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Unsere Tribüne · 1924-04-20 · 1 (20.04.1924) · p. Seite 2

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
1 (20.04.1924)
Date
1924-04-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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j Seite % Untere Tribüne NU ü Singer: Ueber unserere Aufgaben in Westeuropa/) Im Weltkriege und in dessen Gefolge traten erhebliche Aenderungen nicht nur im Zentrum des jüdischen Lebens in Osteuropa, sondern auch in Westeuropa in seiner Peripherie ein. Mag auch der Imperialismus das „neue" Europa noch so zerrüttet haben, mögen die großen Mächte rfie kleinen Völker noch so sehr ihren kapitalistischen iimd imperialistischen Interessen dienstbar machen, ,ao ist dennoch nicht zu übersehen, daß viele kleine Wationen, die jahrelang unter fremdem Joche seufzton, ,frc,i wurden Diese Tatsache hat gewiß mitgewirkt, daß auch bei uns der nationale Gedanke breitere Massen erfaßt hat. Dies gilt nicht bloß für Osteuropa, sondern auch, wenn auch mit bedeutender Einschränkung, für Westeuropa. In den Zentren von Westeuropa, wo vor dem Kriege die Oberflächlichkeit einer angeblichen oder wirklichen Assimilation geherrscht hat, sieht man heute ernste Neigungen zu einem Kontakt ümit" dem jüdischen Leben, mit der jüdischen Freiheitsbewegung, mit dem jüdischen Sozialismus. Einen großen Anteil an dieser Acnderung haben die jüdischen Massen Osteuropas, die während der Kriegs- und Nachkriegsjahre durch und in die westeuropäischen Staaten gewandert sind. Ich spreche von durchwandernden und einwandernden Ostjuden, weil ein großer Teil derer, die ihre frühere Heimat verlassen haben, in verschiedenen Teilen Westeuropas sich nicht nur vorübergehend, sondern dauernd niedergelassen hat. Dieser Teil ist aber sicherlich nicht gewillt: sich der Assimilation zu ergeben. Er sucht Möglich keilen, das jüdische Leben in der neuen Heimat zu erhalten und will ebenso 4en Kontakt mit dem jüdischen Leben der alten Heisnat erhalten, mit der er noch vielfach verknüpft ist. Er ist bemüht, ohne von dem Volke des Landes und den Joden des 'Landes, die hier schon seit altersher wohnen, sich abzusondern, den Kontakt mit dem Zentrum des jüdischen Lebens aufrechterhalten. *\ Dieser Aufsatz ist die Wiedergabe eines Vortrages in unserer Wiener Organisation, dem eine ausführliche Aussprach© und eine Beschlußfassung im Sinne dieser Ausführungen folgte. Wir werden demnächst auch der Minderheit das Wort in dieser Frage einräumen. Die Redaktion. Hand hatten, diese Bestimmung zu vereiteln. Sie haben einfach Angst, daß viele Angestellte, um wählen zu können und zwar um gegen sie zu wählen, sich j e t z t eine Steuer vorschreiben lassen unJd so — gemäß dem bis- Iherigen Statut — das Wahirec^^ejilan^en;. Natürlich kann ' man nicht für die V^ergängenheit Steuerzahler werden :yiid; darum die famose Neubestimmung. Dabei verrät die Herrschaften das böse Gewissen. Denn sie erzählen von der zweijährigen Seßhaftigkeit, während es sich in Wirklichkeit nicht um Seßhaftigkeit, sondern um Steuervor- «chredbung und zwar — das Wahljahr eingerechnet — Um etrie dreijährige Steuervorschreibuing. Man könnte von der jüdischnationalen Partei sagen: so jung und schon so verdorben. Aber, ihr Widerspiel iu der Demokratie, Übt H. Dr. Schwarz-Hiller, hat anläßlich der Okloberwahlen angekündigt, daß das Bündnis auf allen Gebieten des jödischen Lebens fruchtbar sein werde. Die Früchte auf dem Gebiete der Palästinaarbeit -» davon sprachen sie damals — haben wir noch nicht gesehen, aber in der "Wahlreform sind sie gereift undi an ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! AI. Nadir (New-York): Aus dem Buche: „Von Mensch zu Mensch." (Aus