Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 3 (1911-1912)
- Article
- Bericht über die Tätigkeit des Gesamtarchivs der deutschen Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2821022-2821027-2821416--0400-2821488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 58 - Zwecken gesammelt und systematisiert hätte. Staatliche und städtische Archive enthielten selbstverständlich eine grosse Menge diesbezüglichen Materials, aber ohne besondere Rücksicht auf Geschichte der Juden, zerstreut unter ihrer sonstigen Aktenmasse und nach anderweiten Gesichtspunkten geordnet. Die deutschen Israeliten selber besassen und besitzen — mit Ausnahme weniger Mittelstaaten — keine Oberbehörde, die sich der Sammlung, Sichtung und Ordnung der Urkunden ihrer Glaubensgenossenschaft hätte annehmen können. Die Einzelgemeinden aber, sogar die grössten, zeigten kein Verständnis, ja nicht einmal das leiseste Interesse für die stummen Zeugen ihrer Vergangenheit. Die Akten wurden, sobald sie den unmittelbaren Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Gegenwart verloren hatten, ganz vernachlässigt und verkamen in Haufen oder Kisten, auf den Bodenräumen oder unter allerlei Gerümpel. Niemand hätte über ihren Umfang und ihre Bedeutung Nachricht geben können. Zahlreiche wertvolle Aktenschätze sind so einfach der Vernichtung anheim gefallen. Diese Umstände veranlassten im Jahre 1903 den Fürstlich Plessschen Archivar Herrn Dr. Zivier in Pless, sich an die Breslauer Lessingloge des Ordens Bnei Briss mit dem Vorschlage zu wenden, in einem dazu geeigneten grösseren Orte Deutschlands eine Zentrale zu gründen, wohin jede jüdische Gemeinde und Institution ihre älteren Akten, die für die laufende Verwaltung nicht mehr in Frage kämen, zur weiteren Aufbewahrung abgeben solle; auch Privatpersonen sollten wichtige Urkunden, die sich in ihrem Besitze befänden, dahin abliefern. Wo die Einsendung der Urkunden nicht beliebt werde, solle man Inhaltsverzeichnisse sowie von den wichtigeren Abschriften dem Zentralarchive zukommen lassen. Herr Dr. Zivier stellte bereitwillig seine eigene Tätigkeit in den Dienst dieser wichtigen und interessanten Angelegenheit. Die Lessingloge übermittelte die Anregung an die Berliner Grossloge desselben Ordens und letztere an die Gesamtvertretung der jüdischen Gemeinden Deutschlands, den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. Der Ausschuss dieser Körperschaft beschloss, den Plan aufzunehmen und in Gemeinschaft mit der Grossloge der deutschen Abteilung des Bnei Brissordens durchzuführen. Ein Kuratorium für das zu schaffende ,,Gesamtarchiv der deutschen Juden" wurde gebildet, unter dem Geschäftsführenden Vorsitzenden des Gemeindebundes als erstem, dem Präsidenten der erwähnten Grossloge als zweitem Vorsitzenden; namhafte Gelehrte, besonders zwei