sehen. Die Sonne scheint noch ebenso treu, warm und ruhig, als ob nichts geschehen wäre... Der Zorn, der in ihm brannte, verwandelte sich in Trauer, er dachte daran, blaß er auf diesen lichten Tag so lange gewartet hatte — bis jetzt war es die ganze Zeit so kalt, traurig und hungrig!.... Und da er ihn schließlich erwartet hatte, mußte er nun eingesperrt sein, verpfändet für einige Kopeken, in einem engdunstigen Kaffeehaus und warten bis ein guter armer Freund kommen und ihn auslösen werde. Seine Augen füllen sich mit Tränen und er denkt: Das Leben ist so kurz, der schönen Tage sind so wenige und dieses Wenige, das da ist, raubt man auch noch. Warum nur? Warum? v iUnd er verfällt auf den Einfall, zur Wirtin zu gehen und ihr zu sagen: Entschuldigen Sie, ich hatte ganz vergessen, daß ich kein Geld zu mir genommen habe und bin so vom Hause fortgegangen, ich werde Ihnen ein nächstesmal die Kleinigkeit bezahlen____ Anscheinend eine einfache Sache und er würde befreit sein und würde wieder ins Freie hinaus dürfen, wo es so hell und wohlig ist. Er wirft einen Blick auf die Wirtin — und kann: sich' nicht von seinem Platz erheben... Nein! pch werde noch warten — entschließt ersieh — morgen wird doch auch ein schöner Tag sein!. Es fällt ihm aber ein, daß es unpassend sei, solange zu sitzen, die Kellnerin, scheint es ihm, blickt schon mit Verdacht auf ihn. Wenn sie an seinem Tisch vorbeigeht, und sie könnte jeden Augenblick sagen: iWarum sitzen Sie hier so lange, es ist ohnehin eng — bezahlen Sie und gehen Sie... Er war schon einmal Zeuge einer solchen Szene. Freilich, das hatte sich mit einem alten, armen Mann; zugetragen, der hier einen Wintertag verbracht hatte;. Ihn, Klinger, würde man nicht behelligen, man sah doch, daß er nicht der erste Beste ist, aber trotzdem,, es |st unpassend... und er wechselt seinen Platz;: er geht in das nächste Zimmer. Er hält es aber dort nicht lange aus, man sieht nicht von dort aus die Tür und er fürchtet, es könnte ein Bekannter kommen, ein. Glas Tee trinken und fortgehen und er würde hierbleiben, lunauggelöst... Er 'kehrt in das erste Zimmer zurück und beschließt fest, ruhig zu warten, bis ein Bekannter kommen würde; und damit die Zeit schneller vergehe, wird er eine Zeitung von Anfang bis zu Ende lesen. Und er fängt wieder an zu lesen. Er liest eine Zeile mehreremal, versucht etwas zu verstehen, aber die Worte gehen ihm in den Kopf und schleichen sich schnell wieder hinaus, als ob es ihnen dort ebensoeng wäre, wie ihm im Kaffeehaus...