dem^ jiddischen von R. G.) Die Arbeiter. Die Arbeiter! Alles reißen sie an sich! Wo du Kiieh unVschaust, sind sie da. Die Welt ist übervoll dieser abgelebten Habenichtsen. Immer weiter und weiter -dringen sie auf der Erdkifgel vor. Für den .feinen, konzilianten, nichtarbeitenden ßdelmonsehen ist kein Platz mehr da. Wo ihr geht und steht, stoßt ihr auf Arbeiter. Ueberall mächen sie. sich breit, auf der Erde, unter der Erde. Und der Aristokrat, der exklusive Mensch mit dem feinen Hut muß hei Seite stehen und alldas mitansehen. Werdet euch doch nur klar! In allen Kohlenminen die besten Plätze --■ der Arbeiter. Alle Dächer unvollendeter Gebäude — voll besetzt mit Arbeitern. In den Eisenfabriken — alles überfüllt mit ihnen. Sogar auf den Schlachtfeldern, wo nur mehr &eiße Vaterlandsliebe vor dem Feinde fabriziert werden soll, immer noch diese riesige Zahl Arbeiter! Und die Metallhtbrikeu stecken voll gewöhnlicher Arbeiter. Sie haben nichts, aber überall sind sie da. Ein Blick um euch herum — und nur Arbeiter imd Arbeiter. Auf den unterirdischen Bahnen, in Schweielfabriken, auf Feldern, Spitzen der höchsten Gebäude, aui Schiffen und in den Schiffen. Sogar auf imvollmideten Brücken kriechen sie herum! Und in Kanälen und Rinnsteinen noch haben sie sich Platz gefunden. Hund herum Juchts als Arbeiter! Und erst das gemeinste: Du drückst deinen Kopf in ehi «seidenes Kissen und willst endlich schlafen, klingt dir nicht irgendwo ins Ohr der Hammer von Außer den kultur-psychologischen Motiven, haben auch, soziale Momente wesentlich auf die Juden in Westeuropa gewirkt. So zwingt beispielsweise die Not der Zeit auch die Juden, früher oder später zur Arbeit überzugehen. In Westeuropa vielleicht noch schneller als in Osteuropa, Aber nicht nur für die Mehrzahl der eingewanderten Juden, sondern auch für einen großen Teil der früher ansässigen ist es nicht ieicht, den Weg zur Arbeit zu finden. Die Juden können nur mehr schwer in jene Berufe (Angestellte und Beamten), die schon mit Juden gesättigt sind,'Einlaß finden. Sie suchen den Weg zur manuellen Arbeit. Hier ist eine organisierte Mithilfe notwendig, wenn die gesunde^ Tendenz nicht auf Abwege führen »soll. Diese Tendenz wirkt auch dahin, daß die Erhaltung einer organisierten jüdischen Gesamtheit in den westeuropäischen Ländern angestrebt wird. In den Zentren des jüdischen Lebens fassen wir diese Bestrebungen in der Forderung der nationalen Autonomie zusammen, deren Grundlage die jüdische Kultur und Sprache ist. Aber, in der Peripherie des jüdischen Lebens, in Westeuropa können wir die Forderung nach Schulen in jüdischer Sprache nicht erheben, weil die ganze Wirklichkeit, das ganze jüdische Leben hier, weniger Zusammenhang mit der jüdischen Sprache hat. Obwohl die Juden sich in vielen wesentlichen Beziehungendem Volke des Landes nicht angepaßt haben, obwohl sie sich mit ihm nicht vermischen wollen, noch können, haben sie sich sprachlich beinahe assimiliert. Ich halte es nicht für eine Utopie, daß in organisierten jüdischen Gesamtheiten in Westeuropa der Unterricht des Jiddischen einen gebührenden Platz im Kultur- und Erziehungswerk einnim'mt; aber es wäre zweifelsohne eine utopische, verknöcherte und dogmatische Anschauung, wenn man, was für die Zentren des jüdischen Leben gilt, für die Peripherie, für die westeuropäischen Länder anwenden wollte. Hier aber liegt der Kern der Frage: Sollen und können wir unsere maximalen Forderungen nach nationaler Autonomie auf der Grundlage der jüdischen Sprache und Kultur auch für die Peripherie aufstellen, oder sollen und müssen wir uns in der Peripherie mit der minimalen Forderung nach Autonomie ohne die ,.Grund 1 age der jüdischen Sprache begnügen, wiewohl das Jiddische aus dem Kultur- und