Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 12 (Dezember 1846)
- Date
- 1846-12-01
- Page
- Seite 462 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2744856-2744883-2744896--1431-2746405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 . Zur Geschichte der hebräische» Poesie. aber nicht die Ausbildner der neuen Wissenschaft gelebt und gewirkt. In Babylon hingegen war schon von alten Zeiten her die Richtung auf das Praktische, die Halacha vorherrschend. Der hier im 8. Jahrhundert erwachte wissenschaftliche Geist, das durch den Karaismus geförderte exegetische und grammatische Studium mußte die Haggada und ihre Methodik zurückdrängen, da sie nicht, wie die Halacha als Recht und Sitte, am Leben einen Haltpunkt hatte. In Babylon fand man sich auch veranlaßt, in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts, wo bereits freie poetische Einschaltungen das Gebetbuch zu überfüllen drohten, einen Ritus festzustellen, der von dort aus durch die Würde desGäonats unterstützt, sich - bis nach Spanien hin verbreitete. Als zu Ende des 9. Jahrhunderts die Haggada immer mehr zur Literatur geworden, und ihre schöpferische Kraft im mündlichen Vortrage ermattet war, da trat die poetische Bearbeitung der Haggada im Gottesdienst hervor, der Vorbeter ersetzte den Redner, und man horchte jetzt auf den in Reim gebrachten Midrasch, ja sogar auf die versificirte Halacha, die der Vorbeter kunstmäßig in das Gebet einzuschalten verstand, wohl auch mit Gesang unterstützte, bis endlich die ganze Gemeinde die beliebt gewordenen Bearbeitungen nach und nach zu Hause oder in der Synagoge las und endlich zum allgemeinen Gebet erhob. Von jeher war die Synagoge nur an Sabbaten zahlreich besucht, der Werktag ließ keine große Ausdehnung des Gottesdienstes zu. Der Sabbat war für einen ausgedehntern Gottesdienst geeignet. Die Lehrvorträge bilden großentheils einen Jahrescyklüs über Sabbate, Feste, Fasten u. s. w. Die neue liturgische Poesie, die von da an vorzugsweise Pijjut heißt, bildet ebenfalls einen Jahrescyclus (Machsor — so heißt das Festgebetbuch), aber nur der ausgezeichneten Sabbate und sonstigen Tage, die eine Anregung für die Kunst boten. Vorbeter und Sänger hatten endlich den Lehrer und Redner mitunter in der Gunst des Publikums verdrängt, und mußten auch Tadel und Zurechtweisung über sich ergehen lassen, wie mitunter in ältern Zeiten der Redner vom Gesetzlehrer. Es mußte aber auch der eigentliche Pijjut, der von der Haggada fast nur durch die poetische Form sich unterschied, aber dem eigentlichen Gebete sich ganz Und gar anschloß und einfügte, auf den Widerspruch derjenigen stoßen, die das Wesen des Gebetes näher erkannten. Die zu Grunde liegende hebräische Sprachkunde war eilte sehr schwache, daher treten die Pijjutim als eine Tyrannei der Sprache wie des Gedankens auf, die wohl dem Geschmack jener Zeit zusagen mußte, gegen welche sich jedoch der grammatisch gebildete Sprachsinn auflehncn mußte, wo und wenn er sich vorfand "). Es war aber die Werkstätte der Pijjutim in 15) „Zur Ueberschätzung der Piutim« «. Z. d. I. 1837. -S. 315. Die Stimmen älterer Autoritäten gegen die liturgische Verwendung der Pijjutim