Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 1 (20.04.1924)
- Date
- 1924-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Irgan der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administrator Wiäi, in, Bfnmauergasge 1/1! Bezugspreis; Vierteljahr.. 6.000 K halbjähr, . . 12.000 » Einzelne Nummer 1000 Kronen Nr. 1. Wien, 20. April 1924. L Jahrgang. \n unsere Genossen und Freunde!!' Einer unserer sehnlichsten Wünsche geht in Ertillung. Wir übergeben euch die erste Nummer unserer Zeitschrift. Welche Aufgabe hat „Unsere. Tribüne" zu; erfüllen? Jenen jüdischen Arbeitern, welche den Anschluß jur sozialdemiokratisteihen Arbeiterschaft des Landes ioch nicht gefunden hajbem, sfoll unsere Zeitschrift Iis Wegweiser dienen. Noch gibt es in Oesterreich riele hunderte arbeitender Juden, die;abseits von der krbeiterbewegurig, oder "sjögar im feindlichen Lager iftehen. Diese müssen wir für )ßie\ Sozialdemokratie gerinnen. Hunderte jüdischer Arbeiter in Oesterreich sind Hott der Sehkiäucht Wach! einjeim,1 Kjofataktei mit den jüdin ichen Arbeitermassein Osteuropas, Amerikas und Pa^ astinas erfüllt. „Unsere Tribüne" wird Istetsi bemüht {fein, den erwünsicihten Kontakt durch geeignete Mittel herzustellen. -; I Der deutschen Arbeiterschaft aber soll durch: unsere Zeitschrift ermöglicht werden, einen Einblick in äie Gedankenwelt und in die Bestrebungen der jüdischen Arbeiterschaft zu gewinnen, i Wir sind uns dessen wohl i&ewußt, wie schwer! unfcjjre Aufgabe i?t. Es .gilt jalto M^ti^'de teiil Miß Verhältnisse hüben und drüben zu (überwinden. Aber es ist höchste Zeit, daß (dieser Versuch gemacht) werdet Und wenn ihr alle, Genossen rimd Freunde, uns unterstützen werdet, wird dieser Versuch zweifellos wn Erfolg begleitet ©ein. v j An euch, liegt eis1, „Unlsere ^Tribüne" zu einemi mächtigen Kampforgan für die Ziele des! jüdischen Sozialismus auszugestalten. ,! Vom Völkerhaß zur Völkerj Verständigung. Es liegt eine gewisse Tragik im Kampfe um die internationale Verständigung zwischen den großen Staaten in Europa. Als in Deutschland die Revolution siegreich wai* und die Arbeiterklasse jm Staate eine Vormachtjstellung hatte, war dort auch zugleich eine tätige opferwillige Bereitschaft zu einem friedlichen internationalen [Ausgleich. Aber damals waren die Arbeiterklassen Englands und Frankreichs machtlos und die herrschenden [Klassen schwelgten in imperialistischen Haß gegen Deutschland erfüllten Wahnvorstellungen. An Stelle einer (Verständigung kamen die Diktate, und Repressalien, die überall nur Unheil brachten. In Deutschland förderten (sie überdies die Machlentfaltung der Reaktion. Und nun iwiederholl sich die Tragik. Denn seither ist zwar nicht jin Frankreich, wohl aber in. England ein wesentlicher |Umschwung eingetreten. Die Zerrüttung des europäischen Marktes und die Arbeitslosigkeit im eigenen Lande waren ■erfolgreiche Lehrmeister, für die Notwendigkeit der „Be friedigung" Europas; die von. Mac Donald geführte und inun von seinem Internationalismus beherrschte Arbeiterpartei hat — wenn auch als Minorität — die Regiejrungsgewall erlangt. Aber jetzt ist in Deutschland der Nationalismus in stetem Vormarsch und er steht nicht; minder als die Reaktion in Frankreich der Verständigung im Wege. j Die Macht der Sozialdemokratie ist verringert. Ihre jStärkung ist die wichtigste Bedingung für die internajtionale Verständigung. Diese kann nur fortschreiten, wenn j der Sozisalismus überall in gleicher Weise fortschreitet. j Friedensliebe ist Landesverrat i Seit Jahr und Tag ist es in Deutschland so, daß 'die Reaktion bewaffnele Formationen unterhalten darf, j ohne von den Behörden gestört zu werden, während jjedes Auftreten der gegnerischen, also der republikani- 1 sehen Elemente rücksichtlos unterdrückt wird. Nun setzt j die Justiz diesem Verhallen dier „republikanischen" Staatsgewall die Krone auf, indem sie einem Vorwärtsredakjteur deshalb den Prozeß machen will,' weil er Mitteilungen über die Rüstungen hakenkreuzlerischer Sturmtruppen veröffentlicht hat. Diese Schandtat der schändlichen deutschen Justiz entspricht