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Unsere Tribüne · 1924-04-20 · 1 (20.04.1924) · p. Seite 3

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
1 (20.04.1924)
Date
1924-04-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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i Hr. I Wie die Kultusgemeinde verwaltet; ^leJchstellnng der Beamten mit den stadiischen >' Angestellten- Die Herren Zionisten, insbesondere Herr Doktor ^Hasdikes, haben es übernommen, den Vorstand der .Wiener israelitischen, Kultusgemeinde von der Schuld 4er Ausbeutung ihrer Angestellten reinzuwaschen. Der Herr. Dr. Plaschkes, der es gewagt hat, während des .Streikes der Angestellten eine technische Nothilfe vm organisieren und dortselbst mit seinen Familienangehörigen mittätig zu sein, beliebt es ja, sich als Freund iiar Angestellten aufzuspielen. Dieser Herr hat schon oft das Verhältnis der israelitischen Kultusgemeinde ihren Angestellten gegenüber etwa so geschildert: Der .gutherzige Vorstand hat seine Angestellten, den Angestellten der Gemeinde Wien gleichgestellt, ja, sogar besser gestellt, die Angestellten aber sind die Nimmersatten, die wollen mehr, als ihnen gebührt. Nun wollen wir einmal versuchen, die Situation zu schildern, wie sie wirklich ist: Die Religionslelirer der Kultusgemeinde haben im Jahre 1920 nach sechs wöchentlichem Streik die Gleichstellung mit den städtischen Angestellten errungen. Die übrigen Angestellten aber erst 11 Monate später. 1 Nach vielen mündlichen und schriftlichen Interventionen mußte ein Demonstrationsstreik einsetzen, um ■4em Kultusvorstande die Gleichstellung abzuringen. Wie sieht nun erst diese Gleichstellung in der Wirklichkeit aus? Vor allem wurden jedem Verwaltungsbeamten und Amisgehilfen zwei Dienstjahre abgezogen. Dadurch ist du* Besoldung aller Beamten herabgedrückt worden. Außer diesem Abzüge wurden den Angestellten für di<> eisten zwei Monate 70 Prozent ihres Monatsgehaltes vorenthalten. Zwar hat Dr. Plaschkes seinerzeit hoch und heilig versichert, er werde schon dies^ 70 Prozent erkämpfen, aber sie haben selbe bis heute nicht, erhalten. Die Angestellten, der Kultusgemeinde haben ferner bis heute noch immer kein Pensions- TYormale, keine Dienstordnung und kein passives Wahlrecht. Die Ueberstunden wurden nicht so honoriert, wie bei der Gemeinde Wien. Während bei der Gemeinde Wien das Provisorium 'längstens ein Jahr dauert, bleiben bei der Kultusgemeinde eintretende Beamte langer als zwei Jahre provisorisch. Man soll aber nicht etwa meinen, daß nunmehr die Angestellten rechtlichen Anspruch zumindest auf die errungene Besoldung erheben können. 0 nein! Die Herren sind vorsichtige Kapitalisten und haben esich^vorbehalten, jederzeit die Zugeständnisse zurückziehen zu dürfen. Ma©r kann ja nicht wissen, wie weit die reaktionären Ränke der Seipelregierung den Arbeitern gegenüber gedeihen werden, für jeden Fall sichert man sich ein Hintertürchen. Und so wurde in den Vertrag folgende Klausel aufgenommen: Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde •erklärt sich bereit, die Bezüge der Angestellten der Kultusgemeinde ohne rechtliche Verpflichtung auf sich nehmen zu können, nach Maßgabe der hiefür verfügbaren Mittel den Bezügen der Angestellten der Gemeinde Wien gleichzustellen. Man beachte wohl: nicht bloß „ohne rechtliche Verpflichtung", sondern auch „nach Maßgabe der hiefür verfügbaren Mittel". Wie leicht können die Herren :uaehweisen, daß sie beispielsweise die Zulagen an ftiBgelno bevorzugte Fmdvtionäre, die knechtische Seelen, die sich als Streikbrecher hergeben, wichtiger sind und daß für die allgemeine Aufbesserung der Gehälter keine Mittel verfügbar sind?'Ein solcher Versuch mußte bereits durch einen Streik abgewehrt werden. Die Disziplinarbestimmungen der israelitischen Kultusgemeinde werden wohl bald ihr öOjähri'ges Jubiläum feiern können. Was in den letzten Jahrzehnten .