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Unsere Tribüne · 1924-09-28 · 9 (28.09.1924) · p. Seite 3

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
9 (28.09.1924)
Date
1924-09-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Im Kampfe für einen neuen fruchtbaren Gedanken, ging er stets voratv-ein Fahnenträger voll Begeisterung und Freude, voll Gesang und Poesie, aber zur gleichen Zeit auch völl Schmerz, Wut und Strafe. Ein brausendes prophetisches Herz hat in Nachmen Syrkin gepocht und die Gesichter der Propheten, "der Traum der „letzten Tage" haben seinen Weg erhellt. Die jüdische Arbeiterbewegung, insbesondere die. •Dzialistische Bewegung, die sich um Palästina schart, wird seiner nie vergessen. Ein Lehrer und Denker, .ein Dichter und Richter, einer der wenigen Führer und Erzieher einer ganzen Generation ist von uns gegangen. Schlomo Kaplanski, London. Vier Senioren der internationalen Arbeiterbewegung. Die Sechzigjahrfeier der Gründung der Internationale in London (28. {September) eoiiiilt besonderes inte rosse duduren. •ila.ß an ihr auch mehrere Genossen teilnehmen werden, die schon der Ersten Internationale als Mitglieder angehört ka-ben. Bisher sind vier solcher Senioren der internationalen Arbeiterbewegung angemeldet, die auch in der großen Versammlung das Wort ergreifen werden: Eduard Bernstein (Deutschland), Dr. G. B. Clark (England), van Kol (Holland) und Herman Greulich (Schweiz). . Die Lebensge- »chk'hte dieser vier Kämpfer umschließt ein gutes Stück der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Eduard Bernstein wurde am 6. Jänner 1851) in lierlin geboren. Er trat im April 1872 der in Berlin bestellenden Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation als individuelles Mitglied bei und wurde erst später Mitglied der sozialistischen Partei. Von 1881 bis 1890, unter dem Sozialistengesetz lebte er im Exil in Zürich und London als .Redakteur des „Sozialdemokrat"., den die Partei im Ausland ersehe inen ließ. Diese Zeit hat er selbst in seinem Buch .„Aus den Jahren meines Exils" geschildert. Er ist der "Verfasser einer großen Zahl von Werken und stand vor dem Krieg im Mittelpunkt der theoretischen Auseinandersetzung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Er wurde 190U in den Reichstag gewählt, dem er noch heute angehört, Dr. G. B. Clark, geboren am 5. Oktober 1845 in Kilmarnock, lebte von 1818 bis 1870 in Glasgow, wo er als Vorsitzeuder der Ecclcctic Society zu den Anhängern Kobert Owens gehörte. Er war von Beruf Arzt, widaute sieh aber bald vollständig dem öffentlichen .Leben. Er trat der Internationalen Arbeiter-Association in London im Jahre -1870 bei und wurde Mitglied der Londoner Sektion, die ihn bald zum Schatzmeister wühlte. Auch nach dem Ende der Ersten Internationale blieb er der Arbeiterbewegung treu, war Vorsitzender der Gründungsversamnilung der Sozia[demokratischen. Föderation (1881) und arbeitete mit Keir Hardie schon an den Vorbereitungen der Gründung der' Unabhängigen Arbeiterpartei- Englands mit. Von 1879 bis 1886 war er Mitglied des englischen Parlaments. Er ist noch heute lebhaft tätig, schreibt jede Woche einen Artikel. Seine' Hauptinteressen gelten der Bodenreformfrage und der Alkoholabstirienzbewegung. Henri Hubert van K o l trat dem Internat ionaal Wetkliedeii Verbond, wie die Erste Internationale holländisch htelS, im September 1870 bei und nahm. an dem Haager Kongreß 1872 teil, wo er auch die Bede von Marx übersetzte. Er stand stets in den vordersten Reihen der Arbeiterbewegung in Holland, bereiste die Kolonien und hatte starkes Interesse für alle kolonialpolitischen