Mannheim
Compact Memory

Unsere Tribüne · 1924-05-01 · 2 (01.05.1924) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
2 (01.05.1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2822530-2822531-2822533--010-2822632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m 2 Unsere Trlböne i« i Tu], in.il-.. iir l ,.i>. riniii*iM ) Seite 3 leheh Volkes bleibt. Wir wollen einen Bund arabischer ikbeiter, als Kinder des freien arabischen Volkes, mit den jüdisenen Arbeitern, als Kinder eines .freien jüdischen Volkes. Nur auf dieser * Grundlage wird die jEinigkeit zwischen uns geschaiffen werden. y •Mit eurem Eintritt in die. Organisation der Bahn- ^arbeiter wird diese Organisation eine Vereinigung aller Bahnarbeiter ohne Unterschied von Nation und ReÜligion. Sie ist nicht mehr eine Organisation nur de* jüdischen Arbeiter. Bas jüdisch-weitliche Schulwesen des Ostens. (Wir bringen diese Betrachtungen als Einleitung zu von uns beabsichtigten ständigen Berichterstattung über die Lage des jüdischen Schulwesens im Osten.) Die im jüdischen Volke an allen Punkten seiner Massensiedlungen überwiegend gesprochene Volkssprache, das Jiddisch, war lauge genug nicht das Instrument bewußten Kulturwillens. Als Literatursprache durch Hebräisch in den Hintergrund gestellt, spielte sie in den geistigen Aeußerungen. des Volkes mehr die Rolle des unbewußt Natürlichen als desgelenkten Kulturwillens. Erst die wesentlich sozialen Einstellungen auf das jüdische Volksleben, die die jüdische Arbeiterbewegung des Ostens herbeigeführt hat, eröffneten: dem Volke neue Perspektiven zu einer weltlichen Bildung, deren Ideal sein mußte, dem jüdischen Arbeiter alles xu geben, was ihn in seiner sozialen Stellung, in .seinem wirtschaftlichen Kampf stärken und festigen konnte. . Bald war auch die Frage nach der Erziehung des jüdischen Arbeiterkindes gestellt. Dem Aufsteigen des jüdischen Proletariates zu weltlicher Bildung entsprach eine Vorsorge für die nächste Generation, die in einem dem einseitig religiösen Schulwesen der jüdischen Vergangenheit diametral entgegengesetzten neuen weltlichen Schulwesen für das jüdische Arbeiterkind gipfelte.' In welcher Sprache nun konnte dem jüdischen | Kindes eine weltliche Erziehung gegeben werden? | Die hebräische Sprache hatte den Arbeiter auf [ seinem Entwicklungsweg nicht mehr begleitet, die I ^Sprache der ihn umgebenden fremden Völker war ihm innerlich nicht viel näher gekommen, als Instrumient jeglicher kultureller Betätigungen im Volke blieb nur die jiddische Volkssprache übrig. Rasch mußte dies« sich daher entwickeln, in - ihrer Ausdrucksmöglichkeit für weltlichen Unterricht sich den - Bedürfnissen des sozialen Lebens anpassen. Die weltliche Schule wurde so geschaffen. Ihr Grundprinzip war von allem Anfang an so einfach als möglich, dief Muttersprache, in der das Kind seine .ersten Begriffe erhält, soll auch die Sprache jedes weiteren Unterrichts bleiben. Diese nunmehr von jeder Pädagogik aufgenommene Gründlorderung erfüllte aber im Leben Ses jüdischen Volkes einen doppelten Zweck, sie verband die neue Generation mit der alten dörren das Medium der Muttersprache, die auch weiterhin die Sprache der Weltlichen Bildung blieb und sie erweiterte1 den - Kreisi sprachlichen Lebens der Muttersprache von dem unbewußt -— natürlich — Volks- «näßigen