Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 288 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Zur Sagen» und Legendenkunde. immer geben, wird, so lange nicht die Menschennatur selber-sich ändert. Wunder im engsten Sinne (in Philosophie und Theologie) ist Dasjenige, was auf eine einzelne Wirkung Gottes (im Gegensatz zu der im stetigen Naturgesetz waltenden) zurückgeführt wird. Da gibt es nun philophifche und theologische Systeme, nach welchen ein solches Wunder als dem Wesen der Gottheit widersprechend gar nicht denkbar ist, wahrend andere gerade im Wunder die deutlichste und fruchtbarste Offenbarung der göttlichen Eigenschaften sehen. Die kindliche Phantasie, dieser Begriffsünterscheidung am Wunder unfähig, gefällt sich im Seltsamen, ihr Unerklärlichen, und sieht am liebsten höhere Wahrheiten auf angeblich höhere Weise sich kund geben'), während der gebildete Denker auf das in dem Einzelnen, Verschiedenen, Seltsamen, und Unerklärten verborgene Gesetz losgeht. Anderseits werden auch die höheren Wahrheiten in der weitern Ausbildung eines Volkes so allgemein bekannt, daß ihre Offenbarung immer weniger auf außerordentlichem Wege gesucht — und gefunden wird. Je mehr der menschliche Geist „mit der Muttermilch einsaugt," desto weniger sucht er nach Himmelsbrod. Für den sagenbildenden Geist ist also der Begriff des Wunders kein entwickelter, nach welchem etwa das wahrgenommene Factum kritisch zu betrachten wäre. Die Kritik ist eben der gerade Gegensatz von Sage, indem sie das dem Zeugen oder Referenten Eigene (Subjektive) von der Wirklichkeit (Objecr) zu unterscheiden sucht. Für die Kritik gestaltet sich der Begriff des Wunders je nach der Kenntniß der Gesetze von Natur und Geist. Je geringer ihr eigener Glaube an Wunder wird, desto mehr findet sie solche auf einer frühern Stufe der Bildung, und verwandelt demgemäß Geschichte in Sage. Hieraus ergiebt sich die hohe Wichtigkeit des religiösen Standpunktes für die Sagen-Bildung und Kritik. Offenbarung im engsten und strengsten Sinne ist ein Wunder, dem Offenbarungsgläubkgen in diesem Sinne ist also das Wunder an sich ein Wirkliches, Objektives. Aber auch der Begriff einer sogenannten „natürlichen Offenbarung" fördert auf eincr untergeordneten Bildungsstufe (wo er jedoch weniger anzutreffen ist) die Sagenthätigkeit. Denn wenn einmal Erscheinungen des Lebens als beabsichtigte Offenbarungen Gottes gefaßt werden, so wird eine lebendige Phantasie die gewöhnlichsten so wie die seltsamen Vorkommnisse der Erfahrung so ausschmücken, daß die einzelne in ihnen gefundene Offenbarung deutlich hervortrete1 2). So z. B.: Wird derTod 1) Man möchte sagen, sie ersetzt die Metaphysik durch Ethik und Aesthetik. 2) Dieß Verfahren ist wohl ein teleologisches, aber unbewußtes, wie oft bemerkt.