Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 11 (05.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2822530-2822531-2822542--053-2822684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V* b. b. Orgati der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und AÄnWrifstration: Wien, II., Biomauergass* 1/(1 Postscheckkonti! Nr. 38.042 Bezugspreis : Vierteljahr.. 6.060 K halbjfihr. . . 12.000 „ Einzelne Nummer 1000 Kronen Nr. .11. Wien, 5. Dezember 1924. 1. Jahrgang. Sonntag« den 7. Dezember« 4 Uhr nachm., findet im Arbeiterheim Borochow (2. Bez., Blumauergasse 1) unsere ordentliche statt. — Pünktliches Erscheinen aller Genossen ist unbedingte Pflicht! TAGESORDNUNG: 1. Berich te a) Allgemeiner Bericht: Singer, b) Kassa: Salitry, c) Presse: Andermann, d) Bibliothek: Dr. Sommerstein. 2. Unsere nächste Tätigkeit: Singer. 3. Die Lage in der Weltbewegung: Dr. Sokal. 4. Neuwahlen. 5. Eventualis.. Der Ausgang der Kultuswahlen und seine Folgen. Der Wahlkampf und das Wahlresultat haben unsere Erwartungen erfüllt. Die Wiener Zionisten wollten um jeden Preis einem Wahlkampfe ausweichen, wir haben es uns zur Aufgäbe gemacht, durch Aufklärungsarbeit die jüdischen Wähler aufzurütteln und es ist uns gelungen. Wir haben den Zionisten! den Kampf aufgezwungen. Wenn diese bankerotte Partei noch imstande wäre etwas weiter und höher, als, ihre, "bis zur Tischgesellschaft eingeschrumpfte Anhängerschaft reicht, zu. sehen, müßte sie den positiven Wert des Auftretens der „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde" anerkennen. Wenn sich fast 40 Prozent der Wähler an der Wahl beteiligt haben, so ist es zum' großen Teile das Verdienst der „Wahlvereinigung4', denn wenn es bloß eine gemeinsame Liste aller in der Kultusgemeinde bis jetzt vertretenen Rieh tun gen gegeben hätte, würden nicht einmal die engen Gesinnungsgenossen dieser Gruppen ihr Wahlrecht ausüben. Die relativ hohe Beteiligung an den Wahlen ist. zum großen Teile ein Erfolg unseres Auftretens. Die Tatsache, daß in diesem Wahl kämpfe um sozialpolitische und demokratische Forderungen gekämpft wurde, ist ausschließlich ein Erfolg der „Wahlvereinigung". Wohl haben alle Gruppierungen von den sozialen Ideen des Judentums gefaselt; aber jeder denkende Wähler wußte, daß die Phrasiologie der Herren Buchwald, März, Dr. Plaschkes und ihresgleichen in diesem Punkte ganz und gar nicht ernst zu nehmen ist Wir haben ihnen die Auseinandersetzung mit unserer Wahlplattform aufgezwungen und es ist bezeichnend, mit welcher Wut sich die Zionisten auf die Angestellten der Kultusgemeinde und auf die Sozialdemokratie geworfen haben. Die Zionisten sind gezwungen worden, offen Farbe zu bekennen und die arbeitende jüdische Bevölkerung konnte sich überzeugen, daß die Arbeiterfeindlichkeit das leitende Motiv da" Zionisten, wie der vereinigten jüdischen Parteien überhaupt, darstellt. Diese Erfolge im Laufe des Wahlkampfes, sind von dem Wahlresultate gekrönt worden. 22()(\ Wähler, das sind nicht viel weniger als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen, haben für die Wahlvereinigung gestimmt. Im ersten Anlaufe, ohne die geringste Erfahrung auf diesem Gebiete, haben wir 5 von den 36 Mandaten erobert. Es gehört dazu die Dummheit der „Wiener Morgenzeitung" und eine freche Geringschätzung der Leser, um diesen herrlichen Erfolg als „Niederlage der Sozialdemokraten" in großen Lettern" auszuposaunen. Tatsächlich haben die, Zionisten 3, die Union 5 Mandate von ihrem früheren Besitzstande verloren. Wenn sie das als Sieg betrachten, so erklären wir uns gerne bereit, ihnen künftighin zu ähnlichen Siegen zu verhelfen. Aber der Erfolg der „Wahlvereinigung", innerhalb'der wir Poalezionisten eine rege Tätigkeit entfaltet haben, erlegt uns ernste Pflichten, auf. Wir dürfen uns nicht in Siegesbewußtsein einwiegen, es ist unsere Pflicht, die Ursachen dieses Erfolges zu ergründen und Schritte zu unternehmen, um diesen ersten Erfolg auszubauen. Diese Wahlbewegung hat uns gelehrt, daß in den weiten Kreisen der r,jüdischen Bevölkernung das Verständnis für wahrhaft soziale Tätigkeit vorhanden ist, daß der Wille zur, .E^^tot|^üngi;.deÄ' jüdischen Lebens sich regt, es ist daher unsere Pflicht, unablässig und unermüdlich für diese Losungen zu werben. Unsere Mandatare in der Kultusstube werden zweifellos ihre Pflicht erfüllen. Aber sie werden nur dann imstande sein, erfolgreich zu wirken, wenn sie die Gewißheit haben werden, daß hinter ihnen jederzeit ihre Anhängerschaft organisiert und kampfbereit