Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 11 (November 1846)
- Date
- 1846-11-01
- Page
- Seite 402 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Zur Geschichte der hebräischen Poesie. unserm Begriff von Poesie mehrentheils die beabsichtigte schöne Form, so ist doch auch dieses nicht immer und nicht gänzlich der Fall, selbst Anfänge des durch die Gleichförmigkeit der weit umfassenden Flexion so leicht und ungesucht sich ergebenden — Reimes lassen sich Nachweisen. Schon darum muß eine vollständige Behandlung der neuhebräischen (nachbiblischen)Poesie auf diese Halbpoesie zurückgehen. Außerdem steht diese noch in innerem Zusammenhang mit der spätern eigentlichen Kunstpoeste, insofern letztere nicht blos nach der Richtung des Geistes und Gemüths von Bibel und Haggada abhängig bleibt, sondern auch bei der weitesten Hingebung an die Ideen und Bildungsformen der Zeit dennoch die überlieferten poetischen Elemente und Typen verwendet, — und schon durch die aus dem Leben nicht mehr zu schöpfen vermögende Sprache in allen Bedingungen des Ausdrucks auf jene vergangene Literatur als Reservoir anstatt des springenden Lebensquells — hingewiesen, namentlich der Parodie und demWitz überhaupt ein unermeßliches Feld eröffnet wird, — Allein dadurch, daß die halbpoetische Haggada mitten unter den verschiedensten prosaischen, wissenschaftlichen, praktischen,auch manchen ganz gleichgültigen und werthlosen Gegenstände» vorliegt, die einen ganz andern Standpunkt der Beurtheilung erheischen; dadurch, daß jene poetischen Keime auf dem Boden des Talmud und Midrasch sich vorfinden, an deren Besprechungllnwkssenheit und Bosheit, Charlatanerie und Heuchelei, nebst allen politischen und religiösen Tendenzen sich die Sporen verdient, dadurch ist die reine Behandlung des Poetischen als solchen an sich, ohne Rücksicht auf alles Andere, fast leer ausgegangen, und eine objektive Darstellung oder getreue Nachbildung seiten beabsichtigt oder erreicht worden. Der Eine putzte auf, weil der Andere heruntcrriß, Dieser suchte allein das Schöne und Erhabene, weil Jener nur das Gleichgültige: stets wird aber die Apologie, sowie die Animosität, über das Ztel Hinaustreffen. Auch hier gilt das Wort der Alten: Liebe und Haß Kennen kein Maaß. So nennen sich denn die meisten Bearbeitungen aus diesem Kreise: „Beiträge zur Charakteristik des Talmud," „Rabbinische Weisheit" u. dgl., sind also nicht Behandlung des Poetischen um sein selbst willen, und selbst.nicht immer — allein genommen — wahrhaft „charakterisirend"; denn der "Charakter besteht nicht immer aus einem Zuge oder einigen. So macht in der Regel auch die kunstgerechte deutsche Bearbeitung eines poetischen Stoffes in Talmud und Midrasch einen ganz andern Eindruck, als die naive ungezwungene, anProsa hart streifende, spielende und tändelnde — auch abgeschmackte — witzige und