Erziehungsprogramm nicht verschwinden darf? Ich habe es stets als einen der Vorzüge der Poale- Zion betrachtet, daß. wir den Mut haben, der Wirklichkeit in die Augen zu schauen und uns nicht, mit halben, unklaren Antworten begnügen. Ich glaube, daß auch in dieser Frage, besonders die Organisationen in Westeuropa ih^e Meinuüg^offeflt' w\d deutlich erklären müssen, ohne Scheu vor Angriffen von rechts und links. Wir müssen uns bei der Entsclieichmg über diese Frage über Folgendes klar werden: 1. Die nationale Autonomie ist für uns nicht bloß eine kulturelle Angelegenheit, sondern auch — und keinesfalls in geringerem Maße — eine Institution zur Lösung sozialer Fragen. Gerade auf diesem Gebiete unterschieden wir uns stets vom „Bunde". (Allg. Jüd. Arb.-Bund). Während der Bund national - k u 1t u. r e 11 e Autonomie gefordert hat, haben wir den Standpunkt vertreten, daß unsere autonomen Institutionen auch gegen die soziale Not zu wirken haben. Auf diesem Gebiete können auch unsere autonomen Institutionen in Westeuropa mehr leisten als in Osteuropa. Das allgemeine Lebensniveau ist hier höher, so einem Arbeiter? Oder ein Schlag mit der Hacke oder ein Kreischen mit dem Bohrer, oder es fällt gar einer herunter von. einem hohen Gebäude und stößt einen ganz unberechenbaren Schrei aus. Eine ekelhafte Bande sind sie, diese Arbeiter! Das Leben fürs Vaterland. Und sollte der Herrscher zu mir kommen und sagen: Sei so gut imd opfere dein Leben! fürs Vaterland, will ich ihm entgegnen: Mein Herr König! Dieses Leben da ist nioht meines, es ist Gottes. Er ist der Hauptkoimmandeur des 15b\ Infanterieregimentes, bekannt unter dem Namen „fußgehende Meinschheit". Das Leben, daß ich auf meiner Schulter schleppe, ist 'sein. In die große Weltschlacht hat er mich geschickt, mit dem Befehl, es — das Leben nämlich — bei mir zu halten,, bis er es -zurückrufen wird durch seinen Adjutanten, den Herrn Tod. Einstweilen, Herr Kaiser, hat er es noch nicht gefordert. Das bedeutet, daß ich es keinem weggeben darf, ich muß es aufheben. Weil, wenn ihm einfallen sollte, durch seinen Adjutanten einen Wink zu geben, ihm das Leben zurückzustellen und ich es nicht, mehr hätte, dann könnte es arg werden. „Wo hast, du das nagelneue Leben hingegeben, das ich dir geliehen habe?" So wird die Gottheit mit mir reden. „Mit welchem Rechte hast du ein so kunstvoll ausgeschnitztes' lieben, mit handverfertigten Ohren genommen und es ' deinem König weggeschenkt?" Und deswegen, Herr Kaiser, müßt ihr mir entschuldigen, daß ich eueh mit dieser Kleinigkeit nicht zu Willen sein kann, das Leben fürs Vaterbnd herzugeben. Krieg oder nicht Krieg, ich weiß bloß eines: ich muß vierundzwanzig volle Stunden täglich leben. Nicht weniger. So der direkte Befehl von seiner Exzellenz, Herr Jehova. das Verständnis für produktive soziale Arbeit bot Juden imd Nichijuden größer .als in Osteuropa. Die Notwendigkeit sozialer Tätigkeit ist aber hier nicht, viel kleiner als anderswo: die «Wanderungsfrage und da» Problem, die Juden der Arbeit zuzuführen, ist ancJfc in Westeuropa sehr aktuell. Schon wegen dieser sozialen Angelegenheiten allein dürfen wir uns vom' Kampfe für die Schaffunpf oder Ausgestaltung national-autonomer Institutionen nicht enthalten. Auch auf dem Gebiete der jüdischen Kultur kana viel geleistet werden. Bestehende jüdische Kulturinstrtutionen werden von den autonomen Organen unterstützt werden können. Der Religionsunterricht kann zu einem Unterricht, der jüdischen Geschichte, der Volkskunde, des Jiddischen und Hebräischen erweitert werden. Dies fcann man nicht von heute auf morgen erreichen, aber man kann, es erreichen, es ist keinesfalls eine Utopie. Garantien für eine baldige Verwirklichung gibt es auch in