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Unsere Tribüne · 1924-09-11 · 8 (11.09.1924) · page 1

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
8 (11.09.1924)
Date
1924-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V* b. b. 6K der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 /II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljähr.. 6.000 K halbjähr. . . 12.000 n Einzelne Nummer 1000 Kronen Nr. 8. Wien, 11. September 1924. 1. Jahrgang. Der Völkerbund desImperialismus In Genf haben die Regierungen fast aller kapital isfisehen Staaten über frieden und Abrüstung beraten und [Beschlüsse gef-ilif. Auch Macdonald ließ sich hinreißen und hat eine temperamentvolle, 'begeisternde Hede gehalten. Fast zur selben Zeil, als in der ruhigen Schwei/, so schön, so friedliebend, gesprochen wurde, ist in China, Marokko und im Sudan geschossen, worden. Ks mag ja sein, daß auch innere Konflikte hei den Kämpfen in diesen Ländern, mitspielen, aber die hauptsächlichen Drahtzieher dieser blutigen Kämpfe sind die kaj)ilalistiseb-i.mpei-ialistiischen Machthaber Amerikas, Großbritanniens, Spaniens, Frankreichs und Ja [»ans. . Wenn imperialistische Mächte von Frieden und Abrüstung reden, ist es Heuchelei. Erst die Arbeiterregierungen der vereinigten europäischen Staaten werden einen wahren, friedcnerhaltenden, völkerversöhnenden Völkerbund gründen können. Die Opfer der Sanierung. Wie hat doch die österreichische i.Jourgoisie mit der Seipel-Sanierung stolziert! Wie einen Messias haben sie ihren Ivanzier besungen. Aber ihr Jubel war von sehr kurzer Dauer. Als es galt, den -Breis der" Sanierung zu bezahlen, trat plötzlich. Verstimmung und Katzenjammer ein. Da hub der .Lämmer ob der Steuerschraube an. Und jetzt, als Stagnation und. Teuerung, die Folgen, der Sanierung, die Arbeiter zu neuen Lohnforderungen zwingen, verweigert die Bourgoisie die Bewilligung. Sie möchte die Sanierung, aber auf Kosten des Proletariats. Statt Steuern und erhöhto Löhne wünscht sie den Abbau der Sozialpolitik und das alte System der Hungerlöhne wieder herzustellen. So sieht der Patriotismus des Bürgertums aus. Wir stehen vor schweren Lolmkämpi'en. Di© Gjt)ßindusU'iellen werden sich schon überzeugen, daß sich das österreichische Proletariat zu Parias nicht degradieren läßt. Die Bourgoisie wird sich schon damit abfinden müssen, zumindest geringe Geldopi'er — wenn man es so 'nennen darf — für die Sanierung zu bringen. Der rote Schekel. Seit Jahren steht die palästinensische Arbeiterschaft auf dem Standpunkt, daß die Teilnahme am zionistischen Kongreß nötig sei. Auf den letzten Kongressen sintl immerhin erhebliche Teile des Palästinabudgets nach dem Willen der palästinensischen Arbeiterschaft ausgeworfen worden. Nehmen wir nun' noch hinzu, daß eine Reihe unglücklicher Projekte zur Wahrheit hätte werden können, wenn die Arbeiterfraktion auf dem Kongreß nicht entschieden dagegen hätte kämpfen können, so kann der Kongreßbeteiligung einer Arbeiterpartei ein bestimmtes Maß von Erfolg nicht abgesprochen werden. Seit Jahren sind wir am Kongreß nur schwach vertreten. Größere Teile unserer Weltbewegung ne- ' gieren den Zionistenkongreß. Aber noch immer ist der Kongreß der Kampfboden, auf dem die Arbeiter- .kolonisation Palästinas gestärkt oder geschwächt hervorgehen kann. Die Arbeiterschaft Palästinas macht die größten Anstrengungen, dort möglichst stark vertreten zu sein. Ks ist unsere Aufgabe, ihr darin zu helfen. Der durch unsere Organisation zu beziehende Schekel ermöglicht die Wahl eines Delegierten zum 'Kongreß durch die hiesige Organisation. Tue joder sein möglichstes! Ferdinand Lassalle und die