Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 285 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Sagen- und Lcgendenkunde. 285 dem Worte: Sage, daß ihr Stoff zunächst mündlich erhalten (in beiden Sinnen des Wortes) zuletzt auf unmittelbarer menschlicher Erfahrung, auf Wahrnehmung beruhe. Es wird also irgend ein Factum im Munde., des Erzählers zur Sage. Insofern nun gewisse Fakten mit der positiven Religion in näherer Verbindung stehen, wären sie an sich Stoff für heilige Sage, wofern sie aber in eine Schrift — nicht in die Schrift (h. Schr.) — übergegangen, Legende')., Die in der heiligen Schrift enthaltenen Daten werden gewöhnlich von dieser Begriffsbestimmung ausgeschlossen, weil ihr höherer Ursprung die höchste Wahrheit ein- und alle Einmischung des menschlichen Geistes ausschließt, so daß hier von gegebenem Stoff und subjectiver Auffassung des Darstellers keine Red'e sein könne. — .Somit waren wir aber in das Gebiet der Apologetik gerathen, welcher obliegt, zu erörtern, inwieweit die Bibel und das Bibelwort göttlich oder menschlich sei; denn die Annahme z. B., daß Gott dem Moses Wort für Wort dictirt habe, stellt alle im Pentateuch enthaltenen Erzählungen außerhalb des Bereichs der Sage, wenn auch anderswo, z. B. bei andern Nationen des Osten, derselbe Stoff zur Sage geworden sein kann1 2), während eine freiere Ansicht, ohne den mosaischen Ursprung des Pentateuch aufzugcben, doch die Erzählungen der Genesis der Sage anheimgiebt; desgleichen in Beziehung auf die Relationen anderer biblischer Schriften, wie namentlich Hiob. Ja es konnte innerhalb desJudenthums sogar eine Philosophie auftauchen, welche Erzählungen des'Pentatcuch für reine Mythen erklärte3 4). Die Ansichten der jüdischen Autoritäten hierüber historisch zu entwickeln, ist eine würdige Aufgabe für eine Monographie. Heutzutage muß von dem unbefangenen Forscher mindestens zugegeben werden, daß manche biblische Erzählung nicht streng' so genommen werden kann, wie sie uns vorliegt, was schon aus den widersprechenden Angaben, die dabei Vorkommen, genügend erhellt, und kaum wird sich ein solcher sträuben, anzunehmen, daß spatere biblische Bücher wirkliche Sagen enthalten, deren letzte Quelle also menschlichen Ursprungs ist, die Einmischung der Subjcctivität zuläßt. Unbestritten") ist dieß der Fall bei spätem Sagen, deren 1) Die jüdische Legende heißt Haggada (gewissermaßen: dicenda vgl. Zisch. II. S. 383), weil sse lange mündlich fortlebte, ehe ne ausgezeichnet worden. 2) Die bequemste Auskunft liegt in der Annahme, daß alle orientalischen Sagen dieser Art erst aus der Bibel geflossen. Von einem großen Theil muß dieß freilich zugegeben werden, vgl, Zeitsch. II. S. 325 — 326. 3) Dieses zeigt sich beim kabbalistischen Verfahren. 4) „Unbestritten" pon denen, die überhaupt Talmud und Midrasch zum Gegenstand der Forschung gemacht.