Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 11 (05.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere Tribüne Nr. n Ein Wendepunkt in der Tätigkeit unserer Organisation« (Zur Genmlversammlung: anV 7. Derember.) Der Erfolg bei den KulftiswaJileh bedeutet den Abschluß eines Abschnittes in der Tätigkeit unserer Organisation. Es ist uns gelungen» den Kreis, auf den wir bis jetzt unseren Einfluß ausgeübt haben, bedeutend zu erweitem. Wir dürfen uns nicht tauschen — die 2266 Juden,, idte für die „Wahlvereinigung" gestimmt haben, sind noch länge keine Poalezion, auch das Kultusprogramm, dieser Vereinigung ist mit den poalezion istischen Grundsätzen nicht völlig identisch. Aber zweifellos haben wir durch diese Wahlaktion eine Peripherie für die Propagierluig von wichtigen jüdisch-sozialistischen Losungen erobert. iDas ist das Resultat einer systematischen, langwierigen und mühevollen' Werbetätigkeit. Nun gilt es, diese Peripherie zu festigen und zu erweitern, wie auch unseren Einfluß auf die uns nahestehenden Kreise zu kontin liieren. Das werden wir nur dann imstande sein, wenn wir in unserer Organisation selbst die Aufgaben einer jüdisch-sozialistischen Gruppe in Oesterreich uns stets vor Augen halten und bei Beibehaltung unserer Grundsätze es doch verstehen, uns der Umgebung anzupassen. Das birgt sicher ernste Gefahren in sich, aber wenn wir nach innen geschlossen und überzeugt an die Arbeit herantreten, werden wir dieser Schwierigkeiten Herr werden. Wir wollen nicht große Worte machen, aber wir sind überzeugt, daß unsere Organisation einen Wendepunkt erreicht hat, der ihr ungeahnte große Möglichkeiten für die Entfaltung des jüdischen Soizialismus in Oesterreich eröffnet.. Werden vires verstehen, diese Mög- 1 i c Ii ke iten gebü h ren d a iiszu n ü tzen? Diese Antwort soll in unserer Hauptversammlung, Sonntag, den 7. Dezember erteilt werden. Wir hoffen, daß unsere Genossen die Wichtigkeit dieser Versammlung richtig einzuschätzen verstehen werden. Zur Frage des Weltverbatides jüdischer Studenten. Studenten fragen zeichnen sich ganz allgemein und überall dadurch aus. daß sie bei den arbeitenden Schichten des Volkes nur sehr geringes Interesse hervorrufen können. Und in natürlicher Konsequenz 'dessen, können sich Arbeiterparteien nur in sehr geringem Maße mit Studenten fragen überhaupt ■beschäftigen. Hat doch, um ein krasses Beispiel hervorzuheben, die österreichische Sozialdemokratie an dem 'groben Unfug' des österreichischen Universitätswesens bis jetzt nur wenig ändern können, weil sie sich, in richtiger Erkenntnis der Verständnisolsigkeit des' arbeitenden Teiles der Bevölkerung gegenüber Studentenfragen auf den Standpunkt stellen mußte, die Studentenfrage sei zunächst eine reine Rechtsfrage und noch lange keine politische Frage. In der Tat, für die^olitiklUcann;die Studentenfrage nicht viel bedeuten und eine Arbeiterpartei wird immer wichtigere Sorgen haben als sie. Das Stinten tentum ist etwas Ephemeres, ein zeitlicher Uebcrgang. Aus Schülern sollen berufliche geistige Arbeiter weiden, aber das Studenten tum ist deswegen noch lange kein Beruf. Nicht einmal eine beachtenswerte Gruppe innerhalb einer bestimmten Klasse von Menschen. In Ländern, wo die Universitätsbildung ein Privileg des saturierten Reichtums ist, ebensowenig wie in andern, wo der Typus des Studenten aus dem Mittelstand vorherrscht, nirgends ist das Studentum der bildnerische Ausdruck einer (iesellschaftsscliicht Ueberall ein Konglomerat, mengen sich in ihm mehr oder ewniger die gesellschaftlichen Bestandteile aller Schichten. Auch das spezielle Interesse der Arbeiterparteien an der Jugendarbeit wendet sich den Studenten nicht sehr stark zu. Während der jugendliche Arbeiter unter Umständen zum Machtfajktor in den Parteien werden kann, bleibt der Student bedeutungslos.; Wenn auch intellektueller Nachwuchs einer Arbeiterpartei erwünscht ist, so steht sie praktisch doch auf dem Boden einer naturlichen Auslese, die sich um die Fakultäten nicht viel kümmert. Nach diesen Einschränkungen erscheint es uns als berechtigt, die Sonderfragen des jüdischen Studententums hier aufzurollen. Der jüdische Student hat ebensowenig wie der nichtjüdische einen Beruf in Händen. Auch er befindet sich nur in einem Uebergangsstadium, aber er unterscheidet sich in