Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 9 (28.09.1924)
- Date
- 1924-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere Tribüne Nr 9 Genossen, die dein Wunsch hegen, daß sich uri&er IWeltoerhand vollständig vom zionistischen. Kongreß ^zurückziehe, sollten, solange sie im Weltverband*' in der Minderheit sind, der Solidarität wegen, sowohl mit der Gesamtbewegung als auch insbesondere mit den palästinensischen Genossen alles unberehmen, um unsere. Kraft auf dem Kongresse, zu dem wir auf jeden Fall gehen, zu stärken. — Ihre Bestrebungen innerhalb der Bewegung zur Durchsetzung ihrer Anschauungen würden darunter nicht nur nicht leiden, sondern nur moralisch gewinnen. Aber auch jene Genossen und Organisationen, welche für eine Anteilnahme am Kongresse eintraten, Bind in den letzten Jahren ihrer Pflicht nicht nachgekommen. Viele, die die Kongreßbeteiligung herbeiwünschten und dafür kämpften, haben nichts zur Konkretisierung ihrer theoretisch bereits erfochf.enen Bestrebungen getan. Alle diese Genossen bringen durch 'ihre Untätigkeit dem Gedanken der Kongreßbeleiligung mehr Schaden, als die Argumente seiner Gegner. Es muß klar werden, daß,unsere Beteiligung am (Kongresse nur dann Sinn haben kann, wenn wir eine Macht darstellen mit der sowohl die Gegner rechnen müssen, als auch die uns nahestehenden Gruppierungen zusammenzugehen wünschen. Nur dann wird die palästinensische Arbeiterschaft unsere Stellungnahme schätzen können, wenn wir unseren Ansichten Taten folgen lassen und wir ihr kräftig zur Seite stehen werden. Die jetzige Lage im Zionismus erfordert dringend die Schaffung einer starken Arbciterfraktion. Von verschiedenen Seiten wird jetzt ein Angriff auf die Positionen der Arbeiterschaft in Palästina geführt. Der heuchlerihcse Klerikalismus der Misrachi, der nur schlecht seine arbeiterfeindlichen- Tendenzen unlior dein Deckmantel der Frömmigkeit verbirgt, die amerikanisehen Reformatoren, die „systematische Arbeit" predigen und privatkapitalistische Ausbeutung suchen, polnische „ßalebatim", die so viel vom Aufbau sprechen und in erster Reihe an die Zerstörung der ArbeiteruntemeJvmungen denken ,— sie alte reichen einander die Hand und bilden eine ■einheitliche Front gegen die Arbeiterschaft. Sie alle hoffen, daß mit dem Ausybau der Jewish Agency, mit dem [-fin zu treten von 50 Prozent Niehtzionisten aller Art, wie: Agudisten, Plutokralen, halbe und ganze Assimilanten, ihre Macht so gestärkt werden wird, daß sie mit Leichtigkeit die große- "«Offensive zur Einführung der von ihnen so sehr erwünschten Ordnung unternehmen könnten. ' Und deshalbist es notwendig, mit doppelter Energie an die Arbeit zu gehen, um am nächsten Kongresse der unnatürlichen Verbindung von Zionismus und Privatkapital eine Arbeiterfront entgegenzustellen. Aus den ersten Jahren des proletarischen Zionismus, (Aus dein Jiddischen übertragen von R. G.) Die SeffMtiicfclrtEliionfereaz. (Schluß.) i* WeizmannS Brief. Wir müssen hier noch Halt machen, um das Material zu der Frage zu bringjen, wie das Polizeidepartement sich die Beziehungen zwischen der „poale-zioiiH »tischen" und der bundistischen Bewegung vorgestellt hat. Wie sich herausstellt, ist die Frage einer Vereinigung der beiden beim Polizei departement schon in jenen. Jahren entstandein, in denen imi solcher Gedanke in den Köpfen der Führer beider Richtungen der jüdischen Arbeiterbewegung noch gar nicht aufgetaucht war. '"' AVn XC September 1904 schreibt Spiridowitsch dein .Polizeidepartement : „Bei der Konferenz wird man das Programm der Poale Zion in Erwägung ziehen und dief Führer dieser Organisation werden versuchen, sich mit dem „Bund" in einer allgemeinen Organisation zu vereinigen, um den Kampf gegen die russische Staatsordnung mit dem größten Erfolg zu führen. Am 2. Dezember 1904 schreibt das Polizeidepartement nach Kiew wegen der Konferenz der Poale- Zion, „auf der, wie euch bekannt ist, die Frage der Vereinigung mit" dem Bund diskutiert werden wird." Am 26. Jänner 1905* schreibt das Polizeidepartement: „Die Adresse, an die der dritte der beigelegten Briefe geht (llasin, Paris, Marallstr. 