Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 289 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Sagen- und Legendenkunde. eines Menschen als Warnung an die sündhaften Zeitgenossen angesehn, so muß jener auch auf außerordentliche Weise Statt gefunden haben. .Aber auch noch mehr, die Erfahrung selbst verliert ihren Charakter, das rnenschliche Erkennen geschieht nicht nach psychologischen Gesetzen, sondern auf außerordentliche Weise, Gott spricht in Träumen znm Menschen u. s. w. — So entsteht auch die Selbsttäuschung der (nicht betrügerischen) falschen Propheten und Pseudomesstasse. Man beruft sich auf höhere Eingebungen, außerordentliche Mittheilungen aus dem Himmel, die man wirklich erfahren zu haben glaubt. Hier ist am allerwenigsten daran zu denken, daß die Gegenstände der Wahrnehmung kritisch untersucht würden, um die Thatsachen genau festzustellen. Sollte man sich etwa nicht auf Gott verlassen, „der nicht Mensch ist, daß er täusche!"—Für Denjenigen hingegen, der bereits einem solchen religiösen Glauben als Forscher gegenübersteht, verwandelt sich die heilige Geschichte in religiöse Sage, und für gewisse philosophische Systeme sinkt alle heilige Geschichte zur Sage herab; indem alle Weissagungen und dergl. aus den Büchern der Geschichte gestrichen werden müssen. Daher ist der Standpunkt des Sagenkritikers nicht blos für die aus der Sage zu schöpfende Bildungsgeschichte, sondern auch sür alle andern oben angedeuteten wissenschaftlichen Resultate von Wichtigkeit; der Rationalist und der Mystiker construiren aus demselben Stoffe eine verschiedene Alterthumswissenschaft, Geographie u. s. w. *) Ich habe geglaubt, auf die letzte Sagenquelle zurückgehen zu müssen, um die einfachsten Verhältnisse derselben auseinanderzulegen, und werde nunmehr, auf die Weiterbildung übergehend, nur das kurz besprechen, was hier Neues und Eigenthümliches zum Vorschein kommt. Die Fortbildung der Sage geschieht durch einfache oder complicirte Berichte. Der zweite Berichterstatter ist ebenfalls in Rücksicht auf seine Auffassung zu betrachten. Dieselbe ist nicht vom sinnlichen Reiz der Wahrnehmung bedingt, wie die des ersten, sondern hauptsächlich von der Persönlichkeit des erstenBerichterstatters(oder dem Charakter der Schrift), namentlich vom Glauben an die Wahrhaftigkeit sciucr Quelle, da er selber keine Cvntrole des ursprünglichen Factums hat. Wenn vielfache, etwa widersprechende Berichte den prüfenden Denker zur Untersuchung anregen, so veranlassen sie die sügenbildende Einfalt zur Verbindung von Widersprüchen, die hinterher durch Wunder ausgeglichen werden, oder zur Verdoppelung von Thatsachen mit abwechselnden Farben. Je mehr bei der fortgesetzten Ueberlieferung von dem ursprünglichen Factischen sich verflüchtigt, desto mehr Spielraum 1) Ich erinnere an die Forschungen über Egypten.