grundwesentlichen Tatsachen von seinem nichtjüdischen Kollegen. Er ist mehr als jeder andere Student ein Produkt der abnormalen Existenz seines Volkes. Zählreiche Tendenzen in der ökonomischen Struktur der jüdischen Massen drängen zum Brotstudium, das durch die ganze Psychogenese des jüdischen Volkes gefördert wird. Der Brotstudent ist beileibe kein besserer Student als der andere, er studiert, weil er keinen anderen Beruf haben kann und ist im Stande, im Verlauf eines oder zweier Dezennien das ganze Niveau der jüdischen Studentenschaft ejnes Landes herabzudrücken. Er bleibt in der zwerghaften Entwicklung seiner Berufsvorbereitung ebenso stecken, wie irgendwelche andere jüdische Schichten in Handel und Kleingewerbe. Jüdische Studentenfragen sind so in j)raxi rein ökonomische Fragen und dürfen nur als solche ^handelt werden. , Falsch ist die Auffassung des numerus clausus als einer reinen Rechtsfrage. Natürlich könnte er unter anderen Umständen eine solche sein, bei der heutigen wirtschaftlichen Lage des jüdischen Volkes ist er eine ökonomische Onmdtatsache, überall dort, wo jüdische Brotstudenten in Betracht kommen. Hilfe für jüdische Studenten - - ein Studenten weit-# verband, kann in allererster Linie nur wirtschaftliche ' Hilfe bedeuten. Es muß möglich werden, jüdische Brotstudenten auf ihren Beruf vorzubereiten, in welchem Umfange freilich, kann vorher nicht leicht entschieden werden. Ebenso wenig leicht ist die Frage der Begabtenauslese. Aber eine in Erkenntnis wirtschaftlicher Notwendigkeit geleistete Studenten hüte wird zumindest auch immer Begabten unter den Studenten zu Hilfe kommen. Das kulturelle Moment einer universell aufgefaßten jüdischen Studenten frage kann nur in einer organischen Beziehung zu den Kulturinstitutionen des jüdischen Volkes bestehen. Das jüdische Studententum in aller Welt muß die organische Fortsetzung des jüdischen Schulwesens werden. Ueberall in aller Welt müssen die Studenten, die aus unseren jüdischen Schulen hervorgehen, die wirtschaftliche .Hilfe finden, die sie voll berufsfähig macht. Nur so wird eine Schichte geistiger Arbeiter in Berufen dem Volke gewonnen. Aus dem Volke hervorgegangen, durch das Volk in seinem Werdegang gestützt, kann der jüdische Student später im Leben des Volkes seinen Platz erringen. Ein jüdischer Studentenweltverband, der sich von diesen Ideen tragen läßt, hat im gegenwärtigen Moment gewaltige Aufgaben zu erfüllen. Aus einer Reihe von Ländern setzt eine gewaltige Emigration jüdischer Studenten ein. Sie will gelenkt, geleitet' und vor allem wirtschaftlich fundiert sein. Die rechtliche Ideologie der Numerus clausus-Abwehrbewegung ist geeignet, die wirklichen Grundlagen der jüdischen Studenten Wanderung zu verschleiern. Sie ist in erster Linie eine ökonomische Tatsache. Nur mit wirtschaftlicher Hilfe kann ihr gesteuert werden, rechtliche hat nicht viel'zu besagen. Kulturelle Leistungen eines solchen Verbandes sind für die erste Zeit nicht viel zu erwarten. Der jüdische Student bleibt überall ein Kind seines Volkes, in dem Zustand, wie er das jüdische Studententum vorgefunden, verläßt er es zumeist und die größten Anstrengungen jüdischer Arbeiterparteien haben darin nicht viel ändern können. Aber es bleibt eine Hoffnimg, mit der Gestaltung des jüdischen Schutwesens wird at*ch der jüdische Student ein anderer werden, ein jugendlicher geistiger Arbeiter einer ferneren Zukunft. R. O. Das Resultat der Kultuswahleti. Von den 35.848 wahlberechtigten Juden haben sich 14.865, Isias sind 42 Prozent, an der Wahl beteiligt. Ls erhielten an Stimmen die „Vereinigten jüdischen Parteien" 11.205 (28 Mandate: 15 Unionisten, 10 Zionisten, 'i Aguda), „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit" 2266 (5 Mandate), Religiöser Block 943 (zwei Mandate), Achdut 451 (1 Mandat). In den arbeiterreiehen Bezirken hat die „WahlVereinigung" 20 -30 Prozent der abgegebenen Stimmen erhatten. Die fünf Mandatare der Wahlveremigiwig sind die Genossen: Dr. Edwin Bader, Gustav Moritz, Dr. Rudolf 'Glanz, Karl Pick und: Salonion Meister. Dr. Alfred Landau. [n diesen Tagen vollendet der Nestor der jüdischen Philologie sein 71. Lebensjahr. In der ganzen Welt werden dem greisen Gelehrten aus diesem Anlaß Ehrungen bereitet. Eine umfassende Festschrift jüdischer Philologen, soll der Mitwelt aufzeigen, was