Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1926)
- Article
- Zur Begründung des Landrabbinats und zur Entstehung der Synagogen- und Gottesdienstordnung für das Herzogtum Sachsen-Meiningen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 21)
- Language
- German
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Der Assimilationsprozeß hatte hier naturgemäß ganz andere Fortschritte gemacht als in den in sich abgeschlossenen Judendörfern, zumal die Hidburghäuser Judenschaft auch durch ihre anders gearteten wirtschaftlichen Funktionen weitergreifende Beziehungen zu Zentren neuzeitlicher jüdischer Bewegung, wie zu dem in Leipzig, hatten. Das Urteil der Hildburghäuser Gemeinde mußte daher der nach dem Assimilationsziel strebenden Kirchenbehörde sehr wertvoll sein. Dazu kam, daß nahe dienstliche und persönliche Beziehungen zwischen den für das geistige Leben Thüringens sehr bedeutsamen Oberkonsistorialrat Nonne x) und dem jüdischen Lehrer Steinhardt bestanden. Salomon Steinhardt, ein Heimats-, Alters¬ und Studiengenosse von Hofmann, hatte nach ganz kurzem Hospitieren am Hildburghäuser Lehrerseminar 1826 seinen Wirkungskreis in Hildburghäusen als Seminar- und Religionslehrer gefunden und sich infolge seiner vielseitigen produktiven Begabung 2) eine sehr geachtete Stellung errungen. Auf das kulturelle Leben seiner Gemeinde wie auf das der jüdischen Lehrerschaft seines Landes übte er nachhaltigen Einfluß aus. Er führte schon früh gottesr dienstliche Neuerungen in Hildburghausen ein—1835 scheint das entscheidende Jahr gewesen zu sein 3) — und stand in der vordersten Reihe beim Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden. Seine geschickte Feder verfocht die allgemeinen liberal-germanisatorischen Ideen der zeitgenössischen Judenemancipation und lieh den Wünschen der Judenschaft seiner engeren Heimat in offiziellen Denkschriften beredten Ausdruck 4). häusischen, Human S. 25. In Meiningen war dies nicht mal der Hoffaktorenfamilie- Romberg möglich gewesen. Vgl. Act. des Verwaltungssenats der Meininger Regierung betr. die Juden, insbesondere die Erteilung des Staatsbürger-Rechtes. 1829-80. x) Dr. phil. Carl Ludwig Nonne, geb. 6. 12. 1785, gest. 17.7.1854, Hofprediger, Oberpfarrer, Ephorus und Oberkonsistorialrat in Hildburghausen. 1819-34 Seminardirektor, 1818 Begründer der Dorfzeitung, 1848 im Frankfurter Vorparlament. „Schriften" 54 Hildburghausen 1906 S. 90. 2) Steinhardt war unter anderm Verfasser vieler populärer geschichtlicher und geographischer Werke und lieferte viele geschichtlich, geographische, jüdischtheologische, literahistorische und kriegswissenschaftliche Artikel für das damals noch in Hindburghausen erscheinende Meyersche Konversationslexikon. Steinhardt, geb. 17.i 1808, starb in Hildburghausen am 10.3. 1871. Vgl. seine Biographie in der Feuilletonbeilage zu Nr. 27 der A Z J. 35, 1871 und Human S. 77. 3) Leider sind nach Angabe der Gemeinde die älteren Akten der Hildburghäuser Synagogengemeinde nicht mehr aufzufinden, so daß nur Schlüsse aus gelegentlichen Bemerkungen der staatlichen Akten möglich sind. ±) Vgl. AZJ 5. i84i Nr. i4 u. i5. 86