Mannheim
Compact Memory

Unsere Tribüne · 1924-09-11 · 8 (11.09.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
8 (11.09.1924)
Date
1924-09-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2822530-2822531-2822539--039-2822667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Unsere Tribüne tüe ».gewöhnliche Masse" erhaben, daß sie sich cinhilrten, auch dieses Attentat ungestraft verüben zu dürfen. Sic werden sich diesmal hoffentlich gründlich täuschen. Die Wiener Zionismen, unter der glorreichen Führung der Herren Stricker und Pltkschkes, sind zwar im Verraten gut geübt, aber diesmal hat das gemeinsame Vorgehen der bürgerlichen Zionismen und der Assimilanben einen ganz besonderen Grund. Im dten letalen zwei Jahnen sind nämlich weite Kreise vm jüdischen Angestellten und Arbeitern zur Besteuerung herangezogen worden und da ist den Herren, vor dem Anstürme dieser neuen WähÜermassen bange geworden. Diese Angst ist den ,,altliberalen" Assimillanlen und den bürgerlichen Zionismen gemeinsam, denn sie wissen wohl, daß die arbeitenden Juden Wieais beiden gleich mißtrauen. Deshalb ih.re ungetrübte Eintracht säe haben sich beide im Kampfe gegen den gemieinsfimen Feind. — die arbeilende jüdische Bevölkerung — zusnnimengef unden. Wir, die an de«* Reife der jüdischen Bevölkerung nicht die geringsten Zweifel hegen, zweifeln auch nicht daran, daß die arbeitenden .luden, in Abwiehr der volksfeindlichen Politik der assimilatorisch-zionistischen Koalition, zur Verteidigung der Rechte und der Würde der jüdischen Volksmassen, mit uns «eschlolssen in den Kampf gegen die Schädlinge der jüdischem fnlercssen ziehen werden. Es ist bereits höchste Zeil, dat3 auch in die düstere Kultusstube Demokratie und Fortschritt einziehen. Das können und sollen die Kulluswühlfcr am 9. November besorgen. Ein Jahr koordinierte Tätigkeit für das arbeitende Palästina. Von M. Neustadt. ' Nach einer Unterbrechung von elf Monaten soll am 20. September wieder das Plenum des Komitees für d,as arbeitende Palästina tagen. Seit der Gründungskonferonz in Karlsbad (August 1923) ist nun mehr als ein Jahr verstrichen. Man darf des hall» den Versuch itnternehmen, das bereits Erreichte zu würdigen, die begangenen Fehler nachzuweisen "und die Perspektiven für die nächste Zeit zu erörtern. Im allgemeinen haben sich die Hoffnungen, die man auf das koordinierte Komitee gesetzt hat, nicht erfüllt. Die Tätigkeif hat nicht das Tempo erreicht, und nicht die Ergebnisse gezeitigt, die man von einer einheiflieinen Anstrengung aller proletarisch-palästinensischen Kräfte erwarten durfte. Deshalb taucht auch * für manche die Frage auf: viellecihl ist die Koordination überhaupt, verfehlt? Statt nach Ursachen und Gründen zu suchen, die für die unzureichende, unbefriedigende Tätigkeit, des Komitees entscheidend waren und daraus die fichtigen Schlüsse abzuleiten, bemühen sich die Gegner der Koordination, im geringen Erfolg des Komitees die Bestätigung ihrer Stellungnahme zu finden. Das ist aber nicht richtig. Die koordinierte Tätigkeit der jüdischen Arbeiterschaft für Palästina ist heute genau so aktuell und wichtig, wie vor einemi Jahre. Man muß bloß die Notwendigkeit der Koordination und die Ari, wie die einzelnen Parteien die Tätigkeit entfaltet haben, streng auseinanderhalten. Es ist beispielsweise kein Zufall, daß die „Hitachdut" sich so passiv dem Palästina-Arbeiterfende gegenüber verhalten, und daß sie sogar die Agitation für diesen Fond sabotiert, hat. Einerseits ist es die parteiische Engherzigkeit dsr Hitachdut-Leufe, die es nicht vergessen können, daß der P. A. F. von den Poale-Zion ins Leben gerufen und Jahre hindurch lediglich von ihnen gesammelt wurde; sie können sich auch nicht damit abfinden, daß die Poale-Zion in der Zentralverwaltuug des P.A. F. -stärker vertreten sind, weil wir doch das Schicksal dieses Fondes nicht, jenen Parteien anvertrauen wollten, die nie für ihn Sympathie bekundet haben, obwohl der P. A. F. niemals für Parteiinteressen, sondern für die gesamte jüdiSsche Arbeiterschaft Palästinas verwundet wurde. Andererseits ist gerade beim Palästina-Arbeiter- Fond die Verschiedenheit unserer Auffassung und die der llitachduf bezuglich der Tätigkeit für das arbeitende Palästina zutage getreten. Der P. A. F. ist das deutlichste Kennzeichen selbständiger proletarischer Palästinatätigkeif. Zur Tätigkeif für diesen Fond muß die jüdische