Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 5 (27.06.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Unsere TribÖne Nr. 5 |DasF jüdisch© Volk wird leben, wenn es sich in den lebenswichtigen Dingen mit', der Arbeit der ganzen Welt solida* risiert! {.? Der Sozialismus, ein Werk des wahren Menschen- > i Verstandes, wird unser Volk befruchten und dem jüdischen Verstand höhere Aufgaben setzen, dfs es die Spekulationen einer nichtswürdigen, unwissenden Tageszeitung sind, j R.G. Wem sie noch eine Freude gemacht haben! Noch einer hat sich mit der Wahlreform in der Kultusgemeinde gefreut, versteht sich von selbst, nicht so diskret wie die Plaschkedemokraton. Ein günstiger Wind weht uns eine längst vergangene „Deutsche Tageszeitung" auf den Tisch und da steht es schwarz auf weiß, wie die Juden, die in der Welt so laut nach Demokratie schreien, sich bis auf die Knochen blamieren, wenn sie bei sich „demokratisieren". Und die berechtigte Schadenfreude des deutschnationalen Spießers begnügt sich nicht damit, dem Juden zuzurufen: „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür", sondern es klingt wieder politisch „Auf nach Zion, vorwärts, marsch I" Natürlich, diesmal sind ja die Zionistcn dabei gewesen und es ist auch nichts besseres herausgekommen 1 Besser als an der Freude der „Deutschen Tageszeitung" läßt sich die Volksfeindlichkeit der Wiener Jüdischnationalen gar nicht demonstrieren. Vom jüdisch-weltlichen Schulwesen in Polen. 4 Zu Beginn des Schuljahres 1923/24 gab es in /69 Städten der polnischen Republik 103 weltliche) Volksschulen mit jüdischer Unterrichtssprache; insgesamt 466 Klassen und 12.870 Kinder. In 19 Städten gab es 30 Kinderheime mit 40 Abteilungen und 989 Kindern.- Ferner in 57 Städten 75 . Abendschulen mit! 6038 Schülern. In 4 Städten 5 Internate mit 140 Kindern, 2 Lehrerseminare mit 99 Schülern,, in 2 "Städten 4 Gymnasien mit 31 Klassen und 989. Schülern. Alles in allem 219 Unterrichtsanstalten der verschiedensten Typen mit 20.095 Schülern und Schülerinnen. Das New-Yorker jüdische Kunsttheater In Wien. Das Newyorfcer j€<iisen% Kunsttheater, unter Leistung des Herrn Morris Schwarz, wird ab 5. Juli im) Carltheater gastieren. Das' Kunsttheater hat auf seiner Europareise| in London und Paris, bei Juden und Nichtjuden, großes Aufsehen erregt. Ift der ersten Woche gelangen „TeHvje der Milchike" von Schülern Alejchem und „Die sieben Gehängten" von Andrejew zur Aufführung. Das Ensemble besteht aus vorzüglichen Kräften, unter ihnen die älteste jüdische Schauspielerin Bina Abramo witsch, Frl. Berta Gerstin, Mark Schweid, Jakob Mestel und Keschir. Morris Schwarz selbst genießt den Ruf eines vorzüglichen Schauspielers und Regisseurs. Wir heißen die Jüdischen Künstler in unserer Mitte herzjjich willkommen. Worte der Mahnung an einige fuhrende Genossen in Wien. Ich will heute in einer internen Organisa tionsangelegenlheit das Wort ergreifen. Es mag sein, daß die Opportunisten unter uns es für unangebracht halten werden, diese Angelegenheit hier aufzutischen, ich aber erachte es für sehr notwendig, auf eine schädliche Erscheinung in der Organisation hinzuweisen, um den Versuch zu machen, einem schleichenden Uebcl ein Ende zu setzen und freie Bahn für neue ersprießliche' Tätigkeit zu. eröffnen. Es gibt in Wien, mehrere führende Genossen, die in der Organisation viel leisten kömiten, wenn sie nicht abseits stünden. Wenn man nun diesen Genossen