Fragen. Er gehörte dem niederländischen Senat an und war stets ein eifriges Mitglied der interparlamentarischen Union. Vom Haager Unsere Tribüne Kongreß (1872) bis zum Gründungskongreß der S. A. I. in Hamburg (1923) hat. er wohl kaum an irgend einem internationalen Kongreß gefehlt. . Hermann Greulich ist in Breslau geboren und kam 186ö als Buchbinder nach Zürich. Als a.m 18. August 1867 die Sektion Zürich der Internationalen Arbeiter Assoziation gegründet wurde, wurde er deren Sekretär bis zur Auflösung der Internationale (1876). Arn vierten Kongreß der fnlernv^- tionalen Arbeiter-Assoziation in Basel (1869) nahm er teil. Er gehörte zu den Gründern der sozüildemokkratischon Partei der Schweiz, der er bis heute seine ganze Arbeit widmet. Seit 34 Jahren gehört er dem Züricher Kantonsrat, seit 22 Jahren dem Schweizer Nationalrat an und seit der Gründung des Schweizer Arbeitersekretarjates 1887 ist er dessen Vorsteher. Um die Kultusgemeinde. Im Folgenden sollen die Institutionen der Kultusgem'einde auf ihren gegenwärtigen Stand und ihre künftigen Entwickhingsmfrglichkeiten hin betrachtet werden. Gerade bei der kritischen Würdigung des Bestehenden, wird sehr leicht erkannt werden können, über wie reichen Fundus die Wiener Gemeinde für ihre soziale und kulturelle Tätigkeil verfügt. Ein neuer, starker Kulturwille der jüdischen Massen Wiens könnte ans den Institutionen, der Kultusgenieinde reiche Stärkung ziehen. Das bisher in unsäglicher Zersplitterung vegetierende Fiirsorgeleben der jüdischen Vereine könnte durch eine mit Sachkunde verwaltete Gemeinde einheitliche Richtlinien erhalten. Dies alles aufzuzeigen, ist unsere Aufgabe nicht nur im Wahlkampf, wiewohl wir gerade in solchen Zeiten auf das regste Interesse sonst gleichgültiger Kreise rechnen können. A. Die Gemeind e b i b 1 i o t h e k. Wir stellen diese .Institution an die Spitze, weil sie gewissermaßen die erfreu liebste ist. Dies nach mehreren. Richtungen hin. Es muß jeden .luden Wiens mit liefer Freude erfüllen, daß die einzige, für wissenschaftliche Forschung ausreichende judaislischc Bibliothek Oesterreichs sich im Besitz der Gemeinde befindet. An den Beständen der Gemeindein bliothek gemessen, erscheint, der Besitz der übrigen österreichischen Bibliotheken nur als Zufall, keineswegs als systematische Zusammenstellung einer Slüdienbibliolhek. Es sei hier dank.bar der Lebensarbeit des Mannes gedacht, der im-* serer Bibliothek vorsieht, Dr. Wachsteiris. In einer Reihe |^n Jahren hater (von dem einzig möglichen. Gesichtspunkt ausgehend, alle die Gebiete vervollständigt, die kurze Zeit später schon nicht mehr zu ergänzen1 gewesen wären. Die Bibliothek als Ganzes ist sein Werk. Und doch leidet diese ganz hervorragende Institution an Fehlern und Mängeln, die ihren Werl; stark beeinträchtigen. Die räumliche Unterbringung ist gänzlich unmöglich, der Leseraum genügt, den bescheidensten (optischen und akustischen Anforderungen hicht» Seite 3 die Sitz- und Schreibgele^enheit, die Ausbreiteniüglichkeit der entnommenen 6ü<^toer ist nur sehr unzulänglich gegeben. Unsere Bibliothek ist, wir sagen es mit Freude, ungewöhnlich stark besucht. Jugend und Alter vef-J senken sich jm gleicher Weise in die geistigen Schätz» unseres Volkes. Und doch, wie ganz anders wäre dar Besuoh, wenn die Lesestunden nach volksbildnerischen Erwägungen gewählt: würden. Eine stark besuchte Bibliothek kann die Abendstunden nicht entbehren. Selbst eine Bibliothek für Studenten nicht. Die Lesezeil von 3—7 entwertet, die zwei ersten Stunden 3—5 für das lesende Publikum. ,Der Freitag vormittag ist immer schAvach liesucht. Die ganz unselig