Masse herangezogen werden, da muß man den prinzipiellen Charakter dieses Fonds erklären, worin er sich von den allgemeinen zionistischer! Fonds unterscheidet, daß die Arbeiterschaft allein über ihn verfügen kaiiu.. All das aber widerspricht der Ideologie der „Hitachdut", die in der Tätigkeit für das! arbeilende Palästina lediglich einen Teil ihrer allgemein-zionistischen Sammeltätigkeit sieht. Das ist wohl der wichtigste Grund, warum die „Hitachdut" diese Tätigkeit sabotiert hat. Was für den P.A. F. im Laufe dieses Jahres geleistet wurde, ist, mit Ausnahme von Litauen, ausschließlich durch Hersch Duwid Nomberg anläßlich seiner 25-jährigen literarischen Tätigkeit. ' Die Jünger des Dfoienson-Pene1%-Kreises in Warschau rücken nun auch in die Reihen der .lubilare ein. Nach Piosfci, Avvrum Keisen u. a. folgt jetzt Nomberg. Wenn wir die 25jährige literarische Tätigkeit unseres Jubilars überblicken, 'gelangen wir zum Schlüsse, daß Nomberg fast nie gehalten, was er versprochen hat. Seine ersten Gedichte haben seinerzeit große Iloflniingjen erweckt, sie hatten eine starke persönliche Note, das Jiddisch war äußerst sorgfältig gesäubert. Aber die wenigen Lieder dte'r ersten. Periode seines künstlerischen Schaffens, sind auch seine einzigen geblieben. Als Novellist hat Nomibierg noch mehr versprochen. Vom Schöpfer des „Fliegelraann" durfte man erwarten, daß er, neben Awrum Meisen, lunsere damals noch armselige Prosa bereichern wird, aber seil ungefähr 15 Jahren ist Nomberg der Belletrist völlig verstummt. Im Jahre 1913 erschien Noudiergs Drama nDi.e Mischpuche". Zwar haften noch an diesem Werke viele \lerkmale dramatischer Unreife, aber auch auf diesem Gelvieie bewies Nomberg unbestritteuies Talent. Man diur.file hoffen, daß der jiddischen Literatur in Nomberg ein dramatischer Schöpfer von Rang erblühen wird, aber seit 11 Jahren ließ auch Nomberg, der Dramatiker, nichts ■von such hören. So hat uns Nomberg, der schaffende Künstler, oft enttäuscht. In den''letzten Jähret hat sich nun Nomberg der Publizistik zugewendet und auch hier überragt er bei weitem das Mittelmaß. Es gibt kaum ein zweites Gebiet, wo soviel Zügel- und Talenitlo/sijgkeit toben soll, als in der jiddischen Publizistik. Da tut es besonders wohl, wenn neben dem Heer dpr Lnfäihijgen, einigte wenige mit Talent, Temperament und Persönlichkeit sich hören lassen. Zu diesen wenigen gehört in erster Reihe Hersch Duwid Nürnberg. Stiehl Nomberg in der jiddischen Literatur durch seine Wandlungen besonders ab, so ragit er in der Publizistik' nicht bloß durch die vollendete Form, sondern auch durch rücksichtslose Ehrlichkeit und Schärfe hervor. Nomberg gehört keiner Pjurtei an, aber er stand und steht immer auf Seile der nach Freiheit und Fortschritt ■Ringenden und als solcher hat er oft für das Recht des jüdischen Arbeiters das Wort ergriffen. Ks ist unser sehnlicher Wunsch, daß Nürnberg, der uns l)ereits so oft enttäuscht hat, uns im folgenden Abschnitte seines Schaffens noch oft enttäuschen soll. Aber — angenehm. M. S. Aus Ferdinand Lassalles Tagebuch (1840). Dar 15jährige Ferdinand Lassalle hat ein „Tage"- buch" geführt, das nach (seinem Tode von Paul Lindau herausgegeben wurde. Unter anderem verleiht der junge Lassiiile auch seinen Gelullten über Juden und Judentum in diesen Blättern Ausdruck. Wir wollen, einiges hier wiedergeben. * „Wir traten in das Gotteshaus. Eben hatte Geiger die Kanzel betreten, und nach einem kurzen Gebet für sich sprach er mit salhungsvollem Ton die Worte seines Textes: „Herr, so wir •einen. Bau unternehmen, und Du segnest ihn nicht, was sollte efe da für ein Bau werden!" etc. und setzte nun auseinander, daß dies wohl von jedem Bau gemeint sei, der in die äußere Erscheinung tritt, wie auch, von jedem Bau, den wir in unserem Innern unternehmen, „tu eurem, Innern sollt ihr dem Herrn Tempel bauen." Darauf kam er auf die Worte der Schrift: „Das ist ein Tisch des Herrn". „So ihr redlich euch euer Brod erworben, so könnt ihr sagen: das ist ein Tisch des Herrn. So aber au euren Speisen das Blut derer klebt, die ihr unterdrücket, in euren Getränken die Thränen der Witt wen und Waisen sind, die sich mit Recht über euch beklagen, wie wollet ihr dann hin treten vor den Herrn und ihm dankjejn für das, das er euch gegeben, wenn ihr es seinen Geschöpfen entrisjsieu habt!" Ich sah mich bei diesen Worten nach einigen Bekannten