deutschen Juden. Das Leben des Mannes, dessen Genius der Arbeiterschaft voran leuchtet, sie mit Hoffnung und neuem Leben erfüllt, sei hier in einigen Hücker in nerungeri. mit der Me.uschengruppe verbunden, der er entstammte, den deutschen Juden. Unter steter Schwächung des nationalen Bandes eilt das Judentum in. Deutschland zur Auflösung. Das geistige Leben in den Gemeinden schwindet, jeder natürliche Zusammenhang erlischt, der jüdische Bourgeois, Intellektuelle, sucht für sich seinen Platz in der allgemeinen Assimilation. Wo dieselbe behindert wird, entstehen, vorübergehende Assoziationen der in der Assimilierung gestörten Juden.. Das jüdische Bürgort tun erklimmt in den großen Städten, die Stellung der Großbourgeoisie,' die geistigen. Berufe unter den .luden sehen ihre immer zahlreicher werdenden Tie Präsentanten. Wie sehen diese nun aus? Hoffnungslos als Nation, gewährt auch die Geistigkeit dem Judentum keine Bettung mehr, der Intellektuelle wird zum Beisatz der Großbourgeoisie. Die ersten Lorbeeren der Juden, auf geistigem Gebiet dienen zur Ausschmückung . jener .bürgerlichen Laufbahn, in der wir die deutschen Juden befangen sehen. Der Jude als. Musterbürger, darin erschöpft, sich die Gemeinsamkeit jüdischen Strebens. Und als auch in Deutschland es offenbar winde, daß eine neue Klasse, das Proletariat, sich, aus der Tiefe erhebt, da waren die 'deutschen. Juden schon eingebürgert, die Intellektuellen bereits Bourgeois geworden. Die Menschheit, das aufstrebende Proletariat, hatte von ihnen nichts mehr zu hoffen. Der Staat, jener Götze an Macht und Ehre, hält die Sinne der deutschen Juden gefangen, sie erheben sich nicht zur Erkenntnis seiner Machtgrundlagen, sie bleiben, ahnungslos all der kommenden Dinge. Bürger und vor bürgert, sind sie ein mehr oder weniger bedeutungsloser Anhang der heiTSchenden, sich dem Siegeslauf des Sozialismus widersetzenden Klassen Deutschlands. Doch das Lebendige sprengt das Tote. Der Same des Geistes, überkommen aus jahrtausendelanger geschichtlicher Vergangenheit des Judeuvolkes, geht noch auf in einem der letzten seiner Söhne im< deutschen Judentum. Durch Lasalle wird die jüdische Intellekt ualität von der Staatsfessel befreit, hingelenkt auf die Pflichten gegen die kommende Menschheit. Er, der erste deutsche Jude, der zum Proletariat, gesprochen, macht die Bahn frei für die neue jüdische Jugend Deutschlands, die im Sozialismus ihr Heil sieht. Er, noch ein einzelner, von den deutschen Juden als unwirklich, - unmöglich empfunden, vom offiziellen Judentum unter allerlei Verbeugungen verleugnet und wegdisputiert, zeichnet bereits das Schicksal der neuen jüdischen Jugend, die sich dem Moloch Staat widersetzt, die Lüge des Vaterlandes entlarvt und der Menschheit dient. Weit, weit von den Massen des jüdischen Volkes, deren soziale Not später die jüdische Arbeiterbewegung erzeugte, lebte Lasalle. Er, dem als Jüngling und Mann die Geschicke des Judenvolkes gleich nahe blieben, war in seiner Wirksamkeit unter dem deutschen Proletariat an den Aspekt des deutschen Judentums gebunden. Dieses verkörperte für ihndas unglückliche Judenvolk im ganzen. Und so steht das Judenvolk diesem, einem der größten seiner Söhne, in jener Entfernung gegenüber, in der die Geschichte der deutschen Juden überhaupt, sich zum jüdischen Volksganzen bewegt. Aber der Sozialismus wirkt auch hier belebend. Er verbindet das Streben der jüdischen Massen mit den Geschicken längst vergangener geistiger Strebungen entlegener Teile des Judcrivolks. Die Internationale, Lasalles geistige Wirklichkeit, sie spiegelt sich in den. Geschicken des jüdischen" Volkes als historischer Zusammenhang der selbständig werdenden jüdischen Massen mit den intellektuellen Urhebern der geistigen Wandlung im deutschen Judentum. So wird Lasalles Frscheinung zu einem Wahrzeichen der Entwicklung des ganzen jüdischen Volkes! 