offenbar dem kriegerischen Nationalismus der Reaktion, denn für sie ist Friedensliebe Landesverrat. Insoweit aber die Rüstungen sich nicht gegen den äußeren, sondern gegfen den inneren Feind1, gegen das Proletariat richten, sind sie erst recht immun. _■ Die Juden des Horthy haben in einem Wiener Wochenbblatt vom früheren ungarischen Finanzminis ler Dr. Paul Szende eine treffende Würdigung erfahren. Wie früher der blutige Zar die Anleiheunterstützung der jüdischen haute finance fand, um sein Pogromregime zu festigen, so hat jetzt die ungarische Pogromregierung die tätige Hilfe der großen Bankjuden, vor allem der Londoner Rothschilds erhallen. Welch ein Beweis der jüdischen Solidarität, von der die diversen Idioten und Schwindler reden! Welch trauriges Zeichen aber auch für die sogenannte jüdische Demokratie! Damals, als die rassischen Hortys das Geld der Finanzjuden begehrten, erhob sich wenigstens in breiten jüdischen Kreisen ein- Sturm der Entrüstung; konnte das Bündnis zwischen den Judenschlächtern und den Judenkrösussen auch nicht verhindert werden, so wurden die edlen Herrschaften wenigstens öfrentljch gebrandmarkt. Es sei nur an die Bewegung gegen Taussi g erinnert. Heule geschieht dergleichen nicht mehr. Und doch ist dies notwendig. Es wird gut sein, daß auch hierzulande die jüdische Oeffentliehlkeit, die arbeiten-, den Juden und .dl^.;jüdische f$güi$fnz ^ünseren'' Geldmagnalen den Kampr* ängedeHien fäiC^der~vnicn t"' tiur vom allgemein sozialistischen, sondern auch vom bewußt jüdischen Standpunkt erforderlich ist. Ihre Vorstellungen vom jüdischen Mittelstand haben die „Führer" des Wiener Judentums anläßlich des großen Börsenkrachs verraten. Wir meinen nicht die allen und in vermodertem Liberalismus lebenden Kultusjuden, sondern die bürgerlichen Jüdischnationalen. Da hat deren Führer in der Kültusgemeinde sich von einem Wiener Nachmittagsblatt interviewen lassen, um der Welt die Weisheit zu verkünden, daß der jüdische Mittelstand durch den Börsenkrach ruiniert sei. Diese Mitteilung wurde später abgeschwächt, aber wir wären doch neugierig zu erfahren, wer eigentlich den jüdischen Mittelstand bilde. Früher einmal nannte man das große Heer der Angestellten den Mittelstand, aber heute, nachdem diese Angestellten in dien freien Gewerkschaften organisiert sind und zuweilen gar streiken? Unter dem jüdischen Mittelstand verstehen sie wohl die Kaufleute und Gewerbetreibenden. Aber wie lächerlich ist es, diese verhältnismäßig große Masse durch den Börsenkrach ruiniert darzustellen. Wohlgemerkt, es ist nicht von den Auswirkungen der Börsegeschehnisse au! die Volkswirtschaft die Rede, sondern von den unmittelbaren Folgen der zusammengebrochenen Spekulation. Diese aber hat unmittelbar nur die schmale Schicht der jüdischen Spekulanten ergriffen. Den Mittelstand aber;, die Träger von Warenhandel und Gewerbe mögen sie aus dem Spiele lassen. Aber wozu sie aufklären? Der Herr Vizepräsident der Kultusgemeinde, wie der Herr Zeitungsredakteur, kennen die Juden, mit denen sie stets zusammenkommen, im Caf<§ und in der Gesellschaft und da identifizieren sie wohl beide, wie es Lassalle schon gegeißelt, wenn nicht das ganze jüdische Volk, so doch den jüdischen Mittelstand mit ihren Bekannten, die, ach, sich so verspekuliert haben. Ein lehrreicher Presseprozeß. Vor einigen Monaten bat 63 in Wien einen sehr iti'fcressanlen Preßprozeß gegeben. Die Herren Dr. Stolper und Federn, Herausgeber der Wochenschrift ,,Der österreichische Volkswirt" haben den Herrn Emmerich Bekessy, Herausgeber mehrerer Zeitungen, die unter anderem für die Unternehmungen des Herrn Castiglioni werben, wegen Beleidigung geklagt Die Herausgeber des „Oest. Volkswirt" haben in ihrer Wochenschrift schwere Anklagen gegen Bekessy erhoben, der Angegriffene machte, Miene, die Herren des „Oesterr. Volkswirt" vor Gericht ziehen zu wollen, er hat sich aber noch rechtzeitig zurückgezogen. In seiner Abwehr hat Herr Bekessy nicht minder belastende Beschuldigungen gegen die Herren Dr. Stolpe* und Federn erhoben. Die Herausgeber des „Oesterr. Volkswirt" klagten