Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 3 (15.02.1924)
- Date
- 1925-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion uttd Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/U Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: Vierteljahr.. 12.000 K halbjähr. . . 24.000 „ Einzelne Nummer 2000 Kronen Nr. 3. Wien, 15. Februar 1925. 2. Jahrgang.. Der Kampf um die Demokratiesierung der Wiener Kultusgerreinde. Seit der Konstituierung des Kultusvorstand es sind Tcäum einige Wochen verstrichen, der Vorstand hat bis jetzt bloß zwei Sitzungen abgehalten, das Budget pro 1925 ist noch nicht erledigt und dennoch sind bereits jetzt, zumindest die Konturen der Richtung sichtbar, an welcher sich die Tätigkeit der Vertreter der „Vereinirgung" bewegen wird und welche Widerstände sie zu überwinden haben werden. Eines der größten Uebel der Kultusgemeinde ist, 'daß alles, was in der Seitenstettengasse vorgeht, von -der Oeffentlichkeit völlig ausgeschlossen bleibt. Es kommt nicht darauf an, ob die Galerie der Zuhörer bei den Sitzungen überfüllt ist, oder ob nur wenige Interessen!e.i sich einfinden, die Tatsache, daß .jedes Mitglied der K. G. das Recht und die Möglichkeit hat, .seine gewählten Vertreter an der Arbeit zu sehen, beeinflußt zweifellos den Charakter der Verhandlungen und erhöht gewiß das Verantwortungsgefühl der Vorsteher ihren Wählern gegenüber. Es war deshalb sehr richtig, daß die Vertreter der „Vereinigung" gleich in der ersten Sitzung einen Antrag auf prinzipielle Erklärung' der <3effentlichkeit aller Sitzungen ' eingebracht "haben. Daß sie hier auf einen teilweisen Erfolg hin- Aveisen können, beweist nur, daß die liberalen und jüdisch nationalen Herren vor der Wählermasse Angst haben und einem' solchen berechtigten, dringenden Verlangen nicht entgegenzutreten wagen. Aber die Oeffentlichkeit der Sitzungen allein würde bei weitem' noch nicht ausreichen, .um die breite jüdische Oeffentlichkeit mit den Angelegenheiten der Ktiltusgemeinde vertraut zu machen. Um das zu erreichen, müßte die jüdische'Bevölkerung fortlaufend über alles .unterrichtet werden, was die K. Gi leistet und was sie zur Erfüllung ihrer Pflichten von uns verlangt. Der Antrag auf Herausgabe eines Publikationsorganes der Kultusgemeinde, den die Vertreter •der „Vereinigung" eingebracht haben, bezweckt, die jüdische Bevölkerung in alle Angelegenheiten, Leistungen und Sorgen der K. G. einzuweihen. Als Krönung dieser beiden Versuche und (als iinabweisliches Erfordernis der Zeit, betrachten mit Recht die Vertreter der „Vereinigung" die Einführung -des allgemeinen Wahlrechtes1 für alle erwachsenen Juden, ohne Rücksicht auf ihre Steuerleistung. Unsere Freunde haben Wort gehalten und. den Wahlreform- .antrag gleich in der konstituierenden Sitzung eingebracht, wir können dessen gewiß sein, daß sie es auch verstehen werden, für diesen Antrag, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu kämpfen. Von .besonderem Interesse ist es für uns, wie die bürgerlichen Jüdischnationalen, die sich gerne als Demokraten präsentieren, sich zu dieser Frage verhalten werden. Was die Angelegenheiten der Angestellten und Beamten der K. G. betrifft, gibt es1 bereits jetzt eine einheitliche Front aller bürgerlichen Mitglieder des Vorstandes gegen die Angestellten und Beamten. Aber den Angestellten und Beamten steht ja eine kampffähige Gewerkschaft zur Seite und wenn das Eintreten der Mandatare der „Vereinigung" nicht genügen sollte, die