-an der Refonnierung des Schutzes der Angestellten erreicht wurde, an der Kultusgemeinde sind sie fast spurlos vorübergegangen. Noch bis heute' haben die Beamten keinen Einfluß auf die Disziplinarkommissionen. Zur völligen Charakteristik dürfen auch einige Kuriositäten nicht fehlen. In der israelitischen Kultusgemeinde ist es möglich, daß ein Diener 17 Jahre provisorisch angestellt ist und dann wird er für zu -ttU erklärt,, um definitiv werden zu können. Die Sogenannte Gleichstellung schließt nicht aus, daß die Bibliothekare der Kultus gemeinde Hungeriöhno erhalten. Bei den einen reden sie sich aus, daß er Jtejft Doktorat habe,, dem zweiten aber, der Doktor ist, sprechen sie die Qualifikation ab. Das sind natürlich leeiu Ausreden, denn beide versehen ihre Ari •-träten genau so wie die Bibliothekare der Gemeinde I Wien. Und wenn die Behauptung des Vorstandes rich- I % wäre, ist es ja gewissenlos and unverantwortlich, 1 die Bibliothek Beamten anzuvertrauen, die nicht die | genügende Fähigkeit dazu besitzen. \ Allerdings, Gewissenlosigkeit und Unverantwort- JUchkeit ist auch sonst Irazeichnend für die Verwaltung - *fct> Kwltuffgemeinde. £&rauf wenden wir noch 'awtiefcke&imfcu. Unsere Tribüne Oskar Cohn (Berlin); Die Beutung der jüdischen Arbeit in Palästina.*) Es hat im Kriege, ziemlich schon im Anfang, eine Anzahl Zionisten mit einer guten Nase gegeben. Sie haben sehr zeitig gerochen, daß auf den Schlachtfeldern in Polen, in Belgien und in Frankreich nicht nur um das Schicksal Europas, nein, auch um Palästina gewürfelt wird. Der palästinensische Gedanke, ich sage nicht, der Zionismus, der palästinensiche Gedanke hat durch den. Krieg und hat auch durch die Arbeit jener Männer mit der guten Nase einen ungeheuren Auftrieb bekommen, aber freilich, der palästinensische Gedanke hätte nicht so tief und so rasch und allgemein im Bewußtsein der Juden der ganzen Welt sich verbreiten können, wenn dieser Gedanke nicht auf eine Lage der Juden gestoßen wäre, wie sie in solcher Weise niemals in der Welt war, wie sie erst durch den Krieg geschaffen worden ist. Die Entwurzelung, die Vertreibimg von Hunderttausenden, von Millionen von Juden, die Zerstörung ihrer Heimstätten, die Verluste der Arbeitsmittel, die Notwendigkeit, sich eine neue Heimstätte zü suchen, an Stelle der zerstörten alten, das war die objektive Grundlage, die der palästinensische Gedanke im Kriege und noch mehr in der Nachkriegszeit fand. Ich will heute in keine Diskussion eintreten, ob wir aus dem, Kriege mit einem imperialistischen Zionismus hervorgegangen sind, ob der offizielle Zionismus sich allzusehr oder gar nicht als Diener der englischen Weltmacht betätigt habe, ob Palästina als bürgerliche oder kleinbürgerliche Heimstätte gedacht war. Die Entwicklung ist über diese Gedanken hinweggeschritten. Palästina ist heute ein Laboratorium der Weltgeschichte geworden. Wenn eine Erfindung vom Chemiker, vom Techniker ausprobiert werden soll, so arbeitet er im Laboratorium, will die landwirtschaftliche Versuchsanstalt eine Fruchtsorte, ein Düngungsverfahren ausprobieren, so tut sie es auf einem Versuchsfelde. Die Juden waren in der Geschichte die Versuchskaninchen der übrigen Völker und sie sind es in einem guten Sinne wieder geworden und Palästina ist das Versuchsfeld der Welt. Palästina ist das Laboratorium! der Weltgeschichte geworden. Was wird dort erprobt? ' Erprobt wird die sozialistische Praxis in Palästina. Diese Probe vollzieht sich nicht mv Dunkel eines Laboratoriums, die ganze Welt sieht auf sie und wartet auf das Gelingen oder auf das Mißlingen der Probe. -Es ist heute abend schon von meinem Vorredner, meinem lieben Freunde Locker, der Name des englischen Ministerpräsidenten genannt worden: Mac Donald. Lassen Sie mich ihn auch in diesem Zusammenhang erwähnen. Auch er bezeichnet in einer Ansprache an die palästinensische Arbeiterschaft Palästina als das Laboratorium der Welt. Er ruft der palästinensischen Arbeiterschaft zu, sich selbst