Osteuropa nicht. Das Resultat dieser Ausführungen gipfelt ateo darin, daß wir in Westeuropa, wo wir nicht wie im Osten die Forderung nach nationaler Autonomie mit dem jüdischen Kulturproblem verbindenIkÖnnen, darauf nicht verzichten dürfen, den Kampf für die Demokratisierung und Verweltlichung der national-autonomen Institutionen zu führen: Darauf gründet sich unsere positive Stellung zur jüdischen Kultusgcmeinde. Die partei-taktisehen Resultate eines solchen Bct-. Schlusses lassen sich nicht voraussagen, aber siehe? ist, daß die Mauer, die uns noch heute von den Massen der jüdischen Arbeiter und Angestellten trennt, verschwinden würde und daß die Hegemonie der jüdischen Bourgeoisie in der jüdischen autonomen. Repräsentanz ein. Ende hatte. Jüdische Bankbeamte. Beamtisierung, so hieß es, ist für größere jüdische Schichten luimöglich, und darin liege mit ein Hauptgrund, daß die wirtschaftliche Lage der Juden invielen Ländern unhaltbar geworden____ Da sehen wir nun vor uns die Entwicklung eines neuen Beamtensta.ndes, man kann ruhig sagen, de«• Beamtenstandes der Nachkriegszeit, denn, was von früher her noch Beamter blieb, ist wirtschaftlich in der neuen Zeit überhaupt nicht mehr verankert, sinkt in Verelendung hinäb. Und siehe da, der größere Teil dieses neuen Beamtentums, erwachsen aus den Bedürfnissen kapitalistischer Konzentrierung — er besteht aus Juden. Die Banken haben so ziemlich all das Menschenmaterial verschlungen, das in normalen Zeiten noch in selbständiger Lohnarbeit eines „geistigen" Arbeiters sich hätte böhaupten können," aber äücTF'em '' großer Teil derer, die in früheren Zeiten Aussicht gehabt hätten, ein bereits begonnenes kaufmännisches Unternehmen fortzusetzen, endete in den Banken. Damit ist die Struktur der jüdischen Wirtschafts- und Haushaltungsführung in Wien unglaublich verändert. Gehälter werden bezogen, wo früher Gewinnst« hörausgezogen wurden, die jüdische bürgerliche Kaufmannsschicht ist in ihren Kindern zum großen Teil bereits „beamtisiert". Und nun gar der Streik. Gut bürgerliche Väter, die die Welt nie anders gesehen, denn als bürgerliche' Unternehmer, bangend für die Existenz ihrer protetarisierten Kinder. Verstehend, oder zum Teil verstehend, daß sie in ihrem Nachwuchs bereits deklassiert sind. Man hat die Bank als Laufbahn gewählt, weil man gehofft., im Laufe der Zeit „werde sich doch noch etwas machen lassen" und steckt nua tief drinnen in der „Beamtisierung". Der Streik in seiner vollen Entwicklung sseigte * ein für die jüdische Oekonomik höchst eigenartige» Bild. Nirgends, wo es noch jüdische Lohnarbeit gab und gibt, stand eine so breite Schichte arbeitender Juden einer so dünnen Schichte fast, ausschließlich! kapitalistischer Großjuden gegenüber. In den stärksten Zentren jüdischer Massensiedlung ist. der Klassengegensatz nicht so konzentriert, stehen sich jüdische Lohnarbeiter und Kapitalsherren nicht so ausschließlich gegenüber. Und im BankensLreik waren es wenige GToßjucfo* gegen eine breite, durch alle wirtschaftliche Notwendigkeit der Nachkriegszeit erzwungene, zur größer*«. Hälfte jüdischen Beamtenschicht. Wunderlich sind die Wege des Kapitals. Die Juden — früheste Pioniere des Geldhandels, den sie fast ausschließlich in derselben Breite trieben w.i». noch früher den Warenhandel — heute proletarisiwt. in ihren Kindern als „Beamte" des Kapitals weniger Abkömmlinge — vom früheren Gelcthandel der Jude». . Dr. Rudolf Glan»; Häitung Genossen! Samstag, den 26. April, halb 8 Uhr abeadi, im Arbeiterheim Borochow, IL, Blumauergass« t, anlaßlich des Erscheinens unsere« Organes feierliches Meeting Referenten: Dr. F. Sternberg, M. Schaplro (Palästina) . Erscheinen Pflicht!

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