um". „Er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch'ein guter Jude sein könnte. Ich sagte ihm dies und in der That, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es giebt, ohne auf das Ceremonialgesetz zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Bulwers „Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde seihst das Schaf Cot nicht scheuen, könnte unsere Chawelim geschehen. UeberaH, wo die „Hitachdut" allein die Arbeit geleitet hat, ist nichts für den P. A. F. imternommen worden. Es muß daher unsere Aufgabe sein, im Komitee dahin zu wirken, daß die Werbe- und Sammeltätigkeit für die Kräftigung der Fonds der palästinischen Arbeiterschjaft, nicht in einem engem, Rahmen geführt werde, sondern, daß die Losungen desproletarischen Aufbaues von Palästinta in die*breite jüdische ArheitCT-Oeffentlichkeit geschleudert werden. Bei dieser Tätigkeit muß stets ihr se 1 b s t ä n d i g e r C hara kter zum Ausdrucke gelangen, sie darf nicht 7,u einem Teile der allgemein-zionistischen Tätigkeit degradiert werden. Hiebei muß beton! werden, daß, wenn die Tätigkeit des Komitees von Erfolg begleitet werden soll, es den Gefühl eh und Anschauungen der jüdischen. Arbeiter in den Golusländern Rcehniuig tragen muß und nicht bloß ein ausführendes Organ der Allgemeinen Arbeiterorganisation Palästinas sein. darf. Und auch folgende organisatorische Unzulänglichkeit muß beseitigt werden. Das Komitee ist paritätisch zusammengesetzt. Auch die kleinste Gruppe, diedie ganze Zeil hindurch nur wenig oder fast nichts geleistet hat. verfügt * über dieselbe Zahl Stimmen, wie die Gruppen, die die Hauptarbeit, geleistet haben. Das wirkt störend. Die Zusammensetzung des Komitees muß den wirklichen Kräfteverhältnissen und dem Anteil der beteiligten Parteien, an der geleistetem Arbeit angepaßt werden. Nordau hat irgendwo einmal behauptet, daß die Demokratie nur dann einen Sinn, hat, wenn sie von allen Teilen anerkannt und respektiert wird. Das gilt auch für das Komitee. Das Komitee hat nur dann einen Sinn, wenn alle Beteiligten ihre Beschlüsse loyal durchführen und ein gewisses Minimum von Disziplin beachten. Es ist aber unhaltbar, wenn ein Teil die Beschlüsse durchführt — wie sicli uu^er Verband stets bemüht hat •-—, während die anderen. Teile nur das tun, was für ihre Partei von Vorfeil ist. Während der Gründung des Komitees in Karlsbad haben die „Zeirej Zion" viel Lärm mil den. 1000 Dollar ihres „Keren Awoda" geschlagen. Das 'Komitee hat beschlossen, den P. A. F. als seinen einzigen Fonds zu proklamieren, demgemäß sollten die 1000 Dollars des „Keren Awoda" dem P. A. F. zugeführt werden, was aber bis heute nicht geschehen ist. ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen, Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingshlee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Htwid sie selbständig zu machen". * Als die Nachrichten vom Pogrom in Damaskus eintrafen, schrieb Lassalle: „O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens in Wufh verwandeln. Ein Volk, das dies ■erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Wahr, fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: „Die Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von den Parias der Erde ohne furchbare Reactiou erlragen, werden können". Also sogar , die Christen wundem sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld als auf der Tortur sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sieh die Schweizer einst erhoben,, größer? Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn die .luden in jener Stadt aufstünden, sie vou allen Ecken anzündeten, den Pulverthurm in die Luft sprengten und sich mit ihren Peinigern tödtefen? Feiges Volk, du verdienst kein bessere«' Loos. Der getretene Wurm krümmt sich, du aber bückst dich nur tiefer. Du weißt nicht zu sterben, zu vernichten, du weißt nicht, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskampfe noch zu zerfleischen! Du bist zum Knechte geboren." * „Wieder die abgeschmackte Geschichte, daß die Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte wie in Damaskus auch in Rhodus und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß die Zeit bald reif ist, in der wir in der That durch Christenblut uns helfen werden. Aide-toi et le ciel t'aidera. Die Würfel liegen, es kommt auf den Spieler an".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.