zu helfen, dann würde ihr" auch die englische Arbeiterschaft zur Seite stehen. Dem' praktischen Sinne des englischen in der politischen Arbeit bewährten Arbeiterführers, erscheint die Bedeutung von Palästina, bezogen auf die englischen Verhämisse, bezogen auf die englische Arbeiterbewegung, genau so, wie ich versucht, habe, sie zu fassen. Wollt Ihr die Sympathie, wollt Ihr die tätige Mitarbeit der englischen Sozialisten erreichen, dann arbeitet sozialistisch, dann' führt dem englischen Arbeiter Eure sozialistischen Taten vor,, im Straßenbau, im Genossenschaftswesen, in allen Formen Eurer Arbeit. Die ungeheure Wichtigkeit des geschichtlichen Augenblicks, in dem wir stehen, ist folgende: Entweder der weltgeschichtliche Versuch gelingt in Palästina, dann ist ein wichtiger Erfolg — und die Worte von Mac Donald bestätigen es —. in der ganzen Welt erzielt und dann ist der jüdische Arbeiter in Palästina nicht nur der Pionier des jüdischen Volkes, er ist der Vorkämpfer der Arbeiterklasse aller Länder; aber, wenn der versuch mißlingt, dann ist nicht nur Palästina als Heimstätte des jüdischen Volkes erledigt, es wird dann nicht nur wieder der Zustand zurückkehren, wie er war vor einer zionistisch-sozialistischen Bewegung, sondern auch dem Sozialismus in allen Ländern ein schwerer Schlag ^ersetzt werden. Es geht nicht nur um unser Schicksal, um das Schicksal von 20.000 jüdischen Arbeitern in Palästina, es geht um Größeres, es geht um ganz große weltgeschichtliche Dinge. Darf man nun in diesem Augenblick die Hoffnung aussprechen, daß der Versuch im weltgeschichtlichen palästinensischen Laboratorium gelingen werde? Führen wir uns nur einige ganz wenige Tatsachen vor Augen, um uns die Frage, darf man hoffen, zu beantworten. Mein Vorredner hat Ihnen schon Tatsachen genannt. Ich will nur in Kürze wiederholen. Von 100.000 Juden in Palästina sind 20.000 jüdische Arbeiter, gewiß wenig im Verhältnis zu den proletarischen Massen in der übrigen Welt, aber es ist doch ein Fünftel der jüdischen Einwohnerschaft, ein Drittel der erwachsenen erwerbstätigen Menschen in Palästina. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß der jüdische Arbeiter im (ialulh in entwicklungsgeschichtlich niebt *) Ende JMnner fand in Berlin eine Kundgebung für das arbeitende Palästina statt. Unter anderen sprachen auch die Ftthrer der deutschen Sozialdemokratie Eduard Bernstein und Oskar Cohn. Die folgenden Ausführungen sind ein Ausaug au» der Rede des letzteren. Seite 3 notwendigen, abseitsstehenden Gewerben tätig ist, die von einem höheren Wirtschaftsstandpmikt aus gesehen, überflüssig sind. In Palästina dagegen sind diejüdischen Arbeiter in den wichtigsten Betrieben, di& die wirtschaftliche Grundlage des Landes schaffen, beschäftigt, nicht im Handel, nicht bei der Verteilung der Güter, sondern bei der schöpferischen Herstellung der Güter, in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Verkehrswesen, beim Straßenbau, am Pflug und an der Dreschmaschine und überall, wo schöpefrischo Arbeit geleistet wird.1 Diese Arbeiter in Palästina, haben den tragenden Gedanken einer in die . Zukunft gerichteten und die Produktion beherrschenden Arbeit, sie haben den Gedanken der Organisierung der Arbeit, der Planwirtschaft erfaßt und in Wirklichkeit umgesetzt. 8000 Arbeiter sind vereinige in der großen gewerkschaftlichen Organisation unter der Führung der Achduth Hawodah, sie haben die zentrale Konsumgenossenschaft. Hamaschbir, .gemein^ nützi ge Unterstü tzun gsein rieh tun gen, Kra nkenkasse n, Darlehenskassen aller Art, ein Drittel aller Landarbeiter ist in genossenschaftlichen Betrieben, in Kwuzoth vereinigt, denen jetzt schon etwa 20 Genossenschaften der städtischen Gewerbe mit 2000 bis 26ÖO Arbeiter — wie die Genossenschaft für öffentliche und Bauarbeiten — gegenüberstehen, vor denen gerade Mac Donald sprach. Die Arbeiter in Palästina reden nicht vom Sozialismus, sie leben und erleben ihn jeden Tag. Und