verwaltete Rathausbibliothek, die von 9—1 Uhr geöffnet ist, hat fast nie mehr als vier Leser, was jedem vernünftig Denkenden ganz selbstverständlich ist. Für eine stärkere Frequenz wären auch noch die Mittagsstunden geeignet. Unsere Bibliothek verfügt bei der überaus großen Seltenheil des größten Teiles ihrer Bücher naturgemäß nur über gelinge Bücherbes lande, die der Leser nach Hause bekommen kann. Dies zwingt Studenten und wissenschaftliche Arbeiter, :ihre Zeit in der Bibliothek selbst zu verbringen. Leseraum und Lesezeil entsprechen diesen Anforderungen, nicht. Der. neue Kultusvorstand, wird alle Anstrengungen machen müssen, für die Bibliothek ein neues Heim zu finden, jedenfalls aber bis dahin die Lesezeit entsprechend abzuändern. Für die Ausgestaltung der Bibliothek mit wissenschaftlicher Literatur der letzten 10 Jahre wird das meiste noch getan werden müssen. Besonders die .wissenschaftliche Literatur in Jiddisch, desgleichen die. großen Ausgaben der Klassiker des jiddischen. Schrift- , tiims, fehlen. Forschungen zur jüdischen Literaturgeschichte und Sprachwissenschaft werden so stark beeinträchtigt. Es fehlen alle wissenschaftlichen Journale in jiddischer Sprache, bibliographische, Theaterkunde, Pädagogik und andere. Es ist aber vorwiegend die Aufgabe wissenschaftlicher Bibliotheken, wie unsere Gemeindebihlip,thek [eine ist, alles das zu siammehy was sonst im Laufe der Jahre sich nur unvollständig erhält. Es ist auch Aufgabe unserer Bibliothek, durch ° . ., . ., . > öffentliche Vorträge, Ausstellungen, das Interesse für das jüdische Buch in ganz anderem Maße zu wecken als bisher. Besonders unsere Schuljugend wäre hiefür empfänglich. Auf diesem Gebiet ist'noch nichts versucht worden. Dos Versäumte macht sich bemerkbar. Auch unsere Studierenden wissen vom jüdischen Buch als solches nichts. Hier'Kenlnitini(& zu vermitteln, wäre Aufgabe der Gemeindebibliothek. mandem. Vor Wilma'haltet euch die ganze Zeit ausschließlich, in jKiew auf, fahrt von dort nicht <wag und a rbeitet .ausschließlich an der Bildung neuer aktiver' Gruppen. Den •Temtorialismus laßt ganz fallen. Es lohnt sich nicht, auf ihn Kräfte zu verschwenden- Euren Brief durch Eljas'eheff und Fischkin habe ich erhalten. Es fällt mir schwer zu glauben, daß Dobin die P. Z. verlassen soll,- aber wir werden ja sehen. Schlagt ihm in meinem Namen vor, im Jargon ein» Broschüre über Palästinismus vom Standpunkt der P. Z. zu schreiben. Ich werde sie dann abdrucken und will ihm gerne Honorar bezahlen. Er soll gleich diese Arbeit beginnen. IVur soll er zensurgemäß arbeiten,.-weil ich seinen Namen auf die Broschüre setzen will, erist sehr populär. Mossin'sohn ist jetzt in Jekatorihoslaw, er fährt nach Orchiew, Schitomir, Kisehinew und von dort nach Wilma. Ich wünsche euch Erfolg. Euer ..." Und schon gar aus jeinem Zufall befindet sich' in der üjelo ein Brief vom 4. Dezember 1906 von Kiew nach Tscherkas von dem Tscherkaser Rayon- Koimte der jüdischen sozialdemokratischen ■ Partei Poale-Zion über die Taktik bei den Wahlen in die Reichsduma.; :• Wir haben auf diese Art alles* aus der „Ujelo" entnommen, was Bedeutung und Interesse für die Geschichte der Anfangsjahre einer bedeutenden Strömung der jüdischen Arbeiterbewegung hat. Beschränkt durch das Material, das sich in unserer Hand, befand, hielten wir es für nötig, uns möglichst nahe an das Material1 zu halten. Nur um verschiedene Fakten oder Beziehungen klarer zu machen, um, wo es nötig ist, den gehörigen Zusammenhang herzustellen, mußten wir das» bißchen persönliche Erinnerung von der Zeit zu Hilf« rufen. Dies ist wirklich nur in sehr geringem Umfange der