zu dem bewußten Kulturinstrument einer aufsteigenden Arbeitergeneration. Dasjüdische Schulwesen, so jung es -ist, hat schon das Wesentlichste, die Volksschule. Von ihr aufwärts oder abwärts, zur Mittelschule oder zürn Kindergarten ist der Weg auch schon gefunden, aber von der richtigen Gestaltung des Volksschulwesens hängt doch alles andere ab. Die jüdische Volksschule nun. ist echt volkstümlich, eine getreue Abspiegelung des jüdischen Lebens und zugleich seine Erneuerung, eine Erhalterin des Elternhauses und' zugleich ein -mächtiger sozialer Hebel zur Uebervvindung der Isolierung des Kindes in der Familie. Die tätigsten Impulse jüdischer Voiksbildner haben in der Schule einen bewundernswerten Ausgleich dafür geschaffen. Erstaunlich ist für den an westeuropäische Volksschulen denkenden Beobachter der ungeheure Boich-; tum in der Wiedergabe des Volkslebens durch die Schule. Die wesentlichen Gestalten der Volksliteratur sind dem Schulkind vertraut in allen ihren feinsten Motiven, das Kind geht mit unglaublicher Sicherheit an die Erklärung ihrer Handlungen. Namentlich die Gestalten des I. L. Perez* haben die jüdische Volksschule in einem schier unglaublichen Maße verlebendigt. Geht dies doch, wie ich mich überzeugen konnte, so weil, daß auch das Kind in der jüdischen Dichtung dem jüdischen^ Kind in der Schule ganz .nahe ist, sein Leben von ihm erfaßt, dargestellt und richtig motiviert wird! Dabei bleibt dieser .Literatur-'" ■ Unterricht stets streng kindgemäß. /Esvkann kein Zweikel sein, daß die jüdische Schule des Ostens schon heute über alle volksverjüngendeii' Kräfte verfügt, die nötig sind, das Leben der Judithen Massen sau erneuern. In diesem Sinne gebührt ihr neben unserer vollen Zukunftshoffnung ein stetiges Augenmerk auf alle ihre Entwicklungsphasen, 4 was wir in dieser Zeitschrift zu tun gedenken. Dr. Rudolf Glanz. Der schändliche Wahlrechtsraub an den Kultussteuerzahlern. Statutengemäß Sollten die Neuwahlen in die israelitische Kultusgemeinde im Mai 1924 stattfinden. Laut Paragraph & der Wahlordnung müssen 6 Wochen' vor der Wahl die Wählerlisten aufgelegt werden. Aber dieser Termin rückte heran, und die Herren des Kultusvorstandes ließen nichts von sich hören. Da haben wir eine Anfrage an den löblichen Kultusvorstand gerichtet, ob er gewillt sei, die Neuwahlen für den statutarisch! festgesetzten Zeitpunkt auszuschreiben. Darauf vorerst verdutztes Stillschweigen. Auf unsere wiederholte Urgenz entschloß sich erst der Vorstand, uns eine Antwort des Inhalts «u erteilen, daß unsere Annahme, als ob die Wahlen statutengemäß im Mai stattfinden müßten, eine irrige sei. Wir haben uns daraufhin an die zuständige Behörde gewendet und erhielten den Bescheid, daß unsere Annahme richtig sei. Allerdings gilt etwas Richtiges doch niemals für die israelitische Kultus gemeinde. Schlamperei und Saumseligkeit, aber nicht Genauigkeit und Pünktlichkeit sind für diese famose Institution bezeichnend. Als nun aber die zuständige Behörde in unserem Sinno entschieden hatte, wollten sich die Herren noch immer nicht von ihren Mandaten trennen, da traten sie in letzter Stunde (1.4. April) zu einer Sitzung zusammen und. beschlossen eine Aenderung des Paragraph 3 der Wahlordnung dahin, daß die Neuwahlen in der Regel in der ersten Hälfte des Monats November stattzufinden