13), gehört zu jenen, die ein angesehener Führer vom „Bund" benützt, Jossei Schleime Chaimaff Mil, der im Zirkular des Pol. Dep. vom 19. März 1902 unter Nr. 1907 signalisiert ist. Hieraus ist zu entnehmen, daß der Versuch Genossen I Der Schekel ist die Waffe für das arbeitende Palästina. Niemand ersehnt so die Passivität und das Äbseitsstehen der Arbeiterschaft als die offenen und verborgenen Feinde der Arbeiterköloriisation. Damm zahlet den roten Schekel. Verbreitet ihn zu Tausenden unter unseren Genössen und Freunden! Stärkt die Arbeiterdelegation auf dem Zionistischen «Kongreß 1 Helfet uns in unserem Kampf für das sozialistische Palästina! V.B. r-^-T-fr Ii Ii fr-„i ,-^-r*N*—« l-^l^^-» "-JE^iJ^ 11 1 *mt^LJ|LJ Enfrichtet den roten Sdiehel! nlTTIton —ir^T^- *i A-~r»*— "^-l^-J' ^L-^i^^' "■ —*i-MJL^3 Die kulturfeindliche Arbeiterschaft. Dem Bürgertum beliebt es noch heute, sich als Schützer der Kulturgüter zu betrachten und die Arbeiterscliaft als kulturfeindliches Element, das nur ans Brot denkt,, hinzustellen. Die Herrschaft des Proletariats, versuchen die Theoretiker des Bürgertums, als Zerstörung aller Kulturgüter, als Beseitigung alles Geistigen, als Triumph des extremsten Materialismus zu charakterisieren. Diese Entstellung der Weltanschauung des Sozialismus wurde oft widerlegt. Aber .nichts jsf so wirksam wie Anschauungsunterricht. Die Gemeinde Wien wird von der sozialdemokratischen Mehrheit verwaltet. Und diese sozialdemokratische Verwaltung hat nicht, bloß auf dem. Gebiete des Schulwesens alles bis jetzt geleistete bei weitem überflügelt, für die Erziehimg der Massen zur Kunst gilt sie direkt als vorbildlich. Pür die Monate September—Oktober hat die Gemeinde Wien ein, grandioses Musik- und Theaterfest veranstaltet, welches seinesgleichen in der bisjetzigen Verwaltungsgeschichte dieser Stadt nicht findet. Die Aufwendungen und der Ernst, der dieser Veranstaltung gewidmet wird, beweisen wohl besser als die triftigsten Argumente, wie es um die Kulturgüter in der Arbeitergesellschaft bestellt wäre. Das Gegenteil von der Behauptung des Bürgertums ist wahr. In der sozialistischen Gesellschiaff erst, werden die Kulturgüter Eigentum des ganzen Volkes werden. Der Monopolisierung der Kulturgüter'für die dünne Schichte der Besitzeinden, die größte KulUirteindlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, kann nur die Herrschaft des Proletariats ein Ende bereiten. der Organisatoren der „Poale-Zion", in ein sachliches Liebereinkommen mit dem „Bund" zu treten, worüber ihr in eurem Bericht vom 14. September v. .f., Nr. 1, 2508, schreibt, jetzt schon zu einer vollen Uebereinslimmung geführt hat. Das' Departement ersucht auch deswegen, die Beziehungen der lokalen -Organisation „Poale-Zion." an-der Kiewer. Organisation des „Bund" aufzuklären." Ob Spindowitsch auf diese Anfrage des Pol. Dep. geantwortet hat, darüber sind in der „Djelo" keine Spuren erhalten geblieben. ->t Damit erschöpft sich inhaltlich dasjenige Material der „Djelo", Idas ein direktes Interesse für die Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung hat. Eine ganze Reihe weiterer Briefe von demselben Organisationsbüro, vom Kiewer Zentrum „Wiedergeburt" und von einzelnen Personen, die in direkter Verbindung mit den Zentren standen, beschäftigen sich mit rein praktisch-technischen und OrganisationsangelegLmheH ten, wie z. B. Reisen von Personen von einer Stadt in die andere, Literaturtransport speziell d|ßjp Wiedergeburt" und ,,Jüdische Freiheit" — ferner der jüdischen Ausgabe der „Wiedergeburl." (nur eine Doppelnummer kommt vor) und, ähnliche Angelegenheiten für diese Arbeit aber haben sie weiter kein literarisches Interesse mehr. Etwas anders sieht es mit einigen rein priraten Briefen, die sich in der „Djelo" befinden, ungeachtet ihres rein privaten Charaktersgeben einige von ihnen doch eine gewisse Händhabe, sich mit den gesellschaftlich-politischen Stimmungen vertraut, zu machen, die die jüdischen Arbeiterbewegungen durchschwebten. Einen dieser Briefe hat, wie wir oben gesehen haben, hat sogar das Polizeidepartement, herangezogen, um die Bewegimg zu charakterisieren. Sie verlieren nicht von ihrem' Wert dadurch, daß es fast unmöglich festzustellen ist, wer ihre Verfasser sind. Nachtuen Syrkiti. Eine traurige Botschaft traf aus Newyüfk fei'rti Nachriien Syrkin ist gestötben! Haben wir