vorhält, warum sie an der Tätigkeit der Organisation nicht teilnehmen, erhält man {ungefähr folgende skeptische, fatalistische Antwort: 1. In Wien gibt es kein jüdisches Leben. ,Die jüdische Bevölkerung hat kein Interesse für jiddische Sprache und jüdische Kultur. Die Betätigung der Juden auf nationalem Gebiete hierzulande entbehrt einer gesunden Grundlage und ist schließlich dem völligen Verfalle ausgesetzt. - 2. Auch das .Leben in unserer Organisation sei von diesem Verfalle ergriffen. Das Zusammenleben unter ■den Mitgliedern sei ein loses, das Interesse für die Probleme des jüdischen Sozialismus ein geringes. .Wir haben keine Peripherie für die Entfaltung unsÄtf Idejöjft und Bestrebungen« -'..4 v So absentieren jette» Genossen*, wenn wir; ihnen ihre die "Organisation' beträchtlich schädigende Ylntätijg-. keit vorwerfen*; , Ich will versuchen, diese Argumente auf ihre- Richtigkeit hin zu prüfen. Es ist ehte Binsenwahrheit und m bedarf keiner weiteren Beweise;, da^lni Westeuropa — nicht bloß in Wien — das Interesse für die jüdische Kultur geringer als in den großen jüdischen Siedlungen Osteuropas ist. Das ist auch übrigens keine neue Erscheinimg. Mit einem ganz geringen Unterschiede war es seit Jahrzehnten nicht anders. Es wäre aber unrichtig zu behaupten, daß dieses, geringere Interesse jemals oder gar in der letzten Zeit der Gefahr ausgesetzt sei, auf den Nullpunkt zu sinken. Im Gegenteil. Das Interesse für Jiddisch hat eher zuals abgenommen, jüdisches Theater ist einem beträchtlichen Teile der jüdischen Bevölkerung Wiens 7,um Bedürfnis geworden.. Es sind sogar Symptome eines intensiveren jüdischen Lebens aufgetaucht. Wenn sie nicht immer zu bleibenden Taten ausgereift sind, ist 'die ostjüdisohe Intelligenz, die abseits steht und in Skeptizismus und Fatalismus dahinbrütet, zum großen Teile daran schuld. Diese Schuld teilen aber auch unsere führenden Genossen, die statt bei der Arbeit für die Erhaltung des Zusammenhanges mit dem Leben tund Schaffen der Juden im Osten mitzutun, verzweifelte Feststellungen deklarieren: Es geht bergab! Ja, es geht bergab, aber mit eurem Poalezionismus, Genossen, nicht mit dem jüdischen Leben in Wien. Es war seit jeher der Stolz der Poale-Zion — besonders in Galizien und der Bukowina —, daß sie den aktivsten Anteil an der kulturellen Tätigkeit nahmen. Wenn ihr, Genossen, dieser schönen Tradition des Poalezionismus auch in Wien treu geblieben wäret, dann hättet Ihr weder Zeit noch Gelegenheit, in Zweifel und Verzweiflung zu grübeln*. Und so mancher Versuch, das kulturelle jüdische Leben in Wien zu heben, der sonst in den Sand verlaufen, wäre von Erfolg gekrönt worden. > Also, nicht unfruchtbar über den Niedergang des jüdischen Lebens in Wien jammern, sondern in sich gehen und zur Mitarbeit für die Erhaltung und Ent- Morris Rosenfeld.; ' Zu seinem1'ersten Sterbetage. A!m 22. Juni 1923 haben Hunderttausende jüdischer Arbeiter in New York ihren großen Dichter Morris Rosenfeld zu Grabe geleitet. 