feindlichen Pläne der geschlossenen bürgerlichen Mehrheit abzuwehren, wird die Gewerkschaft mit diesen Phraseuren von den sozialen Ideen der Bibel schon ferig werdten. Die Vertreter der „Vereinigung" bilden in der Kultusgemeinde eine Minderheit den bürgerlichen Für das arbeitende Palästina. Tausendo jüdischer Arbeiter warten in Palästina auf eine Ansiedlungsmöglichkeit. Schwer lastet auf ihnen das Joch des Privatkapitals, sie sehnen sich nach einer Ansiedlung auf gemeinwirtschaftlicher GinUdlage, um die hohe soziale Form des arbeitendeti Palästina zu verstärken. Die Mittel, die der Keren Hajessod zur Verfügung, stellt, reichen leider hiefür nicht aus. Es ist Pflicht aller arbeitenden Juden, aller jüdischen Sozialisten, unseren Brüdern in Palästina, "die die Pioniere des jüdischen Sozialismus sind, in ihrem schweren Kampfe zu helfen. Die palästinensische Arbeiterschaft hat eigene Institutionen für ihr (^memschaftswesen geschaffen. Der Palast ina-Arbeiter f o nd. s, der Pionier auf dem Gebiete der Produktionsgenossenschaften, die Arbeiter- Bank, das Kreditinstitut der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas, der „Hamasohbir", die Zentrale der Konsumgenossenschaften, der „Solel-Bone" die große Bau-' kooperative, sie alle sind bestimmt, die Position der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zu stärken. Es ist Pflicht jedes arbeitenden Juden, dieser Institutionen stets zu gedenken. Von der Entwicklung dieses jüdischen Arbeit ergemeinwesons in Palästina hängt zum großen Teile die Gesundung des jüdischen Volkes, die Stärkung des jüdischen Proletariats, die Entfaltung der Macht dos jüdischen Sozialismus ab; Niemand versäume seine Pflicht zu erfüllen. Gruppierungen gegenüber, die Bürgerlichen haben natürlich die Möglichkeit alle von unseren Freunden eingebrachten Anträge glatt, niederzustimmen. Die Vertreter der „Vereinigung"-bekunden den Willen sachlich mitzuarbeiten um : df£ Kultusgemeinde in leine große, die ganze jüdische Bevölkerung Wiens '.umfassende, Volksgemekde räuszugestalten. Sollte ihnen das aber unmöglich' gemacht werden, dann werden wir die wahrhaft demokratisch und sozial denkende und fühlende jüdische; Bevölkerung gegen die Mehrheit des Kültüsvorstandes'i äüfruferi/ Ist auch unsere _ Macht im Vorstand selbst.durch das reaktionäre Wahlrecht beschränkt, so werden wir, gestützt auf die Macht der entrechteten jüdischen Bevölkerung den Widerstand der bürgerlich-jüdischen. Reaktion zu brechen versuchen. Das kann uns1 aber nur dann gelingen, wenn wir die Organisation der „Vereinigung" ausgestalten und sie mit allen notwendigen Kampfmitteln ausrüsten. Diese Arbeit erfordert große Anstrengungen, aber die Aufgabe, die maßgebenden jüdischen Institutionen Wiens mit demokratischem und sozialem Geist zu erfüllen, ist zweifellos' der größten Mühe wert. M. S. Politik und Korruption. i. Das politische Leben in Deutschland steht jetzt ganz im Zeichen des „Kampfes" gegen die Korruption. Der Ausgangspunkt war die Verhaftung einiger Großschieber der Kriegs- und Nachkriegszeit. Aber (es blieb nicht beim Prozesse gegen diese; auch nicht bei der Erregung des Volkes, das einmal anschaulich hätte sehen können,, auf welche Weise die großen Vermögen entstehen. Freilich in den Affären der Kutiskers und Barrnats sieht man nur den Werdegang der neuen Reichen; zur Entrüstung der alten Reichen (und ihrer Presse) kann man jedoch bemerken, daß ebenso der Reichtum ihrer Väter oder Großväter