Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 10 (Oktober 1846)
- Date
- 1846-10-01
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Die Covstruction der jüdischen Geschichte. der das Judenthum befähigte, einen kühnen weltgeschichtlichen Wettlauf mit seinem jüngern vom Glücke begünstigten Nebenbuhler anzutreten. Es ist nicht gar schwer zu beweisen, daß das Judenthum in der Periode der Zerstreuung, die noch nicht abgeschlossen ist, neben einer p assiven Geschichte der schweren Prüfung und des Märtyrerthums auch eine active Geschichte producirt hat, die von unendlicher Lebenskräfligkeit und elastischer Energie das beste Zeugniß ablegt. — Co wie die ersten beiden Perioden der jüdischen Geschichte, die vorerilische und nacherilische, uns einen einheitlichen Charakter, und wiederum jede, bei aller Gemeinsamkeit, auch eine charakteristische'Besonderheit offenbart hat, so veranschaulicht die dritte Periode, die wir, weil sie nicht aufheimathlichcmBoden vorging, die diasporische nennen wollen, trotz ihrer scheinbaren Zerrissenheit und Zusammenhangslosigkeit, eine organische Einheit und trotz ihrer Einartigkeit mitdernacherilischenPeriode, die uns als eine wesentlich religiöse erschien, eine durchgängige Differenz. Wenn wir den Inhalt, die Grunddifferenz und überhaupt Charakteristik der diasporischen Periode kurz angeben'sollen, so würde sie in folgendest Momenten bestehen: Die geschichtliche Thätigkeit des JudenthumS in den siebzehn Jahrhunderten der Zerstreuung war eine theoretische, auf den gedankenmäßigen Ausbau seines Lehrbegriffes und Inhalts gerichtet, eine Thätigkeit, die sich selbst von den tragischen Schlägen der Geschichte nicht stören und bewältigen ließ. Und hier unterscheidet sie sich wesentlich von der zweiten religiösen Periode. Dort wurde die Religiosität in reflerionsloser Unmittelbarkeit vollbracht, sie hatte einen ganz äußerlichen naiven Verlauf; hier hingegen versenkt sich die Religiosität in die Innerlichkeit der Reflexion, sie sucht die Wissenschaft ihres eigenen Wesens und ihrer Bedeutung. Die judenthümliche Idee, die bisher an ihrer Verleiblichung und Consolidirung gearbeitet, und daher ihr Tagewerk im Äeußern, auf dem Markte der Weltgeschichte, in allen Conflicten des Weltzustandes verwickelt und interessirt, vollendet hat, zieht sich jetzt in sich zurück, sie will sich selbst mit Bewußtsein erfassen, sie will sich ihres Inhalts vergewissern, sie will sich vermittelt und theoretisch erpliciren.. Traten uns in der zweiten Periode als Träger der Geschichte fromme Männer, Weise, Sectirer auf, so fehlen sie in der dritten, diasporischeu Periode auch nicht, aber sie sind mehr, als das, sie sind jetzt Gelehrte, Dvnker, Rekigionsphilosophen, Systematiker, selbst Skeptiker und Apostaten— denn die Skepsis ist nothwendige Ingredienz in demLäu-, terungsproceffe des Wissens. Der Geschichtsverlauf wird sich in dieser Periode in der Organisation von Schulen und Systemen ausprägenr