wie erleben sie diesen Sozialismus 1 Mit Entbehrungen und Entsagungen aller Art, mit; Einsetzen eines Idealismus und einer seelischen Kraft, die ohnegleichen ist. Den Blick gerichtet nicht .auf die kleinen und großen Bedürfnisse des Heute , und Morgen, nein den Blick gerichtet auf die Jahrhunderte, sich voll bewußt, daß sie Pioniere eines großen weltgeschichtlichen Gedankens, des sozialistischen Gedankens sind und Vorkämpfer ^ev ganzen Welt. Und Ihr, Genossen und Genossinnen, Ihr wollt den jüdischen Arbeiter in diesem Kampfe und dieser Eni-! sagung allein lassen? Ich stelle diese Frage und ich verneine sie. Ich bin fest überzeugt, die Juden in Deutschland und in der ganzen Welt wollen den jüdischen Arbeiter nicht allein lassen in Palästina, ihr wollt ihm helfen. Wir müssen hier mir über die richtigen Wege und Mittel reden und nicht über die Frage, ob ihr helfen wollt. Mein Freund Locker bat von den Mitteln der Hilfe gesprochen'. Ich glaube, mein Nachfolger wird es auch tun. Ich werde darüber nicht reden. Manche Wege führen nicht nur nach Rom, sondern auch nach Palästina. Aber Ihr alle* Ihr Juden im Galuth, Ihr müßt Euch bewußt sein, wenn Ihr dem palästinensischen Arbeiter helft, tut Ihr es nicht für ihn, auch nicht nur für Euch, Ihr tut es für die .Zukunft - .des« jüdischen- Volkes,- -für die-,! Zukunft des Sozialismus. Für das arbeitende Palästina. Reichstagspräsident Loebe über die Bedeutung des arbeitenden Palästina. . in einer tausendköpfigen Kundgebungfür das arbeitende Palästina, die vor einigen Tagen in Breslau statte fand, ergriff nach den Ansprachen des Landtflgsabgeoröneten Oskar Kohn und des Genossen Bt Locker, Reichstagan Präsident Loebe das Wort. Er führte luiter anderem au*; „Ich möchte Gelegenheit nehmen, hier eiq Wort der Sympathie, der Anerkennung zu sagen über eine Bewegung, die vom ersten Augenblick an, da meine [Freunde und ich sie kennen lernten, unser lebhaftestes Interesse erregt hat. Wir in Westeuropa, sind auf dem Wege des Kompromisses haften geblieben, an anderer Stelle hat man es mit Gewalt versucht, in Palästina erfolgt ein gewaltloser Neubau. Wir hatten uns von alten Bindungen befreit, wir hatten aber übersehen, uns genügend für den Tag nach der Umwälzung vorzubereiten. Dort wird Neues geschaffen mit dem gewaltigen Prinzip der gegenseitigen Hilfe, werden, Wege gesucht zu höheren Formen gemeinschaftlicher Arbeit. Darum ist diese ihre „Bewegung nicht nur für die Juden, sondern für die ganze internationale Arbeiterschaft von größter Bedeutung. Die dortige gemeinschaftliche Arbeit und der gemeinsame Besitz in der Industrie, in der Technik, im Baugewerbe, in den Pflanzungen zeigen, daß in Palästina die wahre sozialistische Idee in die Tab umgesetzt wird. Wieder' einmal sind die Juden die Pioniere einerneuen, positiven, einer fruchtbaren Bewegung. Mi> größtem Interesse und tiefster Sympathie verfolgen mr diese Arbeiten. Alle Zeit hat die Welt höher gestellt ak theoretische Widerlegung das lebendige Beispiel. Diese* lebendige Beispiel jüdischer Arbeit geben uns jetzt dis jüdischen Arbeiter Palästinas. Zwar daß der Jude arbeiten kann, weiil jeder, der einmal im Osten gewesen und dort die tausende jüdischer Arbeiter gesehen hat. Gegenüber aller Verhetzung sollten wir um ao mehr in aller Offenheit und neidlos anerkennen, daß uns die Juden auf |.e vielen Gebieten geistiger Kultur sehr viel schon gegeben hahetn, und daß wir nun hoffen können, daß sie dort i«, Palästinauns auch einen neuen Weg für die Gesundung tf*s Wirtschaftslebens in aller Welt weisen werete»." ' , € Die englischen Arbeiterminister unterstützen die Aktion. In ...London fand vorige' Woche eine Konferenz für die Organisierung der jüdischen Arbeiter zur Tätigkeit für das arbeitende Palästina statt. Es erschienen, 40 Delegierte, aus London und aus der Provin«, untern fchnel* auefo zahlreich» Vertreter der Gewerkschaften^

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