entstanden war. Ja, es hätte ein lehrreicher Unterricht für das Volk sein können, Ursprung von Glanz und Macht kennen zu lernen. | Aber es kam anders. Die Reaktionären, die schurkischen Hasser von Demokratie und Republik jbenuztten, wie jede andere, auch diese Gelegenheit, um den Schmutz und Unrat, der hier hervorkam, auf die linken Parteien zu werfen. Daß im Bunde mit den Schiebern oder als ihre "Werkzeuge hohe Beamte tätig waren, aus jenen höchsten Kreisen der Bürokratie, die der Stolz des Hohenzollerntums waren, die das Vorbild der preußischen Zucht und Ordnung bildeten, die in ihrer gottverlassenen Ueberheblichkeit die ganze Welt mit ihrem System beglücken wollten, all das schert die Reaktionären nicht. Der Kampf gegen die Barrnats und Genossen mußte zu einem Kampf gegen die Republik werden. Und die deutsche Justiz, dieser schändliche Apparat mit seinen monarchistischen Trägern, die in den sechs Jahren der Republik die treueste Beschützerin ihrer Feinde war, hat auch hier den Wink der Tüchtigen, von vorgestern verstanden, so daß als die Hauptsache des Strafverfahrens gegen einen verdächtigen Schieber die Ruinierung demokratischer Politiker und Parteien erscheint. Es ist daher sehr notwendig, diese heißen Bemühungen der reaktionären .Demagogen zu; durch-_ schauen. 7■ ' "'" . ' ■■7 II. Aber wenn auch der Zweck der Gegner Bar ist, so darf man darum die zum Vorschein gekommenen Tatsachen nicht zu verkleistern versuchen. Denn es offenbart sich in diesen Fällen wiederum' eine. Verquickung von Geschäft und Politik, wie sie bei den bürgerlichen Parteien fast immer vorhanden ist,- aber nur selten offensichtlich wird. Da das Geschäft für die ganze bürgerliche Welt das1 Heiligste und Wich* tigste ist, da das Geldverdienen nicht nur als verfluchte Notwendigkeit zur Befriedigung der Lebensnotdurft, sondern als System' und Ideal gepriesen wird, — warum' sollen gerade die bürgerlichen Abgeordneten und Minister, die Apostel dieses Systems, sich untreu werden? Daß die Geschäfte das einemal als erlaubte und saubere angesehen werden, das arideremal1 als anrüchig, mag ja bei einer feineren Analyse zutreffen. Aber diese Unterscheidung sollten wir in der Praxis lieber dem Wettstreite zwischen den alten und neuen Reichen überlassen. Denn man kann schon cum gruno salis sagen, daß, wer das Geschäftemachen als selbstverständlich hält, in der Regel1 auch kein großes Verständnis für die weniger einwandfreien Gewinnmöglichkeiten und ebenso keine allzu großen Hemmungen haben wird. Etwa wie jener Jude ge^ sagt hat, er wisse, wer am Samstag raucht, nämlich der, der es an Wochentagen tut. Darum sollte der Fall für Sozialisten nur eine Gelegenheit sein, um dem Volke zu zeigen, wie der Kapitalismus seine Vertreter korrumpiert, wie so manche, die den Kapitalismus und seinen Egoismus predigen, ihn auch selbstbetätigen, auch manche seiner Minister und Abgeordneten. III. Leider ist die Situation anders', als sie sein sollte. Denn nicht bloß die politische Existenz bürgerlicher Abgeordneten und minister ersauft jetzt im aufgewühlten Schlämm der Korruption, auch die Sozialdemokratie hat Opfer zu tragen. Der frühere Kanzler Gustav Bauer war das erste. Wird er auch das letzte sein? Wenn er esi auch nicht sein sollte, so ist dies) noch nicht das Traurigste. Daß einzelne-Blätter abfallen^ müssen, bedeutet bei gesundem Stamm nicht viel1. Von der deutschen Sozialdemokratie sind auch aus?, rein politischen Gründen in den letzten Jahren so*