steht. Diese Gewißheit müssen wir unseren Mandataren verschaffen. Und außer der Tätigkeit in der Kultusgemeinde selbst gibt es eine Reihe sozialer und kultureller Aufgaben zu erfüllen, die zwar auch, in das Programm einer wirklichen Vodksgemeimde gehören, die aber keinen Aufschub bis zu unserem endgiltigen Siege in der Kultusstube vertragen. Da muß man zurSelbtätigkeit greifen. Die zu errichtenden kulturellen und sozialen Institutionen sollen für die Kultusgemeinde vorbildlich werden und die jüdische Bevölkerung zur sozialen Selbsthilfe erziehen. Diesen Aufgaben kann nur eine zielbewußte, festgefügte Organisation gerecht werden. Die Gründung einer solchen Organisation ist eine Notwendigkeit der Zeit geworden und sie verdient unsere uneingeschränkte und tatkräftige Unterstützung. S. Der Niedergang der Wiener Zionisten. Bei den letzten Nationalrats wählen haben die Wiener Zionisten, um ein Mandat für Herrn Stricker zu ergattern, ihr nationales Programm preisgegeben, indem sie sich den mit ihnen verbündeten Assimilanten gegenüber verpflichtet haben, niemals die Forderung der Anerkennung der jüdischen Nation zu erheben, oder einen von anderer Seite eingebrachten diesbezüglichen Antrag zu unterstützen. Diese Verpflichtung bedeutet nichts weniger als die Preisgabe des wichtigsten Punktes des jüdischriatiönaien Programmes. Wir würden es den Zionisten nicht vorwerfen, wenn sie sich zu diesem Entschlüsse angesichts der tatsächlichen Verhältnisse, in öffentlicher-' mutiger' Stellungnahme bekannt hätten/ Aber dazu haben sie sich bis heute noch nicht aufgerafft. Bloß um ihre Mandatgier zu befriedigen, haben sie ihren Gegnern dieses Zugeständnis gemacht. Das ist niedriger Verrat am eigenen Programme. Bei den Kulruswahlen haben sich die Zionisten nicht bloß mit den Assimilanten der „Union" — zwischen den Zionisten und der ..Union" bestehen nunmehr, nach einer Aeußemng des Herrn Oberbaurates Stricker, keine Unterschiede —, sondern auch mit der „Agudah" verbündet. Mit derselben „Agudah", die dem Palästinaaüfbaue und den Bestrebunegn der Judenschaft Palästinas um das Recht der Selbstverwaltung die größten Schwierigkeiten bereitet. Und gerade in.. Wien ist der Hauptsitz der Agudah; hier werden alle Ränke und Intrigen gegen den Aufbau Palästinas3 aü^efe^ die Wiener Zionisten den traurigen Mut aufgebracht, dieses Kompromiß mit den notwendigen Bedürfnissen Palästinas zu rechtfertigen. Allerdings haben sie diesbezüglich1 eine, energische Zurückweisung seitens des zionistischen. Zentralorganes „Haolom" erfahren. Eine Partei, die bef'jedem wichtigen Anlasse die gr und sätzlichsten Forderungen ihres Programmes verrät, offenbart ihren völligen ideologischen Verfall. Daß diesem ideologischen Verfalle der organis<a: '«torische unvermeidlich folgen mußte, ist nur selbstverständlich. Am 29. und 30. November hat in Wien der Delegierten tag der österreichischen Zionisten getagt,, da wurde der organisatorische Ruin dieser Partei erst recht offenkundig. Die Eröffnungsrede des Herrn Oberbbaurates Stricker hat die Katzenjammerstimmung eingeleitet. Dann folgten die Berichte: fast alle Organisationen in Wien und in der Provinz versagen, Briefe werden nicht beantwortet, Weisungen bleiben unbeachtet, das notwendigste Organisationsbudget konnte nicht aufgebracht werden: Im vorigen Jahre sind noch über 26.000 Schkulim verkauft worden, heuer bloß '9000. Der Keren Hajessod und der .Nationalfonds haben zwar namhafte Beträge aufgebracht, aber das ist zumeist ohne Unterstützung der zionistischen Organisationen erreicht worden. Die Aussprache über die Berichte fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt die Herren haben, wohl Grund, die Unzufriedenheit mit der Politik der. Partei zu verheimlichen, aber es ist gewiß, daß die Leitung mit Herrn Stricker an der Spitze eine scharfe Kritik anhören mußte. Die kompromittierenden Koni-, promisse der Leitung wurden aufs schärfste zurückgewiesen, die Arbeiterfeindlichkeit der „Wiener Morgenzeitung" wurde scharf getadelt. Selbstverständlich hat die Leitung ihren Mißerfolg der Opposition in die Schuhe zu schieben versucht. Aber das ist natürlich lächerlich. Der ideologische Bankerott der öster^ reichischen Zionismus mußte notwendigerweise den'' organisatorischen Ruin der Partei herbeiführen. Die bürgerlich-zionistische Partei hat in Oesterreich abgewirtschaftet." Die sozialen und, demokratischen Grundsätze des Zionismus, wie der Aufbau Palästinas, werden von berufeneren Gruppierungen übernommen werden müssen. L. K.