1 Als Morris Rosenfeld, selbst ein Schneidergeselle, zu dichten begann, befand sich die jüdische Arbeiterschaft in New York in ihren ersten Entwickliungsstadien. Die jüdischen Händler und Makler von gestern hatten sich mit der^ manuellen Arbeit noch nicht abgefunden. Alte Vorurteile und Lebensgewohnheiten waren nioch nicht überwunden. Das Wesen der proletarischen Organisation war ihnen fremd. Die kapitalistische Ausbeutung fand in den jüdischen Arbeitern die denkbar besten Opfer. Trüb und verzweifelt war; das Leben der jüdischen Arbeiter in New York. Und so klangen auch die Lieder Rosenfelds. Aber aus dem Nebel der Not und VerzweifInnig; drang zuweilen ein Ruf des Protestes, der Empörung. Der Arbeiterdichter rief seine Brüder zum Kampfe für ihre Menschenrechte wider ihre parasitären Ausbeuter. Die hunderttausende organisierter, selbstbewußter jüdischer Arbeiter, die ihren Dichter zu Grabe geleitet haben, verdanken viel von dem, was sie geworden sind, den prächtigen, mitfühlenden und aufwiegelnden Liedern Morris Rosenfelds. Morris Rosenfeld war nicht nur in jüdischen Ar- 'lxjiterkreisen bekannt und. beliebt, er war der erste* jüdische Dichter, der internationale Anerkennung gefunden hat. In englischen, russischen, deutschen und polnischen Arbeitsstätten werden seine Lieder gesungen. Der Name des großen jüdischen Arbeiterdichters bleibt in! der KatnTpfdichtung der Arbeiterschaft der meisten Länder verewigt. Morris Rosenfeld.! An mein Elend. O Elend, du allein! von allen! Liebst mich seit meinem ersten Tag. Nur dir allein kann ich gefallen, I Sonst seh' ich keinen, der mich mag.;' , An jedem Ort bedrolin mich Feinde, Das. Hassen lauert schlagbereit, Nur dein Gesicht, das ich beweinte, Lächelt mich an zu jeder Zeit. vDu hast mich sorgsam1 aufgezogen, Schon in der Wiege war bekannt Mir deiner Augen ernster Bogen Und deine mag're, kleine Hand. In deine Lehre aufgenommen Trugst du ins Leben mich hinein, Durch dich bin ich ums Licht gekommen. In Wolken stob mein Sonnenschein. Mein Heiratsmann bis du gewesen Und trautest mich in aller Ruh', Du hast den Eh'vertrag gelesen Und flüstertest: Viel Glück dazu! Ich glaube deinem treuen Werben, ÜDu bleibst mir gut, bist ja mit mir Nach meiner Hoffnungen Versterben Gegangen bis zur letzten Tür. Auch jetzt, wo mich in aller Frühe Und abend spät die Sorge treibt, Ersehe ich, wie deine Mühe Und deine Liebe treu mir bleibt. Ich seh' dich durch der Aecker Krumen Herunterwandeln von dem Hang. Du bringst mir welke Friedhofsblumen Und singst mir einen Grabgesang. Und schlaf ich ein, vom Fluch des Lebens Zur Ruh' gewiegt, kommst du herein, Im leisen Wehen deines Schwebens Hüllt dich dein schwarzer Mantel ein. Was ist dein Loha^? Hier meinen Hellerl Er hat gar einen selt'nen Klang: Mein krankes Herz fällt auf den Teller Und aus dem Mund mir dieser Sans. Die Arbeiter. Sie steht vor mir im1 quälenden Gedränge, Des Elends schreckhaft mächtige Armee. O die gemarterte, hilflose Menge Zerbricht mein Herz in tausend Stücke Weh. £>as hier sind meine Brüder, meine blassen ßohwestem aus jeder möglichen Fabrik. Ich rief sie mir aus ihren dunklen Gassen, Zu sehen und zu künden ihr Geschick. In ihre Leiden bin ich eingedrungen, Schritt durch die Wüsten ihres Lebens hin, Habe vor Gott und Menschen laut gesungen Von ihrer Tage fluchbedecktem Sinn. Habe der Nachtigall mein Herz geliehen, Ihr Lied der Freiheit tönte durch die Nacht,; Sie sang den Armen, wie die Stunden fliehen Und jede ohne Güte, ohne Pracht. Ich riß die Gräber auf, damit sie reden, 1 Pochte an meines Himmels Ewigkeit Und weckte in den Grüften die Propheten, Zeugnis zu geben im gerechten Streit. Doch alle meine Brüder, meine Schwestern . - Verblieben Knechte, und so alt und krank Steh' ich vor ihnen, und ins graue Gestern Verwehten meine Lieder ohne Dank. (Aus dem' Jiddischen übertragen von Alfons Petzold.) sS**5^'