Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1913)
- Article
- Zur Geschichte der Kammerknechtschaft
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 12)
- Language
- German
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— 55 — ausgeübt hat. Der Ausdruck servi, ihr jüngeres und charakteristischeres, obwohl inhaltsloseres Element, wurde nämlich wohl nicht von seiner in den deutschen Rechtsverhältnissen üblichen Anwendung1) auf das Verhältnis der Juden zur Kammer übertragen, sondern von den päpstlichen Theorie der servitus Judaica, die zum ersten Mal von Innocenz III. ausgesprochen2) und dann zur Zeit Friedrichs II. von Thomas von Aquino theologisch begründet und in allen Konsequenzen entwickelt wurde. In dem der Stadt Wien im April 1237 vom Kaiser verliehenen Privileg wird sie zur Begründung des Ausschlusses der Juden von Ämtern verwandt: caiholici principis partes fideliter exequentes ab officiorum praefectura Judeos excipimus, ne sub pretextu prefecture opprimant christianos, cum imperialis auctoritas a priscis temporibus ad perpetrati iudaici sceleris ultionem eisdem Judeis indixerit perpetuam servitutem. Die Theorie verrät ihre Herkunft.3) Dass sie über die Bezeichnung hinaus auch auf die tatsächliche Entwicklung der Kammerknechtschaft eingewirkt hat, ist nicht anzunehmen.4) x) Winkelmann weist a. a. 0. 283, 3 darauf hin, dass die Accise von Messina contra ludeos, ut in differentia vestiwm et gestorum a Christianis discemantur (1221) in die Konstitutionen von Melfi nicht aufgenommen wurde. In diesen sind die Juden nur im Nebenbei gelegentlich berücksichtigt (Straus a. a. 0. S. 105 f.). Andrerseits ist auch eine allgemeine Verordnung über die Juden oder ein allgemeines Privileg nicht bekannt. 2) Aus dem Schreiben an den Erzbischof von Sens, Juli 1205 (Decret. Greg. 1. V tit. 6 cap. 13): Judaeos, quos propria culpa submisit perpetuae servituti, quum Dominum crucifixerunt.....Judaeorum..... cervicem perpetuae servitutis iugo submissam..... tamquam servi a Domino reprobatif in cuius mortem nequiter coniurarunt, se saltem per effectum operis recognoscant servos illorwm, quos Christi mors liberos et Mos servos effecit. 3) Scherer führt a. a. 0. S. 85 die Arenga von 1237 unmittelbar auf das päpstliche Schreiben nach Sens zurück. Das ist natürlich unzulässig. Es ist vor allem an ein Schreiben von der Zeit und der Art des von Gregor IX. 1236 an den Kaiser u. a. gerichteten Gravamen de Judeis ablatis quibusdam ecclesiis (M. G. Epistol. s. XIII. Bd. I nr. 700 p. 597) zu denken, auf das der Kaiser antwortet: Judeos etsi tarn in imperio quam in regno nobis communi iure immediate subiaceant. (Huillard-Breholles, Hist. dipl. Erid. II., t. IV. 2 p. 912, Aron. nr. 498). 4) Caro sucht den Unterschied, dass die Arenga der Urkunde von 1236 (S. 46 VII) von servi camer e nostre9 die Confirmatio von Judeis ad camer am nostram immediate spectantibus spricht, zu berücksichtigen und von hier aus eine Erklärung der Entstehung des Ausdrucks servi camerae zu gewinnen. Er führt die Ausdrucksweise der Confirmatio auf die des zu bestätigenden Privilegs zurück, und dies mit Recht, die der Narratio dagegen auf eine von den Bittstellern mündlich oder schriftlich gebrauchte Selbstbezeichnung. „Es ist demnach gar nicht unwahrscheinlich, dass die Bezeichnung Kammerknechte von den Juden selbst herrührt — vielleicht haben sie in überfliessender Demut sich auch bloss Knechte genannt und ein Schreiber hat zur Verdeutlichung Kammer hinzugefügt" (a. a. 0. S. 412 f.). Man traut seinen Augen kaum.