Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Sagen- und Legendenkunde. gleichgültig gegen einander verhalten werden, als für den Scheidepunkt zweier Linien ihre Ausgänge und Richtungen. 4) Die Sage faßt den in der Wirklichkeit gegebenen Stoff als Ausdruck von Gedanken, Gefühlen, Ansichten oder Bestrebungen, deren Wahrheit ihr gewiß ist, die also in dem jeweiligen Zustande des innern und äußern Lebens der Gcsammtheit oder eines Individuums ihren wirklichen Ausdruck haben müssen. Insofern ist, wie bekannt, die Sage ein trefflicher Spiegel deS geistigen Lebens, somit auch umgekehrt die innere Geschichte einer Nation das Kriterium rücksichtlich der Zeitbestimmung ihrer Sagen. So wird z. B. eine jugendlich erblühende Völkerschaft eine Heldensage von Saft und Kraft erzeugen, hingegen eine unter Verzweiflung und verzweifelten Wünschen erlöschende Nation ihre Helden mit seltsamen Thaten und noch wunderlicheren Kräften ausstatten/ In Sagen wie die von Don Juan, Faust, dem Golem des Rabbi Löw erkennen wir den Geist ihrer Zeit. Diese Seite der Sage erscheint als eine ideelle oder formelle. Ich möchte sie durch „Pragmatismus" bezeichnen. —Am wichtigsten sind dem Philosophen und Theologen hier, sowie im Mythus, die Ansichten über die höchsten menschlichen Interessen der Zeit und Ewigkeit, welche aus der Sage gefunden werden, z. B. über Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und dgl. — Wenn man gerade innerhalb dieses Kreises die heilige Sage oder Legende ausscheidet,so geschieht dieß auf der idealen Seitejdie wir jetzt besprechen, von dem Sagenkritiker aus einem der Sage selbst äußerlichen Eintheilungsgrunde. Für den sagenbildenden Geist selbst gibt es formal eben so wenig eine profane Sage im Gegensatz zur heiligen, als etwa Sage überhaupt als Gegensatz von Geschichte. Denn was die Sage erzählt, mußte geschehen, ihr Interesse daran ist stets ein höchstes, ein heiliges'). Eben so äußerlich ist die Ausscheidung von „Wundersagen". Rach der bekannten Sentenz Lessing's 1 2) sieht der Rationalismus die höchsten Wunder im Alltäglichen, während dem Kinder-Glauben das Wunder ein Alltägliches ist. Jener hat nur das Interesse an dem Wunder, daß es ihm als Kennzeichen der Sage und des Mythos in der Geschichte gilt; aber dasselbe thut ihm, noch vom idealen Standpunkte betrachtet, jede andere in der Sage ausgesprochene Ansicht, die er für unrichtig hält. Der sagenbildende Geist selbst ist, wie bemerkt, all 'seiner Innerlichkeit so gewiß, daß er sie eben so ganz außer sich weiß und in dem gegebenen Stoff wiedersindet. 2) Woher wird aber dieser Sa gen st off gegeben? —■ Es liegt in 1) Der gültige Begriff der heiligen Sage wird weitör unten sich Herausstellen. 2) Nathan.