1 In der internationale verkörpert Lasalle die biblische Verheißung vom Wege des Judenvolkes. Es werden durch dich gesegnet werden alle Völker der Erde. R. G. Die zionistisch-assimilatorische Koalition und die Kultuswahlen. Bin 7Am\hten uki Hüter der jüdischen Würde. Am 9. November sollen die Neuwahlen, in die Wiener israelitische Kuliusgemein.de stattfinden. Die jüdische Bevölkerung der Hauptstadt soll entscheiden, ob sie mit dem Charakter und mit der Verwaltung der Kultusgememde zufrieden ist oder nicht. Ob sie diese Institution, die berufen ist, eine würdige jüdische Repräsentanz zu bilden, die jüdische Not auf eine soziale Weise zu lindern, weiterhin in den Händen der .,altliberalen":zionislisehen. Koalition belassen will, oder den heutigen; Mach l habern in der Kultusslube den Garaus machen um wahrhaft demokratische Vertreter an ihre Stelle einzusetzen. Wer wird ■ sftch nun an dieser Entscheidung beteiligen dürfen? In Uir/. /.. Ii. besSllzt jedes iVföi^ied der Kultusr gemeinde, das das 20. Lebensjahr überschritten hat, ohne Rücksicht auf seine Steuerteisfmng und ohne Unterschied des Geschlechtes, das aktive Wahlrecht. In Wien aber ist das Wahlrecht nicht bloß an die direkte Steuerleislung geknüpft, .sondern auch wenn man 2 Jahre Kullussteuer entrichtet, ist man noch immer nicht wahlberechtigt. Nur wer bereits im Jahre 1922 in Sleuerverschreibung gestanden hat, darf am 9. November wählen. Das ist eii^e unerhörte Zurücksetzung der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt gegenüber den Juden einer Provinzgemeinde. In Linz ist jeder 21jährige Jude reif genug, um über da« Schicksal der Kultusgemein'die zu entscheiden, in Wien aber spricht man lausenden von Mitgliedern der Kuliusgemeinde die Reife und das Recht, Vertreter in die Kullusstube entsenden zu dürfen, einfach ab. Wir wollen sehen, wie die jüdische Bevölkerung, die ihr zugefügte Reieidigung, am 9. November beantworten wird. Ein zweiler Vergleich soll noch herangezogen werden: Jeder Bürger der ösiterreichischen Republik, der das 21. Lebensjahr erreicht hat, ist berechtigt, über das Schicksal des Staates, der Landes- und Gemeindeverwaltung zu entscheiden. Jeder 21jährige Bürger dieses Staates ist reif genug, um ihm die Verantwortung für die höchste Instanz des Staates, für die wichtigsten Verwaltungsbehörden zu übertragen, der jüdische Bürger aber wird ids uni-eif und nicht; verantwortlich genug gehalten, um in I«ragen einer viel beschJoideren Institution, der israelitischen Kultusgeineinde, mitentscheiden zu dürfen. Wie würden die Herren „Liberalen" gegen den Antisemitismus weitem, wenn etwa .die „Gojini" der jüdischen Bevölkerung ähnliche Rechsle vorenthalten sollten! Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus'' würde seine (schwersten Geschütze auffahren und die Herren Zionisten, di3 patentierten jüdischen Pahioten, würden sich) mit Todesverachtung in den Kampf gegen die Zurücksetzung des jüdischen Volkes, für die Wahrung der jüdischem Würde, stürzen. Hier aber haben die Herren ZLonisten, in holder Eintracht mit ihren liberal-assimilatorischen Kollegen, dies jüdische Bevölkerung entrechtet und entwürdigt. Wenn die zionistischen Vertreter nicht zugestimmt hätten, könnte die schmachvolle Statutenänderung in der Sitzung am 14. April 1921 nicht beschlossen werden. Die Herren Stricker und Plaschkes dünken sich wohl so hoch übet*

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