ihn doch erst vor einem Jahre voll Leben, Glaube. Zuversicht und Kampflust auf der sechsten (Weltkonferenz und auf dem letzten Zionistenkongresse gesehen. Ks ist schwerlich damit abzufinden, daß Syrkin nun für ewig verstummt ist, daß er sich dem Schwaigen des' Todes unterwarf. Es fällt schwer, im Moment tiefen Schmerzes sein Leben ,und seine Arbeit zu würdigen. Ich weiß bloß,* daß 'eine leuchtende, reiche Persönlichkeit von uns gegangen, (daß der Glanz eines großen Kämpfers und Träumers erlosch. Trotz teeiner äußerlichen Einfachheit, ist es nicht leicht, eine Charakteristik von Syrkin zu entwerfen, i weil dieser wertvolle Mensch sehr farbenreich und widerspruchsvoll war? Wer die heiße Liebe Syrkins für Palästina, wer seinen Sinn für Geschichte kannte, wird es denn noch begreifen können, daß er seinerzeit der .Anführer der Ugandisten am sechsten Zionistenkongresse war und, daß er Viel zur Spaltung zwischen Poale-Zion und Zionisten-Terriforialisten beigetragen hat? lUnd wie sollte sich die Volkstümlichkeit dieses Ideologen der Masse mit sei nie m Fanatismus für Hebräisch, »der die Form der Vereinigung des Jiddisch a'ueh ffiir den Golus annahm, reimen? Und dennoch gibt es eine ungebrochene Linie in Syrkins Persönlichkeit, in jedem Abschnitte seines Lebens, als er Lehren geschaffen und zerstört, als er Götter, vor denen er erst gekniet, zertrümmert, als er niederrieß, was <er erst errichtet und dann reuig rückkehrte — stets ist er seiner Seele und seiner Persönlichkeit treu geblieben. Ein Feuer von Umwälzung und Revolution hat in ihm gelodert. Ein Haß gegen die heutige Ordnung und ihre verweste Kultur, Liebe und Mitgefühl für die Entrechteten, die das Joch der Arbeit und des Leides tragen und ein stets mächtiger Werdendes Streben für ein neues" Leben, eine neue Kultur, eine neue Welt haben seine -Seele beherrscht. Syrkin war ein treuer Jünger von Moses Heß und einer der Gründer der Poale-Zion-Bewegung. Im Jahre 1867 hat er auf Herzls Ruf reagiert und das, Buch „Der sozialistische Judenstaat" verfaßt. Sein Aufruf „An die jüdische Jugend" und das Sammelbüch „iHamon" (Masse) bilden den (Anfang der zionistischsozialistischen Bewegung des Poale-Zionismus. Syrkin war kein Parteiführer im engen Sinne des Wortes; organisatorische Tätigkeit, ipoütische Taktik waren ihm fremd und unsympathisch, aber er war einer der Schöpfer der Bewegung. Jedenfalls ist es klar, daß sie nicht von den Führeil«, stammen, sondern aus der Gefolgschaft, und als solche,, Stimmen aus der 'Masse, sind sie vielleicht noch interessanter. Wir halten es deshalb für wichtig, einig» interessante dieser Briefe zu bringen. Einer dieser Privatbriefe ist vom 27. Oktober 1904 von Kiew nach Manchester au den bekannten Zionisten, Dr. Chaim Weitzmarai, gerichtet. Der Brief trägt die .Unterschrift „Dein Möschen", ein Bruder Chain*' Weitzmanns, der früher dem Kiewer „Kadimah"-Krei* nahestand, dem eine Reihe Organisatoren der neuen Bewegung entstammen. Zu dieser Zeit gehörte er'dem Kreise nicht mehr an, einerseits, weil die Bewegung schon einen Klassencharakter angenommen hatte, andererseits wegen der Palästina frage. „Du fragst wegen Poale-Zion. Das ist in Wirklichkeit das einzige lehensfähige Klement, aber im §efej> wältigen Moment ist es schwer, von ihr als einer Partei zu sprechen und noch mehr als einer zionistischen Partei. Poale Zion — das ist eine Stimmung; aber kein Programm. Außerdem■» ist es gegenwärtig' auch keine Organisation. Meinungsverschiedenheiten gibt es ohne Ende. Einer ist Kämpfer (d. h, er anerkennt den politischen Kampf auf allen Linien ,1. B.), der andere nicht, einer ist PalästinaanMnger, der zweit* Territorialist. Ihre praktische Arbeit!im zionistischen Sinn ist gleich Null, anstatt dessen verrichten sie ein« wichtige Arbeit: Sie organisieren die Masse. Was ihre Beziehung zum Kongreß anlangt, so stellt sich heraus, daß sie irgend etwas organisieren und sich vorbereiten. Es sind sogar Versuche unternommen worden, sich mit den Warschauer Temlorialisten zu vereinigen. Die Bevollmächtigten (Zionisten, Paläst inaanhänger, Neinsager, J. B.) bereiten sich zwar energisch vor, aber ohne viel (ilück. Sie organisieren nicht alle Palästinaanhänger. Ueberhaupt darf man sich auf eine Spal-