Dr. Alfred Landau für die jüdische Sprachforschung bedeutet. Die Wiener Juden haben das Glück, den Jubilar als Mitglied ihrer Gemeinde begrüßen zu können. Seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt Dr. Alfred Landau in ihrer Mitte. Der stille Gelehrte hat hier geschaffen, es ist zu hoffen, daß es ihm gegönnt seim möge, sein Lebenswerk, das historische Wörterbuch der jüdischen Sprache, hier abzuschließen und der Mitwelt zu übergeben. Von den Publikationon Landaus, die jeder jüdischen Sprachwissenschaft und Literaturgeschichte zur Grundlage dienen, seien besonders hervorgehoben: Seine Abhandlung über das JXmiinativ im galizischen Jiddisch, iWien 1896, seine Grammatik und Glossar zu den Memoiren der Gtückcl von Hameln (ein. Mitt. z. jüd. Volkskunde T9or), die Abhandlung über-Grammatik* und Briefstil der von ihm gemeinsam mit Dr. Wachstein herausgegebenen jüdischen Privatbriefe von 16(9. ferner das Glossar mit sprachlichen Zusätzen zu diesen Briefen. Endlich noch seine Arbeit zu Weißenbergs Abhandlung über die jüdische Musikantensprarhe. Außerdem erschienen m zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften Rezensionen, und bibliographische Arbeiten. Auch dem kleinsten Stück, das seine Feder niedergeschrieben,- eignet jene tiefgründige Wissenschaftlichkeit, die jedem, der von Laudaus ganz großen Arbeiten nichts weiß, sogleich ein vollständiges Bild dieser hervorragenden Gelehrtenpersönlichkeit entwerfen muß. Sein Lebenswerk aber bildet das literarische Wörterbuch der jiddischen Sprache, dessen Erscheinen von allen herbeigesehnt wird,die die Liebe zu dieser Sprache, und historische Würdigung der jüdischen Vergangenheit aus ihren sprachlichen Schöpf im gen auf das Gebiet der jüdischen Sprachforschung getrieben hat. Mehr als 50 Jahre arbeitet Landau an. diesem seinen Hauptwerk. Es ist eine Ehrenpflicht der Wiener Juden, dieses epochemachende Werk eines der größtem Gelehren im jüdischen Volke herauszubringen. Der Jubilar erlebt diesen seinen Ehrentag in bewundernswerter körperlicher und geistiger Frische. Mögen noch viele Tage kommen, an denen das jüdische Volk Dr. Landau ehrt und dankt. Wir überbringen dein Jubilar die Glückwünsche der jüdischen Arbeiter Wiens. Die englische Arbeiterpartei nach den Wahlen. Als der Auftakt zu den von den Sozialdemokraten angestrebten Wahlen in Deutschland erfolgte, stürzte die Arbeiterregierung in England. Sie, die durch ihre Wirksamkeit, beinahe schon durch ihre Existenz auch die politische Entwicklung1 in anderen Ländern beeinflussen muhte, gehörte bereits der Vergangenheit an, als.die Parteien in Deutschland den Wahlkampf führten. Die Förderung, die die Tatsache der englischen Arbeiterregierung für den Wahl kämpf der deutschen Sozialisten bedeutet hätten, blieb daher aus. Leider verläuft die AutVärtsbewegung der sozialistischen Parteien in den entscheidenden .Ländern nur allzu oft nicht parallel. Freilich, die Regierung der Arbeiterpartei, die nur eine Minderheit im Parlamente war, konnte nicht von langer Dauer sein. Es ist beinahe wunderbar, daß sie durch fast ein Jahr im Amte bleiben konnte. Die Arbeiterpartei war auch nicht die relativ stärkste f Partei, als sie zur Macht gelangte. Nur. dank,der englischen Tradition' mußten die Konservativen, die bei den Wahlen im Jahre 1923 eine Niederlage erlitten und die absolute Majorität verloren, die Rcgierungsgewalt an die Arbeiterpartei, die zweitstarkstc Partei, abtreten. Als Minderheitspartei mußte diese regieren. Glaubte man erst, sie werde nach einigen Wochen bereits das Feld räumen müssen, so erweckten bald ihre außenpolitischen Erfolge die Hoffnung, bei den Gegnern die Furcht, sie werde immer stärker werden, Heute wird bereits das Fazit der Arbeiterregierung von allen Seiten in eine einfache Formel gebracht: in der Außenpolitik ein Erfolg, innerpolitisch ein Versagen. Nicht auf die Schuld, darauf kommt es nicht an,, sondern auf die Tatsache. Diese aber läßt keinen Zweifei daran, daß den Triumphen Mac Donalds 111 der internationalen Politik wenig Positives daheim zur Seite steht. Freilich, die Arbeiterpartei war stets auf die Unterstützung der Bürgerlichen angewiesen. Sie konnte ihr nicht versagt werden bei ihren Aktionen, für Europa einen wirklichen Frieden vorzubereiteil. Gewiß, es steht nur ein Friede bei Fortdauer des