Fäll gewesten. J. BiegmJann. . hing gefaßt machen. Gerüchte gehen herum, daß Poale- Zion sich spalten soll," Ein weilerer Brief vom 30. Oktober 1904 von Kiew (gezeichnet A. L.) nach Priluk an G. Rusakowa. In dem Brief finden wir eine getreue Abspiegelung des schau zu jener Zeit begonnenen inneren Kampfes in der Poale-Zion-Bewegung zwischen den G nrndgedankeai, „Reuaisisiance" (Wosrosehenie) und Entart ungstheorie (S. S.). „Auf eure Anfrage: Wie es in Kiew mit dem; Zionismus steht, ob es dort Poale-Zion gibt, wie die Arbeit, vorwärts geht und worin sie besteht, will ich ▼ersuchen,, auf alles zu antworten, soweit ich es weiß. Der Zionismus in Kiew macht jetzt, wie fast überall, eine Krisis durch. Das alte Gebäude des Zionismus bröckelt ab und wird vermutlich sehr bald ganz einfallen. Und wir jungen Zionisten sehen auf das Bild der Zerstörung, auf den vollkommenen Bankerott des alten Zionismus mit Zufriedenheit, wenn auch nicht ohne Trauer. Mit Trauer deswegen, weil wir doch im ■Monismus aufgewachsen sind, und dieser selbe Zionismus uns doch auf den richtigen Weg gebracht hat, uns zum jüdischen Volk zurückgeführt hat, uns den Weg gezeigt und erhellt hat. Nun aber kennen wir schon den Weg, er ist keine schmale Hintergasse, sondern eben, weit und frei. Auf diesem Weg wollen wir weiter gehen, den alternden Zionismus werden wir ins Archiv stecken. Wir haben beschlossen., uns der allweltlichen Organisation „Poale Zion" anzuschließen nicht jener, die ihr bis jetzt, gekannt habt, Bis jetzt hat in jeder Stadt, wo nur- „Poale-Zion" sind, ein eigenes Programm existiert; wir aber schließen uns derjenigen Organisation ßa. welche ein allgemeines, erprobtes Programm von Renaissance hat. Tn Kiew existiert schon eine solche Organisation „Poale Ziqn", in der auch i ch arbeite. An die erste Stelle setzen wir die Bestrebung zu nationaler Wiedergeburt des jüdischen Volkes und das Streben, das sozialistische Ideal zu verwirklichen: Als Mittel hiez'u dienen uns der politische und der ökonomische Kampf. Kämpfen gegen das kapitalistische Joch und gegen die Autokratie sollen wir nicht wie die Russen, sondern als eine selbständige Organisation, als .luden. Auf diese Weise nehmen wir in unser Programm all das Wertvolle auf, das der „Bund" in dem seinigeu hat und , fügen noch das Streben nach nationaler, Wiedergeburt hinzu, das bei ihm (dem Bund) fehlt. Unsere 'Devise ist: Es lebe die Wiedergeburt des jüdischen Volkes und der Sozialismus. Das ist in allgemeinen und kurzen Strichen unser Programm." Noch ein Dokument aus der „Djelo" lohnt es sich, hier zu veröffentlichen, obzwar es vielleicht als Material für eine ganz andere Sache in Betracht kommt, (eine Voraussage auf die Wandlung der Poale-Zion nach dem Jahre 1905, auf die im Eingang des Artikels' hingewiesen wird). E i n B r i e f von Sc h m a r j a h u L e w i n. Es handelt sich um einen Brief aus .fekaterinoslaw vom 4. .Dezember 1904, unterschrieben M. Lewin (offenbar ein Irrtum, denn da der Brief auf russisch ist, hat der Abschreiber M. anstatt. Sch. Lewin geschrieben — Sobmiirjahu Lewin — der bekannte Zionist — j. B.) nach Kiew, an Hille! Zlalopolskys Adresse, für Boruchow. „Teurer Boruchow, ich habe für den 1. Jänner eine Zusammenkunft nach Wilna einberufen. Ich werde von Wien dorthin kommen. Ihr müßt nach Wilma« ein paar Tage früher kommen und euch an Goldberg wenden, dort werdet ihr schon Bogratscheff antreffen, lieber diese Zusammenkunft sollt ihr gegen niemanden euch verlauten lassen, meinen Brief zerreißt sogleich. Nur Zlatopolsky zeigt ihn persönlich, sonst aber nie-

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