Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 10 (Oktober 1846)
- Date
- 1846-10-01
- Page
- Seite 374 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Die Eonstrvetto« der jüdisch»« Geschichte: Hinausgreifens ins Weite ohne Schwerpunkt, ohne Ziel: so characterisirt sich' die nächste in die Geschichte tretende Richtung durch das Abstreifen dieser unreifen und inadäquaten Form. Sandias ist der Letzte, der einen mit jchilosophischen Betrachtungen angefüllten Commentar zum Pentateuch geschrieben, und zugleich der Erste, der diese philosophische Betrachtung zu einein System abzurunden wußte. Und hiermit hat sich eine neue Theorie des Judenthums in die jüdische Geschichte hineingelebt. Es gilt von jetzt an, ein Princip aufzufinden, wodurch das Judenthum seine Rechtfertigung und Begründung postulirt, und von diesem Princip die Einzelnheiten desselben als ConseqUenzen und Ausflüsse dieses Princips geltend zu machen, gilt jetzt, mit nüchternem Sinn, mit Grammatik und gesunder Eregese, mit logischer Schärfe das Gebiet der judenthümlichen Vorstellungen zu durchwandern. Während in den palästinischen und anderen, denselben Geist reflec« tirenden Ländern die agadifche Produktivität noch fortwucherte, sich fest an den Buchstaben der Schrift anklammernd, alle Erscheinungen des individuellen und des geschichtlichen Lebens in ihn hineintrug: regte sich in denLändern desChalifats, in dem Ursitz des babylonischen Talmuds, ein neuer frischer Geist, der mit scharfen logischen Begriffen das Halbdunkel der Agada und ihre Entartungen verscheuchte. S a a d i a s der Fajumite, den die stolze Akademie zu Sura aus Aegypten zu ihrem Gaon zu berufen sich genöthigt sah, ist der erste Träger dieses Geistes. — Die geschichtlichen Bedingungen dieser Erscheinung sind mancherlei Art: die angeregten masoretischen und grammatischen Studien; die Herrschaft des Aristoteles in Asten, der, unterstützt von der mäcenatischen Freigebigkeit der abasfidischen Chalifen, Lieblingsphilosoph der arabisch-orien- ■ talischen Welt wurde; die Reibungen mit dem Karäismus, der die Nöthigung auflegte, dem schlichten Wortsinn der Schrift nachzugehn und daraus-Stützen für die in Frage gestellte Tradition zu finden; endlich der nüchterne Sinn der babylonischen Juden, die sich eben in diesem Punkte von den «raltirten Palästinensern unterschieden. Dieser nüchteme verständige Geist hatte sich in der Blüthezeit Süadias' schon bis zur Skepsis gesteigert, bis zum Unglauben an Offenbarung, bis zum ungefcheuten Uebertreten der religiösen Satzungen*). — Das Bedürfniß wurde fühlbar, das Judenthum nicht auf herkömmliche Weise, als Sitte der Väter, als Einscharfung der Weisen zu beachten, sondern es zugleich dem Denken und der Ueberzeugung zu empfehlen. Diesem . Postulat derZeit, daß dasJudenthum sich denkthatig rechtfertigen müsse, macht auch Saadias Concessione«; er-fetzt den Verstand als höchste *) Lwuaotk we — Death Einleitung und VIII. 3.