Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 11 (November 1846)
- Date
- 1846-11-01
- Page
- Seite 406 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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406 Lur Geschichte der hebräischen Poefie. ficht auf die Stellung zur heiligen Schrift.'—Wir werden im weitern Verlaufe unserer Mittheilungen häufig diese Grundansichten vorauszusetzen Gelegenheit haben, welche auch'für die Entwickelungsgeschichte der eigentlichen neuhebräischen Poefie nicht gleichgültig sind. Wir nennen nämlich „eigentliche Poesie," und bezeichnen von nun an durch „Poesie" schlechtweg diejenigen Schriftdenkmäler der hebräischen Literatur, deren bestimmte Verfasser einen Werth auf den Ausdruck legen, also die schöne Form beabsichtigen, — im Gegensätze zu den poetischen Elementen in den Sammelwerken Talmud und Midrasch— und schließen demnach alle solche schriftstellerischen Produkte ohne Rücksicht ans Inhalt, Tendenz u. s. w. ein. Wir bezeichnen ferner hieraus diejenigen, welche zum Vortrag im Gotteshaus oder bei religiösen Veranlassungen überhaupt gedichtet wurden als liturgische, alle andern als weltliche Poesien.- Es scheint mir nämlich die Bezeichnung „r e l i - giöse" (bei Dukes, Sachs u. A.) für erstere eine zu weite; denn auch die außerliturgische Poesie hat ihre Abtheilung religiösenJnhalts, welche nicht in den Bereich jener Untersuchungen gezogen worden, während es bei manchen Dichtungen noch zu bezweifeln wäre, ob sie zunächst für die öffentliche Andacht verfaßt worden, so wie umgekehrt manche in dieser Absicht geschriebene sich keine bleibende Stelle im Rituale erwarben. Denn die talmudische Ansicht von der Pflichtmäßigkeit des Gebets galt nur für die bekannten ältesten Gebetformeln, und der jüdische „Gebetbuchstreit" in seinem ersten Stadium konnte nur in einer Zeit auftauchen, der die Geschichte der Gebete wie die Geschichte des Judenthums überhaupt ein ungeahnter Begriff war. Solchen praktischen Veranlassungen verdanken wir aber auch ebenso die schiefe Stellung, als die Eristenz und Förderung vieler neuern Schriften über jüdische Wissenschaft, wie wir schon oben von der Poesie des Talmud aind Midrasch dargethan. DaSGrundbuchderneuernjüdischenWissenschaft, Zunz's „die gottesdienstlichen Vorträge der Juden," war zunächst durch Cultusfragen veranlaßt, hatte also mit der hebräischen Poesie nur den Berührungspunkt der Liturgie, und die jüdischen Gelehrten, welche seine Forschungen weiter ausführten, hatten entweder selber das praktische Interesse dafür, oder konnten nur ein solches bei ihrem Publicum voraussetzen, und mußten sich wider Willen beschränken. Auch die Vorliebe für die synagogalen Dichtungen der Spanier fällt dem Wesen nach jener Rüge anheim, mit welcher Zunz seine Abhandlung: „Zur Literatur des jüdischen Mittelalters in Frankreich und Deutschland" (S. 28) eröffnet: „Nicht die Kenntniß Einer Epoche, Eines Schauplatzes, Eines Thuns ist die Geschichte und das Recht, es ist das umfassende zusammenhängende und gerechte Wissen." Die wissenschaftliche Forschung muß sich