hätten. Aber damit allein geben sich diese Herren nicht zufrieden, sie haben viel weitgehendere Aenderungen vorgenommen. Sie haben wohl, um den Zionisten entgegenzukommen, das Wahlrecht den Ausländem zugestanden, aber m i t Z u s t i m m u n g der Zionisten wurde ein Wahlrechtsraub a la Mussolini an tausenden Kultussteuerzahlenden begangen. Während bis dahin das aktive Wahlrecht an die Bedingung geknüpft war, daß man „für das Jahr der SMahl oder das vorangegangene Kalenderjahr die statutengemäß vorgeschriebene Kultussteuer" entrichtet haben muß, wurde in der Sitzung des 14. April dieser Punkt dahin geändert; daß das aktive Wahlrecht nur ( ■ jene Personen besitzen, „welche mindestens in den dem Jahre der Wahl vorausgegangenen zwei Verwaltungsjahren in Kultussteuerverschreibung gestanden sind." Demnach (muß man. erst drei Jahre direkte Steuer zahlen, um wähl) erochtigt zu sein. Diese reaktionäre Bestimmung ist einzig dastehend in der ganzen Welt und bildet eine wahre Verhöhnung der jüdischen autonomen Institution, wenn man bedenkt,, daß dieses Waidrecht, in die Kultusgemeinde in einem Lande beschlossen wurde, welches das demokratischeste Wahlrecht; der Welt besitzt. Auch in der vergangenen .reaktionären Epoche hat man keine Zahler direkter Steuern vom Wahlrechte ausgeschlossen.. Und zu diesem die Herren zionistischen „Demokraten" ihre Zustimmung gegeben. Wir sind in der Lage, den einwandfreien Beweis zu erbringen, daß dieser Wahlrefonu von den Zionisten zum Siege verholten wurde und daß diese ehrenwerten Herren die Rechtfertigung dieses schändlichen Wahl rechtsraubesübernommen haben. Warum haben sie, es getan? Weil die Herren, Zionisten , die Entscheidmig der Wählermassen mitBerechtigung, nicht minder als die Herren der ^Mehrheit, fürchten. . Aber sie werden ihrem Schicksale nicht entgehen. Ihre Scheu vor der Kontrolle der Wähler beweist, daß es in der engen Seitenstettengasse vieles zu verbergen gebe. Wir «werden uns bemühen, in dieses Dunkel Iiineinzuleuchten. Es soll noch diesen Herren „Demokraten" bei ihrer Zionisten-Aehhlichfceit bange werden. ........ 9 KuUusgemeindewahlen in Polen. Die neue Verfassung der Gemeinden, mit welcher die, polnische Regierung die Juden beglückt hat, einstweilen nur für das Gebiet des ehemaligen Kronpolen in Kraft, ist, wie nicht anders jsu erwarten war, eine Mißgebxirt, eine Karikatur auf jene jüdische Gemeinde, die von den demokratischen Elementen im jüdischen Volk gefordert wird. In ihrer Kompetenz auf rein religiöse Angelegenheiten beschränkt, hat die Judengemeinde nur noch das Recht, das Gemeindev^rjoiögen; zu verwalten, zw grün* '■!dfcn fund $ör, armen {Be^ölkfrAin^,Hilfe zu gewähren. 1 '• ' ♦ ' -;* f. - % ' v . f i f ■ > Es ist darum veratändlich, wenn in der jüdische!* Arbeiterschaft die Frage äufkü&it, ob eine Beteiligung an den Wahlen überhaupt einen Sinn hat (noch; dazu, wo das Wahlrecht nur auf Männer über 26 Jahren beschränkt ist). In weiten Kreisen der Arbeiterschaft herrschte die Stimmung, man müsse sich von der Kultusstube fern halten. Und doch hat sogar der „Bund" beschlossen, sich an der Wahl zu beteiligen. Einen ähnlichen Beschluß haben unsere Genossen gefaßt; bei den linken Poale- Zion ist die Diskussion noch nicht abgeschlossen, Eine Reihe praktischer Motive haben für den Beschluß, sich