Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 3 (1911-1912)
- Article
- Bericht über die Tätigkeit des Gesamtarchivs der deutschen Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2821022-2821027-2821416--0409-2821497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
meinde übergebenen Aktenbestandes durch ältere Reste, die uns selbst aus grösseren gut verwalteten Gemeinden stossweise zugehen, je nachdem das Pinderglück unseres Vertrauensmanns sie in versteckten Winkeln aufstört. Das zweite ist die Sammlung der im privaten Besitz befindlichen oft überraschend wertvollen Archivalien, Die weiteren Aufgaben des Pflegers erwachsen aus unseren bald zu bezeichnenden Ergänzungsarbeiten. Setzen wir die Sammelarbeit als getan voraus. Dann ständen wir mit unsern Akten, rückwärts gesehen, an der Zeitgrenze des ausgehenden 30jährigen Krieges. Erst in der Zeit des 30jährigen Krieges wurden die Keime des heutigen Bestandes jüdischer Gemeinden in Deutschland gelegt. Nur wenige Gemeinden haben die Stürme des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit überstanden. Die grossen Judenhetzen des 13. und 14. Jahrhunderts zitterten im 15. und 16. Jahrhundert in territorialen und lokalen Verfolgungen nach. Erst die Not des grossen Krieges, der die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts ausfüllte, drängte die auf dem flachen Lande zerstreuten Juden in den Schutz der Städte; und weil die grosse Not nicht enden wollte, endete auch der Schutz nicht und liess die hineingewehten Keime sich entwickeln und Wurzel schlagen. Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts bot dann die Grundlagen einer Entwickelung, die es den Juden ermöglichte, in langsamem Fortschritte mit dem Staats- und Volkskörper organisch zu verwachsen. Das war die Zeit, in welcher das Reich sich in seinen Territorien neu zu bilden anfing und die harten Fäuste der Landesfürsten begannen, durch das Gestrüpp der alten ständischen und religiösen Beschränkungen Bresche zu schlagen für die Bildung freierer Wirtschafts- und Gesellschaftsformen; und trotz wiederholter Rückfälle in die alten Verhältnisse bot dieser neue Wirtschafts- und Verwaltungsorganismus den vom Kleinhandel in das Land geführten Juden verhältnismässig rasch die festen Punkte, an die sich geschlossene Körperschaften, dauernde Siedelungen ankristallisieren konnten. Ihr mühseliger Entwickelungsprozess hat in vielen Gemeinden von Anfang an einen schriftlichen Niederschlag hinterlassen. Dieser Niederschlag bezeichnet die Frühgrenze geschlossener Gemeindeakten. Über diese Zeit hinaus führt mit grösseren Beständen nur eine Gemeinde, Frankfurt am Main. Das Gesamtarchiv der deutschen Juden wird also durch die Sammlungen, die es im Original aufbringen kann, als neuzeitliches gekennzeichnet. Bei dieser Grenze stehen bleiben, hiesse nicht, ein