Herrn Bekessy an. Herr Bekessy ist angst und bange geworden. Er hat gedroht, daß er eine Liste von 70 biw 80 Journalisten vorlegen wind, die von Banken bestochcö worden seien. Die Herausgeber des „Volkswirt" haben sich durch die Methode des Revoiverjournalismus nicht einschüchtern lassen. Sie durften es" auch nicht, weit HeiT Bekessy auch mit der Führung des Wahrheitsbeweises gegen Stolper und Federn gedroht hat. Der erste und einzige Verhandlungstfjg vervollständigte nur noch das Porträt des Herrn Bekessy. Dieser Herr brüslete sich, daß Castiglioni seine Zeitungen finanziert. „Castiglioni ist — wir leben in einer traurigen Zeit — der Finanzier der Zeitschrift „Börse". Die „Börse" ist in einer gewissen Abhängigkeit ihres) Geldgebers:. Das sind die Worte des Verteidigers; des Herrn Bekessy,, Es ist eine wahrlich sehr traurige Zeit, in der ein Journalist von der moralischen Beschaffenheit eines Herrn Bekessy die öffentli Meinung in Wien fabriziert. So. wird! in der kapitalistischen -Gesellschaft Preßfreiheit zur Absurdität. . Aber daß die Herren Dr. Stolper und Federn nacWdem1 einleitenden ersten Verhandlungstag die Anklage zurückgezogen haben, ist eine arge Versündigung an der öffentlichen Meinung. Es konnte doch1 den beiden Herren nicht daran gelegen sein, daß Bekessy, den sie als „notorisch bestochenen Verbrecher, Lügner umd Verleumder*1 bezeichnen, ihnen eine Ehrenerklärung abgebe. Sie sinbS äiigeitö^ Welt zu schaffen, weil sie Wien verpesten'*, warum haben sie diesem sauberen Herrn einen Abzug ermöglicht, bevor er genügend demaskiert und abgestraft wurde? Unter einem' Ausgleich — mag er wie immer lauten — versteht der gewöhnliche Leser, daß beide-Teile unschuldig sind5. Das durften die Ankläger unter keiner Bedingung machend Sie waren der öffentlichen Meinung gegenüber, verpflichtet, den Herrn Bekessy in die Enge zu! treiben, daß er die siebzig bis achtzig Journalisten, die von den Banken bestochen werden, namhaft mache. Im Stadium der Verhandlung war der Fall Bekessy längst keine persönliche Angelegenheil ,mehr, die Ehrenerklärung dieses ehrenwerten Herren hat die Herren Stolper und Federn nicht entlastet, sondern auf sie den Verdacht gelenkt, daß sia' nicht gewillt sind, mitzuhelfen der Korrumpierung der Presse durch die Banken ein Ende zu setzen. Alier schließlich ist der Rückzug der Herren Stolper und Federn nicht ganz unerklärlich'. Ihre Zeitschrift „Der Oslerr. Volkswirt" heimst, laut ihrer eigenen Angabe, 200 Millionen von den Banken ein. Solchen guten Kunden darf man ungestraft keine Unannehmlichkeiten bereiten. Und erst diese 70—80 Journalisten, die von den Banken beslochen werden! Man kann nicht grausam sein, man muß Rücksicht üben. Für uns aber wird dieser Fall ein neuer Beweis bedeuten, daß übrgerliche Journalisten, auch wenn sie« nicht zur Kategorie Bekessy gehören, und auch wenn sie sich noch so volksbeglückcnd gebärden, nicht berufen sind, die durch und durch korrumpierte bürgerliche Presse zu demaskieren. Dieser Aufgabe kann nur und muß sich die Arbeiterpresse unterziehen. M. S. Reform und Angst. Die bürgerlichen Zionisten haben einen Erfolg errungen. Sie haben eine Reform der Kultusgenieindewahl« Ordnung durchgesetzt. Zwar werden auch jetzt nur die Zahler einer direkten Kultussleucr wählen können, aber die Voraussetzung der inländischen Staatsbürgerschaft wurde fallen gelassen. Aber die verbündejen Jüdischnationalen und Jüdischliberalen waren nicht nun* bei den Pariamen tswahien gegen die Sozialdemokratie vereinigt, sie sind auch in der jüdischen Gemeinde durch' die Angst vor den Angestellten verbunden. Sie fürchten, daß in der einen oder anderen Form auch hier sozialistische Elemente auftreten könnten und darum wurde die Wahlordnung auch» dahin reformiert, daß man, um wählen zu können, sclioa zwei Jahre vor dem Jahre der Wahl, in Kuitussteuervorschreibung gestanden haben muß. Die zionistischer* „Demokraten" behaupten, daß diese Bestimmung gegen ihren Willen aufgenommen wurde. Welch heuchlerische! Verteidigung! Als ob man nicht wüßte, daß sie.es in der 6enossen! Rüstet zum 1. Naii