an den Wahlen zu beteiligen, den Aufschlag gegeben. Vor allem das Moment, daß sowohl der Wahlkampf, als auch das Forum der Gemeindestube selbst, reiche Möglichkeit bieten, vor den breiten Massen die Forderung von der Fundierung der Gemeinde auf weltlichen Grundlagen und von der national-personellen Autonomie aufzuwerfen. In den Gemeinden werden weiters die Arbeitervertreter dafür kämpfen müssen, eine Form für das Zwangsbesteuerungsrecht zu finden, die die Hauptlast auf die Reichen legt und nicht auf die arbeitenden Massen, Weiters für einen modernen Ausbau der Hilfs- und Fürsorgetätigkeit, insbesondere durch Errichtung * von. Handwerkerschulen, Emigrantenheimen und anderes. Auf Poale-Zion wird noch dazu die Aufgabe fallen, in den Wahlkampf und in die Gemeinden den Kampf für den Palästinagedanken und für eine wesentliche Hilfe für den Aufbau des Landes zu tragen sowohl im Gegensatz zu der nationalen Blockpolitik der bürgerlichen Blockzionisten (siehe, letzte Sejm: wählen), als auch zur veiednigten1 Angriffsfront clor Orthodoxen, Assimilanten und Bundisten. Die Wahlen werden in allen Städten Kron-Polens.am 1. Juni stattfinden. Der Wahlkampf hat sohbh begonnen. Die Kultuswahlen in Leipzig. . Großer Erfolg der Poale-Zion. Unter den Kultusgemeinden; Deutschlands1 ist die Sachsens durch ihr .reaktionäres Wahlrecht, besonders bekannt. In mehreren' Städten Sachsens' bilden die Ostjuden die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Um nun die „Gefahr" einer Majorisierung der Deutschen mosaischer Konfession durch die Ostjuden abzuwehren, wurde folgender Wahlmodus erdacht: die nicht .in Deutschland gebürtigen Juden, die drei Viertel nder jüdischen Bevölkerung bilden, entsenden in den Kultusvorstand acht Vertreter, wählend die deutschen Juden 25 Vertreter wählen. * Unsere Genossen waren sich wohl darüber klar, daß ein auf diese Weise gewählter Kultusvorstand den Wünschen der jüdischen Wählerschaft nicht entsprechen-wird. Aber die Poale-Zion entschlossen sich trotzdem an der Wahl teilzunehmen, um die jüdische Bevölkerung über die Wichtigkeit dieser Institution aufzuklären und nach erfolgter Wahl die AufklärungSr arbeit im Kultusvorstande selbst fortzusetzen. \ Die Wahlpropaganda der Poale-Zion, an der besonders die Genossen Locker, Bogdanowski und Landtagsabgeordneter Oskar Kohn teilnahmen, hatte vollen Erfolg. Tausende jüdischer Wähler kamen-in unsere Versammlungen und folgten unseren Wahlparolen.. Es gelang uns sowohl die Kommunisten, die sich mit den Gewerbetreibenden vereinigt haben, als auch die Zionisten, die dem Bündnis mit der Orthodoxie zuliebe Palästina geopfert haben, vor den jüdischen Wählern völlig zu demaskieren. Das Wahlresultat hat sich wie folgt gestaltet: Von den ungefähr 4500 Wählern der ostjüdiseheni Liste haben sich 2646 an der Wahl beteiligt. Die Poale Zion erhielten 361 Stimmen (1 Mandat), der zionistisclvorthodoxD Block 1137 Stimmen- (4 Man- ■ date). Von den 1400 deutschjüdischen Wählern haben die Poale-Zion 49 Stimmen (3 Mandate), der ajonistisch-orthodoxe Block 14t Stimmen erzielt. Das Wahlresultat beweist, daß schon der erste \rersuch der Poale-Zion, in die Kultusstube einzudringen, von der 'arbeitenden jüdischen Bevölkerung miL Verständnis und Sympathie aufgenommen wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.