Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1926)
- Article
- Martin Philippson
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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angeregte stärkere Ausnutzung der Aktenbestände gaben, kam für Philippson wohl das wissenschaftliche und praktische Interesse am Ausbau des modernen Verfassungslebens hinzu, um seinen Blick gerade auf diese Zeit zu lenken. Die Zeit der belgischen Professur brachte, von einer knappen Darstellung des Lebens Friedrichs des Großen abgesehen (i885 im Neuen Plutarch), auf diesem Gebiete eine Stockung. 1891 begann das letzte Drittel seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Philippson kehrte nach Deutschland zurück und in demselben Maße, in dem bisher die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte iiieben der mit der westeuropäischen einhergegangenen war, ging fortab diese neben der Arbeit auf dem Gebiete der preußischen Geschichte einher. 1897 erschien der erste Band einer Lebensbeschreibung des Großen Kurfürsten, 1902 und 1903 folgten der zweite und dritte Band. Was Philippson in der Zeit Friedrich Wilheims des II. für das Verfassungsleben gesucht hatte, suchte er hier für den Staat als Ganzes. Immer wieder waren es, in der westeuropäischen wie in der preußischen Geschichte, die Perioden stärkster Spannungen, denen Philippson sich zuwandte, die Zeiten, in denen Absterben und Neuwerden am tief sten wirksam wurden; immer wieder waren es einzelne überragende Gestalten, die künstlerisch auf ihn den stärksten Reiz ausübten, deren Lebensbeschreibungen aber umter seiner Hand zu einer universalhistorisch angesehenen Geschichte von Volk und Staat wurden. So auch, als Philippson zu der in mancher Beziehung schwersten Aufgabe des Historikers fortschritt, die Gegenwart geschichtlich zu erfassen und künstlerisch zu gestalten. Das Miterleben, das die Quelle aller geschichtlichen Anschauung ist, war ihm hier nicht ein Resultat wissenschaftlichen Wiederbelebens, sondern ein Stück des eigenen Lebens, und es tritt schon in der Wahl der Aufgaben hervor, daß Philippson an der Geschichte seiner Helden, auf menschlich^ Sympathie, geistige Art und politische Neigung hin angesehen, unbeschadet der wissenschaftlichen Reinheit ein Stück seiner selbst gab. Die beiden Werke, die so in gewissem Sinne seine Tätigkeit auf ihrem Höhepunkt zeigen, sind die Lebensbeschreibungen Max von Forkenbecks (1898) und Kaiser Friedrich III. (1. Auflage 1900, 2. Auflage 1908). Nach drei Seiten brachte die Berliner Zeit noch eine Erweiterung der geschichtswissenschaftlichen Tätigkeit, die, in ihrer Art mit der bisher bezeichneten nicht vergleichbar, im Gesamtbilde seiner geisti- 102