Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 10 (Oktober 1846)
- Date
- 1846-10-01
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Constructlon der jüdischen Geschichte. 383 das Judenthum wird Wissenschaft. Sämmtliche Data seines bisherig gen Geschichtslebens, das pentateuchische Gesetz, die Lehren der Propheten, die Tradition der Soferim werden von der Denkthätigkeit ergriffen, verarbeitet. Die religiöse Handlung, das Symbol bleibe« nicht in ihrer Latenz gebunden, sondern werden durch das Denken und Wissen als Wahrheit und Idee auch frei. Es ist augenscheinlich, daß die Hauptrichtung der jüdischen Geschichte in dieser Periode, die noch in die Gegenwart hineinreicht, dahin geht, die Thatsachen des Judenthums in Wahrheiten des Denkens umzusetzen, freilich nicht, um bei dieser Abstraction, bei der Theorie steh en zu bleiben, und solchergestalt ein , metaphysisches Theorem zu werden, sondern sich selbst bewußt undgegenwärtig eine der Theorie gemäßePraxis, eiye religiös-sociale Wirklichkeit zu produciren. Wenn dieses Postulat zugegeben wird, daß das Judenthum, so wie es eine sociale und religiöse Tendenz hat, und diese auch geschichtlich in die Erscheinung setzt, auch eine theoretisch-speculative Anlage hat und sie auch geschichtlich auszuprägen strebt: so wird die Nothwendigkeit zweier Erscheinungen der jüdischen Geschichte erklärlich, die, ihrer Natur nach, im Widerstreite mit einander, Spannung und Unbehaglichkeit in der Synagoge von jeher hervorgerufen haben, und deren Vermittlung und Versöhnung noch die Gegenwart in leidenschaftliche Aufregung und Parteikämpfe versetzt. Diese beiden Erscheinungen, die ich als Consequknzen der Tendenz, das Judenthum theoretisch zu erfassen, ansehe, sind: die durchgreifende Zerstreuung des jüdischen Volkes und also das dadurch bedingte Weltleben des Judenthums, und der Talmudsismus, der die JsolirungdeS I u d e n t h u m S z u m Z w e ck e h a t. Die Nothwendigkeit dieser beiden Consequenzen stellt sich durch folgende Betrachtung heraus. Sollte das Judenthum sich selbst zum Bewußtsein und zur Klarheit kommen, sollte es aus dem beschränkten Zustand der Unmittelbarkeit heraustreten und in die Vermittlung des Denkproceffes und der Wissenschaft eingeführt werden: so mußte es vorläufig aus dem ruhenden Mittelpunkt seiner Lebensbedingung,'aus den engen Schranken seiner Geburtsstätte herausgeriffen, es mußte naher1 an den Kampfplatz der Völkergeister geführt werden. Es mußte dem Judenthum das Weltkeben in seiner wechselvollen Mannichfaltigkeit erschlossen werden, daß es durch den angeschauten und erlebten Gegensatz sich selbst klar und verständlich werde, es sollte, mitten auf die Weltbühne gestellt, die Gestaltenfülle des weltgeschichtlichen Lebens der Reihe nach vorbeiziehen sehen, an dem Auf- und Niedergang der Völker und der Tendenzen eine reiche Erfahrung sammeln und sie im eigenen Kreise als Aufmunterung und Warnung - 28*